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Open Flair Festival 2009: Smoke Blow, K.I.Z., T(I)NC, Peter Fox, Flogging Molly, Abwärts, Mr. Irish Bastard, Taking Back Sunday,... vom 06.-09.08.2009 in Eschwege

Open Flair Festival vom 06.-09.08.09 in Eschwege

Bereits am Ende des letztjährigen Open Flair Festivals stand für uns fest: da müssen wir wieder hin! Etwas ernüchternd aber dieses Jahr der Blick auf das Line-Up, zumindest was meinen Musikgeschmack betrifft. Aber Geschmäcker sind ja verschieden, und so kann das Open Flair dieses Jahr wenige Tage vor Start ein fettes "Ausverkauft" verkünden. Wow! Hängt vielleicht damit zusammen, dass 2009 das 25jährige Jubiläum stattfindet und erstmals auch am Donnerstag auf einer zusätzlichen Bühne Programm geboten wird. Oder einfach damit, dass Festivals allgemein immer populärer werden. Dabei soll man doch Massenveranstaltungen meiden...
Aber erstmal ankommen. Wenige Stunden vor Abfahrt muss Chrissi absagen, Fieberattacke. Mist. Also muss ich wohl als Fahrer herhalten, schön im Cabrio über die Autobahn heizen. Beifahrer Marius trifft vor Ort noch auf Hank und Nora, die schon seit gestern hier sind und etwas Platz freigehalten haben...
Die restliche Truppe aus Braunschweig und Salzgitter trifft nach und nach ein. Wir verbringen unsere Zeit mit Bier trinken, Zelt aufbauen, Bier trinken, Chrissis Karte verticken, Bier trinken und Bier trinken. Die für heute Abend angekündigten Bands lauten: One Fine Day, Emil Bulls, Itchy Poopzkid, Jennifer Rostock.
Kein Wunder also, dass es uns nicht wirklich zur Bühne zieht. Zumal auf dem Zeltplatz auch genug los ist. Ein paar Zelte weiter steht ein Unimog mit dicken Boxen drauf, aus denen unermüdlich geile Mucke tönt. Vielen Dank an die dafür zuständigen Herrschaften!
Deutlich mehr los ist aber an der nächsten Weggabelung - auch hier haben ein paar Camper ihren Stromgenerator eingepackt und unterhalten die Meute. Wie man sieht - brechend voll! Verdammt geil, einfach irre was manche Leute so auf die Beine stellen. Wobei die musikalische Auswahl am Unimog deutlich mehr zu bieten hatte.
Später in der Nacht dann doch mal ein wenig Livemusik...Red Bull hat seinen Tourbus hergeschickt, der in schöner Lage am Werratalsee steht und die Massen beschallt. Jennifer Rostock lautet die letzte Band des Tages, und von dieser kriegen wir dann doch noch ein paar Töne mit.
Und was für Töne! Offensichtlich wurde etwas unzureichende Technik aufgefahren. Man versteht kaum etwas von der Bühne, Spaß macht das nicht. Uns zumindest nicht. Gefeiert wird trotzdem, so dass es uns vor der Bühne auch bald zu voll ist und wir wieder von dannen ziehen. Fazit erster Tag: Zeltplatz gut, Livemusik mies.
Aber haben ja noch ein paar Tage vor uns! Plö hat mal wieder seine Zapfanlage mitgebracht. Will heißen, frisch gezapftes kühles Bier ausm Kofferraum! Großartig! Zumindest, so lange das Teil auch läuft. Die rote Lampe am Generator sorgte für einige verzweifelte Gesichter, während die grüne sich nur viel zu selten blicken lässt.
Aber naja - läuft. Nur Maddins Bier scheint leer zu sein
Ein paar unserer Leute zieht es schon gegen Mittag zu den Bühnen - Nullbock bespielen die Freibühne. Hmmmmja, wenn auf einem ausverkauften Festivals gerade mal 20 Leute vor der Bühne stehen, würde ich mir als schon 10 Jahre existierende Band Sorgen machen. Ich erspare mir den Wortwitz mit dem Bandnamen und der Motivation der Festivalbesucher.
Tja, was soll man zu dieser Band schreiben. Bemühter Funpunk für die junge Generation. Showmäßig wird voll in die Trickkiste gegriffen. Es gibt einen Circle Pit, der Sänger kommt auch mal auf Tuchfühlung, es gibt ne miserable Version von The Clash's "I fought the law" - versteht ihr, was ich mit "bemüht" meine?
Negativhöhepunkt dann aber "Wünsch dir was", im Original von den Toten Hosen. Ebenfalls von diesen abgekupfert gibts einen Fahnenschwenker auf der Bühne. Sorry Jungs, eure eigenen Stücke waren ja noch okay, aber sowas geht gar nicht. Wir drehen uns um und gehen, von weitem kriegen wir noch mit wie "Rock'n'Roll Queen" von den Subways (die heute auch noch spielen) auf deutsch gecovert wird. Mir graust.
Von der Hauptbühne schallen bald ein paar Töne, die uns dazu verleiten, doch nicht zum Zelt zurückzukehren. Das klingt doch mal nach amtlichen Rock'n'Roll! Eat The Gun waren mir bisher nur vom Namen ein Begriff, das soll sich ab heute ändern. Für eine deutsche Band verdammt ausgereift.
Die Musik lässt sich beschreiben als ne Mischung aus Hellacopters und vielleicht Danko Jones. Knackige Gitarren, starker Gesang, melodisch und auf den Punkt. Großartig, mehr davon! Frank und ich bleiben bis zum Schluss und bereuen es kein Stück.
Der Sänger fällt primär durch Zahnlücke und Strubbelhaare auf, gibt aber durch seine Gitarrensoli-Einlagen eine verdammt gute Figur ab. Die Band hat gerade ihr zweites Album "Super Pursuit Mode Aggressive Thrash Distortion" an den Start gebracht, das, wenn es nur annähernd an die Livequalitäten rankommt, direkt durchstarten müsste.
Also, wirklich geile Band, unbedingt im Auge behalten. Für mich die Überraschung des Open Flair, trotz des frühen Slots und des eher verhaltenen Publikums.
Erstmal zurück zum Zelt. Wir leihen uns Grill und Anzünder von unseren netten Nachbarn (eine Ü40-Truppe auf Geburtstagsreise) aus - immerhin an Kohle und Fleisch haben wir selber gedacht. Was wäre ein Festival ohne den Geruch von gegrilltem Fleisch?
Während sich nebenbei die Zapfanlage mit gut Zureden ein paar Bier rausdrücken lässt, haben wir schon erste Opfer zu vermelden - Plö schlummert friedlich vor sich hin. Na, ob der noch ein paar Bands sehen wird?
Frank kann mich überreden, zu Friska Viljor wieder gen Bühnen zu schlendern. Die schwedischen Indie-Rocker sehen zwar aus wie die letzten Hippies, sind musikalisch aber doch nicht so mies wie erwartet. Viel Folk mischt sich in ihre Musik - erinnert dadurch etwas an Port O' Brien.
Auch das Publikum ist gut drauf, viel los vor der Bühne. Ist wohl wieder ein Geheimtipp an mir vorbeigegangen - aber mal ehrlich, wer hat schon die Zeit sich zwischen diesem ganzen Indie-Dreck die Perlen rauszufischen? Nichtsdestotrotz kriegen wir gerade mal die letzten zwei Lieder mit, dann gehts weiter zur Hauptbühne.
Dort erwarten uns Taking Back Sunday. Eine Band, die ich eigentlich immer ganz gut fand, dafür dass sie recht emolastigen Alternative-Rock machen. Das aktuelle Album "New Again" war dann aber eher enttäuschend und auch die Tatsache, dass sie inzwischen wohl schon so einige Besetzungswechsel hinter sich haben, hilft ihrem Ansehen nicht gerade.
Kein schlechter Auftritt, aber auch nichts weltbewegendes. Die Massen vor der Bühne (natürlich größtenteils weiblich) lassen sich irgendwie auch nicht zu viel Begeisterung hinreißen. Vielleicht sind Taking Back Sunday auch einfach nicht radiotauglich genug...
Aber wie auch immer, die Bühne haben sie in Griff, posingtechnisch wohl die versierteste Band des heutigen Festivaltages. Neben Stücken aus "New Again" gibt es auch ältere und semi-ältere Live-Hits wie "What's It Feel Like to Be a Ghost" und natürlich "Cute Without The E"
Frank späht ein paar Fans auf, die in etwa seiner Größe entsprechen - will aber nicht mit aufs Foto. Verdammt. Von wem sind denn die Autogramme?
Komplett Taking Back Sunday kann ich mir aber nicht geben - Termine Termine! Auf dem Red Bull Bus spielt die 80er-Punkband Abwärts, wahrlich eine Bereicherung für das äußerst Mainstream-lastige Open Flair. Vor der Bühne treffe ich auf Benjamin und Hank - vor allem ersterer hat am Glas (oder Becher) schon gut vorgelegt.
Na dann mal los! Abwärts starten mit etwas Verspätung, kommen aber auf Anhieb sehr sympathisch rüber. Zu meiner Verwunderung ist es gar nicht mal so voll vor der Bühne, auch die vielen erwarteten Ärzte-Shirts reduzieren sich auf ein Minimum. Ein paar stehen zwar da rum, aber auch nur um ein Foto von Rod und dann kehrt zu machen. Nicht eure Musik, Mädels?
Abwärts zählen ja mit zu den ersten, die Punkmusik mit Elektro-Elementen gemischt haben - umso verwunderlicher, dass die Band auf einen Keyboarder verzichtet und lediglich der Schlagzeuger ab und zu ein paar Samples einspielt. Irgendwie schade, viel live-Variationen lassen Playback-Samples ja nicht zu.
Trotzdem zeigt sich die Band mehr als gut gelaunt. Frontmann und Mastermind Frank Z scherzt munter rum, zwischendurch wird mal ein Schnaps gefegt und über Mücken an der Decke oder die Schweinepest sinniert. Mein Held des Abends der Bassist, von Frank "Briatore" genannt, der schon gut getankt hat und zwischendurch einfach mal "Ficken!" ins Publikum ruft.
Vor der Bühne wird zwischendurch auch mal der Pogo gestartet. Neben vielen jungen Fans werden auch ein paar Mittvierziger gesichtet. Einen tut sie wohl, dass sie alle auf das wohl bekannteste Stück der Band, "Computerstaat", warten - das es erst zur Zugabe gibt. Ansonsten gutes Set, neue Sachen wie "Millionenkiller" und ältere wie "Zonenzombie". Toller Auftritt.
Da ich mir Abwärts komplett anschaue, muss ich wohl auf den Beginn von In Extremo verzichten - was mich eigentlich nicht weiter stört. Eine weitere Medien-gehypte Band, bei der lediglich der Musikstil noch Underground-Atmosphäre vermittelt. Headliner des heutigen Tages - und endlose Schlangen vorm Einlass...
Mein Fotopass hilft mir immerhin, an den Schlangen vorbeizugehen, sonst wäre ich wohl direkt zum Zelt zurückgekehrt. Fotograben ist leider nicht mehr da die Band schon etwas länger zugange ist - naja, wat solls. Bilder von weiter hinten müssen auch reichen. Tjoah, wie man sieht, In Extremo, Mittelalter-Metal.
Dadurch vergleichbar mit etwa Subway To Sally oder auch Rammstein und Oomph. Bei diesen Referenzen darf natürlich eine amtliche Pyroshow nicht fehlen - zack, da isse. Feuer frei, oder wie war das? Mir wird hier hinten schon heiß, da bin ich doch etwas froh nicht im Fotograben zu stehen...
Nunja. Ganz nette Show, aber da ich kein Lied kenne, vergeht mir auch irgendwann die Lust. Klar sind son paar Folk-Anleihen nie verkehrt und die altertümlichen Instrumente auf der Bühne, von denen man außer Dudelsack wohl nichts erkennt, geben auch etwas Atmosphäre, aber mir ist das alles zu professionell und Mainstream-mäßig...
Da doch lieber zur Freibühne, wo es anschließend ebenfalls Folk-lastig zugeht. Genauer gesagt Irish Folk wird hier dargeboten von der Münsteraner Band Mr. Irish Bastard. The Pogues mit mehr Punk-Einflüssen, insgesamt ziemlich an Flogging Molly erinnernd, die am Sonntag ja auch noch auf der Bühne stehen.
Das Publikum, sofern noch wach, ist auch ganz gut am Tanzen. Schließlich ist die Musik genau dazu da: Tanzen und Trinken! Aber wieso hat hier niemand ein Bier in der Hand? Muss ja nicht unbedingt Guinness sein...
Exotische Instrumente? Nagut, ein Akkordeon ist dabei. Ansonsten wirkt die Band mehr und mehr wie eine Kopie von Flogging Molly, so richtig überzeugt bin ich nicht. Okayer Auftritt und wer auf solche Musik steht wird seinen Spaß gehabt haben, auf Dauer klingt aber alles ziemlich gleich...
Mit Frank gehts zurück zur Red Bull Bühne. Kleiner Nachteil vom Open Flair: Die langen Laufwege. Neben Zeltplatz, Bühnengelände und Kleinkunstzelt gibt es jetzt noch eine vierte Anlaufstelle am See, 10 Minuten sollte man für den Weg schon einplanen...es spielt als nächstes die Mediengruppe Telekommander!
Sehr unterhaltsam schon der extrem lange Soundcheck. Das Publikum beginnt irgendwann, die Kommunikation der Band mit dem Techniker mitzubrüllen: "Flo ist auf der Eins!". Auch der Bitte der Band, die Bühnentechniker auf die Bühne zu rufen, wird gerne Folge geleistet. Irgendwann beschließt die Band, ihre Vocoder gar nicht erst zu benutzen, um endlich starten zu können.
Jau, die Mediengruppe Telekommander! Perfekter Abschluss vom Festivaltag, schließlich gibt es ordentlich Elektro zu hören. Wahrscheinlich so ziemlich der Vorreiter der deutschen Elektropunk-Szene. Elektro, Indie, Rap und auch Punk bilden die Grundpfeiler der Musik.
Insgesamt leider ein viel zu kurzer Auftritt, was wohl dem langen Soundcheck zu verdanken ist. Die Stimmung "unten" vor der Bühne trotzdem sehr ausgelassen, da werden nochmal alle Reserven rausgeholt! Insbesondere das wohl bekannteste Stück der Band, "Telekommanda", wird lauthals mitgegrölt - auch noch später auf dem Zeltplatz.
Zeltplatz? Da war ja noch was! Wir genehmigen uns noch ein paar Bier, um diesen grandiosen Auftritt zu feiern - naja, zumindest Frank und ich können den Auftritt feiern, die anderen haben ihn nicht gesehen. Pf, Banausen. Um die Party zu symbolisieren, hier ein Foto vom feiernden Marius.
Nächster Morgen, frisch und munter erwachen. Unseren Müll kehren wir fleißig unter den nicht vorhandenen Teppich. Wie bei vielen anderen Festivals auch, gibt es hier 5 Euro Müllpfand, den man mit mindestens halb gefüllten Mülltüten wiederbekommt. Und jetzt schaut euch diesen erbärmlichen Müllhaufen an, geteilt durch ca. 15 Leute bei uns - hm, nächstes Jahr bring ich einfach Müll von zuhause mit...
Unerträglich heiß ist es heute auch noch. Um die Ecke gibts billige Wasserspritzflaschen, die uns ganz gut unterhalten. Was sie, unter uns gesagt, am nächsten Morgen noch viel mehr tun, nachdem ein paar wenige Eingeweihte des nachts heimlich Wurstwasser in die Dinger füllten...hähähähä
Wie schrieb ich gerade? Noch ist es heiß - kurz später aber zieht eine dicke Regenwolke über Eschwege. Wir haben alle Hände voll damit zu tun, die Pavillons festzuhalten und gleichzeitig Wasser vom Dach abzulassen. Kevin und Thorben nutzen die Chance, sich erstmal ausgiebig zu duschen - großartig!
Ein wenig Abkühlung ist auch bitter nötig, denn heute spielt die wichtigste Band des ganzen Festivals: SMOKE BLOW! Eindeutig der beste Auftritt von Smoke Blow, den ich je erleben durfte! Vor wegen dem Regen mehr als wenig Zuschauern kommen Jack Letten und seine Mannen auf die Bühne und begrüßen uns mit "Endlich hat der Regen diese verfickte Sondaschule weggespült!" Geil geil geil!
Anschließend wird ordentlich gedisst. Gegen die restlichen Bands des Festivals (aber auch nur die, die es verdient haben), gegen die Zuschauer (da haben es ja eh alle verdient) und pro, ja, eigentlich nur pro Regen und pro Schlamm.
Das Highlight schlechthin: Als das Publikum die Band (nach Aufforderung) mit Schlamm bewirft, stopft sich Jack Letten ein wenig davon in den Mund, kaut genüsslich darauf rum und spuckt es schließlich mit den Worten "Das schmeckt ja nach Scheiße! Habt ihr alle vor die Bühne geschissen?" wieder aus. Großartigst!
Ansonsten volle Breitseite Smoke Blow, wie man sie kennt, liebt, hasst und abfeiert. Asirock vom Feinsten, dreckiger Hardcorepunk direkt in die verdammte Fresse und selbst die neuen Songs der eher schwächeren aktuellen Platte "Colossus" zünden heute richtig. Ich sach ma - danke an den Wettergott!
Vor der Bühne eine riesige Schlammpfütze, was die hartgesottenen Fans nicht weiter stört, sind doch Smoke Blow die so ziemlich einzige Band des Festivals, die auch mal die härtere Schiene fährt. Der Überhit "Alligator Rodeo" heute mal zu Beginn des Sets, die Matschklumpen fliegen nur so über den Platz.
Noch ein wenig Abfeierei? Yeah! Dank des Wetters wirklich kaum Gaffer und Nebenbei-Gucker vor der Bühne, ausschließlich standhafte Fans, alles am Mitgrölen, fleißig am Pogen, Fäuste und Zeigefinger in die Luft. So muss ein Konzert aussehen!
Smoke Blow scheinen wirklich zu alter Stärke zurückgefunden zu haben, zumindest heute. War das Konzert vor ein paar Monaten in Berlin noch etwas ernüchternd, wird heute wieder ordentlich gepöbelt und gespuckt. Mitklatschnummern braucht die Band nicht. MC Straßenköter dazu: "Jetzt werd ich aber richtig sauer!"
Krönender Abschluss: "777 Bloodrock", fleißig abgefeiert. Anschließend wird die Band auf persönlichen Wunsch hin mit Buh-Rufen und Mittelfingern von der Bühne gejagt. Verdammt geile Scheiße! Die Anwesenden sind sich einig, soeben die beste Band des Festivals gesehen zu haben.
Danach habe ich eigentlich überhaupt keinen Bock mehr, noch irgendeine Band zu sehen. Eine Band für heute reicht ja auch, Kräfte sparen für den morgigen Auftritt von K.I.Z. - naja, ein wenig lauschen wir noch den Klängen von Clueso, aber so richtig wollen meine voll Adrenalin gepumpten Ohren nicht drauf klarkommen - außerdem wird es langsam wieder voller...
Erstmal zum Zelt - saufen! Gude Laune! Das Fassbier is anscheinend gerade mal wieder nicht erreichbar, also muss das gute Tip-Dosenbier herhalten. Schmeckt ja schließlich auch. Musikuntermalung aus meinen Mini-Boxen, alkoholgeschwängere Gespräche über Gott und die Welt, so lässt es sich aushalten.
Maddin und mich zieht es aber irgendwann doch wieder zur Livemusik. Auf den großen Bühnen wird heute mit Selig, Maximo Park, Bosse und Silbermond ziemlich viel geboten, was uns nicht die Bohne interessiert. Aber "The Incredible Herrengedeck" im Weinzelt klingen interessant. Nur erstmal das Weinzelt finden...kleiner Tipp: Es steht neben dem Kleinkunstzelt.
So dauert es dann auch ein wenig, bis wir ankommen - aber Glück gehabt, die Band aus Berlin-Neukölln steht noch auf der Bühne. Man könnte die Musik in die Ecke Kabarett stecken, mit ein wenig Berliner Schnauze und klaren Punk-Roots. Eigentlich eine Band für die Bierkneipe und nicht fürs Weinzelt. Aber hauptsache Trinken.
Wie man sieht, abgefeiert von jung und alt, von Spießer und Punker. Für letztere wirds auch noch schön, in einigen Liedern wird ordentlich gegen den Kapitalismus gewettert und in einem sogar von der "Angst vor Punk" gesungen.
Zugabe? Okay! Konsequenterweise hat sich die Band umgezogen und benimmt sich auch auf der Bühne ziemlich ungezogen. Eingepflegt in einen minutenlangen Monolog des Kontrabassisten entscheiden sich dieser und der Keyboarder, ihre Instrumente umzudrehen, aus Protest gegen dem System.
Anschließend, weil das gestern so gut geklappt hat, noch rüber zur elektronischen "Abschlussband" auf dem Red Bull Tourbus. Transmitter spielen dort. Doch leider viel zu früh - dank der Regenfälle musste das Programm etwas verschoben werden, so dass Transmitter früher dran sind und auch schon fast zuende, als wir ankommen.
Mir ist die Band bisher unbekannt gewesen, sollte man sich aber merken. Wenn man denn was für elektronische Mucke übrig hat. Aber immerhin ist ja ein Drummer und ein echter Sänger dabei, der, obwohl aus Newcastle, recht gutes deutsch spricht. Musikalisch, hm, da ich mich in der Musiksparte wenig auskenne nenne ich einfach mal Fatboy Slim. HipHop trifft Elektro
Aber leider nach ner Viertelstunde schon vorbei - schade...hm, zurück zum Zelt. Den Rest des Abends versuchen wir, eine weibliche Begleitung für Frank zu finden. Bester Spruch von Nadine: "Du stehst auf meiner Liste ganz unten - vor dir sind noch ein paar Punkte, bei denen ich noch nicht weiß, wen ich einsetzen soll..."
Der weitere Verlauf des Abends - keine Ahnung! Doch, einen hab ich noch! Maddin zu Nadine: "Von allen Uncoolen hier bist du noch die Coolste!" - was ein Kompliment! Ein Hoch auf den Alkohol! Nunja, unser guter Frank ist am nächsten Morgen auch alles andere als fit.
Aber einmal Lächeln muss noch drin sein! Unser obligatorisches Gruppenfoto, aufs Namen aufzählen verzichte ich, hat hier keinen zu interessieren. Tolle Truppe übrigens! Prächtige Purschen!
Weiter im Takt. Heute Nacht geht es für die meisten von uns zurück - auch für mich. Nüchtern bleiben heißt die Devise. Mist. Aber erstmal gemütlich Zelt abbauen, danach folgt nämlich ein ziemlicher Band-Marathon. Den Anfang macht The (International) Noise Conspiracy, die immer einen Blick wert sind.
Das Outfit nicht mehr ganz so lila wie letztes Jahr, dafür gibt es trendige Jeansjacken und eine Show, der man sich einfach nicht entziehen kann. Bei T(I)NC sitzt einfach jeder Schritt und jede Bewegung, Posing vom Allerfeinsten und nebenbei noch verdammt sympathisch.
Sänger Dennis Lyxzén, Sexsymbol der Band, spielt mit seinen Reizen. Na, wenn er meint. Er sagt, man spüre die Liebe zwischen den Beinen. Ist soviel Gefühl noch Rock'n'Roll? Egal, viel wichtiger ist wie eh und je die politische Seite der Band. Kapitalismus, Staat und Kirche kriegen ordentlich ihr Fett weg.
Vergleiche zu den Hives hört man häufig, was ich nur bedingt unterzeichnen würde. Gerade das aktuelle Album "The Cross of my Calling" schielt mehr in die Retro-Richtung, als es die Hives jemals getan haben. Fast schon Pink-Floyd-mäßige psychedelische Parts schwingen in den insgesamt weiterhin gut nach vorne preschenden Songs mit und auch lange Instrumental-Parts stören beim Auftritt nicht.
Kennt man ja alles schon, auch andere Elemente der Show - typisch T(I)NC eben. Ein Bad in der Menge (zur Freude der weiblichen Fans) und ein Sprung vom Boxenturm (zur Freude des Backliners, der erstmal die Monitorbox reparieren darf). Wie immer ein großartiger Auftritt einer routinierten Band.
A propos großartig - Zeit für die beste Band des heutigen Abends! K.I.Z.! Die spielen auf der Freibühne, die sichtlich zu klein für die vier Berliner ist, so sehr drängen sich die Massen vor der Bühne. Als Opener direkt der neue Titel "Selbstjustiz" - mit dazu passendem Outfit. "K.I.Z. tragen Richterperücken, wir fahren durch deinen Block und üben Selbstjustiz!"
Vor der Bühne, wie erwähnt, die sprichwörtliche Hölle los. Ziemlich viele junge Leute auch, die aber, wie ich mit einem leichten Grinsen feststelle, schon nach wenigen Liedern die vorderen Reihen verlassen. Is halt kein Kaffeeklatsch hier!
Richtergarderobe runter, ab sofort wird im normalen Outfit weitergerapt. Die neue Platte "Sexismus gegen Rechts" ist nicht nur weit vorne in den Charts eingestiegen (verdammter Mainstream! aber die dürfen das!) sondern auch noch ein verdammt geiles Teil geworden. Endlich hat dieses Land wieder eine ernstzunehmende Hiphop-Größe!
Bei "Geld essen" fliegen tausende K.I.Z.-Banknoten ins Publikum. Showtechnisch wird wirklich tief in die Trickkiste gegriffen. Bei "Böhses Mädchen" darf Massimo ein Mikrofon übernehmen, es gibt ne Wall Of Love und Kissenschlacht, zwischendurch wirft die Band auch noch alle Klischees über Bord und wirbt für Weltfrieden und Umweltschutz.
Der Verein "Viva con Agua", wie auch die letzten Jahre auf dem Open Flair anwesend, sammelt Pfandbecher um mit dem Gewinn Trinkwasser in die dritte Welt zu bringen - sehr vorbildlich! K.I.Z. helfen der Spendenbereitschaft ein wenig nach und lassen sich mit Bechern bewerfen. "Kauft viel Bier, schüttet es meinetwegen aus, aber werft die Becher auf die Bühne!"
Eigentlich Bierfrevel, aber da wollen wir den Jungs mal nicht böse sein. Da mir bald der Platz ausgeht, hier noch ein letztes Foto von K.I.Z. Fazit: Nach Smoke Blow definitiv beste Band! Immer wieder geil zu sehen, wie verschiedene Jugendbewegungen vereint eine Band abfeiern, das schaffen wirklich nur K.I.Z.
Ich weiß was ihr jetzt sagen wollt: Zu wenig Sauf-Fotos. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass ich nüchtern bin. Ein zweiter Grund wäre auch noch zu nennen: Zwischen den Bands bleibt einfach keine Zeit! Direkt im Anschluss an K.I.Z. gehts wieder zur Hauptbühne, Flogging Molly beginnen dort ihr Set.
Flogging Molly ist so eine Band, die man eigentlich regelmäßig auf irgendwelchen Festivalbühnen sieht, die aber trotzdem immer viel Spaß bringen und gut abgefeiert werden. Folkpunk mit irischen Vorfahren, mehr als tanzbar. Heute zudem das letzte Konzert ihrer aktuellen Europa-Tour, ein Grund mehr nochmal alles zu geben
Bier, Sonnenschein und guuude Laune! Mehr braucht man wohl nicht für Flogging Molly. Dementsprechend gut was los vor der Bühne. Von "Drunken Lullabies" bis "Float" und "If I ever leave this world alive", das Publikum feiert brav und die Band zeigt sich sichtlich gut gelaunt.
Aber wie schon vorgestern bei Mr Irish Bastard muss ich feststellen, dass mir diese Musik auf Dauer zu einseitig ist. Klar sind Flogging Molly die unbestrittene Speerspitze des Folkpunk, aber irgendwann geht mir das ganze Gedudel ziemlich auf die Nerven. Da find ich die Ansagen besser, wenn die Noise Conspiracy gelobt und das Beck's-Bier gedisst wird. Hähä.
Und auch dieses ganze Publikumsgehabe, schwenkende Arme und Mitklatschen und sowat...boah ey. Ich glaub ich bin zu alt für son Scheiß. Ist ja gut, wenn die Band abgefeiert wird und das Publikum gar mitklatschen will, aber dann muss man das denen doch bitte nicht ständig vormachen. Und dann noch gegen Diktaturen sein, jaja - äh, kleiner Scherz.
Anschließend noch kurz Helena und Maddin verabschiedet ("Wir sehen uns morgen in Budapest!"), möglichst nichts von Mia mitkriegen und direkt wieder zur Hauptbühne. Peter Fox spielt als Nächstes. Und bei ihm ist es nicht nur im Publikum voll, auch der Fotograben muss in mehreren Schüben gefüllt werden, damit auch alle Fotografen an die Reihe kommen.
Darum auch kein Foto von Peter Fox an der Gitarre. Ätsch. Naja, wat soll man sagen. Die Band ist großartig und Peter Fox ein guter Entertainer. Die Show ist geradezu perfektionistisch und auschoreographiert, das war schon bei Seeed so ziemlich das einzige, das mich an den Live-Auftritten gestört hat.
Dafür muss Peter Fox aber anderthalb Stunden Programm füllen mit gerade mal einem Album - und das wird selbstverständlich komplett gespielt, dazu noch ein wenig zusätzliches Material. Ein Cover von Led Zeppelin's "Kashmir" und natürlich auch Songs seiner Hauptband Seeed. "Schwinger", "Aufstehn" und am Ende "Dickes B" - war klar, dass nur die Stimmungshits rausgehauen werden.
Zwischendurch darf auch die restliche Band noch ein wenig in den Vordergrund. Backgroundsängerin Miss Platnum, hier links zu sehen, performt zwei ihrer Songs, die nicht so recht zum Rest des Programms passen wollen. Zugegeben gute Stimme, aber mir reicht das, um zu beschließen, sie mir in wenigen Tagen auf dem Sziget Festival nicht anzuschauen, wo sie solo auftreten wird.
Auch ein wichtiges Element einer Liveshow von Peter Fox: Die Cold Steel Drummer, bei denen jede Bewegung und jeder Trommelwirbel perfekt sitzt. Ihnen zu Ehren gibt es auch einen recht langen Trommelpart zum Ende der Show sowie ein Stück, das von den Cold Steel Drummers selbst vorgetragen wird.
Soviel zu Peter Fox. Abgehakt. Guter Auftritt, aber an Seeed kommt das lange nicht ran. Und soviel auch zum Open Flair, direkt im Anschluss machen Marius und ich uns auf den Heimweg - Deichkind hat man ja schließlich schon live gesehen und zuhause will ich wenigstens ein paar Stunden Schlaf genießen, bevor es für mich, Maddin, Helena und Chrissi weiter zum Sziget Festival nach Budapest geht...

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hermann

30.08.2009 15:11
sehr schöner bericht..gelungen.=) vermisse nur was über maximo park??
grüsse aus salzgitter
Unimog=Zeltplatzschock

02.03.2010 20:49
Schöner Absatz zu unserem Unimog!

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