The Lemonheads, Baker Seats, 23.10.2026 in Friedrichshafen, Kulturhaus Caserne - Bericht von Lux
The Lemonheads, 23.10.2026 in Friedrichshafen
Friedrichshafen ist, abgesehen von der Uferpromenade am Bodensee und dem Zeppelinmuseum, eine sauhässliche Stadt. Dennoch besuche ich sehr gerne Kulturveranstaltungen dort und Evan Dando zieht mich mal wieder zur Caserne. Ich weiß: Diese Konzertstätte bietet immer eine wundervolle Stimmung und ausnahmslos guten Sound, egal welche Art von Mucke geboten wird. Ebenfalls angenehm sind die Spielzeiten. BAKER SEATS aus Kiel eröffnen auf die Sekunde genau um 20:30 Uhr, bieten konsequenten 90er Indie-/College-Rock a'la GIN BLOSSOMS und sie haben Bock. Eine bessere Vorband hätte man für den heutigen Abend wohl kaum auftreiben können. Zumindest nicht aus Deutschland. Das Publikum scheint sehr angetan. Zurecht.
Nach dem ordentlichen Auftritt der Nordlichter, die um Punkt 20:30 Uhr (kein Witz) den letzten Akkord erklingen lassen und sich artig bedanken, gibt es eine Umbaupause von nicht einmal 10 Minuten. Kein langes Warten, kein Gedrängel am Getränkestand, rücksichtsvolles Ü40 Publikum, das lässt den/die Boomer*innen frohlocken. Es ist deutlich mehr los als wir vermutet hatten, die Location hat allerdings auch promotechnisch richtig Gas auf Instagram gegeben und riesige Banner aufgehängt. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen. Evan Dando betritt die Bühne mit irgendwelchen Menschen die gerade mit ihm gemeinsam die Lemonheads bilden.
Die Lemonheads sind eine meiner Lieblingsbands und It's a shame about Ray ist mein Nummer 1 Lieblingsalbum aller Zeiten. Ist so und davon rücke ich auch nicht ab. Die "Band", die eigentlich immer aus einer wechselnden Besetzung um den stoffeligen und kontroversen Dando besteht, habe ich 2022 zum ersten Mal in Mannheim gesehen. Damals kam der als schwierig verschriene Künstler in einem grotesk langen Mantel auf die Bühne und spielte erst einmal ein paar halbe Coversongs auf seiner Akustikgitarre an, bevor er gelangweilt ein Albumset herunterwurschtelte. Dementsprechend war unsere Erwartungshaltung am heutigen Abend irgendwo zwischen Trash und unnahbarem edgy Rockstar-Entertainment. Aber es wird relativ schnell klar, dass die Lemonheads heute sogar ziemlich Spaß am performen haben könnten.
Wie bereits erwähnt: Hervorragender Sound in der Caserne. Evan Dandos Stimme klingt großartig, die Band begleitet handwerklich einwandfrei. Begonnen wird mit The Great Big No von der Come on Feel the Lemonheads und darauf folgt eine wirklich tolle Setlist mit Songs aus allen Schaffensphasen und den großen Highlights des aktuellen Albums Love Chant. Spoiler: Die Lemonheads werden heute Abend über 30 Lieder spielen und alle werden es feiern. Dando lässt sich mit der ersten Ansage Zeit bis zum ca. 7. Song. Diese fällt zwar äußerst kurzsilbig aus, lässt ihn aber trotzdem in einem deutlich sympathischeren Licht erscheinen als bei unserer letzten Live-Begegnung. Ich habe kürzlich seine Biographie Rumours of my demise gelesen welche ich an dieser Stelle unbedingt empfehlen möchte. Vor allem wenn ihr Künstler*innenbiographien mögt.
In seinem Buch lernt man Evan Dando teilweise von einer anderen, reflektierteren Seite kennen. Man erfährt dass ihm sein Image vollkommen bewusst ist, er aber auch einiges dafür getan hat dass dieses über all die Jahre erhalten blieb. Zudem hatte er eine Menge Drogeneskapaden, war ständig auf Entzug und verhielt sich seinem Umfeld gegenüber wahnsinnig toxisch und übergriffig. Die einzige Person die konstant an seiner Seite war, war seine ehemalige Bandkollegin Juliana Hetfield. Für ihren Teil im Song Bit Part springt heute Abend sogar eine Gastsängerin ein. Leider konnte ich nicht herausfinden wie ihr Name ist und ob sie auf der Tour immer den Gesang an dieser Stelle übernahm. Die Energie schwappte jedenfalls sofort auf die Leute über und die Stimmung in der Caserne wurde immer besser. Das lag aber auch an der durchaus erlesenen und gut durchdachten Auswahl der Stücke.
Am Ende gab es noch einmal ein kurzes Evan Dando-Soloset inklusive massiver Hits wie The Outdoor Type. Da fühlte ich mich selbst endgültig emotional abgeholt und als er dann sogar mal ins Publikum grinste musste ich ebenfalls lachen weil ich bis zum Schluss irgendwie skeptisch war, denn ich wartete immer auf diesen einen Moment in dem Evan Dando halt Evan Dando Sachen machen würde. Was er allerdings zeigte, war was für ein fantastischer Songwriter einfach in ihm steckt und welch catchy Oeuvre sein Kollektiv, das er die Lemonheads nennt, zu bieten hat. Da tat es auch gut, dass er Frank Mills, das andere Cover der Ray-Platte, komplett a capella vortrug und einzig und allein seine musikalischen Skills im Vordergrund standen. Ich hatte vieles erwartet, aber kein Konzert an dessen Ende ich sagen würde dass fast alles perfekt war, aber das war es. Die Caserne in Friedrichshafen möchte ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich empfehlen und das aktuelle Album der Lemonheads und Evan Dandos Biographie sowieso. Was mich hingegen immer noch interessiert ist die Frage, ob ein objektiv gelungenes Lemonheads-Konzert quasi wie ein Lottospiel ist.












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