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Freitag, 25.03.2022: Die HansaZeneca-Kolumne: Dreadlocks und kein Ende



Intro: Ich entziehe mich ja schon seit längerem digitalen Diskussionen jeglicher Art. Ich bin davon einfach viel zu genervt und aufgewühlt. Mit meinem Printzine "HansaZeneca" hatte ich eine tolle Möglichkeit, meine Ansichten in die Welt zu rotzen ohne mich auf (digitale) Diskussionen einlassen zu müssen.
Mit der Einstellung des Zines versuche ich jetzt mal an dieser Stelle, diese ganz eigene Lücke doch irgendwie digital zu schließen ohne in den alten Strudel reingerissen zu werden. Und da es sich hier um ein Thema handelt, zu dem ich nicht einmal im "Real Life" Bock habe zu diskutieren, ist das vielleicht der perfekte Einstieg, um Kommentare dazu erst gar nicht zu lesen und somit vollends zu ignorieren. Passiert ja eh nicht auf meiner eigenen Seite. Gut so. Los geht´s:

Ich brauch mal wieder ne Facebook-Pause. Was da gerade abgeht, erinnert mich an manche Sexismus- oder Punk-Too-Diskussionen, in denen vor allem die oft zitierten und sich selber zitierenden "alten weißen Männer" (ja, sorry, war zumindest in den von mir gelesenen Wortmeldungen so) sich im Bashing gegenseitig übertreffen und der Meinung sind, es besser zu wissen, als die sich benachteiligt/diskriminiert fühlenden Personen. Ähnliches passiert jetzt beim Thema "kulturelle Aneignung". Nur dass sich deutlich mehr Personen beteiligen. Viele natürlich, die FFF sowieso scheiße finden. Aber auch andere, denen das alles "zu weit geht". Die das "übertrieben finden". Die einfach nur drauf losbashen und plötzlich sogar ein neues Lieblingsthema haben. Wieder alles Menschen, die der betroffenen marginalisierten Gruppe nicht angehören. Likes werden an "die sind so links, die kommen wieder rechts raus"-Kackhaufenpostings gemacht, das Hufeisen ist wieder ganz groß in Mode. Fragen werden gestellt ("darf ich jetzt auch nicht mehr..."), aus denen deutlich wird, dass ein wirkliches Auseinandersetzen mit dem Thema gar nicht gewollt ist. Man ist ja schließlich "links" und wenn dann auf einmal "noch linkere" (sic!) Themen, die sich außerhalb des eigenen Themenspektrums befinden, auftauchen, dann sind die Mechanismen schnell in Gange. Und wenn sich dann tatsächlich mal jemand die Mühe macht, seine Lieblingssuchmaschine zu bemühen, dann werden irgendwelche Kommentare und Meinungen von "alten weißen Männern" oder (in dem Kontext) anderer privilegierter Personen verlinkt. Isso, tut mir leid, dass das so gut passt. Bin ja selber einer.
Versuchen wir uns mal nur den Fakten zuzuwenden: Offenbar gibt es aus einer marginalisierten Gruppe heraus Ansichten, dass das Verhalten von (in diesem Kontext) privilegierten Menschen hinsichtlich der Übernahme von bestimmten kulturellen Eigenschaften, problematisch sei. Das ist ja jetzt auch keine Erfindung von FFF, sondern wird in linken Kreisen immer mal wieder thematisiert und hat seinen Ursprung selbstverständlich bei den betroffenen marginalisierten Personen selber. Leider Menschen, die in unserer Lebenswirklichkeit (bzw. den meisten von uns) sehr selten vorkommen.
Was mache ich jetzt damit als einer, der sich mit der Geschichte diesbezüglich viel zu wenig auskennt? Als einer, der Rassismus nie erlebt hat und sich in die Gefühlswelt diesbezüglich null hineinversetzen kann? Der die Bedeutung der Problematik unter den Dreadlocktragenden und vom Rassismus betroffenen Personen irgendwie nicht kennt und erst recht nicht greifen kann? Ich, der die Hälfte seines Lebens Dreads hatte. Und das ist länger, als viele der FFF-Bewegung Lebensjahre auf dem noch nicht sehr ausgeprägten Buckel haben (und dennoch scheißegal).
Ich zitiere an der Stelle mal die Worte einer alten Freundin, die ich (ausgerechnet) bei Facebook aufgegriffen habe: "Ich komme auch nicht mehr immer mit, aber eigentlich finde ich es ja sehr cool, dass diese Generation sehr sensibel auf jedwedige Themen reagiert, die mit Diskriminierung und Rassismus zu tun haben." Ja!
Ich bin in all den Jahren immer mal wieder auf das Thema angesprochen worden. Leider waren die Gespräche nie so tiefgreifend, dass ich wirklich mal länger darüber nachgedacht habe. Finde ich schade, da ich jetzt natürlich gut reden habe, wo die Dinger seit ca. nem Jahr ab sind. Nicht wegen kultureller Aneignung, sondern weil mich die Teile einfach nur noch genervt haben.
Als ich sie mir damals habe machen lassen, war der Hauptgrund, dass ich alles andere auf meinem Kopf total scheiße fand. Dreads fand ich halbwegs OK. Als ich dann ein paar mal mit dem Thema (viel zu kurz) konfrontiert wurde, habe ich meine Dreads irgendwann auch ein Stück als Solidaritätsbekundung mit vom Rassismus betroffenen Menschen gesehen. Das war aber natürlich mehr ein schön- bis rausreden, als alles andere.
Ich hätte Ronja Maltzahn nicht ausgeladen. Ich würde Dreads auch nicht als Ausschlusskriterium bei von mir selbst veranstalteten Gigs setzen. Auch nicht thematisieren. Ich würde auch nie eine Person mit Dreads wegen diesen verurteilen, scheiße finden oder sonst irgendwie negativ gegenüber stehen. Natürlich habe auch ich einige dreadlocktragenden Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis. Und all das war auch nie ein Thema und wird es vermutlich auch nie werden. Aber ich kann auch nicht beurteilen, inwiefern sich vom Rassismus betroffene Menschen durch die kulturelle Aneignung schlecht fühlen. Ich habe mich nie ausreichend mit dem Thema beschäftigt. Ich weiß auch nicht, ob ich die derzeitige Diskussion zum Anlass nehmen würde, mich mal etwas intensiver mit dem Thema zu befassen, wenn ich noch Dreads hätte und was danach mit meiner Kopfhaut passieren würde. Ich weiß aber, dass ich nicht in diesen Schutzmechanismus verfallen würde und jede Kritik von mir abweisen würde. Aber ich weiß auch, dass ich nicht konsequent genug bin, indem ich mich auch heute nicht weiter damit beschäftige.
Ich finde es jedenfalls uncool, wenn man das Thema als nicht marginalisiert betroffene Person einfach mal wieder ins Lächerliche zieht, es als unnötig oder übertrieben ansieht oder whatever. Wenn marginalisierte Menschen Probleme mit dem Verhalten von Menschen der (in diesem Kontext) privilegierten Gruppe haben, dann respektiere ich das. Wenn ich mich in Betroffene nicht reinversetzen kann (wie auch?) und ich am Ende vielleicht auf Grund des eigenen Verständnisses oder fehlender Auseinandersetzung sogar nicht in der Lage bin, mich solidarisch mit diesen zu erklären, dann halt ich einfach mal die Schnauze (ich kenn tatsächlich auch so einige "Männer", die mir gegenüber erklärt haben, dass das ganz genau der Grund ist, warum sie sich selber zum Thema "punktoo" gar nicht äußern: Schwierigkeiten das alles nachvollziehen zu können, aber trotzdem zu respektieren, dass es offenbar Menschen einer in dem Kontext marginalisierten Gruppe gibt, die sich benachteiligt fühlt). Einfach mal keine Meinung zu einem Thema haben. Einfach mal innehalten, als (in einem bestimmten Kontext) privilegierte Person. Denn es geht unterm Strich einmal mehr um Diskriminierung. In Zeiten von Social Media für viele offenbar nicht leicht.

maks 03/2022
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Else Admire

25.03.2022 16:54
Ungelesen erinnert mich das ein bischen an "Sexisimus muss sterben, kaufen Sie aus unserem Katalog bitte die brillianten Lp-nachdrucke von GG Allin"
Stemmi

25.03.2022 17:36
Na denn lies besser erstmal.
Thommy Brot

26.03.2022 15:01
Gruß an Stemmi! 😘
klute

26.03.2022 15:43
sich diskriminiert fühlen aufgrund äußerer Merkmale anderer Personen? kann ich tatsächlich nicht hineinversetzen https://www.sauerlaenda.de/shop/
Markus Magenbitter
(Markus Magenbitter)
01.04.2022 10:16
Hi Maks. Ich finde es auf jeden Fall ehrenswert, dass du als in diesem Fall nicht-Betroffener Betroffenen zuhören möchtest und glauben schenkst!

Was aber glaube ich immer bedacht werden muss, ist dass es in den verschiedenen marginalisierten Gruppen auch oft sehr abweichende Meinungen gibt, und die Ansichten mancher nicht unbedingt stellvertretend für die ganze Minderheit gültig sind.


Bei dieser Frage um kulturelle Aneignung geht es meiner Ansicht nach nicht konkret um einen Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen, sondern um Anhänger der identitiätspolitischen/intersektionalen Bewegung (ganz gleich welche Hautfarbe diese Leute haben) und Menschen, die deren Haltung nicht teilen, wozu ebenfalls viele schwarze Menschen gehören.
Sowohl schwarze als auch weiße Aktivistinnen & Aktivisten dieser Bewegung befürworten, dass Weiße keine Dreadlocks tragen sollten. Aber ich schätze, die meisten Schwarzen (egal ob in westlichen Länden, Latein-Amerika oder in Afrika) würden das für totalen Quatsch halten. Im Gegenteil: viele Menschen aus allen möglichen Kulturen verdienen ja Geld damit, Frisuren, Kleidung, Essen ihrer Kultur an Leute aus anderen Ländern zu verkaufen - dieses kulturelle-Aneignungs-Verbot würde also real anderen nicht-weißen Menschen schaden, wenn Weiße sofort aufhören würden z.B. indische oder afrikanische Stoffe zu tragen. (Über kulturelle Aneignung als Thema kann man natürlich reden, sollte aber differenzieren.)


Ich zweifle irgendwie daran, dass Aktivistinnen & Aktivisten, die oft angeben "verletzt" zu sein, das wirklich immer sind. Ich schätze, oftmals ist das ist ein in ihrer Peergroup unbewusst erlerntes Empörungsverhalten: also eine Regel, die von der Bewegung aufgestellt wurde, welche in ihren Augen nicht verletzt werden darf (so wie "Du darfst keine Karikaturen von meinem Propheten zeichnen - egal, ob mit oder ohne böser Absicht, das ist immer Blasphemie!"). Dieses Argumentieren mit Verletzung finde ich echt schwierig, weil das so ein emotionales Druckmittel ist. Selbstverständlich führt Diskriminierung zu Verletzung, welche getriggert werden kann, und Diskriminierung muss bekämpft werden. Aber ich bin da unschlüssig, ob jedes Tabu einer politischen oder religiösen Strömung, von der ganzen Gesellschaft mitgetragen werden muss. Dann könnten wir z.B. keine religionskritischen Punk-Songs mehr schreiben, oder nicht mehr "Oh mein Gott" sagen, weil religiöse Gefühle verletzt werden.


Der von mir unten verlinkte afro-amerikanische Intellektuelle schreibt dazu:
"Die Critical Race Theory /CRT) ist die Wuzel der heute weit verbeiteten, offensichtlich sinnlos-manipulativen Vorstellung, dass ein schwarzer Mensch, der behauptet, Rassismus erlebt zu haben, automatisch recht hat, einfach weil ... er schwarz ist und vor dem Hintergrund ‚ seiner Erfahrung‘ spricht.
Wer das vollkommen absurd findet, bekommt von den Anhängerinnen und Anhängern dieser Vorstellung nur sehr unwahrscheinlich eine echte Erklärung. Schwarze Menschen haben diese Grundannahme im Normalfall längst unbewusst internalisiert und sich zu eigen gemacht - was man niemandem zum Vorwurf machen kann, schließlich ist diese Idee ein probates Mittel, andere davon abzuhalten, nicht einer Meinung mit ihnen zu sein - und das finden wir doch alle attraktiv. Weißen Menschen gefällt die Idee, weil sie so zeigen können, wie tiefgehend sie verstanden haben, dass Rassismus existiert."


Ich finde auf jeden Fall, dass man sich auch als nicht-Betroffener zu einem Thema äußern können sollte. Zwar wird man nie in der Haut anderer Menschen stecken, aber ein Stückweit einfühlen und sich hineinversetzen kann man sich in andere Personen ja schon.
Menschen aus marginalisierten Gruppen gleichberechtigt zu behandeln, heißt meiner Meinung ihnen zuzuhören (und damit meine ich ALLEN, nicht einzelnen Aktivisten oder Verbänden) und über ihre Anliegen ernsthaft nachzudenken. Was schlüssig oder berechtigt erscheint, sollte man annehmen, aber man kann auch zweifeln, nicht zustimmen und Forderungen ablehnen, die nicht überzeugend oder angemessen erscheinen: also sie genauso behandeln, wie man auch mit Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft umgehen würde - jeder Person exakt diesselben Rechte.


Hier mal noch zwei Links mit Meinungen von Schwarzen zur aktuellen Identitätspolitik:

https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/jung-schwarz-und-doch-kein-fan-von-black-lives-matter-100.html

John McWhorter im US-TV:
https://www.youtube.com/watch?v=1TSCjXESRow&ab_channel=AmanpourandCompany

Soweit meine Meinung. Ich sag jetzt nicht, dass ich Recht habe oder irgendwer anders Recht hat... Da sollen sich alle ihr eigenes Bild machen.
Dass heute die Leute viel zu schnell ihre Meinung zu irgendwas raushauen, z.T. ohne sich mit einem Thema beschäftigt haben, find ich auch absolut doof. Twitter etc. ist echt ein Brandbeschleuniger für gesellschaftliche Konftlike, deshalb ich ja auch Fanziner und kein sehr großer Social Media Fan.


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