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Flipper, We Are The Asteriod, 08.08.2019 in Aachen, Musikbunker - Bericht von poly

Flipper, 08.08.2019 in Aachen

Die 40th Anniversary Tour von Flipper macht Halt im Aachener Musikbunker. Das ist ein triftiger Grund, an einem Donnerstag von Duisburg nach Aachen zu fahren. Zuerst geht es aber nach Oberhaussen, Punkt 18 Uhr Treffen mit Dän, dort an den Kiosk, wo Hansa nur 80 Cent kostet. Er holt vier davon und ein Wasser, für den Fahrer, also mich. Die Fahrt zieht sich hin wie Kaugummi, mit guter Musik ist sie aber aushaltbar. Vierzig Kilometer vor Aachen beginne ich damit, Däns Ohren mit diversen Songs von Flipper zu malträtieren, zäh wie Lava laufen die Lieder aus den Boxen, ein kleiner Warm-Up sozusagen. Vor lauter Versunkenheit in die Musik rückt nicht nur die Straßenverkehrsordnung in weite Ferne, sondern auch alle Bedürfnisse, wir vergessen, einen Rasthof anzusteuern. Als wir um 19.45 Uhr am Aachener HBF ankommen, um dort Fabsi, unseren letzten Mitreisenden, einzusammeln, ist der persönliche Druck höher als der Reifendruck. Fabsi ist noch nicht da, dafür können wir über die Mauer und einen kleinen Hügel hoch, um dann direkt unterhalb von Gleis 1 Erleichterung zu finden. Fabsi stößt schließlich zu uns, gemeinsam legen wir das letzte Stück Weg zum Bunker zurück. Ich erkenne die Straßen wieder, mein Bruder wohnte zehn Jahre dort, die verlockende Nähe zu Holland...
Wir fahren am Bunker vor, hier sollen Flipper spielen? Keine Menschen zu sehen, aber immerhin ein freier Parkplatz direkt vor dem Etablissement. Des Rätsels Lösung ist kurz, wir sind am Hinterausgang gelandet. Einmal durch den Park, am Basketballfeld vorbei, wir sichten eine Gruppe älterer Herren, in die auf jeden Fall ich mich nahtlos einreihe. Treppe hoch, Treppe runter, ein dreißig Meter langer Gang führt tief in den Bauch des Bunkers hinein.
Auf dem Foto ist Dän zu sehen, wie er traumwandlerisch sicher die dunkle Höhle erobert.
Nach zwei weiteren Ecken empfängt uns ein netter Mensch am Einlass. Wir weisen uns aus und müssen eine weitere Wegstrecke zurück legen. Schließlich sind wir im Konzertraum, Nebel, schummriges Licht und Lärm. Eine rechtwinklige Theke zerteilt die vordere Hälfte des Raumes, wir ordern uns ein Bündel Kaltgetränke. Auf der Bühne, welche gegenüber der Theke ist, spielen bereits WE ARE THE ASTERIOD.
Ein Trio mit psychedelischem Grungepunk, drei Profis an ihren Instrumenten. Die Songs gehen alle gut ins Ohr, Bassist und Gitarrist singen abwechselnd, außerdem gibt es häufiger ein Gesangsloop zu Anfang eines Songs, der Bassist hat wohl so ein nettes, technisches Schnickschnackgerät dabei, worüber ich mehr sagen könnte, wenn ich mich denn damit auskennen würde.
Einer von der Band hat früher bei den Butthole Surfers gespielt, wer es denn war, könnte ich nur schätzen. Bei Interesse ließe es sich bestimmt leicht heraus finden. Die Band spielt ihren letzten Song, ein kleiner Hit, trotzdem gehe ich kurz vor die Tür, ich möchte von Flipper nicht mal den Soundcheck verpassen.
Bei meiner Rückkehr in die Höhle stelle ich fest, dass Ted Falconi bereits auf der Bühne steht und damit beschäftigt ist, in aller Ruhe seine Effektgeräte einzustöpseln. Es sind nicht viele. Ted ist nach meiner groben Schätzung fast siebzig Jahrer alt, seine Haare sind silbergrau und mehr oder weniger zu einem riesigen verfilzten Zopf zusammen gebunden. Auf dem Foto sollte seine Gitarre abgebildet sein, die Dunkelheit verschlingt sie ein wenig. Das Ding ist uralt, wahrscheinlich spielt er bereits sein ganzes Leben darauf.
Der riesige, alte Mann steht einfach da und bereitet sich entspannt auf den Gig vor. Als junger Mann war er als Funker in Vietnam, was seinem semilegendären Status den ersten Grund verlieh. Er hatte sein Surfbrett dabei, soweit er sich erinnert, als einziger GI vor Ort, was ihm eine Erwähnung in Apocalypse Now einbrachte. Die 1970er Jahre nach seinem Einsatz verbrachte er als bildender Künstler, bis er sich jene Gitarre zulegt und autodidaktisch in die frisch entstandene Punkwelt einstieg. 1979 wurde schließlich FLIPPER gegründet, gemeinsam mit dem heute ebenfalls mitspielendem Steve DePace am Schlagzeug und den zwei Bassisten und Sängern Will Shatter und Bruce Loose. Letzterer stieg 2015 aus Altersgründen aus, Will Shatter verstarb 1992 an den Folgen seiner jahrelangen Heroinsucht. Nach verschiedenen fehlgeschlagenen Reunionversuchen, unter anderem zu Zeiten des Nirvanabooms, Kurt Cobain hatte bei einem Fernsehauftritt ein selbstgemaltes FLIPPER-Shirt getragen, nun, 40 Jahre nach der Gründung, die wahrscheinlich letzte Gelegenheit, diese Band, Begründer eines eigenen Sounds, live zu erleben.
Die beiden fehlenden Originalmitglieder sind mehr als würdig ersetzt worden, Mike Watt am Bass, zu erahnen auf dem obigen Foto, und David Yow am Gesang. Yow, bekannt als Sänger von Scratch Acid, erste Garde des amerikanischen Noisepunks aus Texas und weiter in den 1990er Jahren Sänger bei The Jesus Lizards. Mike Watt wiederum spielt im aktuellen Line-Up von Iggy and the Stooges, bekannt wurde er aber als Bassist von Minutemen, jener legendären amerikanischen Punkband, welche u.a. die Titelmelodie von MTV's Jackass erschaffen hat. Auf der Bühne befinden sich demnach ganze vier Mitinitiatoren der amerikanischen HC-Explosion Anfang der 1980er Jahre. Nachdem Mike Watt seinen Bass ebenfalls in Position gebracht hat und David Yow sich mit genügend Früh-Kölsch auf der Bühne versorgt hat, geht es auch sofort los.
Das Set beginnt mit dem Eröffnungstrack von der zweiten LP "Gone Fishin", dessen Titel "The light, the sound, the rhythm, the noise" im Grunde vorgibt, was uns die nächsten 60-80 Minuten erwartet.
Für Interessierte ein Foto der Setlist, wie ein Feuerwerk in Zeitlupe kriechen die Hits aus den Boxen. Ted Falconi klappt seinen Zeigefinger hoch wie eine Schranke, jagt kurz mit den übrigen Fingern über das Griffbrett und klappt dann den Finger zurück. Gleichbleibend wie ein dunkler Strom fließt die Gitarre, trotz dieser manuellen Eskapaden, in die Ohren der begeisterten Zuhörer. Dazu ein bestens aufgelegter Mike Watt, schnelle Läufe hoch und runter, dann wieder minutenlang nur drei Töne Rhythmus, teilweise wie ein Kreis anmutend.
Seine gemütliche Präsenz auf der Bühne, unterbrochen höchstens durch einen kleine Ausfallschritt oder die kurze Persiflierung der KISS-Zunge, bietet einen herrlichen Kontrast zu dem Gewummer, welches er gemeinsam mit Steve DePace am Schlagwerk produziert.
David Yow am Mikrofon hingegen bringt sämtliche Qualitäten auf die Bühne, welche von ihm erwartet werden können. Er schreit, krächzt, wispert, keift und spricht. Er animiert das Publikum zum Mitsingen, verlässt die Bühne für ein Bad in der "Menge", stützt sich auf die Schädel der ersten Reihe, umarmt mit zärtlichen Blicken diejenigen, die es wünschen oder macht einfach nur Krawall. Dazwischen immer mal wieder ein Kölsch, vor oder während der Lieder, dann verteilt er plötzlich kleine Würstchen ans Publikum, die er wahrscheinlich vor dem Gig an irgendeiner Tankstelle gekauft hat.
Lustig auch die obige Situation, als er sich wie eine mittelalterliche Geisel am Mikrofonständer selber aufhängt und minutenlange Torturen imitiert. Fabis ist mittlerweile auf der Tanzfläche, während Dän Kontakte für seine Bands irgendwo an der Theke knüpft. Das Publikum tanzt, johlt und feiert den dargebotenen Sound würdig. Zum Abschluss kommt noch Sex Bomb Baby, der Überhit von der ersten Platte "Generic Flipper". Ein toller Abschluss für ein tolles Konzert. Mike Watt hatte vorab einen Aufruf über Fatzbook gestartet, der an Saxofonisten oder ähnliches gerichtet war, sich vor dem Konzert (oder den folgenden) zu melden, um diesen Song gemeinsam mit der Band zu improvisieren. Leider hat sich für Aachen niemand gefunden, dies hätte nochmal eine Steigerung bedeuten können. Glücklicherweise hatte eine Frau im Publikum so derartig hohe Schreie in das von David Yow im Publikum herumgereichte Mikrofon hineingelegt, diese waren ein adäquater Ersatz für die fehlenden Blas- und Noiseinstrumente.
Nachdem das letzte Fiepsen der Gitarre verklungen war, packten wir unsere Siebensachen und eilten nach draußen. Mit einem frohen Lächeln auf dem Gesicht kamen wir aus der dunklen Höhle und wurden von der lauen Sommernacht empfangen. Die anschließende Rückfahrt verbrachten wir mit dem weiteren Hören von Musik, obwohl das Gitarrengequietsche wenigstens in meinen Ohren stetig weiter zu gehen schien.
Zuletzt noch ein wenig Reklame für die erste LP von Scratch Acid, welche uns die Rückfahrt versüßte. Ein Klassiker des amerikanischen Noisepunks aus den 1980er Jahren. Mit dem Gefühl, ein wenig von dem alten Spirit mitbekommen zu haben, schaukelten wir über die vielen verschiedenen Autobahnen von Aachen zurück nach Duisburg. "That's the way of the world" würden FLIPPER dazu singen.

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