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Angora Club:
Hasenangst

ANGORA CLUB kommen aus Flensburg und kredenzen auf ihrer Platte „Hasenangst“ druckvollen Punkrock. Der Vergleich zu den Vorzeige-Nordlichtern von TURBOSTAAT liegt da natürlich in der Faust – und passt auch wie eine solche ins Auge: Musikalisch sowie textlich finden sich einige Parallelen. Auch MUFF POTTER zu „Bordsteinkantengeschichten“-Zeiten kommen mir in den Sinn.

Hier wird Großmütterchen Punk nicht neugeboren – muss sie aber auch gar nicht, wenn sie quietschfidel zu „Nasser Hund“ von ANGORA CLUB durch den Raum springt. In dem Song hat die Kapelle übrigens einen der denkwürdigsten Dialoge der Seriengeschichte verwurstet (Marty Hart & Rust Cohle). Zehn Möhrchen allein dafür!

Die Lieder auf „Hasenangst“ sind dicht instrumentalisiert. Das Schlagzeug ist druckvoll und auf den Punkt gespielt, ohne glattgebügelt daher zu kommen. Sowieso liefert die Produktion die benötigte Rauheit. Gitarre und Bass harmonieren auf ganz zauberhafte Weise, der kraftvolle Gesang tut sein Übriges.

Die behandelten Themen setzen sich mit dem alltäglichen Scheitern und Selbstzweifeln auseinander. Dass Texter Knott hier seine Depressionen verarbeitet, wird in einem Song wie „Blei“ mehr als deutlich. Laut Booklet wurde "Hasenangst" so ungewollt zum Konzeptalbum. Die Platte ist dadurch recht monothematisch und düster. Lieder, welche andere Motive aufwerfen - etwa „Untergang“, bei dem es um rechte Wutbürger geht - gefallen mir sehr gut und sorgen für inhaltliche Auflockerung. Und auch wenn sich ANGORA CLUB besonders weit von den musikalischen Vorbildern entfernen, wie bei dem Knaller „Erika.Alt.Entf.“, steht den Langohren dies gut zu Gesicht. Gerne mehr davon.

„Hasenangst“ ist auf dem PASCOW-Label Kidnap Music erschienen – und das sieht man. Alter Schwede, was für ein wunderschönes Artwork! Hänge ich mir glatt an die Raufasertapete, auch wenn hier natürlich keine Angora-Kaninchen, sondern Oryctolagus cuniculus abgebildet sind.

Mikula 09/2020
Hörprobe:
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Angora Club - Hasenangst

Stil: Punk
VÖ: 15.05.2020, LP, CD, Kidnap Music (Link)


Tracklist:

01. Johannes a.D.
02. Nasser Hund
03. Peter Pan
04. Toter Winkel
05. Hobbyraum
06. Leguan
07. Blei
08. Untergang
09. Minusmann
10. Erika.Alt.Ent.
11. Schatten
12. Utopia


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Norbert L.

17.09.2020 08:31
Die Einleitung für meine Kritik an der Band ist nun doch etwas länger geworden. Ich bitte um Nachsicht dafür.

Psychische Probleme und Erkrankungen sind nach wie vor ein großes
Tabuthema und dies, obgleich die Zahl der Menschen, die im Laufe ihres
Lebens an einem seelischen Leiden erkranken zunimmt. Entsprechend
werden die betroffenen Menschen immer wieder mit Vorurteilen und
falschen Annahmen in Bezug auf ihre Erkrankung stigmatisiert, die
verletzend und herabwürdigend sind. So ist es zum Beispiel wenig
hilfreich einer Person, die an einer schweren Depression leidet zu
unterstellen, dass sie sich nur zusammenreißen muss und dann wird schon
alles wieder gut. So einfach ist es nicht. Niemand würde an
jemanden, der sich das Bein gebrochen hat, appellieren, dass er doch das
gleiche Schritttempo an den Tag legen soll wie seine Mitmenschen, um
diese nicht aufzuhalten und zu stören.

Hingegen wird die Schwere psychischen Leidens und die damit
einhergehenden Einschränkungen und Symptome, wie z.B. die
Antriebsminderung, der soziale Rückzug, das schlechte Selbstkonzept etc.
häufig verkannt. Sprüche wie „stell dich nicht so an,“ „sehe nicht immer
alles so schwarz,“ „geh doch mal arbeiten,“ tun ihr übriges hinzu, um
das ohnehin schon geschwächte Selbstbild der betroffenen Person weiter
zu verringern.

Entspreched empfinde ich das Lied Minusmann der Band Angora Club als
ganz und gar rückständig, wenn es darum gehen sollte ein besseres Leben für Alle
zu fordern. Insbesondere wünsche ich mir ein besseres Leben für all die Menschen,
die in ihrem Empfinden und ihrem Verhalten nicht dem entsprechen, was als die sogenannte gesunde Norm
bezeichnet wird. Niemandem ist geholfen, wenn er sich anhören muss
„Minusmann, geh´ mal kalt duschen und fang´ zu leben an...“ wie es in
dem Text heißt. Dieser Song trägt eher noch zu einer weiteren Verrohung
der Gesellschaft bei. Überdies ist es natürlich sehr anmaßend, jemanden
aufzufordern mal kalt duschen zu gehen, unterstellt dies doch, dass die
Person, an die sich der Song richtet, wohl nicht ganz wach ist,
jedenfalls nicht so wach wie man selbst und auch nicht so reinlich.
Ebenso verhält es sich mit der Aufforderung „fang mal zu leben an...“
Wer nicht lebt, der ist bekanntlich tot. Mich würde überhaupt
interessieren, was sich die Band unter Leben vorstellt, singen sie doch
auch „aufgehört zu leben, nie angefangen...“ Sicher ist jedoch, dass
Personen, deren Vitalität gebremst ist, nicht gleich tot sind. Probleme
und Erkrankungen sind nunmal auch Teil des Lebens. Sicher ist auch, dass
man es sich nicht aussuchen kann, in welchem Umfeld und unter welchen
Bedingungen man aufwächst. Beides beeinflusst jedenfalls maßgeblich das
weitere Empfinden und den späteren Umgang mit Krisensituationen und
Schicksalsschlägen. Nicht jeder verarbeitet sie gleich. Das sollte kein
Grund sein, über andere zu richten.

In der zweiten Strophe heißt es. „Du suhlst dich im Dreck, wo die Maden
graben... () Wie ein Tier, das sich zum Sterben hinlegt, hängst du da,
tralala.“
Dies ist nun wirklich alles andere als solidarisch und mitfühlend. Mir
scheint es, als wolle die Band hier durch den Verweis auf die Maden und
den Dreck beim Hörer Gefühle des Ekels erzeugen und als würde die Abkehr
von der leidenden Person damit bezweckt. Der darauf folgende Verweis auf
das Tier, dass sich zum Sterben hinlegt, könnte durchaus als eine Art
von Entmenschlichung verstanden (oder missverstanden?) werden.

In dem Musikvideo wird die gedisste Person mit einem Aufkleber der Band
beklebt und später werden ihm Hasenohren gezeigt. Ob das Video und der Song
nun Punk ist, kann jeder für sich entscheiden.

Das Album von Angora Club wurde jedenfalls in der Punkszene durchweg gut
besprochen. Kritik an der Einstellung der Band ist mir nicht bekannt.
Ihrer Facebookseite ist zu entnehmen, dass sie sich mit dem Antifa –
Logo schmücken. Das Label gibt sich ebenfalls antifaschistisch. Nun will
ich weder Band noch Label diese Einstellung gänzlich absprechen. Ich
möchte jedoch ins Gedächtnis rufen, dass Menschen mit psychischen
Problemen zu der Opfergruppe von Nazis gehören. Was mit diesen Menschen
in der NS-Zeit passierte, ist bekannt. Es ist wirklich unschön, dass
besagte Band, in einem Lied, in dem es offensichtlich um eine Person mit
psychischen Problemen geht, davon singt, diese Person duschen schicken
zu wollen. Das ruft die schlimmsten Assoziationen wach, auch wenn diese
sicherlich nicht von der Band mitbedacht wurden.
Knud harder

17.09.2020 17:16
Moin moin,
So war Text absolut nicht gemeint.
Eigentlich spreche ich in dem Text von mir selber.
Habe zu der Zeit mit einem Kollegen zusammen in einer Wg gewohnt. Wir waren beide depressiv.
Ich wollte mir dabei selbst in den Arsch treten.
Wenn es falsch interpretiert wurde tut es mir leid.
Ich würde niemals einen Menschen derart heruntersetzen.
Liebe Knott
Olli

17.09.2020 18:46
Lieber Norbert,
hier noch ein kleiner Nachtrag zu Knotts Kommentar. Ich/wir hätten es schöner gefunden, wenn du dich zuerst an uns direkt gewendet hättest, anstatt hier Vermutungen zu äußern.
Deinen letzten Absatz lasse ich mal lieber unkommentiert. Wer uns kennt und sich etwas ausführlicher mit der Band beschäftigt hat, weiß ganz genau wo wir stehen!

Olli (Sänger / Angora Club)


Norbert L.

17.09.2020 22:32
Lieber Knud harder und lieber Olli,

vielen Dank für Eure Rückmeldungen.
Es ist sehr löblich, dass Ihr Euch gegen rechts positioniert. Ich möchte Euch ganz und gar nicht in eine Ecke rücken, in die Ihr nicht hineingehört. Ich wünsche auch nicht, dass Eure Band durch meine Kritik Schaden nimmt. Gleiches gilt für Euer Label.
Ich habe bislang noch niemals eine Band und ein Label öffentlich kritisiert.
Aber stellt Euch vor, Ihr befändet Euch in einer Lebenskrise und dann würde Euch jemand all die Dinge sagen, die in dem Text von Eurem Lied „Minusmann“ vorkommen. Das wäre absolut gemein und niederschmetternd.
Es ist furchtbar, wenn Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe beleidigt werden. Es ist ebenfalls furchtbar, wenn man aufgrund einer angeschlagenen psychischen Verfassung beleidigt wird.
Entsprechend kann ich es nicht nachvollziehen, dass Euch nicht schon längst jemand darauf hingewiesen hat, dass der Song und das Video nicht o.k. ist.
In der Punkszene ist es Konsens Rassismus zu ächten. Ebenso sollte es Konsens sein, sich dagegen auszusprechen, wenn schlecht über Menschen mit psychischen Problemen gesprochen wird. Ich habe meine Kritik auch öffentlich gemacht, um darauf hinzuweisen, dass es womöglich in der Punkszene an einem Bewusstsein hierfür mangelt.
Ich finde das Statement von Knud harder völlig hinreichend, um Eure Band von allen Zweifeln zu befreien. Es erscheint mir nun absolut glaubwürdig, dass der Song eigentlich von seiner eigenen Lebenssituation handeln sollte und es nicht seine Absicht gewesen ist, andere Menschen niederzumachen. Er hat sich auch noch entschuldigt und damit sollte die Sache vom Tisch sein. Uns allen passiert es, dass wir uns hin und wieder missverständlich äußern. Ich bin mir absolut sicher, dass Ihr zukünftig beim Songschreiben sehr viel feinfühliger vorgehen werdet.
Ich wünsche Euch alles Gute und auch weiterhin viel Freunde beim gemeinsamen Musizieren.
Liebe Grüße
Norbert
P.s. Um nun auch wirklich zum letzten Mal auf Euer Video zurückzukommen. Ich möchte Euch nicht vorschreiben, wie ihr damit umzugehen habt. Aber vielleicht findet Ihr ja eine Lösung dafür, wie Ihr es hinbekommt, dass es Euren Ruf nicht schadet.
Norbert L.

18.09.2020 00:14
Übrigens wollte ich Euch auch noch mitteilen, dass man Eurer Musik wirklich gut anhören kann, dass Ihr sehr gut aufeinander abgestimmt seit.
Mikula
(Mikula)
21.09.2020 14:25
Spannendes Gespräch!

Ich selbst habe die Texte so verstanden, wie Olli und Knud Harder sie hier einordnen: Als Selbstbeschreibungen eines Betroffenen. Diese können aus der Krankheit heraus natürlich nicht immer positiv ausfallen und sind getränkt von den negativen Zuschreibungen der Aussenwelt.
Trotzdem finde ich die Diskussion über die Darstellung von psychologischen Krankheiten auch in alternativen Szenen wie der unseren sehr spannend und wichtig. Daher sollte es auch okay sein, so etwas öffentlich zu kritisieren.

Danke für deine Anregungen, Norbert L., und für eure Stellungnahmen, Angora Club!
Martin

23.09.2020 15:05
Hallo Norbert. Wenn man den Text als allgemeingültige Aussage über psychische Erkrankung und als "Therapieanleitung" für psychisch Kranke versteht, ist deine Kritik durchaus nachvollziehbar. Aber: du verstehst ihn eben nicht so, wie er gemeint ist. Es ist ein sehr persönlicher Text, der das Empfinden des selbst betroffenen Autoren beschreibt. Möglicherweise hatte der ebenfalls depressive Mitbewohner einen Einfluss auf den Text. Irgendwie sind zwei depressive Menschen in einer WG auch immer ein Spiegel füreinander, und manchmal erkennt man das eigene Leid besser, wenn man es in jemand anderem sieht. Dieser Text ist nicht im Ansatz so gemeint, wie du ihn interpretierst. Und direkt einen Nazivergleich zu bringen spricht nicht wirklich für einen Willen zum Dialog. Das ist ein Frontalangriff, der den Angesprochenen sofort in die Defensive zwingen soll. Sachliche Kritik formuliert man anders. Lieben Gruß, Martin (Ex-Mitbewohner von Knud und der "gedisste" Typ aus dem Video)
Coco
(Coco)
23.09.2020 18:06
Jo, ich fand diese Kritik von Herrn L. auch ziemlich drüber. Man kann ja den Text anders interpretieren und Kritik am (vermeintlichen) Umgang mit Menschen mit psychischen Problemen äußern. Das ist ja eigentlich löblich. Aber deswegen gleich an der antifaschistischen Ausrichtung von Band und Label zweifeln? Und ich habe mich wirklich gefragt, warum diese Kritik nicht an die Band persönlich geschickt wurde, sondern hier öffentlich auf dem Schlunz-Medium Bierschinken passierte...

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