Manchmal, wenn eine Band, die ich sehr mag, ein neues Album herausbringt, hab ich ein bisschen Angst. Gerade wenn, wie im Fall von ARRESTED DENIAL, acht Jahre ins Land gezogen sind seit der letzten Veröffentlichung. Acht Jahre? Ist das wirklich schon wieder so lange her, seitdem das zweite Album "Frei.Tal" erschienen ist, wo ist bloß die Zeit geblieben? Wie wird das neue Album wohl klingen? Gibt es große Veränderungen, oder ist noch alles da, was mir sonst so an ihnen gefallen hat?
Nach wenigen Akkorden ist klar: Alle Angst war unbegründet! Viel verändert hat sich bei den Hamburgern nicht. Ihren Streetpunk lockern sie noch immer mit Offbeat und Trompeten auf, dessen Spieler mittlerweile fest zum Bandgefüge gehört. Gefühlt wurde der Bläsereinsatz auf "Nirgendwo angekommen" sogar noch leicht erhöht. Die Gitarrenmelodien klingen ebenfalls sehr vertraut, sodass man schon fast von einem Trademark-Sound mit hohem Wiedererkennungswert sprechen kann. Wiedererkennungswert hat dabei auch die leicht rauchige, kratzige und charaktervolle Stimme von Valentin, der sich diesmal aber gleich zweimal Unterstützung geholt hat. So sind bei "Für ein paar Stunden" Steff von ALARMSIGNAL und bei "Mauern" Tex von SLIME/TELUXE, mit einer wohlgemerkt wirklich starken eigenen Strophe, zu hören. Am Ende der Platte wartet mit "Nirgendwo. Angekommen." dann doch noch eine Überraschung auf mich, denn einen solch emotionalen, ruhigen und mit Cello, Mandoline und Ukulele instrumentalisierten, rein akustischen Song präsentierte die Band einem bisher noch nicht.
In einer Welt, die in den letzten Jahren vielerorts "das Maß verliert", wie es die Band sagt, die immer weiter nach rechts driftet und dabei ist, progressive Errungenschaften wieder über Bord zu werfen, ist es vonnöten, Haltung zu zeigen beziehungsweise zu bewahren und geradeheraus zu sagen, was man von dieser Entwicklung hält. Davor scheuen sich ARRESTED DENIAL auch diesmal nicht. Das zeigt sich in den Texten von "Alles wie es war", "Mauern", "Nichts zu bereden" oder "Offbeat Antifa". Man bleibt dabei, es heißt weiter "Kein Dialog mit den 'Wir sind das Volk-Leuten', man schickt ein dickes Shout-out raus an "jede noch so kleine Subkultur" und fragt sich: „Wie tief können Menschen sinken in Herzen und in Meeren". Verliert dabei aber nicht die Hoffnung und stellt richtigerweise fest: "Es gibt nicht nur Neid, es gibt nicht nur Schmerz. In einer kalten Welt braucht man ein warmes Herz".“ Daneben geht es viel um Dinge, die die Band auch schon in der Vergangenheit beschäftigten, wie Selbstreflexion und Selbstfindung, und um die Wege und Mittel, die einen dorthin bringen. Das kann das Reisen an ferne Orte sein, oder eine durchgemachte Nacht, vielleicht sogar mit den "richtigen Menschen und etwas Musik". Ihrer Heimatstadt haben sie diesmal gleich zwei Songs gewidmet: In "Auf den Lärm" geht es dabei um Gentrifizierung und bei "Hamburg", mal ein bisschen weniger depressiv um die verbliebene Subkultur und deren Orte in der Hansestadt, nicht ohne auch hier die Schattenseiten der Metropole zu beleuchten. Man merkt den Texten dabei an, dass lange an ihnen gefeilt und viel Liebe und Herzblut in sie gesteckt wurde, aus denen dann die hier vorliegende Tiefgründigkeit resultiert. Einziger Kritikpunkt, den ich anbringen möchte, ist, dass man hier und da schon ruhig mal den Rotstift hätte ansetzen können, so lang wie die Texte oft sind. Hierdurch geht stellenweise etwas die Griffigkeit verloren.
Gefühlt werden am Ende eines Jahres meistens nur noch vereinzelte Perlen veröffentlicht und allgemein finde ich auch, dass bis auf wenige Ausnahmen, das Jahr 2025 wieder kein wirklich herausragendes Jahr für Punkrock insgesamt und besonders für deutschen Punk war. Gerade wenn man mal von den Veröffentlichungen einiger etablierten Bands absieht, von denen es zwei in gewissem Sinne dann sogar auch auf diese Platte geschafft haben. Schön dass ARRESTED DENIAL hier hinein grätschen und kurz vor Schluss noch ein bemerkenswertes Album vorgelegt haben! Ich freu mich auf die Tour im kommenden Jahr, vielleicht kommen ja sogar noch ein paar Ruhrpott-Termine zu den bestehenden dazu! Ich würde es zumindest sehr begrüßen!
