Die ersten Lager haben sich gebildet. Die einen schreien Hype, die anderen verfallen in Fantum. Ich schließe mich mit wehender kackbrauner Fahne und brennenden Herzens der Scheisse-Brigade an. Seit einer Nacht im düsteren Jahr 2021, mit ihrem Erstling "ich hab dir Blumen von der Tanke mitgebracht, jetzt wird geküsst" ist das Feuer in meiner Brust für diese Bremer Band entfacht. Am Morgen danach war die meine Welt eine andere. Eine in der "Karstadtdetektive", "Steakhäuser" und der "Helikopterhandmann" auf einmal eine bedeutende Rolle spielten. Noch heute ist kein Gang zum Pfandautomaten ohne anschließenden Ohrwurm möglich.
Alles was dann kam, nahm ich wohlwollend und gierig an. Sei es die Meme-Flut im Internet die dank ihrer zahlreichen internetaffinen Fans schnell zum Selbstläufer wurde, das teure aber todschicke Merch oder die Single mit dem gleichzeitig nervigen wie fantastischen "... Wetten Dass"-Song. Ein Vorgesetzter sorgte allerdings dafür, dass alle nahegelegenen Stopps auf ihrer Tour ohne mich stattfinden mussten. Solche Leute, das weiß ich spätestens seit 2021, gibt es halt häufig.
Nach Ankündigung des nun vor einigen Tagen erschienen zweiten Albums, das mit einer Bremer Telefonnummer betitelt ist, versuchte ich Vorfreude und Erwartungshaltung jedoch im Zaum zu halten. Fragen drängten sich mir auf: Zeigen sich schon Abnutzungserscheinungen? Ist die Geschichte vielleicht sogar schon auserzählt? Wenn nicht, wie mag eine Fortsetzung aussehen und gelingen? Der steile Aufstieg an den Punkrock-Himalaya verlief nach spontanem und ungewollten Aufbruch ziemlich rasant, aber er gelang. Der Sprung vom Tape in kleiner Stückzahl zu tausenden, staunenden Gesichtern im Vorprogramm der toten Hosen vollzogen in einem Wimperschlag der Pandemie. Die Fallhöhe dadurch jedoch gegebenenfalls nackenbrecherisch. Zudem haben sie den Bonus des Überraschungseffekts verspielt. Kein Clown springt zweimal aus der selben Torte. Also, geht's weiter mit Nase im Wind oder geht's wieder bergab?
Im Vorfeld sorgten "Schmetterling" und "Safeword" schon für heftig viele Klicks auf den Seiten der Musikstreamingdienste. Ich reagierte zwiegespalten und verhalten. Den einen fand ich nervig, den anderen nett. Mehr erstmal nicht. "Elfmeterschießen" ging dafür bei mir in die Dauerschleife. Nun liegt der Rest der Platte vor und das melancholisch, alberne "Jan Böhmermann" strebt gleich die Nachfolge an. Eine Reaktion von Seiten des ZDF-Moderators darauf ist eigentlich zu erwarten. Das hammerharte Brett "FA" tritt nach rechts, während es einem "Frieda und die Bomben" von TURBOSTAAT respektive FU MANCHU die Hand reicht. Das Cover von JAY POP's "Scheiss Money" kommt ähnlich gespittet im Gesang, dafür rotziger an der Gitarre, schlägt aber in Sachen Intensität in die selbe Kerbe und zudem den Bogen zum Rap. Wohingegen "Käsesortiment" bewusst oder unbewusst in Richtung IDLES winkt. Alle wandern in einem Wisch in meine Alltime-Favourite-Playlist. So sehr wie ihre Titel schon kaum Raum für fehlerhafte Interpretation lassen, so sehr halten "Alles muss brennen", "verjubel all mein Cash" und "ich hau mich noch mal hin" das Niveau auf hohem Level. Außerdem fügen sie dem Ensemble noch eine schön schräge Flöte hinzu.
Aus letztgenanntem Song möchte ich euch gleich mal gerne ein paar Zeilen zitieren, um euch die nach wie vor virtuosen lyrischen Ergüsse von Texter Timo vor Augen zu führen:
"Mein Leben ist so ähnlich wie Käsesortiment, keine Übersicht, alles ist bunt und reizend, die eine Hälfte schimmelt und die andere kann ich mir nicht leisten"
Ich fühle mich sofort abgeholt. Ähnlich wie bei diesen Sätzen aus "Sternzeichen Schlagring":
"Ich bin ein Minenfeld, ein riesen Minenfeld, mit mir zu tanzen das ist Wahnsinn! Ich bin ein Krisengebiet, ein riesen Krisengebiet, ich bin Sternzeichen Schlagring! ".
Für mich ist das große Kunst, Slogans für die Ewigkeit die nur darauf warten, unter die Haut gestochen zu werden.
Zwischen all diesen Instant-Hits die ich gerade bereits erwähnt habe, gibt es dann noch ganz viel herrlichen Blödsinn in dem es um Cobra-Tattoos oder Stöpsel geht. Bei Fahrrad macht man ein bisschen das was DIE ÄRZTE machen und erfüllt mal eben den Wunsch von Dr. Lüken nach einem Song für seine Fahrradplaylist. Das nenn ich mal Service. Und sind wir doch mal ganz ehrlich, schöner als in "Vorratskammer" kann man WIR SIND HELDEN nicht covern, oder?
Schnell noch ein kleiner Knicks vor den fantastisch gut ausgewählten Einspielern, die, zusammen mit den beigelegten Stickern und Poster+Textblatt aus der Kategorie "eigentlich zu schade zum nicht aufhängen", das Gesamtpaket abrunden.
Meine kackbraune Fahne flattert also weiter im Wind, denn Team Scheisse bleiben mit 042124192799 auf Erfolgskurs und beweisen nach Indiana Jones: Tempel des Todes und Planet Punk ein weiteres Mal, dass Fortsetzungen großartig sein können. Allen Hatern muss ich somit leider garantieren, dass dieser Haufen Scheisse noch einige Zeit an ihren Hacken kleben wird!

01. Verjubel all mein Cash
02. Schmetterling
03. Safeword Einzelfall
04. Elfmeterschießen
05. Fahrrad
06. Cobratattoo
07. Ich dreh mich nochmal um
08. FA
09. Jan Böhmermann weint
10. Sternzeichen Schlagring
11. Käsesortiment
12. Stöpsel
13. Vorratskammer
14. Alles was brennt
15. Scheiss Money (Jay Pop Cover)
Kommentare:
Riesen LOL wenn Team Scheisse dann jetzt damit werben dass sie ein Awareness-Konzept auf ihren Shows einführen wollen.
Aber eben auch nur den Hinweis. Mh.