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Sean Bonnette, Tigeryouth, 31.05.2015 in Köln, MTC - Bericht von tenpints

Sean Bonnette, 31.05.2015 in Köln

Wer eine Reise tut, der kann was erzählen. Hab aber keinen Bock. Das heißt, eigentlich schon, aber dank meines fortschreitenden Verfalls geht da nicht mehr viel. Vorgestern hab ich ja allen Ernstes behauptet, Heinz Strunk sei 2010 schon 53 gewesen. Dabei war er erst 48! 48, 53, Schall und Rauch, Malen nach Zahlen, 1:3 TSG Sprockhövel gegen ROT WEISS AHLEN, zwei Saisonspiele noch, Spannung pur, wie können andere Menschen nur ohne sowas leben. Oder den Öffentlichen Personen-Nahverkehr verachten. Ich reise komfortabel mit dem SchnellBus nach Schwelm, es ist November, jedenfalls sieht es so aus, in Schwelm existiert kein menschliches Leben, na ja, es sieht halt so aus, alles hat zu, ES GIBT KEIN BIER IN SCHWELM, ich reise weiter nach Oberbarmen, dort sieht es immerhin aus wie in Dortmund, leidlich lebendig, ein Fluss lockert das Ambiente auf. Ich gehe über die Wupper. Bier! Mein Zug fährt nicht nach Köln, Wuppertal wird umgebaut. Große Verzweiflung, der Nieselregen weicht die Seele auf, nistet sich ein in ihr, verklebt die Poren. Nieselregen ist geil. Wie von Zauberhand fährt eine S-Bahn nach Solingen ein. Die Rettung! Wuppertal-Ronsdorf, Remscheid-Lennep, ein geiles nebelverhangenes Tal plötzlich, mitten in NRW, quasi vor der eigenen Haustür, ist das geil. Niemand beachtet das Naturschauspiel, auch ich sehe es nur, weil ich zufällig vom Handy aufblicke. Ich brauche mehr Bier. Diese S-Bahn besitzt ein Klo, allein, das WC-Symbol irritiert mich, mal blinkt es, mal leuchtet es dauerhaft, dann wieder ist es sogar ganz aus! Kalter Schweiß bricht aus, werde ich in der Not auf Toilette gehen können? Der Zug fährt in Solingen ein. Ein RE nach Köln steht schon bereit, er ist so gut wie leer, ich fühle mich wie ein König, ach was, ich BIN ein König, es ist wundervoll, wo ist bloß mein Gefolge? Bier.
Pünktlich zur Türöffnung treffe ich am Laden ein. Markus folgt fast zeitgleich, es ist ein Wahnsinn, wie mal wieder alles Gute zusammenkommt. Tilman/Tigeryouth steht auch vor dem MTC. Wir sind uns sicher: Er wird singen. Fans sind wir keine. Die Bühne aber ist in rotes Licht getaucht, ganz wie ich das mag, es gibt kleine Bierflaschen für 2,80, Eintritt liegt bei 14 Euro, irgendwie erinnert mich die ganze Zülpicher Straße sowieso an London, egal, Geld ausgeben ist geil.
Tigeryouth fängt an. Wir bleiben standhaft bzw. an der Theke. Es ist hart. Ich will es schaffen. Ich habe einen eisernen Willen.
5-6 Menschen stehen weiter vorne. Sie mögen es, wenn Tilman sich hin und her schaukelt und davon singt, dass er - scheiße aber auch! - immer noch nicht am Meer ist.
Er spielt nur neue Songs, das Klagelied darüber, dass er immer noch nicht in Berlin ist, bleibt uns also erspart. Es geht trotzdem nicht. Tilman bedankt sich vor Leidenschaft bebend bei dem Typen, der die Theke macht, er denkt, er wäre in einem AZ, ich fasse es nicht, wir stehen auf, Ziel verfehlt, Scheitern als Lebensthema, der coole Versager, born to lose, Loser für viele, Gewinner der Herzen. Morgen fahre ich ans Meer, muss das erstmal verarbeiten.
Wir haben jeweils 14 Euro für Sean Bonnette bezahlt. Es macht uns nichts aus. Sean ist der Sänger von ANDREW JACKSON JIHAD, der besten Band des Universums, und er ist ein supernetter Typ mit Abgründen.
Die Lieder handeln von diesen Abgründen. Mehr kann man dazu eigentlich nicht sagen, man muss das selber hören.
Vor dem Konzert durften die etwa 30 zahlenden Gäste die Setlist selber schreiben. Das hat gut geklappt, interessanterweise spielt Sean die Lieder dann in einer anderen Reihenfolge, aber er spielt sie tatsächlich fast alle. Los geht's mit "Rejoice", dann folgen ca. dreihundert andere Hits.
Es ist zwar sehr intim hier, trotzdem trauen sich einige mitzusingen. Ich frage mich die ganze Zeit, wie Sean das findet, aber er beschwert sich nicht, er freut sich. Es ist der Wahnsinn, der Typ kann so ziemlich alle AJJ-Songs einfach so runterzocken, nur ein einziges Mal verhaspelt er sich, und jeder Moment sitzt. Ich würde gerne weinen, aber irgendwie geht das heute nicht.
"Angel Of Death", mein Lieblingslied, von mir auf die Setlist geschrieben, kommt relativ früh. Ich singe es mit, es geht nicht anders. Ich liebe diesen Mann. Hinterher spreche ich kurz mit ihm. Ich frage ihn, ob er Louis C.K. mag, ja, tut er, Louis C.K. ist wie AJJ ohne Musik, denke ich, sage es aber zum Glück nicht, sondern ich sage: "I love him. I love you, too." Er schaut mich freundlich irritiert an. Ich geh dann mal.
Jetzt fällt mir auf, dass ich doch noch ein-zwei Lieder mehr auf die Setlist hätte schreiben sollen. "Let's get murdered" hätte ich gerne gehört, glaub ich. Hätte hätte Fahrradkette. Ich werde demnächst nach London reisen, u.a. um AJJ dort in voller Bandbesetzung zu sehen, denn letztes Jahr im Herbst hab ich sie verpasst. Angeblich vollführen sie akrobatische Kunststückchen auf der Bühne. Es wird sehr schön, und es wird, so Gott will, einen Bericht davon auf diesen Seiten geben!!
Die Setlist. Und das Handtuch, das Sean liebgewonnen hat. Das Konzert endet mit "Big Bird", alle singen mit, wir können nicht anders, sind gleichzeitig peinlich und unpeinlich berührt und gehen auf in der Liebe zu diesem Mann.
Nun ja. Zugabe: "El Principito" - der kleine Prinz. Es ist wieder 2007 in meinem Kopf. Vorbote für die schönste Phase im Leben, die Altersdemenz? Älterwerden ist super, das sagt auch Sean, und das Beste daran ist der Satz: "Als ich so alt war wie du..." Werdet Ü30, dann wisst ihr, was ich meine! Kann's kaum erwarten, endlich Ü40 zu sein. Heimfahrt im Auto auf regennasser Bahn, wir hören die Beach Boys und sind ein bisschen glücklich.

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