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Lügen, 09.05.2020 in Dortmund, Rekorder - Bericht von poly

Lügen, 09.05.2020 in Dortmund

Die sympathische Dortmunder Punkband LÜGEN machte aus der Not eine Tugend, und spielte am Samstag ein Konzert im Rekorder. Da diese Zeiten nunmal so sind, wie sie sind, war es natürlich nicht möglich, den Auftritt vor wahrhaftigem Publikum zu gestalten, weshalb dieses Konzert über den Facebookaccount des Rekorders live in Echtzeit in das Internet gestreamt wurde. Nach Pisse und Thorsten Nagelschmidt jetzt mein drittes Streamingkonzert. Für meine Verhältnisse sind drei Konzerte in vier Wochen das Maximum, was ich ehrlicherweise zu normalen Zeiten in manchen Monaten nicht annähernd erreicht habe. Das andere Konzert und die Lesung haben mir gut gefallen, vor allem unter dem Aspekt, dass ich trotz der fehlenden Greifbarkeit ein relativ unmittelbares Gefühl dabei hatte.
Aus dem Mangel an Fotos heraus, ich hätte einfach Screenshots machen sollen, werde ich paar andere Fotos, die mit der Band LÜGEN zu tun haben, verwenden. Den Anfang macht ein Foto meines Notizbuches, welches durch einen auf dem Konzert in Leverkusen bekommenen Aufkleber recht passend verziert ist.
Einlass zu dem Konzert war um 20 Uhr, so knapp 40 Zuschauer*innen, sofern die bei Facebook angezeigte Zahl stimmt, waren mit mir dabei. Ein Foto der Bühne mit Hintergrundmusik vor die Augen bzw. Ohren gesetzt überbrückte die wahrscheinlich technisch bedingte Wartezeit und ließ daran teilhaben, wie Menschen sich nach und nach dazu schalten. Ziemlich genau wie geplant um 20.15 Uhr fingen Lügen sofort an zu spielen. Die Optik in schwarzweiß erinnerte ein wenig an alte Filme, nur das wirklich gestochen scharfe Bild, auf dem Handy zumindest, ließ gewahr werden, in einem Livekonzert im schon jetzt legendären Jahr 2020 zu sein.
Der Anfang gefiel mir richtig gut, nach den ersten Songs folgte eine kurze Vorstellung der Band mit dem Hinweis, an den Rekorder zu spenden, um die örtliche Subkultur zu unterstützen.
Die am Anfang des Konzertes geschaffene Aura, die mich für den Moment in das Jetztsein dieses Konzertes hineinzog, flachte dann im Verlaufe des Konzertes ein wenig ab. Die Songs wurden sehr gut und überzeugend vorgetragen, nur die Pausen zwischen den einzelnen Songs bzw. Songblöcken waren zu lang. Die dabei geschehene Abwendung von dem Publikum, total verständlich im leeren Club, ließen ein Loch in dem oben beschriebenem Gefühl entstehen. Diese Praktik ist bei Live- Konzerten vor Publikum absolut angebracht, eine Punkband ist keine Unterhaltung, rein die Musik und die dadurch transportierte Haltung sollten zählen.

Zur Auflockerung ein kleines Foto von meinen Notizen, die ich während des Konzertes gemacht habe, was mich dann tatsächlich auch noch abgelenkt hat:
Bei einem live im Internet übertragenen Konzert, im Bewusstsein dessen, ohne vor Ort anwesendes Live-Publikum zu spielen, hat diese Verweigerungshaltung für mich nicht richtig funktioniert.
Beim Schauen im Internet wird häufig davon ausgegangen, aufgezeichnetes Material zu sehen zu bekommen. Bei explizit als Live- Event veranstalteten Konzerten, eine durch den Lockdown herausgeforderte Idee, unabhängige Musik oder Literatur trotzdem verbreiten zu können, sollte wenn möglich ein unmittelbarer Kontakt zum virtuellen Publikum hergestellt werden. Die Verweigerung dessen ließ die Zuschauer*innen für einen Moment den Faden verlieren, der dann nicht auch gleich wieder aufgenommen werden konnte. Mir hätte es gefallen, wenn durch Anrede, in welcher Form auch immer, der der durch die Musik geschaffene Spannungsbogen auch über die Pausen hinweg hätte gehalten werden können. Andererseits finde ich es einfach auch interessant, wie diese Art der Konzertkultur, welche Annehmlichkeiten wie gemütlich auf dem Balkon sitzen, rauchen und die Mitnahme auf die Toilette erlaubt, gerade am Entstehen ist. Als normal mitdenkender Zeitgenosse ist mir bewusst, dass die derzeitigen Einschränkungen noch lange laufen können, weshalb noch viele derartige Momente auf uns zu kommen werden. Da kann halt noch Vieles ausprobiert werden, als erstes Fazit bleibt für mich aber stehen, dass eine dauerhafte Stimmung nur aufgebaut werden kann, wenn unmittelbare Statements getroffen werden. Die Zuschauer*innen müssen sozusagen in das Geschehen hineingezogen werden. Dennoch sollte den Protagonist*innen gegenüber die Nachsicht walten.
Die Unmittelbarkeit ist im Medium Internet anscheinend genauso wichtig wie sonst auch. Das eventuelle Verhängnis aber, dauerhaft im Internet mit irgendwelchen Eskapaden gespeichert zu sein, lässt den virtuellen Nachgang ungleich höher erscheinen als eventueller Spott im realen Leben. Was einmal im Internet ist, geht schwerlich dort wieder hinaus.
Trotz dieser Anmerkungen hat mir das Konzert sehr gut gefallen, eine tolle und authentische Band, die ich mir auch im realen Leben immer wieder anschauen würde. Dabei auf dem Balkon sitzen und in die Ferne schauen ist zwar nicht unbedingt die Art von Punk, wie wir sie kennen, aber wenigstens eine kleine Ablenkung in der für uns Privilegierte zwar aushaltbaren, aber nicht wirklich angenehmen Situation.
Dennoch:
Ein hohes Maß an Solidarität sollte  nachdrücklich für die in  Moria eingesperrten Menschen aufgebracht werden und anschließend denjenigen europäischen Länder, die von dieser Krise wirklich hart erwischt wurden.
Beispielhaft für etwas bessere Zeiten, ironisch oder auch nicht, abschließend noch das Cover von LÜGENs zweiter Mini-LP, derartige Szenen sind momentan kaum vorstellbar.

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poly
(poly)
10.05.2020 19:18
Ärgerlicherweise habe ich vergessen, das großartige Intro von Dirk Bernemann zu erwähnen und möchte das an dieser Stelle nachholen.
Rattatatat

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Band:
Lügen
Musikstil: Post-Punk, Post-Hardcore, Deutschpunk
Herkunft: Dortmund
Homepage: https://www.facebook.com/luegenpunx
...mehr Infos
Konzertberichte: 13
Platten-Reviews: 2

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