Nicht die US-amerikanische Hip-Hop-Gruppe mit gleichem Namen hat hier 2023 ihr Debüt (eine von 200 Vinylscheiben) in den Rezikorb gegeben, sondern vier Heinsberger, die sich selbst zwischen ANGRY SAMOANS und PASCOW verorten. Inzwischen gäbe es ein weiteres Release zu besprechen, aber first things first.
Das Cover ziert ein roter Elefant im Agitprop-Linoldruckstil. Einen ähnlichen Elefanten haben DISCO//OSLO auf ihr „Tyke“-Album gedruckt und vermutlich handelt es sich hier sogar um denselben, den Zirkuselefanten Tyke, lautet doch der siebte Track auf „Mehr Punk, weniger Hölle“ „Je suis Tyke“ und fragt im molligen Klanggewand nach den 86 Schüssen, mit denen die Polizei besagten Elefanten tötete, nachdem dieser auf seinen Trainer losgegangen war und diesen tödlich verletzte. Mit dem Zusatz „Je suis“ erinnert der Titel zusätzlich an den Slogan, der nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo 2015 entstand. Ob die letzte Assoziation gewollt ist, weiß ich nicht.
Der erste Song „Mehr Punk“ setzt das Album-Thema. Passend dazu top Punkstimme, top Punktext, top Pogogeschwindigkeit und ich will aufdrehen, aber im Mix fehlt ein bisschen die Kraft des Elefanten vom Cover. „Mehr Punk, weniger Hölle“ klingt vom Sound etwas gepresst gemastert, als ob ein Limiter dem Nachbarn, der um zehn wegen lauter Musik die Bullen ruft, zuvorkommen möchte. Mehr Bums im Bauchraum wäre wünschenswert. Schieben wir diesen Umstand auf den DIY-Kontext und gewinnen ihm so was ab.
Manchmal schnell, oft im mittleren Tempobereich mit einem Nur-Gitarre-Ausflug ("Ich bin nicht verloren"), den ich erst verurteilen wollte, der dann aber doch in Melodie und Rhythmus gut umgesetzt zu gefallen mag, schließt "Weniger Hölle" nach einem moderaten Intro als kurz-knackiger Klopper die insgesamt dreizehn Songs umfassende "Mehr Punk, weniger Hölle"-Klammer (oder Sicherheitsnadel, um beim Punk-Thema zu bleiben).
Mit einem fröhliches Töröö stelle ich LITTLE BROTHERs „Mehr Punk, weniger Hölle“ zwischen KITT WOLKENFLITZER, bereits erwähnten DISCO//OSLO, MISSSTAND und ANTIMANIFEST ins Plattenregal und werde es gerne nochmal auflegen, wenn ich in dieser Ecke des Punk stöbere oder mir nach weniger Hölle ist (könnte in Anbetracht der täglichen Nachrichten grade öfter vorkommen).
P.S. Die Auseinandersetzung mit der Elefantenkuh Tyke scheint so ein Punkding zu sein. So haben neben Little Brother und Disco//Oslo noch Man Is The Bastard, Tourniquet und Alarmsignal das Rüsseltier in ihren Songs erwähnt.
