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Wizo:
Der
Ich gebe zu: Manche Rezensionen, die ich für diese Seite verfasse, handel ich relativ schnell ab. Ich höre 1-2 Mal rein, schreibe ein paar, meist unreflektierte, Zeilen und gut ist. Nicht so bei Bands, die mir persönlich was bedeuten und die ich schon länger höre und verfolge. Das letzte Mal war dies vermutlich der Fall bei der neuen Zwakkelmann-CD "Entschuldigung" aus dem Hause Hulk-Räckords, dieses Mal, was für ein Zufall, wieder von selbigem Label: Wizo mit "DER". Bei solchen für mich irgendwie besonderen Bands hole ich dann gerne etwas aus. Zum ersten Mal mit Wizo in Kontakt gekommen bin ich wohl im zarten Alter von etwa 15 Jahren, als mir ein Kumpel drei Lieder vorspielte: "Hey Thomas", "Gemein" und "Das Leben ist ein Hund" waren das, glaube ich. Seitdem war ich Fan. Ich besorgte mir sämtliche Aufnahmen und überredete damals sogar meinen Vater, sowie den Vater eines anderen Kumpels, dass sie uns nach Ingolstadt zur Abschlusstournee fahren – damals hatte noch keiner einen Führerschein und in Dinkelscherben ist die Bandverbindung alles andere als günstig. Wir fuhren da also hin und der Vater des Kumpels bekam, als er noch keine Minute in der Halle war, einen vollen Bierbecher an den Schädel geworfen. Seitdem fuhr er nie wieder mit auf eine Veranstaltung dieser Art. Was dann in der Halle passierte, war sensationell. Das Ohrakel, so der Name des Clubs, glich einer dreckigen, sich hektisch bewegenden Masse aus Bier, Pogo und Gegröle. Was für ein Konzert. Am nächsten Tag war Schule und wir erzählten uns noch wochenlang von diesem Ereignis. Warum lösten sich Wizo auf? Jetzt, komm, noch zwei Jahre, dann könnten wir immer selber zu den Konzerten fahren! Das Leben ist ein Hund.
2016, zwölf Jahre später. Hätte mir damals im Ohrakel jemand gesagt, dass ich heute, ganz ohne Anforderung, eine CD dieser Band zugeschickt bekomme, die ich dann auch noch öffentlich besprechen darf, ich hätte ihm vermutlich nicht geglaubt. Das waren damals einfach zu große Helden für uns heranwachsende Möchtegernpunker. Aber so ist es geschehen.
Ich überlegte bis gerade eben, ob ich nicht doch lieber ein Point-And-Click-Adventure-Spiel aus den 90ern zocken oder mich endlich an die Rezension machen solle. Warum diese Unsicherheit? Ganz einfach, weil ich nicht so recht weiß, wie ich dem gebildeten Bierschinken-Leser vermitteln soll, dass ich das Album "DER" von Wizo gar nicht so bedingungslos abfeiern kann. Ich selber hasse dieses "früher war alles besser"-Gehabe, da ich weiß, dass Erinnerungen die Realität nostalgisch verzerren können. Außerdem habe ich Angst, Axel Kurth scheißt mir ins Gesicht, wenn ich ihm erzähle, was Punk und nicht mehr Punk sein soll. Um diese Frage vorneweg zu klären: DER ist wohl textlich als auch musikalisch definitiv Punk. Aber mir steht dies zu beurteilen wohl nicht wirklich zu und außerdem ist das eh immer Definitionssache.

Warum gefiel mir Wizo nur früher, aber heute nicht mehr so kompromisslos? Es gibt drei plausible Antworten, die ich jetzt versuche wiederzugeben.
Antwort eins ist die wohl plausibelste und analytischste, daher auch ausführlichste: Es liegt schlichtweg daran, dass sich die Band qualitativ zurückentwickelt hat. Musikalisch hat sich nicht viel verändert. Wizo spielen Punk, mal schnell, mal mittelschnell. Aber was waren das damals für geile Texte? Es ging um Tod und Verderben in einer derartig zynischen und boshaften Art und Weise, dass man nicht wusste, ob man sich ekeln oder lachen sollte. Diese Doppeldeutigkeit, diese genialen lyrischen Ergüsse sind auf dem Album "DER" noch ganze zweimal aufzufinden: Nämlich bei "Trübsal" (geschrieben im Jahr 2006) und "Apocalypso" (geschrieben im Jahr 2015). Auch der letzte Song "Hässliche Punker" (geschrieben im Jahr 2006) hat noch eine ironische Auflösung, wird jedoch aufgrund des kitschigen Refrains schnell zum Nervtöter. Dennoch hatten Wizo schon immer auch andere, auch politischere Themen. Doch wie diese hier wiedergegeben werden, ist über weite Strecken unoriginell und teilweise überflüssig. Der Opener "Adagio" ist textlich eine reine Wiederholung von "Kein Gerede". "Antifa" betont zum hundertsten Mal, dass die Bandmitglieder gegen Nazis und Faschismus sind. Ich gähne. "Deja Vu" schlägt in eine ähnliche Kerbe. Und das Lied ist von 1999. Im Booklet wird noch drauf hingewiesen, dass die "aktuell mal wieder beschissene Lage...eine Neubearbeitung gefordert" hat. Ist ja recht, aber der Originalitätspreis geht in diesem Jahr eben an jemand anderster. Textlich ist der Rest auch mehr so in Ordnung. Der große Schmunzel/Aha-Effekt fehlt. Ganz schön finde ich noch "Chaostage94", wo nochmal an einem originellen Beispiel die eigene Vergangenheit thematisiert wird (geschrieben im Jahr 2011). Wozu eigentlich immer die Vermerke auf das Entstehungsdatum der Songs? Weil mich immer wieder das Gefühl überkommt, dass das hier eigentlich kein Album im eigentlichen Sinne ist, sondern irgendwie eine Zusammenstellung von Liedern, die über die Jahre irgendwie entstanden sind.
Das leitet schon zu Antwort zwei meiner eingangs gestellten Frage über. Vielleicht feier ich Wizo nicht mehr so bedingungslos, weil ich ihnen ihre Attitüde nicht mehr abnehme und mir ihr Gehabe etwas suspekt ist. "Die haarsträubenden Entwicklungen in Gesellschaft und Politik in den letzten Monaten haben den WIZO zornig gemacht und das hört man in jedem Ton des neuen Meisterwerks." Dass diese Zeiten einen zornig machen ist sicherlich unbestritten richtig, aber ist dieses Album nicht eher zwei Jahre nach dem vorigen entstanden, für das sich die Herren ja bekanntlich sehr viel Zeit gelassen haben, um die Bandmaschinerie am Laufen zu halten? Ich halte es für möglich. Ich höre beim Großteil der aktuellen Punkveröffentlichungen nämlich mehr Zorn heraus. Öffentliches Auftreten wie am Ruhrpottrodeo (übergroßer Banner, choreographieartige Bühnenperformance) und Gerüchte (Playback bei Auftritten, persönliches Abmessen der Bühnengröße durch den Sänger) verstärken die wachsende Skepsis ein wenig.
Dann bin ich noch mögliche Antwort drei schuldig. Auch diese ist eventuell realistisch. Ich überlege gerade was passiert wäre, wenn Wizo "DER" bereits vor ihrer Abschlusstournee veröffentlicht hätten, also als ich noch ein Möchtegern-Kiddie-Punk war, der heimlich Bier trinken musste. Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich die Anarchie-Parole in "Adagio" oder das schmissig von Bonnie und Clyde (die Toten Hosen) abgekupferte Riff von "Verwesung" lauthals mitgegrölt hätte. Eine simple Antwort auf die Frage wäre also, dass sich schlichtweg mein persönlicher Musikgeschmack verändert hat und nicht die Qualität von Wizos Kompositionen und Texten. Wer weiß – vielleicht werde ich in 4-5 Jahren ja auch Ska und Reggae hören.
Wie beschließt man nun so eine durchaus emotionale Rezension? Ich behaupte definitiv, dass Wizo textlich abgebaut haben bzw. dass der Originalitätsfaktor über weite Strecken zurückgeblieben ist. Ich gestehe mir aber auch ein, dass vieles einfach auch der Nostalgie bzw. des sich in einem Menschenleben verändernden Musikgeschmacks geschuldet ist. Die angedeutete Antwort zwei ist eher spekulativer Natur.
"DER" ist sicherlich kein schlechtes Album, da ein paar recht gute Lieder drauf sind. In der Diskographie ist es aber sicher kein Meilenstein. Mittelmaß. So und jetzt reicht es. Denn wie in "Lieblinge" schon gesungen wird: "Es ist so herrlich einfach, andere zu kritisieren." - Stimmt bei dieser Rezension nicht wirklich. Ich habe mich tatsächlich schwer getan und mir Mühe gegeben, das Album fair und möglichst objektiv zu beurteilen. Ich hoffe das kommt einigermaßen bei den Lesern an.
Kabl 08/2016
Hörprobe:
Wizo
Musikstil: Punkrock
Herkunft: Sindelfingen
Homepage: www.wizo.de
Wizo - Der

Stil: Punk
VÖ: 12.08.2016, CD, Hulk Räckorz


Tracklist:
01 Adagio
02 Wahlkrampf
03 Verwesung
04 Bierboot
05 Antifa
06 Deja Vu
07 Chaostage94
08 Trübsal
09 Lieblinge
10 Wahrheit
11 Dummheit
12 Apocalypso
13 Hässliche Punker

(FB nicht mehr anzeigen?)

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De Kuschelskin

16.08.2016 12:26
Welches Point-and-Click?
Kabl

23.08.2016 10:49
Flight Of The Amazon Queen
Bertz

11.11.2016 11:19
Live kicken wizo aber geil!
da raf

25.11.2016 13:20
cool geschrieben! teils ganz meiner meinung entsprechend. axel hat sich auch angepasst. vielleicht weniger als andere, aber ich denke das bringt auch ein gewisses alter mit sich.
das konzert in heidelberg war allerdings so club, dass ich sagen muss: bestes live konzert für mich persönlich dieses jahr...
fast nur alte sachen gespielt. so geil!
Junge

21.03.2017 18:40
Ach, Wizo...braucht die wirklich noch jemand? mehr als ne Einstiegsband für 12jährige waren die doch nie.

Interessant übrigens zu hören, wie viel besser das klingt, wenn aktuelle Bands Wizo covern: https://www.youtube.com/watch?v=10MCQ_7RTpM

Schöner Unterschied.



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