Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen heißt es doch bei Aschenputtel. Hier habe ich auf jeden Fall gute Körner erwischt. TAUBEN aus Hamburg haben passend sortiert und elf gar nicht so schäbige Songs auf einem Album mit einem wunderbar tristen Artwork versammelt. Ein bisschen düster, ein bisschen albern, ein bisschen ernst und ein bisschen poetisch geht es mit wohltemperierter Misanthropie um dahinsiechende Existenzen in Großstädten.
Beim ersten Hören bin ich begeistert, beim zweiten Hören nervt mich das Gemecker in Text und Attitüde. Ich denke über mögliche Midlife-Krisen nach und ecke am triefenden Zynismus an. Für das Herausstellen des eigenen (ausgesuchten) Andersseins muss man in Stimmung sein. So gehen die indiepunkig verpackten Schimpftiraden beim dritten Hören wieder super rein. Im Hipster- und Yuppie-Rantmodus stimmen Versmaß und Attitüde. Die Auflösung repetitiver Momente knallt doppelt und ich schmunzele immer mal wieder über Erwartungsbrechungen in Reim- oder Redewendung.
Die Musik hinter dem Sprechgerufe ist (fast schon zu) straight gespielt, größtenteils Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang und druckvoll gemischt. Bei Songs, in denen die Elektroelemente im Vordergrund stehen, geht meine Hand manchmal Richtung Skiptaste. Dann erwischen mich aber eine angenehm warm verzerrte Gitarre oder ein knorriger Bass und ich lasse mich weiter durch die musikalische Dramaturgie des Albums führen. Die experimentelleren Elektroschwerpunkte sind stimmig eingereiht und danach oder mitten drin setzen das wahnsinnig treibende Schlagzeug oder der rau-überschlagende (Sprech-)Gesang ein und entladen eine Energie, die mich in der S-Bahn fast aufspringen lässt.
Ein Album für die Momente, in denen man an der Welt um sich verzweifelt, über seine Privilegien hinwegsehen und in dem Gefühl des Aneckens baden möchte. Tiefschürfendere Kritik gibt es bei anderen Hamburger Bands, die ist dann aber nicht so nach vorne raus und zackig punkig verpackt. Nach dem Ende der Schäbigkeit setzt aber auch sowas wie Katharsis ein und es fühlt sich gut an, cooler als die ganzen „Fucker“ da draußen zu sein. Gleichzeitig spielen sich TAUBEN aber auch durch melancholischere, düster-mollige Momente, die mir besonders gut gefallen.
Rachut wird neben Moses Schneider als Produzent in den Liner Notes erwähnt, ist mir aber trotz Hamburg nicht direkt in den Sinn gekommen. Dafür ist der Sound zu indiemäßig im Stil von FINDUS mit dem Elektrokram von EGOTRONIC vermischt und Rachut meckert kryptisch wütender, während hier eher verzweifelt erzählt wird. TAUBEN findet man im Plattenladen bestimmt in der Nähe von KEINE ZÄHNE IM MAUL..., SUPERPUNK und LISTENER und ich weiß, was in meinen Ohren schallern wird, wenn ich die Menschen um mich rum in der nächsten vollen Bahn wieder hasse.
Übrigens: Ich trink’ nich’ mal Kaffee, ihr Fucker! ;-)
