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Die Kassierer:
Physik (Repress)

Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, als ich damals, im Jahre 2010, mit meinem einst besten Kumpel, zum ersten Mal das Kassierer-Album "Physik" gehört habe. Es lag in der Post und wir trafen uns abends in meinem Zimmer, um es uns mit ein Paar Pullen Bier einzuverleiben. Die Vorfreude war riesengroß, waren wir doch glühende Verehrer der bisherigen Werke und der Band allgemein. 

Eine knappe Stunde später herrschte dann aber eher Ernüchterung. Da blieb nach dem ersten Hören nicht viel hängen, bzw. war da kaum etwas, das spontan zum Lachen verführte - das meiste hatte man schon mal gehört. Lieder gegen die Arbeit und für das Nichtstun ("Nieder mit die Arbeit", "Mir ist alles Piepe") - gabs schon. Lieder übers Ficken und Scheißen ("Ich fick dich durch die ganze Wohnung", "Das Lied vom Kot") - gabs schon. Lieder übers Saufen, bzw. über Gewalt, die im Suff verübt wird ("Schönes Universum", "Verliebt in Whisky, Bier und Wein", "Erfindungen", "Wirtshausschlägerei") - gabs auch schon. Und auch, wenn man das Album 14 Jahre nach Erscheinung wieder hört (was ich in diesem Moment tue) und in guter Kenntnis der Vorgängeralben ist, bestätigt sich die Einschätzung: "Physik" gewinnt keinen Originalitätspreis mehr, geschweige denn schockiert es.

ABER: Sieht man davon ab, eine Band nur danach zu bewerten, ob sie Neues bringt oder sich mehr oder weniger nur selbst kopiert bzw. zitiert, dann ist "Physik" schon ein gutes Album! Es gibt schmissige Lieder, die sich nach mehrmaligem Hörgenuss und der vorangeschrittenen Zeit nahtlos in die Klassiker einreihen: "Ich fick dich durch die ganze Wohnung", "Das Lied vom Kot", "Radioaktiv!", "Quantenphysik", und "Verliebt in Whisky, Bier und Wein" sind einfach typisch Kassierer und gut, obwohl da nichts Neues passiert. Die skurrilsten Songs ("Drillinstructor-Song", "Im Sauerland kann man teleportieren" und "Sonnenfinsternis in Lissabon") haben es, größtenteils untermauert durch harmlose Kabaretteinlagen, lange in die Live-Sets der Band geschafft. Und ab und an gibt es doch auch auf "Physik" noch Neues zu entdecken: "Der Mann, der rückwärts spricht" basiert auf einer nie gehörten Idee, das Feature mit Mambo Kurt ("No Future, das war gestern") ist zwar gewöhnungsbedürftig, hat man so (Hip-Hop!) aber auch noch nie bei dieser Band vernommen. Und "Zitronenhai" eignet sich hervorragend, um ungebetene Gäste zu nerven. Ich habe das selbst ausprobiert und nach 5x auf Wiederholung hat sich der konservative Labersack dann schnell verabschiedet.

Allerdings gibt es auf dem Album halt auch Titel, die aufgrund ihrer Redundanz Füller sind: "Erfindungen" versucht erfolglos den größten Hit der Band ("Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist") zu kopieren. "Was für ein Ticker ist ein Politiker" ist mal wieder eine Georg-Kreisler-Adaption, die bei Weitem nicht an die Interpretationen des Albums "Taubenvergiften" ran reicht. An sich gelingen die Covers hier allgemein nicht so gut (Ausnahme: Das großartige "Der Song von den brennenden Zeitfragen", im Original von der 30er-Jahre-Band "Die Nachrichter"). 

Und noch ein Gedanke: Gut die Hälfte der Titel haben, mal einen offensichtlichen, mal einen eher versteckten, Bezug zum Albumthema "Physik" bzw. "Naturwissenschaften". Eigentlich schade, dass das Werk kein komplettes Konzeptalbum geworden ist. Gerade ein paar Songs, die auch in etwa um die Zeit veröffentlicht wurden ("Bin ich oder hab ich", "Erdrotation"), hätten hier thematisch noch exzellent rein gepasst. Und kaum ein Hörer wäre böse gewesen, wenn man die Suff-Fick-Kacka-Thematik noch weiter in den Hintergrund gerückt hätte, zu Gunsten etwas wirklich Neuem.

Trotz aller Marginalitäten bleibt unterm Strich ein gutes, abwechslungsreiches Album, das den Fan nicht enttäuscht, aber eben nicht an frühere Großtaten ran reicht. Dennoch würde ich mich sakrisch über ein neues Kassierer-Album freuen. Nach 14 Jahren kann man doch mal nachlegen. 

Kabl 03/2024
Die Kassierer
Musikstil: Punk, Jazz
Herkunft: Bochum-Wattenscheid
Homepage: www.kassierer.de
Die Kassierer - Physik (Repress)

Stil: Punk, Hip-Hop, Jazz
VÖ: 2024, LP, Teenage Rebel Records


Tracklist:

A 01. Physikalisches Intro
A 02. Nieder mit die Arbeit
A 03. Ich fick dich durch die ganze Wohnung
A 04. Drillinstructor-Song
A 05. Ich war ein Spinner
A 06. Das Lied von Kot
A 07. Radioaktiv!
A 08. Schönes Universum
A 09. Mir ist alles Piepe
A 10. Quantenphysik
A 11. Verliebt in Whisky, Bier und Wein
A 12. Im Sauerland kann man teleportieren
B 01. Ich niese immer Scharlatan
B 02. Zitronenhai
B 03. *****
B 04. Was für ein Ticker ist ein Politiker
B 05. Sonnenfinsternis in Lissabon
B 06. Erfindungen
B 07. No Future, das war gestern
B 08. Der Song von den brennenden Zeitfragen
B 09. Der Mann, der rückwärts spricht
B 10. Grüße und Dank


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