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Punk in Drublic: NoFX, Pennywise, Me First And The Gimme Gimmes, Talco, Ignite, The Bombpops, Days'n'daze, Pinc Louds, 21.05.2022 in Nürnberg, Sommerbühne am Max-Morlock-Stadion - Bericht von Gerdistan

Punk in Drublic, 21.05.2022 in Nürnberg

Fotos machen ist überbewertet. Klar, Bierschinken ist für viele „die Seite mit den Fotos“ (die noch aussieht wie 1995), aber ich bin dafür oft einfach zu träge. Besonders bei einem Event wie dem hier beschriebenen bringen doch Handyfotos aus 200 Metern Entfernung zur Bühne niemandem auch nur ansatzweise irgendwas. Deshalb hier nun mein Wochenendbericht aus Nürnberg, hauptsächlich jedoch über das PUNK IN DRUBLIC OPEN AIR auf der Sommerbühne am Max-Morlock-Stadion.


Freitag Mittag, ich muss nicht zur Arbeit, weil ich Überstunden reduzieren will und fahre daher gen Nürnberg. Vorher wird mir von meinem acht Jahre jüngeren Gastgeber noch recht mütterlich ans Herz gelegt, es könne ja regnen, ich solle eine Regenjacke einpacken. Ich bin einerseits pikiert ob des augenscheinlich geringen Maßes an Vertrauen in meine Person, gleichermaßen aber auch dankbar, denn ich hätte sonst wirklich keine Regenjacke eingepackt. Beim Start in Augsburg sind nämlich noch 29,5° und prallster Sonnenschein.


Erster Stopp nach der WG direkt über der Gaststätte „Mops“ mitten in Gostenhof, in der ich die nächsten zwei Nächte meinen ranzigen Kadaver parken werde, ist eine öffentliche Tischtennisplatte. Nachdem wir uns ca. 20 Minuten verausgabt haben, geht es weiter zum Nürnberger Bratwurstmuseum. Es ist kurz vor Schluss und der Mensch an der Kasse hat Langeweile, für drei Euro Eintritt kriegen wir also zu den harten Fakten über die Nürnberger Bratwurst gratis dazu Anekdoten in breitestem Fränkisch serviert. Das hat sich gelohnt!


Nächster Halt ist der „Wanderer“, eine Kneipe an einem großen kopfsteingepflasterten Platz mitten in Nürnberg. Während wir uns im Schatten eines großen Baumes den ersten Krug fränkisches Bier in den Schlund laufen lassen, läuft uns alsbald ein guter Bekannter vom KNRD-Fest über den Weg, von dem ich nicht mal wusste, dass er wieder in Nürnberg wohnt. Kurz darauf werden es zwei, und so trinken wir weiter Bier, bis der Himmel seine Schleusen öffnet. Ab dem Zeitpunkt haben wir in einer nahegelegenen Unterführung weiter Bier getrunken, und so plätschert die Zeit dahin, bis es irgendwann halb acht ist und wir langsam losmüssen zum ersten fixen Programmpunkt des Tages: Die Lesung von MAX GOLDT im Hubertussaal.


Obwohl in meinem massiv punkrockgeprägten Freundeskreis Max Goldt kein Unbekannter ist, gehören wir zu den jüngsten und am schlechtesten angezogenen im Publikum. Bier kauft auch fast keiner, dabei ist es mit 3€ für die Halbe Ammerndorfer sogar recht günstig! Nun denn. Goldt liest wie üblich seine eigenen Texte aus den letzten knapp 40 Jahren seines Schaffens, die meistens in die Kategorie „observational humor“ fallen, letztendlich dann aber doch durch die unnötig gestelzte Ausdrucksweise brillieren. Da wird ein ungewöhnliches französisches Lehnwort in einem von mehreren Relativsätzen unterbrochenen Bandwurmsatz ans nächste gereiht, nur um zu beschreiben, wie jemand laut schlürfend eine Suppe isst. Muss man mögen! Tu ich aber. Wie immer amüsiert es bestens, es gibt sogar ne Pause zum Biernachschubbesorgen. Wermutstropfen ist, dass recht viele Katz-und-Goldt-Comics zu Prosa umgeschrieben zum Besten gegeben werden, da mag ich seine als Fließtext angelegten Sachen doch eigentlich lieber. Außerdem ist es recht leer, einige Leute kommen sogar nach der Pause nicht zurück, was für mich der Veranstaltung keinen Abbruch tut, aber eher so allgemein ein Post-Covid-Phänomen zu sein scheint. Ist dieser Ausdruck bereits gerechtfertigt? Ist Corona bereits vorbei? Man möchte es gerne glauben.


Nach der Lesung ging es dann noch auf zwei Absackbier, einen Quittenschnaps und den obligatorischen gigantischen Teller Pommes in den bereits oben erwähnten Mops, bevor mich ein traumloser Schlaf überrannte.


Tag zwei! Aufstehen, Körper entleeren, warmes Wasser drüberlaufen lassen und ab vor die Tür. Es ist Hinterhofflohmarkt in Gostenhof und ich habe eine Mission! Leider ist der von mir gesuchte Klappzahlenwecker eine angesehene Antiquität geworden und kein Flohmarktschrott mehr, deshalb leider kein Glück. Immerhin kann ich einer Frau den Spiegel abkaufen, der eigentlich zum Anprobieren des angepriesenen Schmucks da ist. Aber ein Geschäft ist ein Geschäft. Der Vormittag zieht ans uns vorüber wie die zahlreichen Stände mit gebrauchter Kleidung, veralteter Elektronik oder sonstigem Tand, dann wird noch schnell ein Falafel-Dürüm eingeatmet, bevor wir die Reise zum Ort des Geschehens antreten. Mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof, hier feststellen, dass meine EC-Karte nicht mehr akzeptiert wird (gut, dass ich das gerade schreibe, jetzt kann ich mich nämlich um Ersatz kümmern), Kassensturz, zu zweit 170 Euro, das wird ja wohl langen. Gutgläubig wie ich bin, gehe ich zudem davon aus, dass man wohl auch mit Kreditkarte zahlen können wird, so wie es in Rom oder Manchester inzwischen Gang und Gäbe ist.


Auf Gleis 3 des Nürnberger Hauptbahnhofs trifft man dann schon die ersten Gestalten, die unverkennbar zum Festival fahren. Gut so, muss man sich um nichts kümmern und eiert denen einfach hinterher. In der recht vollgestopften S-Bahn sitzen dazwischen auch noch einige Leute, die einfach nach Hause wollen oder wohin auch immer – heute etwas unpraktisch. Während wir aus dem Hauptbahnhof herausrollen, sehen wir seelenruhig Donn den Likörigen am falschen Gleis stehen. Aber vielleicht interessieren ihn die frühen Bands ja auch nicht so.


Haltestelle Frankenstadion raus aus dem Zug, immer den Leuten mit den Bandshirts hinterherlaufen, die wissen doch, wo es langgeht. Es ist noch ne gute Strecke zu latschen, bestimmt 20 Minuten oder so, überall kleben Schilder, dass man auf Taschendiebe acht geben soll. Na das macht ja Vorfreude, oder hängen die nur wegen Fußball hier? Anekdotischer Exzerpt zu einem Groezrock vor ein paar (zehn?) Jahren – Durchsagen auf dem Innengelände, man möge auf Taschendiebe aufpassen. Aufgrund entweder meines schlechten englischen Hörverständnisses oder aber der Aussprache der aussprechenden Person dachten wir, man würde uns vor großen Eimern warnen* und waren sichtlich irritiert. Aber zurück zur Realität: Kurz abgetastet werden, man bekommt mal wieder kein Bändchen, d.h. man kommt auch nicht mehr raus und wieder rein. Da hier an Infrastruktur außerhalb des Geländes ungefähr NICHTS ist, ist das wohl zu verschmerzen. Beim Vorzeigen der Tickets stellen wir übrigens fest, dass wir die laufenden Nummern 3 und 4 in den Händen halten? Ein schlechtes Omen? Jüngst wurden ja diverse Events wegen zu schlechtem Vorverkauf abgesagt, ebenfalls ein Phänomen, das ich vor der Pandemie nicht beäugen durfte. Es sei denn, man hat sich früher einfach nur hinter irgendwelchen fadenscheinigen Schutzbehauptungen verschanzt, statt es jetzt einfach so zuzugeben wir z.B. Joachim Hiller mit seinem Ox-Dingsi in Hamburg. Egal.


Schnell erstes Bier geholt (merkt euch diesen Satz! Uuuh, foreshadowing!) und ab vor die Bühne, denn gleich sollen DAYS‘N‘DAZE anfangen. Diese Band hat sich, wie mir gerade auffällt, nicht nach einem NOFX-Song benannt, denn der Song, an den ich gerade denken musste, heißt „day to daze“. Das Wortspiel ist aber wohl dasselbe. Diese Band steht nun jedenfalls auf der Bühne und hobelt ihr Zeug runter, feinster Hillbilly-Folk-Punk aus irgendwo in Texas. Diesmal ohne störende Veranstalter auf der Bühne (vergleiche Bierschinkenbericht von DND in München anno 2019), dafür anstelle des Waschwannenbasses einen richtigen Kontrabass am Start. Ob er noch von derselben Person bedient wird, vermag ich nicht zu sagen. Wikipedia aber: Ist ein neuer Typ! Ansonsten instrumentiert mit Waschbrett, Akustikgitarre und Trompete ein nicht ganz klassisches Lineup auf diesem Punkfestival. Erneuter Einschub (ihr merkt, ich schreibe das hier gerade frei nach meinem train of thought): Den ersten Act PINC LOUDS haben wir verpasst. Zum ersten Mal begegnete mir der Name, als ich gebeten wurde, nachzusehen, wer denn anstelle von ROHRGEBÖLK aus Augsburg den Supportslot für ME FIRST AND THE GIMME GIMMES im Club Vaudeville aus Lindau bekommen hat, und das war neben den Münchnern von CAPTAIN ASSHOLE eben PINC LOUDS. Vorher nie gehört und seitdem auch erst hier auf dem Festival, gerade mal bei Youtube nachgeholt und hier schließt sich der Bogen zurück zu dem, wovon ich am Anfang geredet habe: Auch eher ungewöhnlich für ein Punkfestival! Pinc Louds ist eine Ein-Personen-Band, über deren geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung ich keine Vermutungen anstellen will, weil es auch irgendwie komplett egal ist, auf jeden Fall tanzt da ein Mensch in langen geblümten Sommerkleidern zu seichter Popmusik. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich nicht da war, das wäre doch ein eher skurriler Anblick gewesen. Angesichts der Masse vor der Bühne zum Zeitpunkt von DND können aber nicht allzu viele Leute bei Pinc Louds schon da gewesen sein. Sei es wie es ist, DND stehen immer noch auf der Bühne und schrubben sich am Waschbrett die Ringe von den Fingern (obschon die Person am Waschbrett sich so sehr unter ihrem Haarschopf versteckt, dass man meinen könnte, sie würde gleich einschlafen) und spielen die größten Hits vom „Rogue Taxidermy“-Album und ein paar neue Sachen. Das war richtig schön, das hat mir gefallen, wenngleich ich die Band doch lieber in einem dunklen Kellerclub als hier in der strahlenden Nachmittagssonne sehen würde. Bei einem Lied kommt noch ein Gastsänger auf die Bühne und singt ein despektierliches Lied über die Polizei. Na wenn das die CSU mitbekommt… Witzigerweise wurde ich nach meinem letzten Bericht über die Band als „CSU-Punker“ bezeichnet, weil ich daran Anstoß nahm, dass der Veranstalter „tanzt, ihr Schwuchteln“ ins Mikro brüllte. Bayern ist schon ein ganz spezielles Fleckchen Erde.


Während Daysndaze finden dann logischerweise auch die ersten Wiedersehen mit Menschen statt, die man seit vor-Pandemie-Zeiten nicht mehr gesehen hat, entsprechend herzlich sind die Begrüßungen. Klingt jetzt erstmal banal, wird aber später noch wichtig.


So, erste Band rum, Bier ist leer, könnten uns ein neues besorgen. Das Anstehen dauert jetzt schon beachtlich länger. Nächste Band sind dann die BOMBPOPS, die wir mit gehörig Sicherheitsabstand betrachten und größtenteils versabbeln, u.a. gesellt sich Matix, seines Zeichens Gitarrist von Money Left To Burn, zu uns, und erzählt, dass er gerade 45 Minuten für Rum-Cola (für 8,50!) anstehen musste. Bier kostet für 0,4 immerhin „nur“ 4 Euro. Vor uns werden die drei Bierschlangen immer länger und notgedrungen stellen wir uns langsam mal an, um noch vor IGNITE ein Bier zu bekommen. Es tut sich allerdings so wenig, dass es irgendwann der Hoffnung weicht, in der Schlange so weit vorzurücken, dass man am Soundturm vorbei auf die Bühne glotzen kann, und nicht mal das funktioniert zum Beginn der Band. Positiv hervorheben möchte ich an dieser Stelle, dass der Sound ziemlich gut war und sich auch in der Bierschlange noch angenehm ins Ohr wand. Aber zurück zum Thema Getränkeversorgung: Es gibt nur einen einzigen Bierstand, an dem sich drei Schlangen bilden, die durch eine Wellenbrecher-Konstruktion aus Zäunen voneinander getrennt sind. Dummerweise sind die meisten Leute sich zu fein, sich hinten anzustellen, und drängeln sich irgendwo weiter vorne rein, sodass die Person, die sich hinten anstellt, 30-60 Minuten anstehen muss. Ich übertreibe hier nicht. Den kompletten Gig von Ignite haben wir aus der Bierschlange beobachten dürfen, dabei wäre ich hier gerne näher rangegangen, denn da ist ja auch ein neuer Sänger involviert.
IGNITE bedienen sich dann hauptsächlich aus den Alben A Place Called Home und Our Darkest Days, leider wird auch das unsägliche U2-Cover nicht ausgelassen (man höre sich hierzu lieber dieses Lied an). Zu meiner großen Freude wird mit „Unity“ aber auch eine ganz alte Kamelle rausgeholt und zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht, weil ich permanent an das Cover dieses Liedes der Band Smackin‘ Isaiah (Proto-A-Wilhelm-Scream) denken muss, deren Sänger trifft die hohen Töne nämlich nicht ansatzweise so gut wie der neue Typ bei Ignite (Namen noch nicht auswendig gelernt).


Während wir so in der Bierschlange stehen und Ignite von fern beobachten, fällt der Plan, jetzt immer gleich zwei Bier pro Nase zu kaufen. Natürlich sind wir nicht die einzigen mit dieser glorreichen Idee, einige Leute haben meterhohe Stapel von Pfandbechern am Körper und verzögern den Getränkekauf dadurch noch zusätzlich.


Nächste Band sind dann TALCO, für die wir uns mal wieder ein bisschen näher an die Bühne wagen, denn die haben richtig Bock und im Gegensatz zu beispielsweise Daysndaze funktioniert flotter Ska-Punk in der prallen Sonne immer ganz hervorragend. Mit dem Wetter hatten wir übrigens massiv Glück, das Gewitter entlud sich am Vorabend und das Festival ward mit perfekten 22° und Wolken beglückt. Hier muss ich wieder etwas abschweifen: Wenn man mich nach dem besten Konzert fragt, das ich je besucht habe, folgt nach einem kurzen Sermon darüber, dass ich das nicht so gut eingrenzen kann, folgende Anekdote von einem TALCO-Gig aus dem Jahr 2006: Jenz und ich fahren von Münster nach Bielefeld, um im AJZ Talco und Los Fastidios anzugucken. Letztere Band sagte kurzfristig ab, der Eintrittspreis wurde von 6 auf 4 Euro gesenkt und Talco haben dann ihre ersten zwei Alben komplett durchgespielt und zur Zugabe ein paar Songs nochmal, aber schneller. Weil sie nicht mehr Material hatten.
Zurück ins Nürnberg des Jahres 2022, Talco haben deutlich mehr Material und die Bühne ist auch enorm gewachsen. Die Stimmung ist jetzt nicht mehr ganz so euphorisch wie damals, aber immer noch spitze. Hup-und-Tröt-Punk geht doch immer noch ziemlich gut, wenn man es so hervorragend beherrscht wie Talco. Spaßfakt am Rande, Talco haben es jetzt zu einer deutschsprachigen Tributeband gebracht. Und wenn man sich die anhört, stellt man fest, dass die an ihren Instrumenten auch keine Deppen sind – aber Italienisch einfach viel schmissiger klingt. Man vergleiche beispielhaft den Titel des Liedes „L‘Odore della morte“ mit „Der Geruch der Toten“.


Während Talco wieder sonderbare Begegnungen auf dem Festivalfeld. Ein Typ kommt angelaufen, erzählt mir „ich hab von weitem deine Mütze** gesehen, dann hab ich das Tattoo mit der Mütze*** gesehen und jetzt wollte ich dir sagen, dass du ein richtig geiler Typ bist“ – danke für die Blumen, aber es ist wirklich nicht nötig, mein Ego noch weiter aufzublasen! Ein anderer fand hingegen mein Bierschinken-T-Shirt besser, lachte sich, vermutlich ohne den Hintergrund zu kennen, sowohl über Bierschinken als auch über „Stadt am Arsch“ kaputt, sagte dann aber „du verkaufst es wohl nicht“ und zog von dannen. Hierzu sei noch angemerkt, dass dieser Mensch vermutlich ungefähr die Hälfte meines Volumens hatte und ihm das Shirt eh nicht gepasst hätte.


Zurück zu Lück: Das Bier war mal wieder leer und die Schlange immer noch lang. Me First würden wir voraussichtlich auch nur aus der Schlange heraus sehen können, was nicht so schlimm ist. Der Gag ist doch auch irgendwie raus bei Oldie-Punk-Coverbands. Oder? Nichtsdestoweniger hätte ich an dieser Stelle wohl noch ein bisschen Namedropping betreiben können, wer von welcher Band da jetzt mitmacht, aber das, was sich dann am Bierstand abspielte, war von einem Tumult nicht mehr so weit entfernt, das Gedränge wurde infernalisch, die Sonnenschirme wanderten durch die Menge davon und Securities standen auf der anderen Seite des Tresens, um zu verhindern, dass dieser umgedrückt wird. Hatte man es irgendwie geschafft, an Getränke zu kommen, musste man es dann aus der wabernden Masse schaffen und hinterher noch was im Becher haben. So ging dann jedenfalls das meiste von ME FIRST AND THE GIMME GIMMES an uns vorbei. „I will survive“ wurde gespielt, das kann ich bezeugen.


Weitere Kuriositäten mit Festivalbesuchern: Ein Typ, dessen Namen ich nicht kenne, der aber 2018 auch beim Manchester Punk Festival war, steht auf einmal in Unterhose in der Nähe und hat seine Hose in der Hand. Der Versuch, die Hose wieder anzuziehen, bereitet ihm sichtlich Schwierigkeiten. Als er wieder steht, sieht man auf seinem Unterschenkel tätowiert zu lesen: Keine Hose, kein Problem. So ist es wohl gewesen!


Als nächstes spielt dann mit PENNYWISE die zweite Band, bei der Zoli Teglas mal gesungen hat und ich fürchte, dass dieser Abschnitt relativ lang wird. Pennywise fand ich früher total geil und würde ihnen eine wichtige Rolle in meiner Punkrock-Primärsozialisation zuschreiben. Das ist dann über die Jahre alles ein bisschen gebröckelt, einerseits durch das oft beschriebene arschprollige Verhalten des Gitarristen Fletcher, aber auch durch Jim Lindberghs Ausstieg, um sich seiner Familie zu widmen – nur um dann nach einem Album wieder einzusteigen um weiter die Kuh melken zu können. Das ist die eine Seite des Tetraeders. Auf einer anderen sind dann natürlich Lieder wie „same old story“ oder „rules“ (beste Ansage aller Zeiten: „the next song is about making up your own fucking rules – it‘s called rules made up by you“), die ich bis heute gerne höre. Aber man wird ja auch älter, die Welt dreht sich weiter und man sieht Dinge dann manchmal mit anderen Augen. Der große Hit „Fuck Authority“ beispielsweise ergeht sich in einer derart unspezifischen Systemkritik, dass er genauso gut von der anderen Seite kommen könnte. Ich will auf keinen Fall ausdrücken, dass Pennywise irgendein Gedankengut von der Querfront verbreiten, aber „fuck authority, silent majority, raised by the system, now it‘s time to rise against them“ könnte auch auf einem Impfgegner-Autokorso laufen.
Soundmäßig ist es jetzt auch deutlich schlechter als bei allen anderen Bands, die Gitarre zu leise, die Stimmen zu laut. Nicht optimal. Außerdem wirken Pennywise so, als hätte man ihnen kurz vor Auftrittsbeginn erst mitgeteilt, dass sie eine Stunde Spielzeit haben und die Band hat sich nur auf eine halbe (Stunde, nicht Bier) vorbereitet. Es wird Zeit mit Covers und dem halbherzigen Anspielen von Liedern quer aus der Geschichte der Rockmusik totgeschlagen, u.a. dabei waren Do What You Want von Bad Religion (komplett – die ganzen 65 Sekunden), was von Sublime, Black Flag, Dead Kennedys, Minor Threat (alles nur angespielt) und, was man nicht so oft vors Maul bekommt: Pennywise spielen ein Nirvana-Cover. Gewidmet wird es dem kürzlich verstorbenen Foo-Fighters-Schlagzeuger Taylor Hawkins und Dave Grohl; Taylor Hawkins solle das Stück vom Himmel aus verfolgen und Dave Grohl auf Youtube. Und dann hobeln die da einfach „Territorial Pissings“ von der Nevermind runter. Zum guten Schluss natürlich „Bro Hymn“, und das Wort „bro“ und seine heutige Benutzung passen eigentlich ganz gut zu Pennywise. Fletcher bezeichnet das Publikum heute ausschließlich als „motherfuckers“ und redet insgesamt auch ziemlich viel Stuss.
Jetzt hier noch der Bogen zurück zu der Situation bei Daysndaze: Ein Pärchen spricht mich während Pennywise an und zeigt mir auf dem Handy, was wenige Stunden zuvor (von ihnen!) bei Instagram gepostet wurde: Die Szene, wie ich während DND spielen, Alu aus dem KNRD-Team mit einer Umarmung begrüße. Die Erklärung, warum das Internet das sehen müsse, wurde mir dann mündlich geliefert: „Ja hier ist Punkrock und Hardcore und alles voll krass und so, und dann steht da einer mit ner Propellermütze und umarmt einen“. Äh ja.


Am Bierstand ist mittlerweile wieder etwas Ordnung eingekehrt, aber auch nur etwas. Die Securities regeln den Zugang zum Bereich vorm Tresen, es gibt nur noch zwei „Schlangen“, diese kranken aber weiterhin am Problem des Vornehineindrängelns. Hat man es aber hinter die Wellenbrecher geschafft, geht alles wie am Schnürchen. In irgendeiner dieser Schlangen treffen wir Artemio. Artemio war bereits 2009 in einem Bierschinkenbericht abgebildet und wird es in diesem Bericht erneut – deshalb gibt es hier überhaupt ein Bild. Ansonsten spielt er bei der Band Kids Play Dead (Geheimtipp für Leute, die musikalisch in den 1990ern hängen geblieben sind, also Leute wie mich) und ist generell ein netter Typ und außerdem Fan von Bierschinken, obwohl er inzwischen eingesehen hat, dass BS keine Pornoseite ist. Link: https://www.bierschinken.net/dae/2009-03-14foe/index.php?pic=35#title – in diesem Bericht verbergen sich außerdem ein paar sehr alte Fotos vom Kollegen Kabl.


Schluss und endlich fangen dann irgendwann NOFX an, wir stehen wieder ungefähr auf Höhe des Soundturms, der Sound ist gut, aber nicht übermäßig laut. Das hat zur Folge, dass man es mitkriegt, wenn Leute um einen herum mitbölken – vor allem meine Intonation des gesungenen Trompetenparts am Ende von „Bob“ sorgt bei den Damen und Herren vor mir für irritierte Blicke. NOFX spielen sich quer durch die Alben, mit „I love you more than I hate me“ mogelt sich sogar ein Track vom aktuellen Album ins Set. „Perfect Government“, „Dinosaurs will die“, „Murder the government“, „Eat the meek“, „Seeing double at the Triple Rock“ und witzigerweise auch das bereits angesprochene „Day to daze“ laden zum Schädigen der Stimmbänder ein. Dazwischen das übliche Gepöbel. Einzelnen Zuschauer:innen wird erklärt, der nächste Song sei älter als sie. Der Gesamtheit des Publikums wird erklärt, dass statistisch betrachtet vier noch an Covid sterben werden. Solche Dinge. Donn der Likörige steht auf einmal wieder neben uns und gibt zu Protokoll, dass es weder die beste, noch die schlechteste NOFX-Show seiner Karriere als Zuschauer sei. Dem kann ich mich nur anschließen. Irgendwann fliegt ein Stapel Becher vor unsere Füße, und da niemand Anspruch auf dessen Besitz erhebt, wird er kurzerhand in Bier umgewandelt – das geht während NOFX spielen auf einmal auch in Sekundenschnelle. Dabei bekomme ich sogar noch einen Zehn-Euro-Schein Rückgeld, den ich im Laufe des Festivals und/oder der Heimreise aber auch wieder verloren habe. So bleibt das Karma im Reinen. Nach ungefähr 75 Minuten verlassen NOFX die Bühne, ohne „Linoleum“ gespielt zu haben. Das hört man ja inzwischen auch oft genug von anderen Bands.


Wenn man gen Ende des Festivals noch mal die ganz am bühnenfernen Ende befindlichen Toiletten aufsucht und dann im Zwielicht der Festivalbeleuchtung wieder auf das spärlich möblierte Infield tritt, fühlt man sich wie in einem Zombiefilm. Abgerissene Gestalten steuern scheinbar ziellos um her, andere wiederum liegen reglos am Boden. Zeit, das Weite zu suchen! Zurück in die S-Bahn, die genau wie auf dem Hinweg nahezu ausschließlich mit Konzertpublikum gefüllt ist, dann noch in die U-Bahn und den Absacker gibts heute im Willich, keine 50 Meter von der heimischen Mops-WG entfernt.


Der Sonntag vergeht unspektakulär mit Frühstück, der Rückfahrt nach Augsburg, Tischtennis, Grillen und Schafkopf. Das war ein ganz hervorragendes Wochenende. Bis auf das mit der Bierversorgung.


*: Weiß nicht, wie leicht verständlich dieser Gag ist, wenn man nicht dabei war: Es geht um die phonetische Ähnlichkeit von pickpockets und big buckets.

**: Auf solchen Events findet man mich stets mit einer Propellermütze

***: Ich habe einen Descendents-Milo mit Propellermütze auf meinem linken Bein

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Berichte auf anderen Webseiten:

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Maxxon

03.06.2022 08:42
Bzgl "Fuck Authority" und der unspezifischen Systemkritik:
Die Diskussion hatten wir auch schon einige Male im Bekanntenkreis. Allerdings nicht auf Pennywise bezogen. Sehr viele Songs und Slogans von Punkbands könnte man heute auch ohne weiteres bei Querdenker-Aktionen laufen lassen. Hinzu kommt, dass Punkbands mittlerweile als "Systemlinge" tituliert werden...irgendwie hat sich da alles auf den Kopf gestellt.
Thruntilldeath
(Thruntilldeath)
03.06.2022 09:59
Und Bands wie die Interrupters mit ihren Tea-Party-Anti-Government-Lyrics, die hierzulande absurd nach Verschwörungskrams klingen, laufen in den USA unter relevante Systemkritik. Ist alles nicht mehr so einfach.
kraVal
(kraVal)
07.06.2022 10:25
Gerdistan, mit hätten die *Anmerkungen gereicht!


Jan

07.06.2022 15:50
Kurze Anmerkung zu Pennywise:
wir waren am 01.06. auf einem Konzert in Wiesbaden. Vorher große Erwartungen, hatte das (ganz genau!) "arschprollige Verhalten" vor allem des Gitarristen die Begeisterung schon etwas gedrückt. Aber gerade vor "Fuck authority" kam dann die folgende Ansage: "bla bla... I don't care if your right wing... or if your left wing... bla bla irgendwas... just stand together – against the government!". Da ist die Querfront nun wirklich schon zum Greifen nahe. Die Stimmung war entsprechend versaut. Schade

kraVal
(kraVal)
07.06.2022 16:15
puh. pennywise somit aussortieren.

Thruntilldeath
(Thruntilldeath)
07.06.2022 16:15
Joa, das passt aber ins Bild. No Trigger haben mir letztens quasi das gleiche zum Thema "rechtsoffener Schwurbelkrams" geschrieben. Solange man gegen die Regierung ist, sollten doch alle Seiten zusammenstehen. Läuft "da drüben" doch etwas anders ab als hier.

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