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Mischief Brew:
Smash The Windows (Reissue)
Erik Petersen ist tot. Jetzt, eine Woche, nachdem ich diese schreckliche Nachricht erhalten habe, habe ich sie so langsam verarbeitet und möchte darüber schreiben. Er war am 12. Juli als vermisst gemeldet worden, und am 16. frühmorgens unmittelbar nach dem großartigen "Stress am Strich #3" erfuhr ich von seinem Tod, als ich nur noch mal schnell online gehen wollte vor dem Schlafen. Er wurde 38 Jahre alt und hatte eine Europa-Tournee vor und ein Konzert mit seinen Lieblingsbands hinter sich. Ich weiß nicht, was letztendlich passiert ist, aber das ist ja auch egal. Jedenfalls: Passt aufeinander auf! Leben ist kostbar, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt. Steht ein für einander, helft euch, macht euch nicht gegenseitig fertig. Die Welt erledigt das Fertigmachen schon ohne euch, euer Part ist: Seid da für einander und VERHINDERT ES, macht da nicht mit! Lasst nicht zu, dass ihr leidet. Und wenn ihr leidet, lasst euch helfen. Es geht!

Ich hatte mich sehr auf die Tour gefreut, genauer: auf das Konzert in Bremen am 31.7., ausgerichtet von einem von Eriks Freunden, dem Chef von Gunner Records. Ich hoffe, wir können an diesem Tag dennoch gemeinsam Erik gedenken. Ich kannte ihn zwar nicht persönlich, aber seine Musik begleitet mich seit bestimmt zwölf Jahren, sie kommt immer wieder, in dunklen wie in hellen Momenten bereichert sie mein Leben, einmal habe ich ihn zum Glück auch live gesehen - 2009 in Göttingen, wir waren aus Westfalen mit dem Auto angereist und feierten ihn wie das Genie, das er nunmal war. Ich glaube, ein Freund assoziierte mein Gebaren damals mit Hooliganismus (weil ich die Arme immer in die Luft geworfen und ekstatisch mitgegröhlt habe, nun ja...), aber das war's wert.

Egal welches Album ich höre, immer bin ich sofort emotional in der jeweiligen Lebensphase - "Songs From Under The Sink" als tröstender Begleiter nach dem Auszug vom idyllischen Zuhause in die Schmuddel-WG am Borsigplatz; "Smash The Windows" als Soundtrack eines Aufbruchs, in die erste Wohnung alleine und ein Leben voller Abenteuer, nun ja, was auch immer dann daraus geworden ist...; "The Stone Operation" als Rettungsanker in einer schweren Phase des Versagens und enthusiastischer Begleiter des erfolgreichen Neuanfangs in Dortmund; und schließlich "Fight Dirty" als immerwährende Stütze dafür, den Kopf oben zu behalten, und wenn die Arschlöcher dir noch so oft eins überbraten. Erik Petersen ist durch seine Musik ein Freund geworden. Ich kann ihm gar nicht genug danken dafür. Um genau zu sein: Ich kann es gar nicht mehr, denn er ist tot. Scheiße.

Im März ist "Smash The Windows", das Debüt-Album von seiner Band Mischief Brew, auf Basis der analogen Tapes komplett remastered als FLAC- und MP3- Download wieder aufgelegt worden (und ja, die Version klingt tatsächlich "fetter" als das Original, und es gibt zwei lohnende Bonustracks, aber auch das Original klang schon klasse). Nach der Todesnachricht habe ich es mir gekauft, um seine Hinterbliebenen bzw. Fistolo Records (das Label von ihm und seiner Ehefrau) zu unterstützen, und, was soll ich sagen, ich bin auch musikalisch nicht enttäuscht worden. Kann man auch gar nicht, bietet es doch auch elf Jahre nach seinem Erscheinen schlicht und einfach anarchischen, aber dennoch ausgefeilten Folk-Punk in Perfektion, wie es ihn danach und davor nie (mehr) gegeben hat. Das Album verbindet osteuropäische, englisch-irische und amerikanische Folklore, Jazz, Swing, Rock'n'Roll und Punk, als wäre es nichts; mit den Texten kann man sich stundenlang beschäftigen, nur um immer wieder Neues darin zu entdecken (um genau zu sein habe ich das noch viel zu wenig getan, ich werde mich in einer ruhigen Stunde mal hinsetzen müssen und die Texte einfach nur lesen); und die Band spielt die teilweise ganz schön vertrackten Kompositionen einfach mal so runter wie andere Leute sich die Schuhe zumachen. Abgesehen davon sind die Songs genial eingängig und nutzen sich tatsächlich trotzdem nie ab - hier gelingt Mischief Brew das gleiche wie anderen Ikonen des Folk-Punks, wie z.B. Blackbird Raum oder The Pogues: politische Botschaften und einfache Melodien in eine Form zu gießen, die bleibt und Kraft gibt, immer wieder. Das ist ja überhaupt das, was Folk und halt auch Punk ausmacht: die Wehmut, die dieses Leben mit sich bringt, in Lebensfreude und Kampfeslust zu übersetzen, und zwar so, dass wirklich jede und jeder es versteht. Sehr lohnenswert in diesem Zusammenhang ist ein Blick auf YouTube, dort findet man einige Solo-Live-Sets von Erik, die zeigen, dass seine Lieder auch ohne Band stark genug sind, viele Menschen so tief zu berühren, dass sie ihr Leben lang davon zehren können. (Mein aktueller Liebling ist dies: https://www.youtube.com/watch?v=fmchxBmQTR4)

Ich bin einer davon. Zum Glück bleibt sein künstlerisches Vermächtnis, und wer die Kondolenzbotschaften auf Facebook verfolgt hat, hat gesehen, dass das ungemein viel ist. "Smash The Windows" ist für die Ewigkeit, eine Mahnung für Leidenschaft und revolutionären Kampf, mit Gefühl und Verstand, Sehnsucht und Liebe. Erik Petersen war einer der größten Songwriter aller Zeiten, und dieses Album ist das beste Beispiel dafür. Kauft es, genießt es, feiert das Leben!

"Come little boy with your slingshot and horn
Send a great fire to swallow the corn
For they'll do it to you as they did it to sheep
Sing your song of resistance so that I might softly sleep"
("Ten Thounsand Fleas")

May you rest in peace, and see you in hell, boy!

P.S.: Two wonderful obituaries in English: http://noisey.vice.com/blog/erik-petersen-mischief-brew-RIP & http://thekey.xpn.org/2016/07/15/rip-erik-petersen-mischief-brew/
tenpints 07/2016
Hörprobe:
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Mischief Brew
Musikstil: Anarcho, Folk, Punk
Herkunft: USA
Homepage: ww.mischiefbrew.com
Mischief Brew - Smash The Windows (Reissue)

Stil: Punk, Folk
VÖ: 22.03.2016, digital, Fistolo Records


Tracklist:
1. The Reinvention Of The Printing Press
2. Citizens Drive
3. Lightning Knock The Power Out
4. Nomads Revolt
5. The Lowly Carpenter
6. Ten Thousand Fleas
7. Swing Against The Nazis
8. From The Rooftops
9. The Gypsy, The Punk, And The Fool (A Tale)
10. Roll Me Through The Gates Of Hell
11. Ain't It The Life?
12. A Liquor Never Brewed (With Guignol)
13. Departure Arrival
14. Bag Of Pepper (Bonus Track - Outtake)
15. The Lowly Carpenter (Bonus Track - Acoustic Mix)

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