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Pascow, Akne Kid Joe, 12.10.2017 in Weinheim, Café Central - Bericht von Arno Nym

Pascow, 12.10.2017 in Weinheim

98. Als von der Promo-Agentur das Angebot kam, die Band PASCOW als Chronist für ein Wochenende zu begleiten, unter Begleichung aller Spesen, war ich selbstverständlich sofort Feuer und Flamme. Nicht ahnend, dass dies die wahrscheinlich härtesten Tage meines Lebens werden würden. Aber zunächst klang alles sehr verlockend. Den Toten Hosen des Schlagers einmal persönlich die Hände schütteln, zusammen über die Autobahnen düsen, vielleicht sogar gemeinsam zu Abend speisen - und nicht zuletzt auch mal in die Welt hinter der Bühne eintauchen. Welcher PASCOW-Fan träumt nicht davon?

Triggerwarnung: Bitte nicht weiterlesen, wenn Sie traumatische Erfahrungen mit überheblichen Rockstars gemacht haben.
Mittags in Frankfurt, ich genieße das schöne Wetter am Main. Mit dem Management ist ausgemacht, dass die Band mich hier aufsammelt, um dann gemeinsam zum heutigen Konzertort zu fahren. Als ich nach 3 Stunden Warterei immer noch nichts gehört habe, traue ich mich dann doch mal, die Nummer anzurufen, die mir mitgeteilt wurde. Es meldet sich eine "persönliche Assistentin", die mir nach kurzer Diskussion anbietet, die Crew würde mich bald abholen.
Etwas später hält der Crew-Bus neben mir, ich werde recht freundlich aufgenommen. Die Band selbst sei mit ihren eigenen zwei Nightlinern unterwegs, erzählt man mir - nicht unüblich in der Branche. Ich lerne Harry kennen, er arbeitet nun schon seit über 10 Jahren für PASCOW - weil er nichts anderes gelernt hat, so erklärt er mir. Bereits zum Start der Tour ist er mit seinen Kräften am Ende. "Die ganze Nacht über musste ich Equipment in die Carrier laden - dabei bin ich doch nur als Merchandiser gebucht", beklagt er sich.
Angekommen im "Café Central" in Weinheim. Die Crew kümmert sich um das Ausladen. Nicht einfach in der heutigen Location, da sich die Bühne im ersten Stock befindet und es keinen Fahrstuhl gibt. Das Equipment wiegt mit Sicherheit mehrere Tonnen! Bereitwillig biete ich meine Hilfe an, wie ich erfahre haben sich zwei Crew-Mitglieder kurzfristig krank gemeldet.
Endlich werden mir die Bandmitglieder vorgestellt und ich packe nervös meinen Fragenkatalog aus. Gitarrist Swen antwortet recht einsilbig, während er verschroben seine Gitarre streichelt. Als er plötzlich leise "hört auf! Ich werde ihn nicht umbringen!" murmelt, gehe ich lieber weiter zu meinem nächsten Gesprächspartner.
Alex ist Sänger der Band und betreibt nebenbei einen großen Punkrock-Mailorder. Der Selfmade-Millionär ist sich seiner Rolle in der Szene bewusst. "Die Leute schlucken einfach alles! Du kannst denen vorsetzen was du willst und die kaufen das!", erzählt er begeistert, und setzt nach: "Ich fühl mich fast wie Hitler, nur in gut".
Natürlich gehe es ihm auch um die Musik, beschwichtigt er mich anschließend. "So Abende wie heute, darum geht's doch eigentlich. Aber money makes the world go round!". Lachend nippt er an seinem Chai Latte und stiert dem Kellner beiläufig auf den Hintern.
Als nächstes will ich mich Trommler Ollo vorstellen. Aber man lässt mir ausrichten, er sei gerade unpässlich. Aus seinem privaten Backstage-Raum hört man gelegentliches Quietschen und laut knallende Geräusche. Nach einiger Zeit beobachte ich, wie sich einige Schmetterlinge unter dem Türspalt durchquetschen und erschöpft gen Tageslicht flattern. Wo bin ich hier gelandet?
Weiter zu Flo. Der Bassist ist Redenschreiber für die saarländische FDP und hat sich kürzlich die Zähne vergolden lassen - "nur um zu sehen wie das so ist!", erklärt er begeistert. Ansonsten steckt er viel in seinen Porsche-Fuhrpark. Gewissensbisse, dass die Fans eventuell zu sehr ausgenommen werden, hat er nicht. "Die jungen Leute brauchen das Geld doch gar nicht, die haben ihre Karrieren ja noch vor sich".
Ich erhasche doch noch einen Blick auf Schlagzeuger Ollo. "Ich muss mal eben den Schlagzeughocker vorwärmen", ruft er mir zu. "Der ist zu hart, ich will einen anderen". Der örtliche Veranstalter hat sichtlich Schweißperlen auf der Stirn, schickt aber schnell noch einen Mitarbeiter zum Musikladen.
Den besten Draht bekomme ich dann doch zu Merchandiser Harry. Seit er für PASCOW arbeitet, ist er Alkoholiker, erzählt er mir. Ohne mindestens eine Flasche Asbach zittere er zu sehr, um das Kleingeld zu zählen. Ich klopfe ihm sanft auf die Schulter und stoße mit ihm an. Dieses Tourleben scheint doch härter zu sein, als ich es mir vorgestellt habe.
"Natürlich geht es nur ums Geld", versichert Harry. "Aber kannst du das der Band vorwerfen? Am Ende des Tages geht es doch nur darum, seine Schäfchen im Trockenen zu haben". Basser Flo kommt hinzu. "Und was spricht dagegen, die Szene etwas abzumelken, der wir so viel gegeben haben?", wirft er ein. Auch heute wird Harry wieder rekordverdächtige Umsätze am Merchandise-Stand machen, so viel ist sicher. Das wird der Band helfen, ein weiteres Jahr in Saus und Braus leben zu können.
Vorband heute Abend sind AKNE KID JOE. Alex besitzt eine Plattenfirma, AKNE KID JOE sind sein neuestes Signing. Im Gespräch mit der Band wirkt er beinahe menschlich, als er ihnen die Tücken des Musik-Business erklärt. "Die nächsten drei Alben gehören uns. Wir stecken verflucht viel Kohle in Produktion und Promotion, also enttäuscht uns nicht!". Als er den unerfahrenen Musikern mitteilt, dass sie vorerst nicht an Einnahmen beteiligt werden, sehe ich erste Panik in den jungen Gesichtern. "Und dafür haben wir unsere Jobs gekündigt?", fragt Sänger Matti.
Die folgenden Stunden erweisen sich als quälend langsam. PASCOW verbringen die Zeit in der Maske, ein ganzer Trupp von Visagistinnen steht bereit. Für weitere Interviewfragen steht die Band nicht zur Verfügung, man wolle die Gesichtsmuskeln nicht unnötig belasten, heißt es. Ich unterhalte mich mit Mischer Pauli. Er arbeitet sonst für die ganz Großen, von HELENE FISCHER bis MR ED JUMPS THE GUN, wegen Wettschulden ist er nun bei PASCOW gelandet. "Aber die sind nett zu mir", grinst er. "Ohne Tontechniker wären die nämlich ganz schön aufgeschmissen".
Der positive Ruf der Band beginnt immer mehr zu blättern, gut dass jetzt endlich Ablenkung bereit steht: AKNE KID JOE starten in den Abend. Die Jungspunde aus Nürnberg kann man musikalisch irgendwo bei PISSE, ANTITAINMENT und antideutscher Quotenband einordnen. Der Auftritt zieht mich dann tatsächlich mal für ein paar Minuten aus dem Trott des Tourreports. Bis ich das nervöse Zittern bemerke, als sie sich, wie in jeder zweiten Ansage, mal wieder bei der Band PASCOW bedanken. Hat da jemand Druck gemacht?
Die Herren von der Hauptband sind nicht zu sehen, sind sich anscheinend zu fein, der Vorband einen Blick zu würdigen. Lediglich Labelchef Alex linst kurz hinter dem Vorhang hervor und verfolgt das Treiben mit versteinertem Blick. Ich erwische ihn später im Backstage. "Diese wilde Ungestümheit werde ich der Band noch austreiben!", poltert er los. "Das Potential ist ja da, aber mit so einer Larifari-Performance wird das nichts! Die muss ich wohl noch in ein paar Benimm-Kurse schicken..."
Zugegeben, so wirklich chartstauglich erscheinen mir die Lieder nicht, aber muss doch nicht, oder? Aber bevor ich Alex widersprechen kann, rauscht er weiter zum Austern-Buffet. Puh, ich will nicht dabei sein, wenn er AKNE KID JOE gleich die Standpauke hält!
Meinem kleinen Punkerherzen kommt der Auftritt jedenfalls recht gelegen. Definitiv die sympathischere Band des Abends. Aber das werden sie wohl nicht lange bleiben, es ist ja ein alter Hut dass Bands auf Kidnap Music in der Beliebtheitsskala rapide absteigen, je aktiver sie sind...
Kurze Zeit später geht es auch schon los mit PASCOW. Der Laden ist heute doppelt ausverkauft, wie mir die Klofrau hinter vorgehaltener Hand mitteilt. Grund sei eine kurzfristige Erhöhung der Gagenanforderung. Kein Wunder, dass es hier so heiß und stickig ist wie in einem Viehtransporter. Denn das habe ich mittlerweile kapiert: Nichts als Vieh sind die Fans für die Band PASCOW.
Kleiner Lichtblick für mich: Die Redaktion hat Verstärkung geschickt, Fotograf Fabian ist angekommen. So kann ich dem Treiben mit gebührendem Abstand beiwohnen und werde kein Opfer von Flos beständigen Spuck-Attacken auf die ersten Reihen.
Die Fans selbst, da muss ich der Band recht geben, schlucken alles. Das recht lieblos hingeklatschte Set mit den üblichen Evergreens wird mit Sicherheit keine Preise gewinnen. Aber dafür muss man anerkennen, dass PASCOW ihr Publikum im Griff haben. "Hey Weinheim, seid ihr alle da!!", brüllt Sänger Alex zwischen zwei Liedern, "Beim nächsten Song will ich dass ihr alle eure Hände nach oben nehmt und mitklatscht! Ollo gibt vor!".
Dass die Lieder live nicht wirklich Präsenz haben, sollte eigentlich jedem klar sein, der die letzten, bis ins kleinste Detail überproduzierten Alben der Band gehört hat. Aber erstaunlicherweise klingen die Songs heute Abend so sauber wie frisch aus dem Studio. Ist das tatsächlich alles live? Ich will Mischer Paul darauf ansprechen, aber er gibt mir nur zu verstehen, leise zu sein. Wenig später schiebt er mir einen Zettel zu: "Nicht sprechen. Werden überwacht. Harry ist schon gefeuert."
Ich beschließe, mich weiter auf die Show zu konzentrieren. Denn wie Alex zwischendurch einwirft, ist dies eines der vorerst letzten Konzerte in der Form - da nächstes Jahr ein Unplugged-Album ansteht, wird die nächste Tour komplett mit akustischen Instrumenten absolviert. Drummer Ollo ergänzt später im Backstage, dies sei schon immer ihr Traum gewesen. "Mit altem Material nochmal richtig absahnen - hat ja bei der letzten DVD auch schon prima geklappt!"
Ansonsten gibt es, was die Fans wollen: Rockmusik von der Stange und eine Performance so durchchoreographiert wie langweilig. Die Band selbst scheint all das nicht zu stören, sie lassen sich abfeiern, meiden aber gleichzeitig den Blickkontakt mit den Zuschauern. "Ihr seid die besten Fans der Erde", ruft Alex schließlich, als es in die Zugabe geht. "Und hier kommt das beste Lied der Erde!"
Und auch ohne Hinweis auf das umfangreiche Merchandise darf die Show nicht auskommen. Eins muss man PASCOW lassen, die wissen wie man Geschäfte macht. Als sie ihr aktuelles Shirt-Motiv an den Start brachten, gab es innerhalb weniger Stunden 150 Bestellungen, wurde mir noch kurz vorm Auftritt erzählt. Da fragt man sich doch wirklich, was das noch mit Punk zu tun hat.
Direkt nach dem Auftritt kommt die Band zusammen zu einer kleinen Besprechung. "Habt ihr gesehen, wie ich der Kleinen ganz vorne voll in die Fresse getreten hab?", freut sich Gitarrist Swen diebisch. "'Oh, tut mir leid', hab ich noch gesagt" - er bricht in schallendes Gelächter aus. Die anderen stimmen ein.
Auch lange nach dem Konzert stehen noch Fans vorm Laden, betteln um Autogramme oder nur darum, auch nur ein Wort mit ihren Stars wechseln zu können. Bassist Flo sieht das ganz pragmatisch: "Dann helft ihr uns aber erstmal, das Equipment einzuladen!". Dass die eigentlich für diese Aufgabe vorgesehenen Roadies entweder krank oder gefeuert sind, erwähnt der Sklaventreiber mit keinem Wort.
Mit diesen Eindrücken komme ich irgendwann völlig erschöpft im Hotelzimmer an. Schlafen kann ich trotzdem nicht. Was für eine Band! Für ein abschließendes Interview hat es nicht mehr gereicht, meine Nerven sind am Ende. Und so muss diese Reportage auskommen mit den puren, aber ungeschönten Eindrücken zu einer Band, die schon lange den Zenith überschritten hat. Ich rufe bei der Redaktion an, melde mich krank. Für mich ist dieser Report beendet, beim Gedanken daran, noch weitere Tage mit diesen Unmenschen zu verbringen, schüttelt es mir.

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Härpschinken

19.10.2017 10:41
=D It's true!

Hesse

19.10.2017 18:05
Ja, die Sklaventreiber...da will man mit dem arroganten Alex noch nen Geburtstagsbier trinken (haben am gleichen Tag) und was ist??...Tonnenweise Equipment schleppen und der Dank? Ja wir sehen uns IHR FICKER!!!

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