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Notgemeinschaft Peter Pan, 28.09.2018 in Witten, Curly Cow - Bericht von Fö

Notgemeinschaft Peter Pan, 28.09.2018 in Witten

Ich muss ja zu meiner Schande gestehen, noch nie einem Konzert bei Curly beigewohnt zu haben, da entweder das Gegenangebot verlockender war, oder ich aus anderen Gründen keine Zeit hatte, oder mich das alles einfach musikalisch nicht interessierte. Das alles ist heute anders! Erstens gibt es ausnahmsweise mal ne "richtige" Band, so mit Schlagzeug und Verstärkern und sowas, zweitens handelt es sich um die fantastische Notgemeinschaft Peter Pan, und drittens feiern ebenjene ihre Record-Release-Party. Das alles war schon seit etwa vier Monaten ausverkauft und der Platz ist äußerst begrenzt, weswegen ich froh bin, mich frühzeitig um Eintrittserlaubnis bemüht zu haben. Leider vergebens, denn als ich den Laden betrete, muss ich bestürzt feststellen, dass MEIN NAME AUF DER LISTE SCHON DURCHGESTRICHEN IST! Ich drohe mit Polizei, SEK, LKA, Verfassungsschutz und was es sonst so gibt um persönliche Interessen durchzusetzen, aber keine Chance. Aber schließlich setze ich alles auf eine Karte und zücke die Nummer vom Gesundheitsamt. Plötzlich wird es murksmäuschenstill im Laden, von der einen Seite wird mir behutsam ein 50-Euro-Schein in die Hemdtasche gesteckt und von der anderen ein perfekt gekühltes Bier gereicht. Der Kellner breitet einen Teppich aus Wursthaaren vor mir aus und gibt mir zu verstehen, dass heute für mich alles aufs Haus gehe. Mit leichtem Nicken gebe ich zu verstehen, dass mein Gemüt ausreichend besänftigt ist, und stecke die Gesundheitsamt-Nummer zurück in meine Visitenkartenaktentasche. Erleichterte, aber verstohlene Blicke streifen mich noch ein letztes Mal, Gespräche werden fortgesetzt und auch die Hintergrundmusik wird wieder aufgedreht. Na, da hamse wohl nochmal Glück gehabt.
Die Notis heute im adretten Look, passend zum aktuellen Video "Helikopter-Eltern". Warum wurden DIE eigentlich in den Laden gelassen, so wie die aussehen? Fragen über Fragen.
Gespielt werden zunächst ein paar ältere und "bekannte" Songs, bevor übergeleitet wird in den Hauptteil des Abends: Das komplette neue Album durchspielen. Aber zunächst trägt Stemmen den Einleitungstext vor. "Ist auch nicht so viel, passt auf eine A4-Seite" - Schriftgröße 8, beidseitig bedruckt. Aber wer will denn kleinlich sein. Zu hören gibt es eine Art Manifest zur derzeitigen gesellschaftlichen Lage. Ein Text, der mal wieder zeigt, dass die Band mehr will als einfach nur Musik.
Auch im weiteren Verlauf des Konzertes gibt Helikopterpatenonkel Stemmen immer mal wieder kleine bis große Statements ab, zu dem was so falsch läuft, aber auch zu dem was man richtig machen kann, denn, das war wohl das Credo der Platte, man muss auch mal das Positive beleuchtet anstatt immer nur das "Dagegen" zu betonen. War gar nicht so einfach, erzählt Stemmen.
Da sei zum Beispiel auch verwiesen auf den ersten Song der Platte, PROtestsong:

So wie pro-libertarian! Queer-positive! Eternal youth!
Pro kostenlose Kita-Plätze! Die Grundideen des Marxismus!
Bedingungsloses Grundeinkommen! Totale Rüstungskonversion!
Eine selbst gewählte Work-Life-Balance! Mehr als 12€ Mindestlohn!
Mietpreisbremse radikal! Kennzeichnungspflicht der Staatsgewalt!
Statt Plastiktüten Stoffbeutel! Bewussteres Konsumverhalten!
Für eine höhere Mütterrente! Abschaffung von Hierarchien!
Die Vollbesetzung von Leerstand und grenzenlose Utopien!
Dies sind nur ein paar Beispiele von Ideen zu denen wir stehen.
Die ganze Platte gibt es übrigens auch hier zu hören und zu bestellen, was ich nur empfehlen kann. Auch die Texte gibt es dort nachzulesen. Was gut ist, weil zumindest ich die Texte auf dem Album nicht immer auf Anhieb verstehe - der alte Sänger Sibbe hatte da schon eine etwas klarere Artikulation, Stemmen und Mario und Ori geraten da oft etwas zu sehr in hektisches Schreien und Keifen, was zwar Wut und Aussage hervor hebt, dem Textverständnis aber nicht immer dienlich ist. Ja, aber ich will nicht zu sehr über das Album meckern, davon abgesehen ist es nämlich sehr gut, und außerdem geht es hier und heute ja eher um das Live-Erlebnis.
Eine etwas "andere" Releaseparty durch den ziemlich familiären Rahmen. Das ist so sogar wörtlich zu nehmen, Stemmens Familie ist da und hat sich den Tisch ganz vorne gesichert, was schon ziemlich süß ist. Ansonsten ist, trotz ausverkaufter Hütte, der Laden ziemlich angenehm gefüllt und man hat irgendwie das Gefühl, jede/n der Anwesenden zu kennen.
Nachdem der letzte Song der A-Seite gespielt wurde, gibt es, ganz dem Konzept folgend, eine kleine Pause, "damit die Band sich umdrehen kann" - puh, ein Treppenwitz, hat bei dem einen oder anderen Anwesenden etwas gedauert. Wir tauschen alle mal die Plätze damit wir nicht zu sehr verwurzeln, und schon geht es weiter.
Die ganze Platte zu spielen fordert natürlich auch der Band einiges ab, sind ja nicht unbedingt alle Lieder dafür prädestiniert, live dargeboten zu werden. Aber wenn es mal nicht so ganz läuft, muss man einfach nur die Band (oder war's das Mischpult?) einmal aus- und wieder einschalten.
Ein sehr schönes Konzert mit beinahe andächtigem Publikum und einer gut gelaunten, aber auch irgendwie gut nervösen Notgemeinschaft. Nachdem die Platte durch ist, gibt's wieder ein paar ältere Stücke zum Ausklang (der Chor von "Kellerkinder" hallt bei mir immer noch nach), und dann war's das.
Sehr schöner Abend, sehr gutes Konzert, was soll man dazu noch sagen. Gerne wieder, sowohl Band als auch Location für immer im Herzen. Oi.

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tenpints
(tenpints)
29.09.2018 15:25
Nun ist es aber, leider, so:

Wenn Punk-Bands in Parlamenten als leuchtendes Beispiel für demokratisches Engagement gefeiert werden und andere Punk-Bands plötzlich das Programm von DIE LINKE runterbeten, kann man - als Punk - entweder darüber bitter lachen oder sagen: Stimmt! Mitmachen wollt ich auch immer schon mal.

Man kann aber auch Punk als Gegenentwurf zu dieser Gesellschaft ernst nehmen. Für mich bedeutet Punk nämlich: destruktive Kritik an dieser Gesellschaft; dieser Gesellschaft ins Gesicht spucken oder lachen oder schreien, aber ganz bestimmt nicht bei ihr mitmachen! Ich fordere keine Erhöhung von Mindestlohn oder Sozialkassen, ich fordere die Abschaffung der Lohnarbeit und die Einführung einer an Bedarf und Interesse orientierten Arbeitsorganisation. Ich fordere keine Rüstungskonversion, sondern das Ende imperialistischer Kriegspolitik. Ich fordere keine bessere Mietpreisbremse, sondern die Enteignung aller Vermieter*innen und die Selbstorganisation von Wohnraum durch die, die darin wohnen. Ich fordere kein bewussteres Konsumverhalten, sondern das Ende der kapitalistischen Produktionsweise und die Einführung einer am Bedarf orientierten Wirtschaftsform. Der Gegensatz zwischen euren und meinen Forderungen ist nicht der, dass meine nicht positiv wären - der Gegensatz ist der, dass eure immer an dem Gedanken orientiert sind, dass diese Gesellschaft, in der wir leben, doch eigentlich gut ist, wenn man nur ein paar Dinge daran verändert, sich konstruktiv an ihrer Veränderung beteiligt, den "Marsch durch die Institutionen" angeht. Dieser moralistische, sozialdemokratische Gedanke, der in seiner letzten zynischen Konsequenz - Stichwort "bewusster Konsum" - die Ursache für das Elend der Welt tatsächlich im einzelnen Individuum sieht und die wahre Ursache - die von skrupellosen Regierungen und ihren Schergen mit Gewalt aufrecht gehaltene Grundordnung der Gesellschaft selber! - einfach nicht sehen möchte, scheitert nun schon seit 100 Jahren auf ganzer Linie (denkt nur mal an Die Grünen! Als Friedenspartei gestartet und nur knapp 20 Jahre später den ersten Krieg von deutschem Boden seit 1945 mitbeschlossen - aus imperialistischen "Sachzwängen" heraus!), und trotzdem haltet ihr daran fest!

Bei euren Forderungen, liebe Notgemeinschaft Peter Pan, landet ihr irgendwann im Parlament oder in linken Parteibüros, aber nicht in einer menschenfreundlichen Gesellschaft. Ihr beteiligt euch am Diskurs um die Verwaltung eines Systems, das euch systematisch schadet. Diesen Diskurs will ich nicht! Ich will keine Verantwortung für den kapitalistischen Staat übernehmen, denn egal, was für Veränderungen ich innerhalb seiner Grenzen durch demokratische Strukturen erreiche, er wird das Ende der Menschheit, die Zerstörung des Planeten, die massenhafte Verelendung der Massen auf Kosten einiger weniger, weiter vorantreiben.
orwellwasright
(orwellwasright)
03.10.2018 21:22
Wow! Die Kritik ist mal richtig sauber auf`n Punkt gebracht.
Allerdings befinden sich auch ein paar richtig satte Nummern auf dem Album, die nicht bei einer "besseren" Form von Sozialdemokratie stehen bleiben. Wie beispielsweise: Kleine Motivationshilfe, Microkosmopoliten oder Milchglas...
Alles in allem denke ich aber auch, dass dies, textlich, als auch musikalisch, die bisher schwächste Veröffentlichung der Notgemeinschaft ist.
Kann jeden einzelnen, von dir, aufgezählten Punkt nur unterschreiben!
kraVal
(kraVal)
04.10.2018 20:38
die kapitalistische verwertungsgesellschaft ist scheiße, aber ihr nur den mittelfinger zeigen und dann sein billig bier trinken, verändert halt nix. ich bin ganz froh, dass son paar bands nicht nur abgestumpft auf den boden spucken sondern noch was vor haben. und ich find die platte super!
t-mo

05.10.2018 11:54
@TenPints @Orwell
Stimme euren Forderungen zu, aber:
"der Gegensatz ist der, dass eure immer an dem Gedanken orientiert sind, dass diese Gesellschaft, in der wir leben, doch eigentlich gut ist, wenn man nur ein paar Dinge daran verändert, sich konstruktiv an ihrer Veränderung beteiligt"
Ich habe die Band so verstanden, dass ERSTMAL der (von ihr formulierte) Weg das Ziel ist. Was war nochmal EUER Weg zum Erreichen der aufgestellten (schön und gut) Forderungen? Revolution (ohne Unterdückung) oder Warten bis alles gut ist? Viel Spaß mit der heutigen Gesellschaft bei ersterem und Zeit bei letzterem.
tenpints
(tenpints)
07.10.2018 21:38
Ich kann mich nur wiederholen: Die sozialdemokratischen Parteien scheitern seit 100 Jahren an dem Anspruch, mittels Reformismus irgendwann endlich mal im Sozialismus anzukommen.
Ganz ehrlich, ich halte eine Revolution für den wahrscheinlicheren und realistischeren Weg. Erste Voraussetzung dafür ist, dass es Leute gibt, die auf der Basis intensiver Analysen der ggegenwärtigen Gesellschaft dafür streiten. Dafür muss man dann z.B. mal Texte lesen, sich organisieren, mit Leuten über konkrete Alltagsthemen reden, diskutieren... alles Praxis, die ordentlich Zeit und Arbeit bedeutet und mit bloßem Warten herzlich wenig zu tun hat.

tenpints
(tenpints)
07.10.2018 21:42
Und auch die Unterstellung, wer nicht im bürgerlichen Politikbetrieb mitmachen will, der mache außer Mittelfinger zeigen und Bier trinken nichts, die möchte ich zurückweisen. Allein den Text da oben zu schreiben z.B. war was anderes.

(Mittelfinger zeigen und Bier trinken ist aber trotzdem immer noch mehr Punk als z.B. Gesetzesvorhaben für bessere Mietpreisbremsen zu erarbeiten ;P)
kraVal
(kraVal)
08.10.2018 08:42
https://imgflip.com/i/2jmqig

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