Vor einer Weile im Rezikorb mal reingehört und als "joar, vielleicht mal besprechen" grob gemerkt, gab dann ein zufälliger Konzertbesuch den finalen Impuls, mir die Kassette zum Besprechen zu schnappen. Es wird auch Zeit, "30 Years Of Choir Boys" wurde schon vor drei Jahren veröffentlicht und in der Zwischenzeit sogar schon re-released. Allerdings begeben sich CHOIR BOYS auf dieser "Incomplete Discography" selbst auf eine Reise durch die Zeit, beginnend in den 90er Jahren mit dem Titel 1990. Danach folgen 30 weitere Songs, die das jeweils folgende Jahr im Titel tragen. Der Hinweis bei Bandcamp, dass die Spiellänge jedes einzelnen Songs genau so gewollt sei, erscheint mir zunächst rätselhaft, beim Blick auf das Inlay der Kassette erschließt es sich aber: jeder Song dauert so lange, wie das Jahr, dessen Titel er trägt. Klingt komplizierter, als es ist. Vor allem stellt es eine (vermutlich ebenso gewollte) Herausforderung für das Songwriting dar. Dieser sind CHOIR BOYS aber mehr als gewachsen.
Während ich noch über die Herkunft des hypnotischen Geklackers im ersten Track nachdenke und das Geräusch einer Zeitmaschiene oder dem Mützen-Propeller von Karlsson vom Dach zuordne, klatscht mich der plötzliche Einsatz der Band volles Pfund wach. Hohallo, das ballert. Die Mix- und Masterei von Role in der Tonmeisterei steht den Songs ausgezeichnet. Im zweiten gibt's direkt einen Blastbeat, im dritten Doublebasseinsatz. Treibendes Chaos rollt räudig voran. Stimmlich ein Fauchen, Keifen, Rotzen und zwischendurch auch Gesang und Rap. Vorwiegend aber werden die Stimmbänder nach außen gekehrt und das gefällt. Gitarren und Bass riffen, rumpeln, schreddern, sägen und dröhnen harmonisch disharmonisch. Dabei erinnern mich unterschiedliche Komponenten mal an die Gallows, mal an Lt. Mosh und auch mal an Auxes, Comadre, Cancer Bats, The Bronx oder Antitainment. Ein toller Mix mit der Basis im chaotischeren Hardcorepunk.
Nach einem Cover des 99er Smash Hits "Freestyler" (zeitlich passend mit dem Titel "1999") wird es in den 00er Jahren des Albums noch wilder und jeder Song dauert dem eingangs beschriebenen Prinzip nach 1 Sekunde länger als der vorherige (Start bei "2000" mit 0 Sekunden). Textlich gibt es dabei Perlen wie "Es gibt nur einen Rudi Völler" (das ist der vollständige Text von "2001"), "Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag nur noch acht Planeten" (ebenfalls der ganze Text von "2006") oder "Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare" ("2014"), die inhaltlich zur jeweiligen Jahreszahl des Titeljahresnamens passen: 2001 wurde Rudi Völler als Bundestrainer eingestellt, 2006 Pluto der Planetenstatus aberkannt, 2014 konnte ich nichts zu finden, aber zumindest bei mir war es auf jeden Fall ein Jahr mit sehr vielen Formularen. Es lassen sich noch weitere (jahres-)zeitliche Referenzen in Erfahrung bringen und so wird das ganze nicht nur formell ein Abriss der letzten 30 Jahre. Ein geschickter Kniff in der Form, der den Detektiv in mir weckt und so eine inhaltliche Auseinandersetzung fördert, die ich sonst auch gern zunächst mal vernachlässige.
Die Bandbesetzung dieses spannenden, wuchtig krawalligen Werks stellt mich vor ein weiteres Rätsel. Live waren es vier Personen, "on this record Choir Boys are: Se, Ru, Ma, Ni, Sa, Er, Cl, Ja, Th, Ann, Ph, Al, Ant". Wer bei welchen Liedern was spielt, erschließt sich mir nicht. Mir hat nur ein Vögelchen gezwitschert, dass eine Person der Band Teil vom unbedingt empfehlenswerten "Und dann kam Punk"-Podcast sei.
Fazit des Ritts durch drei Jahrzehnte: Kassette besorgen, um das Gesamtkunstwerk wie von der Band gewünscht zu genießen und sich an der brachialen, kurzweiligen, das Zusammenspiel von Form und Inhalt so schön ausreizenden "Incomplete Collection" erfreuen.
