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Grisalappalisa, 02.09.2017 in Reykjavik, Kex-Hostel - Bericht von Kabl

Grisalappalisa, 02.09.2017 in Reykjavik

Es gibt fast nichts, was noch niemand über Island geschrieben hat. Daher dachte ich mir, ich beginne diesen Bericht lieber mit einer doppelten Verneinung, als ihn als Reisebericht anzulegen. Ich hätte im Prinzip auch nichts anderes schreiben können, als bisher überall über das Land zu lesen ist. Kurzum: Die Natur ist enorm abwechslungsreich und sehr schön, für einen Erstbesucher schlichtweg beeindruckend. Die Fakten im Kurzdurchlauf: Von Sonntag, 27.8., bis Montag, 4.9., verweilten wir im Land. Wir fuhren einmal um die Insel, der Roadtrip endete in der Hauptstadt Reykjavik. Und was wäre ein Urlaub ohne ein Konzert? Generell, so waren sich die Einheimischen einig, gibt es wenn dann in Reykjavik Konzerte, die große Ausnahme sind wohl diverse Festivals, wovon es in Island sehr viele geben soll. Aber dass, so wie wir es kennen, einfach eine Band in einem Club zockt, müsse man in die Hauptstadt fahren. Verständlich, denn in Reykjavik leben mit etwa 120.000 Einwohnern bereits über ein Drittel aller Isländer. Nimmt man die gesamte Region hinzu, so leben dort 200.000 Einwohner, in ganz Island sind es gut 340.000. Zum Vergleich: Die Stadt Augsburg hat knapp 300.000 Einwohner. Diese Zahlen finde ich recht sinnvoll, um sich die Dimensionen vor Augen zu führen. Nun gut, auf jeden Fall hat Island trotz dieser Einwohnerzahl eine enorm lebhafte und auch bekannte Musikszene. Jeder kennt die „Klassiker“ Björk und Sigur Ros. Im Metal-Bereich fallen einem noch Solstafir, Skalmöld und The Vintage Caravan ein. Indie-Bands: FM Belfast und Of Monsters And Men. Wie sieht es aber mit Punkrock aus? Dieser Quest soll dieser Bericht hauptsächlich nachgehen.
 Dennoch wird hier auch auf die Rahmenhandlung des Reykjavik-Aufenthalts eingegangen. Dies ist ein Exponat des Penismuseums. Hier werden die Stücke sämtlicher erdenklicher Lebewesen ausgestellt - von der Hausratte über den Pottwal bis hin zur isländischen Handballmannschaft (bei letzterer handelt es sich nicht um die Originale, sondern um die gegossenen, nachgebildeten Exemplare). Ein interessantes, für manche Besucher scheinbar auch sehr ekliges, Erlebnis. 
Nun aber back to Topic. Ich wollte ja den Punkrock in Reykjavik finden. Dafür gehe ich, taktisch klug, nicht nur in den im Reiseführer hoch angepriesenen Musikladen, sondern auch in einen enorm ranzigen, den man gelinde gesagt auch als große Müllhalde mit hoher Schnäppchenfundwahrscheinlichkeit bezeichnen könnte. Ich verliere etwas die Zeit aus dem Auge. Keine Ahnung wie lange ich letztendlich die Regale und Kisten durchstöbert (eigentlich wäre "Tetrisspielen" das passendere Wort) habe.
Letztendlich entscheide ich mich für einen Klassiker für 300 Isländische Kronen (umgerechnet circa 2,50 Euro). Erstens, weil der Albumtitel "So" sehr aussagekräftig ist, zweitens, weil ebenjenes Album von Peter Gabriel in meinem Lieblingsbuch "Rock" von Eclipsed als Kaufrausch bezeichnet wird. Spoiler: Als ich mir es auf der Rückfahrt vom Flughafen in Deutschland anhöre, finde ich acht von neun Liedern enorm langweilig, nur der Opener "Red Rain" gefällt mir.
Das ist der CD-Laden (es ist kein Platten-Laden, wir sind nicht in Hamburg, außerdem gab es mehr CDs als Platten) von außen. Als ich den Verkäufer nach einer Punkshow frage, zuckt er lediglich mit den Achseln. Dennoch sind noch zwei Metal-Fans anwesend. Diese sagen mir, dass heute die Band Grisalappalisa spiele. Und zwar in einem Hostel namens Kex. Sie werden selber nicht kommen, dafür waren sie vor zwei Tagen bei "Cattle Decapitation", da diese ihren Tourauftakt in Reykjavik feierten. Laut ihren Aussagen kostet das Konzert heute keinen Eintritt und geht bereits um 19.30 Uhr los. Erfolg!
Mit dieser Information im Hinterkopf schlendern wir erstmal zum Kolaportid-Flohmarkt, der in einer recht großen Halle immer samstags und sonntags stattfindet. Hier gibt es auch eine isländische Spezialität, den fermentierten Hai, zu probieren. Ich finde dieses Gericht gar nicht so eklig, es ist allerdings sehr geschmacksintensiv, sticht, ähnlich wie Wasabi, direkt in die Nase und der Geschmack verweilt erst mal für gute 15 Minuten im Mund. Neben Lebensmitteln gibt es allerlei Kram, wie auf einem Flohmarkt eben.
Nächste Station ist dann das Punkrockmuseum, das persönlich von Johnny Rotten eingeweiht wurde und in einer nicht mehr genutzten, ehemals öffentlichen Toilette untergebracht ist. Eine passendere Location kann man sich nicht vorstellen!
  Hier wird dem Besucher die Historie des Punkrocks in Island näher gebracht. Und siehe da: Es gibt tatsächlich eine relativ hohe Anzahl isländischer, dem Genre unterzuordnende Bands. Auf dem Bild eine Übersicht.
Neben den Bandbeschreibungen in Textform und einigen Bildern gibt es auch einige ausgewählte Hörproben. Dabei hat mir die Band "Utangardsmenn" besonders gefallen. Besonders auffällig ist, dass sehr viele Frauen in den Bands mitgewirkt haben. Auch wird hier bereits deutlich, dass es in Island wohl nicht "die" Punkszene gibt, da Musiker verschiedenster Genres teilweise in den Bands mitgewirkt haben. Zum Beispiel die Popsängerin Björk.
Links im Bild der Betreiber des Museums. Er selbst spielt in der Punkband "Q4U". Er ist ein großer Rammstein-Fan und kann es gar nicht fassen, als ich ihm mitteile, dass ich die Band nicht gut finde. Er bestätigt meinen Eindruck, indem er mitteilt, dass es hier eigentlich keine Punkrockszene gibt, vielmehr veranstalten die Clubs so ziemlich jede Musikrichtung, auf Festivals herrscht Abwechslung. Als wir ihm sagen, dass wir heute noch die Band Grisalappalisa anschauen werden, bestärkt er uns bei diesem Vorhaben: Do This! Great Band! Erfolg!
Da die Metalheads sagten, die Band fange schon um 19.30 Uhr an, begeben wir uns schon zeitig ins Kex, worauf uns vor Ort gesagt wird, dass das Konzert erst um 21.30 Uhr beginnt. Aufgebaut ist trotzdem schon. Also, noch kurz Abendessen und wieder zurück. Das Kex ist tatsächlich ein Hostel, eine Bühne gibt es nicht, der Konzertraum befindet sich im ersten Stock, im selben Zimmer ist eine Bar und ein Restaurant untergebracht. Vor dem Konzert sind fast ausschließlich Touristen zu sehen, die ihr Abendessen gierig in sich hineinschaufeln.
Um 21.40 Uhr geht es dann tatsächlich los. Beeindruckend, ab dem ersten Ton stehen schätzungsweise hundert Einheimische um die nicht vorhandene Bühne herum. Die Touristen verlassen nach und nach den Raum. Wirklich, ab der ersten Minute geht es ab. Keine Vorband, einfach Stimmung inklusive tanzenden Menschen und voll ausrastender Band ab dem ersten Song.
Mitten im Raum befindet sich ein Pfeiler, die Rückwand der "Bühne" wird als Bücherwand genutzt. Tatsächlich ist es auf einmal so voll, dass man kaum nach vorne kommt. Das übertrifft die Erwartungen. Ich habe mich jetzt eher auf so eine sich Touristen anbiedernde Pseudo-Punkkapelle eingestellt. Doch davon kann bei Grisalappalisa keine Rede sein.
Insgesamt zu siebt wird musiziert: Zwei Gitarren, Schlagzeug, Bass, Saxophon und zwei Sänger. Besonders der Hauptsänger und anscheinend Aushängeschild der Band Gunnar führt sich auf, als ob er völlig vollgedröhnt wäre. Er rennt penetrant ins Publikum, schubst die Leute rum, brüllt, stranguliert sich selbst mit dem Mikrofonkabel, schmeißt sich auf den Boden oder starrt einfach nur wie ein Psychopath ins Leere. Zur Erinnerung: Es ist halb zehn in einem Hostel.
Gunnar ist leider selten im Bild, weil er vermutlich irgendwo im Publikum rumspringt. Hier der zweite Sänger. Er führt sich zwar nicht dermaßen auf, brüllt dafür noch bedrohlicher. Ach ja: Die Musik würde ich jetzt nicht als konservativen Punkrock bezeichnen, sondern eher als experimentellen, ziemlich harten Indie/New Wave-Rock. Als Vergleichsband kommt mir sofort "Pisse" in den Sinn. 
 Grisalappalisa gefallen mir aber irgendwie besser. Es liegt vielleicht daran, dass die Show musikalisch enorm abwechslungsreich ist. Die Band hat drei wirklich lange (10 bis 15 Minuten) Songs im Programm, wo wirklich sehr psychedelisch und lärmig musiziert wird. Auf die anstrengenderen Lieder folgt aber immer wieder ein kurzes, fast schon schlagermäßiges Lied, wo man gewillt ist mitzugrölen, obwohl man kein Wort isländisch spricht.
Ach ja, Texte und Ansagen mit einer Ausnahme ausschließlich auf Isländisch. Der Sänger versucht die letzten anwesenden Touristen nämlich auf Englisch darauf hinzuweisen, dass nach dem Auftritt Merchandise verkauft wird. Der Leser wird später erfahren, ob sein Plan Erfolg hat.
Ich würde nun zu gerne wissen, von was die Typen da überhaupt singen. Die schlagerhaften Gute-Laune-Nummern wirken auf mich irgendwie enorm zynisch/ironisch, da das Publikum grinst, teilweise sogar herzhaft lacht. Zu den psychedelischen Brüllnummern kann eigentlich nur ein verstörender Text passen.
Wie es der Zufall will, treffen wir  im Anschluss des Konzerts den bereits erwähnten Chef des Punkrockmuseums (er war selbst nicht beim Konzert, kam wirklich nur zufällig draußen vorbei weil er beim Einkaufen war). Und er klärt uns auf, dass Grisalappalisa wohl den Spaß in den isländischen Punkrock zurückgebracht hätten. Die Texte sind wohl alle sehr humorvoll und mit Augenzwinkern zu sehen, ebenso wie das ganze Auftreten der Band.
Diesen Eindruck hatte ich dann auch nach dem Auftritt der Band, als ich mich kurz mit Sänger Gunnar unterhalte. Er ist kein Psychopath, sondern ein äußerst höflicher und sympathischer Typ. Ich hätte ihn noch einige Sachen fragen wollen, zum Beispiel ob sie Gage bekommen, ob sie auch mal außerhalb Islands gespielt haben, etc., aber er ist recht beschäftigt.
Es scheint nämlich so, als ob die Band den Großteil des Publikums persönlich kennen würde. Alle stoßen nach der Zugabe miteinander an und ratschen. Ach ja, am Ende wurde noch die Gitarre ins Publikum geworfen und rumgereicht, sodass jeder auch ein bisschen Krach fabrizieren konnte.
Die Band verkauft am Ende wenig Merchandise. Aber: Eine Gruppe von Touristen hat angebissen. Sie lassen sich mit den Musikern fotografieren und kaufen dann sogar was. Ich denke, dass viele der Anwesenden schon mit Grisalappalisa-Artikeln eingedeckt waren. Da mich das Konzert wirklich sehr begeistert hat, habe ich danach mal recherchiert, wo die Band sonst so spielt.
Ergebnis: Die letzten fünf Auftritte fanden in Reykjavik statt, die kommenden beiden werden dort stattfinden. Veranstalter dieser Welt: Holt diese Band in eure Bude! Selten vergingen 80 Minuten so kurzweilig. Ach ja, fast vergessen, für die Statistik: 0,5-Liter Bier kosteten umgerechnet circa 10 Euro.
Genauso leer wie der Laden direkt vor dem Auftritt war, ist er auch keine zehn Minuten nach selbigem. Fazit: Punkrock in Island kann einiges, insofern man ihn als solchen bezeichnen möchte.
Wenn man eine Punkerin heiratet, hat man eine...
Der letzte Urlaubstag wird mit etwas Sightseeing verbracht. Hier zum Beispiel eine Kabeltrommel. Toller Urlaub, tolles Konzert.  

(FB nicht mehr anzeigen?)

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Philipp

05.09.2017 18:20
Sehr cooler Bericht!
Bei der Beschreibung des Sängers habe ich kurz gedacht Jello Biafra hätte sich nach Island verirrt.

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Kex Hostel
Skúlagata 28
101 Reykjavik (Island)...Umgebungsplan

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