Shoreline ernten so langsam die Lorbeeren jahrelanger harter Arbeit auf all den Jugendhaus-Bühnen des Landes. Als erste deutsche Band auf Pure Noise Records und mit dem zweiten, nun anstehenden Release auf dem Nashviller Label haben sie bereits denkwürdige Meilensteine erreicht. Dazu reihen sich zahlreiche Support Shows für große Namen. Dennoch bleibt DIY ein Thema. So wurde Is This The Low Point Or The Moment After? von ihnen selbst im zum Studio umgebauten Proberaum aufgenommen und co-produziert. Für Letzteres setzten sie wieder auf Chris Teti (u.a. Fiddlehead), der zusammen mit Greg Thomas auch den Mix verantwortet. Das Mastering übernahm Kris Crummett (u.a. The Story So Far).
Im rostfarbenen Uncle M Colorway dreht die Schallfolie auf meinem Spieler. Runde um Runde zeichnet sie das Bild einer Band der modernen Emo Punk Welle, die sich insbesondere in den USA aufbäumt und Genres von Midwest Emo über Post Hardcore und melodischen Punkrock bis hin zu Pop miteinander vereint. Im Grunde leben Shoreline weiter das aus, was sie mit dem ziemlich genau zwei Jahre alten Album To Figure Out begonnen haben. Damit gesellen sie sich unter anderem zu den Labelkollegen von Arm's Length, musikalisch wie physisch. Erst kürzlich schlossen sie eine gemeinsame EU-Tour ab, der außerdem Ben Quad und Koyo beiwohnten.
Freude bereitet der Langspieler durch Shorelines ausgeprägtes Gefühl für wirkungsvolle Songstrukturen mit wechselnden Anspannungs- und Befreiungsphasen und ihrem guten Auge für die kleinen, aber feinen Details. Im Song Brittle Bond, der unverschämt fließend aus dem bündigen Opener Worry Count hervorgeht, schöpft die Band aus dem Vollen. Klare bis gebrochene Stimmen unterschiedlicher Intensität in Main und Backing Vocals, die Art wie sie ab 1:22 plötzlich auf ernst schalten und die Spannung eine Stufe höherschrauben, und das durchschlagende Ende, das einem die Lichter dann komplett ausknipst: "I don't wanna wait, I don't wanna fail, I will be the safe no show, keeping the dependence low". Gänsehaut! Dieses Niveau halten Shoreline über den größten Teil der nicht ganz halbstündigen LP.
Meine zwei weiteren Highlights: Paradox Man ist ein kurzer, aber dramatischer Titel, möglicherweise der im Albumtitel erwähnte Low Point: "The pain, the fear, the sweat, the tears". Starke Screams über scharf geschlagene Drums und ein haderndes Gitarrenspiel beenden die A-Seite. Kurz umgedreht, geht es bei Synchronize ab der ersten Sekunde unter die Haut. Zunächst scheint alles perfekt, doch das Scheitern ist nur eine Frage der Zeit: "We are two clocks synchronized to the minute, but one's faster than the other, so when we meet again we won't understand".
Shoreline haben mich mit ihrer vierten Platte auf ein Neues beeindruckt. Besonderes Gefallen findet mein Ohr an den härteren Songs, jedoch ist die Qualität auch bei den Pop-affinen Tracks erkennbar. Womöglich durch genau dieses Wechselspiel und das authentische Wesen der Münsteraner, haben sie das Potenzial, den Spagat zwischen DIY-Szene und großem Publikum zu schaffen. Ich bin und bleibe gespannt.
