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Phileas Fogg:
kopf, unten
Ich gehe die Straße runter, eine große Straße in Berlin Neukölln, die Sonnenallee. Gehen ist eigentlich untertrieben, weil ich mich beeilen muss, denn ich bin mit einer Freundin verabredet in einem linken Kneipenkollektiv, das ausnahmsweise mal nicht vor der Räumung bedroht ist und diese Freundin habe ich schon länger nicht gesehen und deswegen beeile ich mich also, denn eigentlich bin ich schon wieder zu spät. Ich setze die Kopfhörer auf kaum dass ich aus der Haustür raus bin und drücke Play auf meinem virtuellen Kassettenrekorder a.k.a. Handy und höre die neue Phileas-Fogg-Platte und eigentlich ist das das allererste, was ich je von dieser Band höre.

Meiner Ignoranz kann man ja wirklich einiges nachsagen, nicht aber dass sie ineffektiv sei. So habe ich diese Band einfach ewig nicht beachtet, obwohl ein guter Freund von mir in dieser Band spielt und auch ständig irgendwas von denen in den sozialen Medien postet. Gut, ich hatte noch nie die Chance diese Band live sehen, denn sie kommen aus dem Süden von Deutschland und ich wie erwähnt aus Berlin, beziehungsweise ich wohne in Berlin und irgendwie waren die auch noch nie hier, also in Berlin und bisher gab es auch noch kein Album sondern - glaube ich - eine Demo und ein paar Live-Videos und ehrlich gesagt, auf so Live-Videos mit miesen Sound, da klicke ich dann auch nicht unbedingt drauf. Zudem war mir das als so Post-Punk mit Elektrobeats und -Zeugs angekündigt und außer "Raven gegen Deutschland" kenn ich eh kein Elektropunk (Saalschutz sind aus der Schweiz und kein Punk) und dann Elektro-Post-Punk noch weniger und dann verbinde ich damit auch irgendwie entweder so verkappten Black Metal oder aber endlos lange Instrumentalparts und beides kann gut sein, aber muss halt auch nicht und ich bin dann konservativ und hör lieber wieder Turbostaat, Strike Anywhere oder Akne Kid Joe (deren Synthie nicht als Elektro zählt). Aber dann vor ein paar Wochen kam das Video zu dem Song "Leistung" raus und wurde mir direkt in die Timeline gespielt und ich war total geflasht: sowohl von dem diy Video als auch von diesem hammergeilen Song, der mit wenig Text und musikalischer Finessen auskommt und habe kurzerhand entschieden: ich kaufen mir jetzt die Platte. Zack die Bohne sozusagen!

Aber zurück zur Straße und der Platte: ich laufe wie gesagt los oder ich gehe schnell und obwohl es Ende November ist, ist es eigentlich gar nicht so kalt. Das monotone programmierte Schlagzeug von Phileas Fogg setzt ein und dazu kommt der Bass, der rücksichtslos immer wieder auf die eins und auf die zwei und auf die drei und auf die vier achtelt. bum bum bum bum bum bum bum bum - das treibt schon unglaublich an. Die Gitarren kommen mit Chorus und Delay, wenig Verzerrung, hier und da pling-plang Melodien, die von links nach rechts von rechts nach links wandern und manchmal denkste: "das jetzt ein bisschen rotziger aufgenommen und es könnte von The Cure aus den allseits beliebten 80ern sein"! Die hiesige MusikkritikerInnen-Fraktion könnte wahrscheinlich jetzt diskutieren, ob das jetzt jetzt Post-Punk oder Wave-Punk ist, aber auf jeden Fall sind die Gitarren genau richtig für das, was dargeboten wird! Und ich gehe noch ein bißchen schneller, denn ich bin immer noch spät dran und jetzt treibt es mich noch mehr an. Diese Musik ist die perfekte Begleitung für so einen Fußmarsch in die Kneipe inkl. der warmen Vorfreude, die Mensch empfindet, wenn nette Menschen und was zu trinken in einer angenehmen Umgebung ohne Macker und Nazis auf ein wartet - und ohne Deutschrock.

Die Titelnamen sind mit "Pauschal", "Leistung", "Tag" etc minimalistisch kurz gehalten, genauso wie das musikalische Gesamtkonzept der Platte. Spielt der Bass mal was anderes? Nein. Rollen die programmierten Beats mal anders? Nein. Gibt's nen anderen Gitarrensound? Nein. Hin und wieder werden Synthie-Parts eingefügt, die den Horizont der Stücke aufmachen wie der Sonnenaufgang nach einer drogendurchzechten Technopartynacht im Sommer, aber alles in allem bleibt das Album gekonnt gleich und auch das Tempo verändert sich nicht. Darüber legt sich nur der kurzangebundene Gesang, der sich in die Monotonie einreiht und auch ohne Doppelungen und zweite Stimmen ausreichend Präsenz verschafft. Und fast jeder Song ist ein Hit. Das bereits erwähnte Lied "Leistung" sticht hervor mit seinem kapitalismuskritischen Text, ohne aber am Ende nicht auch ein wenig dabei zu grinsen und genauso geht es mir dann auch. Während ich an den Scharwamaläden und an der Orient Rösterei vorbeilaufe, fang ich an diese Platte begeistert für ihren subtilen Humor abzufeiern und mir wird warm ums Herz vor soviel ausgefeilter musikalischer Monotonie. Die eigene Musik so zu machen, wie Mensch es sich selber wünscht, ohne sich von außen beeinflussen zu lassen, ist eine Kunst und ich bewundere das sehr - weiß nicht, ob das bei Phileas Fogg der Fall ist, aber ich möchte es gerne glauben.
Jetzt die noch mal live sehen, dann kann ich in Frieden einen Haken hinter Post-Punk machen. Bin mir sicher, dass hier einigen Menschen diese Platte sehr gut gefallen wird!
kraVal 12/2019
Hörprobe:
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Phileas Fogg
Musikstil: Post-Punk, Indie
Herkunft: Ludwigsburg
Homepage: https://phileasfogg.bandcamp.com
Phileas Fogg - kopf, unten

Stil: Post-Punk, Indie
VÖ: 15.11.2019, LP, CD, Disentertainment Records


Tracklist:
01. Pauschal
02. Nacht
03. Leistung
04. Tag
05. Reise
06. Geister
07. Affen
08. Tanzen

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