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Die Wallerts, The Big Brassers, Scheissediebullen, Krachnix, Radical Pool Fighting, 05.-06.12.2025 in Berlin, SO 36 u.a. - Bericht von Gerdistan

Die Wallerts, 05.-06.12.2025 in Berlin

Schon wieder Berlin.

Meine Lohnarbeit zahlt mir einen Trip in die Hauptstadt. Diesen kann ich unkompliziert noch ein bisschen verlängern. Und folgendes ist passiert!

Tag 1: Niemand hat Zeit. Ich verbringe den Abend mit Fußballgucken im Hotelzimmer.

Tag 2: Arbeiten. Bis spät in die Nacht. Nur die Tatsache, dass die Hotelbar schließt, lässt mich endlich ins Bett gehen.

Tag 3: Arbeiten bis Mittags. Ab jetzt beginnt der lustige Teil. Abendessen: Koreanisch Nähe Görli (sehr gut). Im Anschluss flanieren wir die Skalitzer Straße entlang, um zum Schlesischen Tor zu kommen, denn dort gibt’s ein indisches Restaurant, in dem alle Cocktails 3,50 € kosten. Unterwegs sehen wir allerdings ein handgemaltes Schild vor der Beetroot-Bar, welches uns auf eine kostenlose Open Stage im Keller des Etablissements hinweist. Also nehmen wir das auch noch mit. Alles auf englisch, recht zeitgenössischer und berlinbezogener Humor, aber eine ganz hervorragende Unterhaltung. Das Kollektiv nennt sich „Halunke“, falls ihr da mal in der Nähe seid, gebt euch das. Machen die 2-3x die Woche und viele etwas etabliertere Personen aus der Berliner Standup-Szene testen da Material. Im Anschluss dann wirklich die Cocktails, und nachdem man mir das Konzept „floor drugs“ erläutert hat, noch ein letzter Absacker im Feuermelder und dann ins Bett.

Tag 4: Wie beim letzten Berlinbesuch wieder Büchershopping im Antiquariat Hennwack. Heute wird mir sogar der nicht-öffentliche Teil vorgeführt. Meine Güte, so viele Bücher. Als ich rausgehe, sind es vier weniger. Danach noch die Ausstellung beim Deutschen Institut für Normung angeguckt (eher nicht empfehlenswert). Currywurst, Mittagsschlaf, endlich das erste Konzert und somit relevanter Content für diese Plattform. Im SO36 geben sich DIE WALLERTS die Ehre.

Die Wallerts verfolge ich schon seit über zehn Jahren, aber da sie kaum außerhalb von Berlin spielen und ich da normalerweise auch nicht so oft rumhänge wie dieses Jahr, hat es bisher nicht geklappt. Jetzt aber schon. Bereits im Vorfeld wurde Marc einkaufen geschickt, schöne Hardtickets, die aussehen wie ein Fahrzeugschein. Leider gibt’s die nur gegen Bargeld und ähnlich antiquierte Bezahlmethoden, aber er kriegt es hin.

Wir nehmen gegenüber im Franken ein paar Bier ein, allerdings spielt da auch eine Band (Code: Gamma oder so hießen die) und wir betreten dann vorsichtshalber mal rechtzeitig das SO36 und statten der lustigsten Türklinke der Welt einen ersten Besuch ab (siehe Bild). Erstaunlicherweise ist es nicht ausverkauft, aber der Laden füllt sich zusehends. Marc macht mich auf Restposten-T-Shirts für 3€ am Merch aufmerksam und da sie tatsächlich auch noch in meiner Größe sind, erstehe ich ein Wallerts-Shirt. Die Wallerts, was ist das eigentlich? Nun, wer sich auf Bierschinken verirrt hat, ist ja vermutlich ein Freund von eher nischiger Musik. Schon steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man mal von den Finnen „Eläkeläiset“ gehört hat. Diese sind vermutlich die bekanntesten Vertreter des Genres „Humppa“, welches musiktheoretisch eine Abart des Foxtrott im 2/4-Takt ist und mit Offbeats arbeitet. Das steht so jedenfalls bei Wikipedia. Ich beschreibe es anderen gegenüber meistens eher als finnische Variante der Polka, darunter können sich ja die meisten Leute etwas vorstellen.

Jedenfalls covern Eläkeläiset seit 30 Jahren Pop-, Punk- und Metalsongs in ihrem eigentümlichen Gewand und verändern dabei die Texte auf humoristische Art und Weise, was natürlich nicht so rüberkommt, wenn man des Finnischen nicht mächtig ist, und wer ist das schon? Aber seit fast 20 Jahren gibt es nun inzwischen eben auch die Wallerts, und die machen dasselbe – aber auf Deutsch. In meine Musiksammlung haben sie es vor über einer Dekade geschafft, als man sich noch mit externen Festplatten zum Musiktauschen getroffen hat – Dank gilt an dieser Stelle Herrn Andreas Kalb.

Aber zurück zum Abend des 5. Dezember 2025. Die Halle füllt sich bin einer eigentümlichen Mischung von Menschen jeden Alters und verschiedensten Subkulturzugehörigkeiten, es ist allerdings doch deutlich sichtbar, dass die meisten Gäste jenseits der 40 sind. Wir gehören hier tatsächlich zu den jüngeren.

Support kommt von der Walkingband „Big Brassers“ aus Berlin-Kaulsdorf. Die spielen mit vielen Blasinstrumenten und wenig Gesang ebenfalls Popsongs nach – auf dem Papier klingt das ja irgendwie ganz passend, kann mich live aber nicht so richtig abholen, obwohl ein Sousaphon zum Einsatz kommt. Irgendwie wirkt alles brutal in die Länge gezogen und dabei gleichzeitig so unaufgeregt wie Fahrstuhlmusik. Sehen kann man auch nix, weil die Damen und Herren vor der Bühne stehen. Aber nach knapp 40 Minuten packen sie auch schon wieder zusammen und marschieren zum selben Song, zu dem sie reingekommen sind, wieder in Richtung Backstage.

Umbaupause, dann ist es so weit: Die Wallerts betreten die Bühne. Zu fünft bis sechst (der Geiger geht manchmal weg), instrumentiert mit Kontrabass oder Bass-Ukulele (falls es sowas gibt), Keytar (geil!), Cajon statt Schlagzeug, Gitarre und Akkordeon. Alle (auch der Kontrabass) tragen eine Weihnachtsmannmütze, ein aufgeblasener Weihnachtsmann und viel weihnachtliche Deko füllen die Bühne. Das Ganze findet nämlich unter dem Titel „Humppa Weihnachstzirkus“ statt und auch das erste Lied ist ein Fettes-Brot-Cover mit dem Text „Lass die Finger vom Weihnachtskalender“.

Mir schwant Böses, nämlich ein komplett weihnachtsthematisierter Abend, aber dem ist glücklicherweise nicht so, denn bereits als zweites Lied schallt „Humppa, Hardcore, Polka, Punk“ auf die Melodie von Anti-Flags „Turncoat“ durch den Saal. Darf man noch Anti-Flag covern?

An diesem und vielen anderen Beispielen erklärt sich auch das hohe Alter des Publikums, denn es ist umso lustiger, wenn man den Originalsong kennt. Die Covertexte haben oft gar nichts mit dem Original zu tun, wie hier, oder dem Reptiloiden-Song auf die Melodie von „Time Bomb“ von Rancid. Teilweise sind die Ähnlichkeiten enorm unsubtil, wie wenn etwa aus „Bailando“ „Zalando“ gemacht wird, aber auch das ist für einen Schmunzler gut. Oder aber nur einzelne Textzeilen lassen den Originalsong durchblitzen und sind dann umso lustiger, wenn „Losing my Religion“ zu einem Lied über Saufen bzw. verkatert sein wird und „jetzt lieg ich in der Ecke“ die einzige Textparallele ist.

Weitere Knaller: Ich hab nen Doppelnamen, ich heiße Uwe-Uwe (Melodie: I Like To Move it), Uhu – er ist ein Vogel aus dem Walt (Melodie: Blur – Song 2). Gin in der Bahn – Dschingis Khan. Ein Lied über Spongebob Schwammkopf auf die Melodie von „das Model“ (Kraftwerk)... und so blödelt man sich durchs Set. Das Publikum schwingt die Tanzbeine, allerdings sehr harmonisch und rücksichtsvoll, Gewaltpogo kommt nicht auf, wäre ja auch irgendwie unpassend. Nach fast zwei Stunden wird die erste Zugabe angekündigt und dann kommt noch eine zweite dazu, halleluja, hier kriegt man noch richtig was fürs Geld. Ich kannte vorher eigentlich nur zwei Lieder, nämlich Tomatensalat (Melodie: Popcorn von Jean-Michel Jarre) und Spätverkauf (99 Luftballons). Aber ich wurde die ganze Zeit bestens unterhalten. Meine Konzertbegleiter:innen waren zunächst sehr skeptisch aber am Ende vollends überzeugt – der nächste Humppa-Weihnachtszirkus kann kommen!

Nach der Show ab in die U8 und ins Bettchen.

Tag 5: Die Stunden, an denen die Sonne etwas Licht über Berlin scheinen lässt, vergehen ereignislos mit einem Besuch bei Simon und ein paar Folgen Beavis & Butt-Head. Dann ab ins Samariterviertel, Katzen streicheln und vegane Burger einfahren, bevor wir dann durch eine unscheinbare vollgesprayte Tür treten und uns im Freiraum wiederfinden. Ein erstaunlich gut in Schuss gehaltener Kickertisch sowie sehr faire Bierpreise sorgen dafür, dass man sich hier direkt heimisch fühlt, allerdings wird drinnen geraucht, aber nunja, andere Bundesländer, andere Sitten. Man riet uns, früh zu kommen, da der Raum klein sei und schnell ausverkauft sein könnte. Klein ist der Konzertsaal wirklich, aber es kommen auch noch deutlich später Leute. Die Veranstaltung heute ist auch eine Geburtstagsparty, deshalb hat es keiner so richtig eilig, mit der Show anzufangen. Mitglieder von Krachnix und SdB diskutieren, wer als zweites spielen „darf“ – man ist ja keine 20 mehr.

Gegen halb zehn postieren wir uns im Konzertraum, aus Gründen von Ungeduld ist die Reisegruppe bereits auf zwei Personen zusammengeschrumpft. Auf der Bühne liegt bereits ein besoffener Punk und pennt. Kurze Zeit später steht er aber auf und beginnt, an der Tontechnik herumzufummeln und es stellt sich heraus: das ist wohl die Tonperson des heutigen Abends. Herrlich!

Um 21:40 fangen dann RADICAL POOL FIGHTING aus der Lausitz an, was auch immer dieser Name bedeuten soll. Die sind eigentlich zu dritt, aber der Basser und Hauptsänger ist leider verhindert, was bedeutet, dass die anderen beiden sich den Gesang teilen. Gerade der Gitarrist hat eine herrlich kratzige Crustgeschrei-Stimme, die zu den Texten über Saufen und Polizeigewalt ganz hervorragend passt. Neben den klassischen Punkerthemen gibts aber auch Lieder über u.a. das Küchengerät „Nicer Dicer“. Ob die Texte im Original auch so viele „Lalala“-Teile enthalten, konnte ich nicht genau verifizieren, vielleicht wurde da auch etwas improvisiert. Der Schlagzeuger hält sich größtenteils an den klassischen Deutschpunk-Uffta-Uffta-Beat, lässt aber zwischendurch auch mal kurz aufblitzen, dass er eigentlich auch mehr aufm Kasten hat. Interessante Band, durchaus kurzweilig und angenehm rumpelig.

Ungefähr um viertel vor zehn betreten dann KRACHNIX die Bühne, die offenbar den Kampf um den begehrten zweiten Platz gewonnen haben. Der Konzertsaal ist inzwischen prall gefüllt und gepogt wird auch, mit dabei immer der Sänger, der wie ein Flummi umherspringt und das Publikum gut aufheizt. Hier wird – dieses mal vollständig – Punkrock geboten, mit Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang. Die Herren haben den weiten Weg aus Ludwigsburg auf sich genommen, um heute hier zu sein, und sind entsprechend motiviert. Mir gefallen am Besten die Lieder, wenn der Gitarrist seinen rotzigen Sopran in die Songs einfließen lässt, das hat dann gleich Ohrwurmpotenzial – „scheiß auf dein Gelaber, ich bin heut kein Fahrer, gib den Mexikaner wieder her“. Die meisten Songs sind allerdings für mein Dafürhalten ungefähr eine Minute zu lang, und nachdem die Zugabe („Teenagerliebe“ von Die Ärzte) verhallt ist, hat die Band über eine Stunde gespielt. Ich vertrete ja eher das Credo „always leave the people wanting more“ und würde das auch heute hier anwenden.

Die Herren von SCHEISSEDIEBULLEN scharren schon mit den Hufen und tragen bereits ihre Instrumente in den Raum, bevor Krachnix überhaupt fertig sind, dennoch wird erst nach 12 die letzte Band angepfiffen. SdB eröffnen direkt mit zwei Hits: „Herzlich Willkommen in den 20er Jahren“ und „Anwohner raus!“. Jaja, ich weiß, dass das Lied eigentlich nur „Zwanziger Jahre“ heißt, aber im postfaktischen Zeitalter, in dem wir uns nun mal befinden, muss man gelegentlich kleine Fehler einbauen, damit keiner auf die Idee kommt, der Text sei von generativer KI geschrieben worden.

Scheissediebullen liefern genial ab, allerdings ist der Sound inzwischen nur noch Matsch – und ich nach vier Tagen Party in Berlin langsam auch. Auch Marc hat nach Krachnix bereits das Weite gesucht, aber die Idee, vor dem Ende zu gehen, kommt mir natürlich überhaupt nicht in die Tüte (sog. „sunken cost fallacy“). Beim letzten SdB-Konzert in Berlin (letztes Jahr in der Loge) war deutlich weniger los, und im Gegensatz zum Konzert in Augsburg Anfang des Jahres sind sogar alle Mitglieder vollständig anwesend – dafür fehlt im Publikum Valentin, liebe Grüße an dieser Stelle.
Man gibt sich auf der Bühne jedenfalls redlich Mühe, vielleicht war der Monitorsound ja auch besser. Um 1 Uhr muss dann Feierabend sein und zur allerletzten Zugabe wird noch der selbstreferenzielle Scheissediebullen-Song gespielt. Das Publikum tanzt und hat Spaß, vielleicht bin ich der einzige, der die Gitarren nicht hören kann, aber drei Sekunden nach dem letzten Ton bin ich dann auch draußen an der frischen Luft und auf dem Weg zur U-Bahn.

Am Hermannplatz überlege ich noch, ob Döner für 3,99 eine gute Idee sein kann, bevor ich zum vorerst letzten Mal in mein Berliner Gästebett falle.

Tag 6: Aufstehen, Duschen, Bahnhof, ICE, Augsburg. Das waren mal wieder ganz tolle Tage in Berlin! Bis bald!


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