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Dirk von Lowtzow:
Aus dem Dachsbau
Wenn Musiker*innen Bücher schreiben, die nicht reine Biographien sind (die sie dann nur selten ja auch wirklich alleine schreiben), mischt sich bei mir im Vorfeld immer die Angst vorm Fremdschämen - frei nach dem Motto "muss das sein"? Willst du nicht einfach Musiker*in bleiben und gut is? Ein paar Zeilen mit AB-Reim sind doch auch schon was. Aber zugegeben, u.a. Thorsten "Nagel" Nagelschmidt hat mich eines besseren belehrt und gehört mittlerweile zu meinen Lieblingsautoren und selbst Thees Uhlmann, der mir in den letzten Jahre auf den Senkel ging wie drei Stunden Verspätung mit der Bahn hat einen ziemlich passablen und unterhaltsamen Roman abgeliefert.
Nun also Tocotronics Sänger Dirk von Lowtzow - für mich nicht irgendwer sondern eine/die prägende Figur in meiner musikalischen Entwicklung - 1996 entdeckte ich "Wir kommen um uns zu beschweren" und die Mischung aus grüblerischen Texten und drei Akkorden, die wie wild gemischt wurden, bestärkten mich darin, dass auch meine eher untalentierten Hände aus der Gitarre irgendwas rausholen können! "Es ist gar nicht so leicht, Musik zu machen, doch darüber könnt ihr ja nur lachen" (Gitarrenhändler, ihr seid Schweine). DvL selber aber relativierte bereits in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur, dass es kein Roman sondern ein persönliches ABC ist und aus Texten besteht, die im Rahmen der letzten, recht biographisch gehaltenen Platte entstanden sind und er einfach nicht aufhören konnte zu schreiben.
Damit ist das Buch keine Sammlung von Tocotronic-Texten und die tendenziell ja eher abstrakten Songinhalte der Band finden sich so im Buch kaum wieder. Hier und da driftet DvL ins poetisch-absurde ab, aber insgesamt ist das Buch geprägt von einer persönlichen Offenheit, wie ich sie nicht erwartet hätte. Es wird - salopp gesagt - frei von der Leber erzählt, direkt und ohne Verschleierungstaktik. Über eine bittere Jugend in einer einer spießigen Kleinstadt in Baden-Württemberg, die einem Menschen, der anders war, das Leben zu Hölle machte und die Geschichte und die Bedeutung hinter der Textzeile "Mein Hass auf all die Deppen ist nach wie vor sehr groß, auf dem Gipfel der Verzweiflung ist immer noch was los" einem deutlich näher bringt und in einem anderen Licht erscheinen lässt. Es beschreibt den verzweifelten Versuch zu gefallen (der Gesellschaft) und zu imponieren (den Freund*innen) und wie Mensch dafür bereit ist, sich durch vermeintlich cool gemeinte Aktionen zu blamieren (Saufen auf einer Après-Ski und sich dann im Schlaf in die Hosen pinkeln; zu Blurs Song 2 Stagedive vom Tresen machen und sich ordentlich auf die Fresse legen) - "Es gibt nur cool und uncool und wie man sich fühlt". Es erzählt von einer Freundschaft, die das wichtigste in der Jugend war ("Gott sei dank haben wir beide uns gehabt"), die nicht immer frei von Komplexität war und die durch einen Gehirntumor beendet wird. Es sind Geschichten mit und über die Freundin, die mit Namen genannt wird (und der das Buch gewidmet ist) und einer simpel gestrickten Liebeserklärung, wenn sie ihn nach dem missglückten Stagedive vom Tresen in die Notaufnahme trägt. Das Buch ist voll von Traurigkeit, Melancholie und Fassungslosigkeit, aber auch von einem teils fast kalaurigen Humor, schrägen Zeichnungen und Absurditäten, die ja auch immer Einzug in die Songtexte Tocotronics fanden. Küssen möchte ich DvL für seinen Diss gegen "fritz-kola" (Scheißverein, Anmerkungen des Autors), auch wenn ich seine Liebe für das amerikanische Ur-Cola-Getränk nicht teile.
Ich bin nach dem ersten Lesen immer noch ganz baff von so viel Offenheit - diese hatte ich nicht erwartet, denn wirkte doch DvL eher immer etwas geheimnisvoll und scheu und die wenigen Auftritte in Interviews oder im Fernsehen sind m.E. geprägt von einem Versteckspiel, bzw. sind eh einfach ein Theaterstück, welches dazu dient, die Band vor die einzelnen Bandmitglieder zu stellen. Aber frei von jeder Mackerattitüde schreibt DvL schonungslos über die eigenen Ängste, Komplexe, Süchte und Ticks: Mal auf bis zu 10 Seiten und manchmal nur in einer Zeichnung. Die 180 Seiten von A wie "Abba" bis Z wie "Zeit" sind ein Easy Read und ganz schnell gelesen - kurzweilig, aber sehr schön, unterhaltsam und berührend.
kraVal 03/2019
Hörprobe:
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Dirk von Lowtzow
Musikstil: Indie
Herkunft: Berlin
Homepage: www.tocotronic.de
Dirk von Lowtzow - Aus dem Dachsbau

Stil: Indie
VÖ: 14.02.2019, Buch, Kniepenhauer & Witsch



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