Tendenz abnehmend! Immer seltener kommt es vor, dass mich ein Album in seiner Gänze einnimmt. Doch, eine Münze ins Phrasenschwein: Ausnahmen bestätigen noch immer die Regel. Die ostdeutsche Band THE MELMACS konnte mich schon 2022 mit ihrem Debüt "Good Advice" überzeugen, jetzt ist seit Anfang April der Nachfolger mit dem für mich unaussprechbaren Titel "Euphancholia" auf dem Markt.
Der Titel stellt eine Wortschöpfung dar und ist eine Verbindung aus Euphorie und Melancholie. Perfekter hätte man einen Titel nicht wählen können, fängt er die Stimmung auf dem Album doch allumfassend ein. Während die Musik fast durchweg beschwingt fröhlich mit poppigen Gitarren-Hooks und hüpfenden Orgelklängen daherkommt, bilden die tiefgehenden und auch schon mal Herz- und Weltschmerz verarbeitenden Texte dazu einen deutlichen Kontrast. Dass das sich nicht beißen muss, ist ab dem ersten Track glasklar. Auch direkt spürbar ist die starke musikalische Progression, die der Band zuteil geworden ist. In „Euphancholia“ stecken nicht nur Powerpop und poppiger Punk wie bisher, diesmal mischen sich noch Einflüsse von 60's Rock, klassischem Rock 'n' Roll, und Garage unter den bekannten Sound des Vierers aus Dresden. Vergleiche fallen einfach, doch die Liste wird schnell lang. Man findet den Pop-Appeal von THE BRIEFS, die Eingängigkeit von THE BABOON SHOW, während die Gitarre quer durch die Geschichte des Rock und des Rock 'n' Roll grätscht. Die Vielseitigkeit steht der Band gut zu Gesicht und wirkt wie Doping auf die sowieso schon strammen Arme. Die Songs sind nun noch vielschichtiger und überall lassen sich zahlreiche Arrangements wie der bekannte Schellenring oder Kastagnetten entdecken. Alle Songs kennzeichnet eine Geschmeidigkeit und Unbeschwertheit, die einen packt, nicht mehr loslässt und in mir einen inneren Frühling auslöst. Da braucht es nur Sekunden, wie wenn die Super-Nintendo-Orgel bei "Falling" einsetzt und die Band dann hinterherjagt, bis sich in mir ein Flämmchen der Glückseligkeit aufkeimt. Da ist zudem „These Days“, das fast schon Brit-Pop-Vibes hat und so schön zum Zurücklehnen, Durchatmen und Genießen einlädt. Viele Reviewschreiber:innen lieben es, ich finde es eigentlich nur sülzig und aufgeblasen: das Wort "Dringlichkeit". Leider beschreibt es den Opener "The Tide Is High" und Track Nummer 2 "Run For Your Life" dermaßen gut, dass auch ich heute mal darauf zurückgreifen muss. Im Verlauf der zwölf Songs bin ich dann immer wieder komplett angezündet. Zum Beispiel wenn "Electric Nights" lostrampelt und alle zusammen singen, Oder wenn Sängerin Bimmi in "Lazy Hearts" eine Lanze für alle Loser:innen mit einem goldenen Herz bricht. Dann wieder diese Orgel bei "Keep On", diese verfluchte Orgel, die mir erneut unwiderstehlich ein Lächeln ins Gesicht meißelt, schon bevor der Song richtig angefangen hat. Wenn er dann erstmal angefangen hat, dann bekommt man spontan richtig Bock, einfach loszurennen und dabei wie ein Irrer in die Luft zu boxen. Oder wenn mich die Gitarre durch den Song trägt, bis wir beim klebrigen Refrain angelangt sind, wie bei "Bad Seeds", oder, oder, oder … Ich könnt noch ewig so weitermachen.
Meiner Meinung nach sind THE MELMACS momentan, wenn vielleicht auch nicht das verkaufsstärkste, jedoch das bemerkenswerteste Pferd im Stall von Bakraufarfita und Wanda Records. Diese Band hat alles! Style, etwas zu sagen und ganz viel Talent. Darüber hinaus haben sie nun mit "Euphancholia" ein brandheißes neues Album am Start, das, angefangen von der nicht so aufgeblasenen Produktion, die eine gewisse Rauheit bei all der Poppigkeit bewahrt, über die zahlreichen Hits, bis hin zum Artwork ein beachtliches Werk darstellt.
P.S. Danke fürs Ausnahme von der Regel sein!

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