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Anti-Flag:
American Fall
Als Anti-Flag mit "American Fall" mal wieder ein neues Album ankündigten, erlebte ich einen kleinen Sturm der gemischten Gefühle. Auf der einen Seite ist ein neues Anti-Flag-Album für mich immer ein Grund zur Freude, gehören die vier Pittsburgher doch zu den sehr wenigen Bands (spontan fallen mir gerade mal zwei oder vielleicht auch drei ein), bei denen ich mich wirklich als absoluter Hardcore-Fan bezeichnen würde und das schon seit über 10 Jahren. Live-Konzerte sind bei denen sowieso ein Garant für die totale Zerstörung im Pogo. Auch wenn die immer gleichen Ansagen ("Brothers & Sisters", "Raise your middlefingers!") bei mehrmaligem Sehen natürlich irgendwann nerven. Auf der anderen Seite fand ich das letzte Album "American Spring" zwar ganz nett, jedoch wendete sich die Band auf diesem meiner Meinung nach endgültig vom Punkrock ab und ging eher so in die Alternative-Ecke. Billy Talent lassen grüßen. Musikalisch sicherlich nicht verkehrt, trotzdem erhoffe ich mir von Anti-Flag eigentlich etwas anderes. Gut, das war ein Album, das neue muss ja nicht wieder so werden...

Als dann aber vor ein paar Wochen der erste Song "American Attraction" veröffentlicht wurde, weckte dieser bei mir üble Befürchtungen. Effekte und Zerre auf Justin Sanes Stimme und dazu ein Song, der natürlich gut produziert ist und über breite Gitarrenspuren verfügt, aber auch sehr langsam und mit seinem abgehackten "tickticktickin" nicht wirklich Geschwindigkeit aufbauen kann. Gerade wegen diesem Einsatz von Studioeffekten und des langsamen Tempos muss ich irgendwie unwillkürlich an Lady Gaga denken. Man könnte also sagen, dass die erste Berührung zwischen mir und dem neuen Anti-Flag-Album sich nicht unbedingt gut angefühlt hat.
Dennoch kann ich euch beruhigen: "American Attraction" ist eine deutliche Ausnahme! Sozusagen als Friedensangebot gibt es nämlich schon mit dem zweiten Song "The Criminals" einen typischen Anti-Flag-Song, wie man ihn auf dem Vorgänger-Album "American Spring" vermisst hat. Tatsächlich könnte "The Criminals" mit den treibenden Drums, den soliden Gitarren und dem durchfeuernden Bass auch auf dem Killer-Album "For Blood And Empire" zu finden sein. Bei ungefähr 1:34 erlebt man dann auch den besten Moment des Albums; Chris#2 schreit uns nämlich mit seiner einmaligen Kratz-Stimme ordentlich ins Ohr: "Uninvited to the party! They're cold, afraid and starving! There's gotta be more to the millions who are marching than a separation of just a few degrees between evil, famine and a disease!" Begleitet wird das Ganze nur von einem hektischen Snare-Getrommel von Drummer Pat Thetic. Was ein fetter Break! Mein Fresse! "The Criminals" ist der beste Song des Albums und ich glaube ich muss die Jungs direkt mal wieder live sehen, alleine schon weil man spürt wie dieser Song danach lechzt, auf eine tanzwütige Meute zu treffen.
Ein weiteres - aber diesmal gelungenes - Experiment wagt die Band dann mit dem nächsten Song "When The Wall Falls". Nach einem kurzen Intro im Lagerfeuer-Akustik-Stil kickt die elektrisch verstärkte Fraktion rein und wir hören Off-Beats und eine Orgel. Das ist extrem selten. Ich erinnere mich jetzt so spontan an gerade mal zwei Songs in denen Anti-Flag schon mal Off-Beats verwendet haben und das waren "The Panama Deception" von dem heute gut 16 Jahre alten "Underground Network" und "Bacon", das 2012 veröffentlicht wurde. Mit keinem von beiden Songs ist "When The Wall Falls" zu vergleichen. Stattdessen geht der Song mit seinen eingängigen und breit gefächerten Chorus und seinen melodischen Bass-Riffs und Gitarren-Akzentuierungen einen ganz eigenen Weg. Das Keyboard hingegen ist schön dezent und drängt sich nicht auf. Gefällt mir sehr gut!
Mit Song Nummero vier und somit "Trouble Follows Me" gibt es dann schon wieder so eine eingängige, hitverdächtige Nummer. Diesmal mit viel Raum für Justin Sanes Stimme und einem ziemlich einprägsamen Gitarrenrhythmus. Bis hierhin doch schon mal eine wirklich sehr angenehme Überraschung.
Der Song "Finish What We Start" leitet dann den für mich deutlich schwächeren zweiten Teil des Album ein. Zwar gibt es gute Basslines und einen eingängigen Chorus, trotzdem würde ich den Song aufgrund seines langsamen Tempos und dem glatten Dahinplätschern eher in die Alternative Rock-Ecke stellen. Schließt sich also eher an die etwas poppigeren Songs auf dem Vorgänger "American Spring" an. "Liar" hingegen ist dann wieder kurz und schmerzlos, einfach typisch Anti-Flag, wohl der schnellste Song der Platte. Erinnert mich an "I Don't Wanna" von der "The General Strike"-Platte. "Digital Blackout" hingegen nimmt da dann auch direkt wieder Geschwindigkeit raus. Trotzdem gibt es kräftige, auch gerne mal geschriene Vocals. "I Came. I Saw." hingegen schlägt wieder in eine ähnliche Kerbe wie "Finish What We Started". So kurz vor Schluss kommt dann noch mal mit "Racist" ein Hit. Zwar jetzt auch nicht super-schnell, trotzdem geben die durchgezogenen und auch relativ linearen Vocals von Justin Sane dem Ganzen eine ganze Menge Auftrieb. Am Ende folgen noch zwei Songs, die ich auch wieder dem Erbe von "American Spring" anschließen möchte: "Throw It Away" und "Casuality". Beide mit eingängigem Chorus, der eine ein wenig dunkler, der andere eher im Dur-Bereich.

So, jetzt habe ich ausführlich über die musikalischen Ergüsse gequatscht, die es auf "American Fall" zu hören gibt, natürlich sollte man bei Anti-Flag aber auch die Texte nicht außen vorlassen. Diese sind gewohnt politisch und legen den Finger in die Wunde. Zumindest da, wo die Lyrics nicht aus "Wohohoo"s bestehen. Eigentlich war ja klar, dass das Ergebnis der Präsidentschaftswahl und die damit einhergehenden Prozesse das Punkrocktexter-Herz zu ganz neuen lyrischen Ausschweifungen tragen werden. Auch bei Anti-Flag ist das so. Die rassistische und chauvinistische Politik, die momentan gemacht wird, scheint jedenfalls Anti-Flag dazu anzustacheln, textlich wieder zu alter Form aufzulaufen. Obwohl natürlich auch Obamas Neoliberalismus auf der Vorgänger-Platte sein Fett wegbekommt, scheint es wohl doch einfacher zu sein, wenn die Feindbilder klarer sind - zumindest auf einem dreiminütigen Track. Auf die aktuelle Situation in den Staaten beziehen sich wohl am meisten die beiden Opener der Platte "American Attraction" und "The Criminals". Bei letzterem gibt es natürlich ganz viel Liebe meinerseits für den letzten Satz: "We'll never have our digity 'til all you fascists are six feet deep". Wie gesagt; Anti-Flag haben für mich wieder zu ihrer kämpferischen Form zurückgefunden und sind dann doch wieder mehr Punk- als Alternative-Band. Weitere Themen des Albums sind Feminismus ("When The Wall Falls", "Trouble Follows Me"), globale Protestbewegungen ("Finish What We Started", "I Came. I Saw"), Rassismus und Intoleranz ("Racist") und soziale Ungerechtigkeit ("Throw It Away"). Wer sich das Album als CD oder sogar als LP kauft, bekommt übrigens dazu ein kleines Booklet, in dem zu jedem Text noch mal ein paar Zitate und/oder Erklärungen zu finden sind. Das hat mir bei Anti-Flag bis jetzt immer so gefallen und es freut mich, dass das auch bei "American Fall" so ist.

Fazit: Anti-Flag sind immer noch eine politisch sehr engagierte und kämpferische Punkband, gutes Songwriting und Texte all inclusive. Die breitgefächerte Palette an Songs dürfte sowohl Fans der Alben von 2000-2010, wie auch Leuten gefallen, die eher auf die neuen etwas poppigen Anti-Flag stehen.

Anspieltipps: The Criminals, When The Wall Falls, Trouble Follows Me, Racist
Zwen 10/2017
Hörprobe:
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Anti-Flag - American Fall

Stil: Alternative Rock, Polit-Punk
VÖ: 03.11.2017, CD, LP, Spinefarm Records


Tracklist:
01. American Attraction
02. The Criminals
03. When The Wall Falls
04. Trouble Follows Me
05. Finish What We Started
06. Liar
07. Digital Blackout
08. I Came. I Saw
09. Racists
10. Throw It Away
11. Casuality

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belze

02.11.2017 16:02
sehr gute review!
dieselben gefühle hatte ich auch beim erstmaligen hören von am.attraction, kann mich mittlerweile aber gut damit anfreunden. ein bezug von anti-flag zu dieser popsängerin kann aber unmöglich dein ernst sein?! ;)
finde the criminals auch klasse, v.a. #2's part. allgemein recht schade, dass #2 verhältnismäßig wenig große momente auf dem album hat. dafür sind when the wall falls, criminals und digital blackout absolute highlights auf der platte. "i came i saw" ist auch groß, bitte das "i believed" am ende nicht vergessen. ;)
was genau meinst du zum schluss mit "neuen etwas poppigen anti-flag"? ich finde gerade die alben von 09-15 die zumindest musikalisch härtesten anti-flag, general strike ist ja fast mehr hardcore als punkrock. ;)
americal fall knüpft mmn eher an terror state und for blood and empire, halt 10-15 jahre später und dementsprechend vielseitiger und ausgereifter. großartige jungs, großartige platte. (y) freu mich auf morgen, das ding dann endlich in händen zu haben. ;) peace yo
Zwen
(Zwen)
05.11.2017 14:05
Hey belze, erstmal vielen Dank!
Der Anti-Flag-Lady Gaga-Vergleich war natürlich nicht 100%ig ernst gemeint, trotzdem war das tatsächlich mein erster Gedanke beim ersten Hören, zumindest, was dieses komischen Voice-Over-Effekt auf Justins Stimme angeht.
Mit "poppig" meine ich vor allem das letzte Album "American Spring", was auf mich kein Punk, sondern eher ein Alternative Rock-Album ist. Zumindest, wenn man die Texte außen vor lässt und nur das musikalische betrachtet.



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