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Drens, 27.06.2020 in Essen, Zeche Carl - Bericht von Fö

Drens, 27.06.2020 in Essen

Hab grad nachgezählt, seit 109 Tagen kein Konzert mehr besucht. Heiliger Klabautermann! Schon irgendwie Wahnsinn, wie sich diese ganze Geschichte so entwickelt hat und wahrscheinlich noch entwickeln wird, denn ein Ende ist ja weiterhin nicht wirklich in Sicht. Auch vor dem Hintergrund, dass ja weiterhin hier und da kleine Brandherde auflodern, die uns gewahr werden lassen, dass wir die Pandemie noch lange nicht überstanden haben. Ich hab ja an sich ein bisschen resigniert. Konzerte werden wohl noch einige Zeit nicht mehr so stattfinden können, wie ich sie mir vorstelle, was aber auch nur die halbe Wahrheit ist, demgegenüber steht der Punkt unserer eigenen Verantwortung. Will ich überhaupt ein Konzert besuchen, mit all den Implikationen, die sich dort eventuell ergeben könnten? Ist das nicht eventuell ziemlich egoistisch? Ich bin ja mittlerweile ziemlich konditioniert, reagiere irritiert wenn ich "größere" Menschenansammlungen sehe, gehe zu unüblichen Zeiten einkaufen, mache auch mal nen großen Bogen wenn ich an Menschen vorbei laufe. Alles Sachen die mir nicht wirklich weh tun, von denen aber fraglich ist, was sie mit unserem gesellschaftlichen und sozialen Miteinander machen. Keine wirklich rosigen Aussichten.
Tja, und dann wäre da das andere, das Ausbrechen aus dem Apokalypse-Trott, irgendwie will man ja doch, wie früher, einfach mal unbeschwert Spaß haben. Ich halte das mit dem "Spaß", wie auch immer man es genau definiert, für ein wichtiges Gut, wenn nicht elementares Gut, weil es ja schließlich das ist, was uns irgendwie antreibt und einen Sinn in allem gibt. Also Spaß im Sinne von Kultur, Kunst und so weiter. Deswegen halte ich es für sehr ignorant, solche Sachen als "Luxusgut" zu deklarieren, auf die man auch mal verzichten kann. Klar kann man "mal" verzichten, aber auf Dauer macht uns das doch kaputt, oder? Also, so innerlich. Nee, auch äußerlich, insbesondere finanziell, wenn man mal das Augenmerk auf die Leute richtet, die unter normalen Umständen aufopferungsvoll ihren Lebensunterhalt damit bestreiten, dass wir glücklich sein können und Spaß haben und an Kultur teilhaben können. Die denn Kitt unserer Gesellschaft bereitstellen und dadurch eben einfach viel wichtiger sind als irgendwelche Fluggesellschaften, Kaufhauskonzerne oder Fleischproduzenten. Klingt pamphletisch aber ey, et is nunmal so! Ich weiß, die Ursachen liegen tief und man kann vermutlich auch alles Schlechte, was derzeit passiert, auf die einfache Formel "Kapitalismus = böse" pressen, aber das bringt uns halt auch nicht weiter.
Bevor ich jetzt den Bogen weiter überspanne, fahren wir noch schnell die Kurve zurück zum Thema "Konzerte". Nach und nach gibt es ein paar vorsichtige Lockerungen, so dürfen unter bestimmten Auflagen auch Konzerte stattfinden. Ein solches besichtigen wir heute. Auch wenn mir aus oben genannten Gründen doch etwas mulmig zumute ist dabei, aber es siegt dann doch die Neugierde darüber, wie sich so ein Konzert denn so anfühlt. Um es mal vorweg zu nehmen, meine Erwartungen sind jetzt nicht sonderlich hoch. Auf sonderlich viel Interesse stößt das Konzert im Freundeskreis auch nicht, aber Dagmar kommt bereitwillig mit. Cool!
In einem Hinterhof der Zeche Carl findet "Carls Draußensommer" statt, eine Veranstaltungsreihe, in der zweimal die Woche an frischer Luft Programm geboten wird in Form von Konzerten, Lesungen oder auch irgendwelcher Comedians. Limitiert auf 100 BesucherInnen, bestuhlt, mit Abständen und weiteren Maßnahmen.
Und so sieht das aus! Karten darf man nur in Zweierpaketen kaufen, weil eben auch in Zweierreihen bestuhlt wurde. Einlass mit Maske, die man am Sitzplatz aber abnehmen darf. Am Einlass werden Kontaktdaten nebst Sitzplatznummer erfasst, der Tresen ist nur bis Konzertbeginn geöffnet. So insgesamt fühle ich mich hier deutlich wohler als im Supermarkt, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Park an nem Samstag Nachmittag, von daher sind meine Bedenken, dass es eventuell nicht cool sein könnte, so eine Veranstaltung zu besuchen, schnell weggefegt.
Weitere Bedenken: Ich hasse einfach Sitzkonzerte! Da hat man im Zweifelsfall einen doofen Platz mit doofer Sicht, und so wirklich Stimmung kommt auch nicht auf. Beides ist heute nicht gegeben! Durch den ausreichenden Platz hat man wahrscheinlich von überall aus gute Sicht, aber erst recht natürlich, wenn man, wie wir, Deluxe-Plätze in der ersten Reihe hat zugewiesen bekommen! Lag vermutlich an unserem guten Aussehen oder an dem, was das Einlasspersonal unter den Masken an gutem Aussehen vermutet hat.
Die Band der Stunde sind DRENS, und als die beim zweiten Lied andeuten, dass es durchaus okay sei, wenn wir aufstehen, fällt mir ein Stein vom Herzen und eine freudige Träne kullert über die linke Wange. Ein Konzert IM STEHEN! Dass ich das in diesem Jahr nochmal erleben darf, ein Traum! Natürlich soll man den Platz trotzdem nicht verlassen und weder Todesmoshpit noch Blutpogo gehören zum gewünschten Arsenal zeitgemäßer Konzerte, aber das ist wohl auch allen Beteiligten klar und für alle okay. Aber vor der Bühne stehen und ner Liveband zuschauen, das hat schon sehr viel von einem Konzert, wie ich es mir vorstelle.
Und die Band? Aufmerksame Verfolger dieser Seite und unserer Aktionen kennen die Band vielleicht noch vom letztjährigen Copacabanana Festival, wo sie einfach mal so eben richtig geil abgeräumt haben. Andere kennen die Band vielleicht auch aus anderen Zusammenhängen. Selbst gesehen habe ich Drens erstmalig letztes Jahr in der Pauluskirche, dort konnten sie bereits zeigen, dass sie auch bei Sitzpublikum ganz gut für Stimmung sorgen können. Wobei dort ja immerhin getanzt werden durfte (und wurde).
Ansonsten hätte 2020 vielleicht DAS Durchstart-Jahr für die junge Band sein können. Im Mai kam die EP "Pet Peeves" raus, es hätte ne Tour gegeben, gestern kam noch noch weiteres schwarzes Gold in Form einer Split-EP mit Love Machine raus, läuft ganz gut bei den Jungs! Oder hätte laufen können. Umso mehr freuen sie sich, heute auf ner Bühne stehen zu können, das merkt man ihnen an.
Was gibt es zu hören? Drens machen so richtige Sommermusik. Das deuten wohl schon die Baywatch-Gedenk-Shorts an. Oder auch Titel wie "A Very Sunny Day" oder "In The Summertime When All My Friends Got Time" (guter Reim übrigens). Bisschen Indierock, bisschen Lofi-Garage, bisschen Surfpunk. Gute Mischung. Die Rap-Einlage von Gitarrist Arno klammern wir mal höflich aus.
Achja, Sommer. Die Temperaturen der letzten Tage machen uns natürlich auch allen zu schaffen und sorgen für den verbalen Faux-Pas des Abends. So sagt Sänger/Gitarrist/Schlagzeuger Fabian mit Blick auf das heiße Wetter "Der nächste Song heißt wie meine Körpertemperatur, 'Heat' - ah, also, nee, ich hab kein Fieber! Ich hab kein Fieber!". Geil. Die Corona-Polizei ist informiert.
Corona ist natürlich auch immer mal wieder Thema. Wir kriegen Songs geboten, die die Band noch nie live spielen konnte, einen sogar der frisch aus dem Proberaum kommt. Trotzdem mega schmissig!
Sehr erfrischend auch, dass sie alle durchweg am Grinsen sind, was durch ihre mühsam gezüchteten Schnurrbärte noch verstärkt wird. Gude Laune! Publikum geht soweit auch mit. Gut, einige ältere BesucherInnen waren vermutlich mit sowas wie nem Draußensommer-Abo hier und hatten eher gemäßigte Töne erwartet, aber das war ja auch irgendwie süß. Ansonsten stehen/sitzen alle auf ihren Plätzen und klatschen/jubeln fleißig. Sehr diszipliniert. Ich glaube, so ungefähr hat man sich im Ausland schon vor Corona typische Konzerte in Deutschland vorgestellt.
Auf der Bühne passiert noch etwas mehr, da gibt es Bewegung, es werden auch mal Instrumente gewechselt, auch am Gesang darf sich jeder mal austoben, ein wirklich sehr lebendiger Auftritt. Bis hin zur Zugabe, die uns als eine Bon-Jovi-Nummer angekündigt wird. Wird auch kurz angespielt, keine Ahnung was fürn Song, ich bin mit dieser 80er-Jahre-Musik nicht so vertraut. Ich weiß bis heute nicht, ob "Livin on a Prayer" nun von Bon Jovi oder Madonna ist.
Tiefpunkt natürlich, dass noch eine weitere Zugabe gespielt wird, in Form eines Liedes, das zuvor bereits dargeboten wurde. Nagut, bei nur einer Band am Abend irgendwie verzeihlich und sie haben ja vorher gefragt, ob das okay sei, und es schien zumindest keine geplante Zugabe gewesen zu sein - trotzdem nervt mich sowas. Schlimmer noch, in dem Lied geht es ums Fahrradfahren, und ich hasse Fahrradfahren! Das soll aber meine Konzertfreude nicht weiter trüben. Hat echt überraschenderweise trotz aller Umstände viel Spaß gemacht und war definitiv das beste Konzert, das ich in den letzten 109 Tagen besucht habe. Ab nach Hause (meine innere Uhr ist voll auf Corona-Time eingestellt, länger als bis 22 Uhr aufbleiben ist halt einfach nicht mehr drin!).

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Band:
Drens
Musikstil: Surfpunk
Herkunft: Dortmund
Homepage: https://www.facebook.com/drensband/
Konzertberichte: 4

Location:

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