Zugegeben, wie der Rest der Thrash-Metal-Republik war ich auch erst einmal ziemlich überrascht und skeptisch als es hieß, dass die charismatische Stimme der Berliner SPACE CHASER die Band verlassen wird. Siegfried „Siggi“ Rudzynski, dessen Gesang viele an Bruce Dickinson oder den Frontmann von Overkill erinnerte, schien lange so etwas wie die Visitenkarte der Band zu sein und sie dadurch von anderen Vertretern des Genres abzuheben. Nach einer kurzen Suche für adäquaten Ersatz am Mikrofon wurde eine interne Lösung gefunden: Gitarrist Leo soll ab sofort den Vocal-Part übernehmen. Vom Siggi-Ausstieg bis hin zu dieser Ergebnisfindung hätte man wirklich gerne hinter den Kulissen Mäuschen gespielt, aber die pikanten Details werden hoffentlich in der Band-Biographie enthüllt die in 10 bis 20 Jahren erscheint.
Nun ist es so, dass Leos Stimme auch in der Vergangenheit bereits bei Gang-Shouts zu hören war, zuletzt beim 2021er Werk „Give us Life“, was für die Band endgültig den Schritt weg vom bloßen nerdy-party-Thrash hin zu einer ernstzunehmenden Metalband markierte. Hier wurde schon sehr viel mehr Power in die Produktion, kreative Entscheidungen und ins Marketing gegeben, SPACE CHASER wollten nichts mehr dem Zufall überlassen und die Band auf ein neues Level hieven, das war offensichtlich.
Und ausgerechnet jetzt soll das mutmaßliche Markenzeichen nicht mehr dabei sein? Man hat beim ersten Durchhören von „Razorblade Bay“ wirklich das Gefühl, es mit einer neuen Variante der Band zu tun zu haben. Leos Stimme ist anders und dennoch nicht generisch, sondern ebenfalls sehr eigen mit viel Wiedererkennungswert. Er brüllt und schreit, liefert keine Falsett-Battlecrys oder Oktavenspielereien. Vielmehr bewegt er sich im wahrhaftigen Oldschool-Thrash der 80er, man könnte sogar manchmal meinen, seine reguläre Sprechstimme zu hören die uns laut und in aller Dringlichkeit die notwendigen Informationen über dystopische Themen zukommen lassen will. Das ist nicht schlechter oder besser, nur ein total neues Gefühl in Verbindung mit den SPACE CHASERs. Diese spannende Neuerung in Kombination mit dem wichtigsten Punkt des Albums lässt mich endgültig frohlocken: Das Songwriting ist dieses Mal außerordentlich gut und damit meine ich, dass ich bereits nach dem dritten Hören behaupten würde, hier das beste Album der bisher 15jährigen Bandgeschichte vorliegen zu haben (digital, fürs Vinyl reicht das Elterngeld leider nicht). Vielseitigkeit trifft auf großartige Riffs und Breaks. Perfektes Timing, Eingängigkeit und hin und wieder sogar ein paar Melodieeinsätze wie beim punkigen „8 Minutes“ fallen richtig auf. Hinzu kommt ein vollkommen runder und organischer Drumsound der alles nach vorne drückt, was „Razorblade Bay“ zu einer sehr guten Autofahrplatte macht. Mit „Even the Score“ präsentiert sich als vorletzter regulärer Song ein ungewöhnlich rock’n’-rolliger Einwurf, Hit-Highlight bleibt allerdings das Shred-Fest „Blade Serpents“, bei dem im Chorus auch mal die Gitarre stehen bleiben darf und bereits nach einer Minute ein ausgezeichnetes Solo losfegt. Ebenfalls nicht zu verachten ist „No Gods, No Dawn“ das den einen oder anderen MEGADETH-Moment bietet. Szene-Legende Andy Brings, welcher auch auf meinen Lieblings-SODOM-Alben zum Line-Up gehörte, hatte hier ganz offensichtlich nicht nur seine kleinen Finger mit im Spiel. Ich bin ehrlich: So viel Aufmerksamkeit hat ein SPACE CHASER Album von mir bei den ersten Hördurchgängen noch nie bekommen, dazu ist es einfach zu abwechslungsreich, niveauvoll und macht unfassbar viel Bock. Den einzigen Punktabzug den ich „Razorblade Bay“ gebe, betrifft das eher uninspirierte Cover, welches zwar farblich im Kontrast zum Vorgänger steht, ansonsten aber leider fast 1:1 das selbe Szenario abbildet, da hätte man meiner Meinung nach etwas origineller rangehen können.
Selbstverständlich könnte ich jetzt allerhand Referenzbands- und Veröffentlichungen aus dem Ärmel schütteln, von alten Hasen bis hin zu Kapellen der vierten, fünften und sechzehnten Neo-Thrash-Welle der letzten 20 Jahre, aber das würde „Razorblade Bay“ in keinem Fall gerecht.
Klar ist, dass ohne den scheinbaren USP, der Gesang von Gründungsmitglied Siggi, die Reputation von SPACE CHASER vermutlich nicht die selbe wäre und sie mit der neuen Platte von deutlich weniger Reichweite und Fansupport profitieren würden. Dennoch beweisen sie nun vor allem eins und zwar dass sie wirklich verdammt geile Thrash-Metal-Songs schreiben können und sorgen somit dafür, dass die neue SPACE CHASER-Ära nicht in einer Wolke der Enttäuschung verpufft. „Razorblade Bay“ muss zwingend in allen Metal-Bestenlisten am Jahresende auftauchen, und zwar in den höheren Rängen.

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