Immer alles gleichzeitig. Treffender kann ein Albumtitel für mich gerade nicht sein. Dank hartnäckiger Prokrastination rücken Deadlines näher, kurz vorm Urlaub ist der Ausweis abgelaufen, der Drucker streikt, der ÖPNV ebenfalls. Termine werden hin und her jongliert und die To-do-Liste wächst ins Unermessliche.
Egal, erstmal abschalten und die neue KAPA TULT Platte hören. Die startet auch direkt mit der Single-Auskopplung „Es bringt mir nichts“. Es geht um jede Menge Input, der auf eine*n einprasselt. Neuer Podcast, neues Meme, neuer Flirt, Wellness Hotel, alles ausprobiert und nichts hat was gebracht. Man weiß, man sollte etwas ändern, aber halt nicht, wie. Also stagniert man munter vor sich hin und versucht sich mit Humor, Sarkasmus und Romantik von den eigentlichen Baustellen abzulenken.
Um Romantik geht es auch in „ARD Mediathek“. Der Song beleuchtet das Thema Beziehung mal nicht aus einer heteronormativen Pärchen-Perspektive und ist einer der Gründe, warum ich die Band so mag. Sie schafft es, tausendfach totgenudelten Topics eine neue, frische Facette hinzuzufügen.
Neu und frisch ist ebenfalls, dass, neben Inga, auch die anderen drei Bandmitglieder ans Mikrofon treten, was die Platte noch abwechslungsreicher macht. Und es gibt jede Menge Orgel zu hören.
Insgesamt erscheint mir das neue Album ernster, es geht viel darum, sich selbst und die Beziehungen zu anderen zu hinterfragen, aber auch um Themen wie Einsamkeit, Verlust und Trauer. Da ist zum Beispiel „Wolfgang“, der, scheinbar einsam, Trost oder was auch immer im Alkohol sucht. Und dann ist da „Niemand“, mein persönliches Highlight auf dem Album. Ich hätte nie gedacht, dass mir das kleine Wort „oder“ mal so eine Gänsehaut verpassen würde. Unbedingt anhören! Es gibt aber auch wieder humorvoll-ironische Songs, wie das elektropunkige „Ich will ein Kind von mir“ oder den NDW-lastigen Tanzflächenfeger „Tinder“. „Immer alles gleichzeitig“ ist ein rundum gelungenes Album, voller kleiner Alltagsgeschichten, mal nachdenklich, mal witzig, mal traurig, immer pointiert und mitfühlbar.
Im März gehen KAPA TULT auf Tour und wer, wie ich, schon Tickets ihr eigen nennt, hat jetzt noch einen Monat Zeit, die Texte auswendig zu lernen. Wir sehen uns vor der Bühne!
