Ganze zweieinhalb Wochen hat es gedauert, bis ich eines morgens aufwachte und mich nicht zu einem Ungeziefer verwandelt fand, aber mit Textzeilen und Melodien des neuen Muff-Potter-Albums im Ohr erwachte. Ich lag auf meinem panzerartig harten Rücken und summte hilflos vor mich hin. "Was ist mit mir geschehen?", dachte ich. Es war kein Traum. Mein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden.
Über dem Tisch, auf dem eine Auswahl zerblätterter Musikzeitschriften ausgebreitet war, hing das Bild, das ich vor kurzem aus einer dieser Zeitschriften ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte einen Vogel dar, der, mit einem stechenden Blick und pelzigem Gefieder versehen, aufrecht dasaß und den Beschauer taxierte.
Mein Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter — man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen — machte mich ganz melancholisch. „Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße“, dachte ich, aber das war gänzlich undurchführbar, denn ich hatte gehört, dass gegen Ohrwürmer nur helfen solle, die entsprechenden Songs erneut zu hören. Muff Potter hatten mich.
Am Anfang machte "Klepto" es mir schwer: Soundscapegeräusche, repititive Textfragmente, Nagel versucht zart zu singen, eine beschwörerisch dudelnde Gitarre, ziemlich ruhig und irgendwie lose. Aber der Sound ließ mich dranbleiben. Ein knorriger Bass und ein dermaßen knochentrockenes Schlagzeug, dass ich Durst kriegte. Der wird 20 Jahre nach "Schrei, wenn du brennst" aber nicht mehr mit Dosenbier befriedigt, sondern mit einem Digestiv ("Engelstränen im Abendlicht"). In den Refrains sind die vertrauten Muff Potter zunächst nur hinter vorgehaltener Hand erkennbar. Wie so oft kriegten mich Muff Potter erst nach mehrmaligem Hören und dem Vergehen einiger Zeit: zu viel steckt in den Texten, zu verschroben sind die Songs, aber wenn sie sich dann festsetzen, möchte mensch sie nicht missen, auch wenn nicht immer die richtige Zeit dafür ist.
"Klepto" ist nachdenklicher und zurückschauender, obwohl beides bei den Ex-Westfalen immer schon da war. Bei der Reunion 2018/19 noch im Vorprogramm, kam Felix Gebhard als Gitarrist spätestens zu "Bei aller Liebe" für Dennis Schneider fest in die Band. In der neuen Besetzung scheinen Muff Potter noch mehr auszuprobieren, auch tritt die Prägung durch US-amerikanische Rockmusik deutlicher hervor. Das, was auf dem Vorgänger begann, wird fortgeführt. Hier etwas mehr Hall, dort eine Lagerfeuerakustikgitarre, ein ausgerutschter Gesangseffekt, ein rockiges Funkriff, Schellenkränze und Uhuhus im Refrain, Bongos oder mal auch nur auf einem Ton durch den Song reiten. In "Klepto" ist für meinen Geschmack etwas zu viel Kunst und zu wenig Punk drin, aber der unfassbar gute Drive von Drummer Brami, die schließlich doch reibende Stimme von Nagel, der brummende Bass von Shredder und letztendlich der Ideenreichtum auf dieser Platte lassen mich alle Bedenken über Bord werfen. Das ist zwar kein unbändiges Feuer mehr, aber ein kontrolliertes Kaminfeuer für den nahenden Herbst.
Zwei der elf Songs sind nur als 7" der Deluxe-Vinyl-Variante beigelegt. Eigentlich ist nach "So wie es ist, wird's nicht für immer sein" (der Song mit den Uhuhus) Schluss. Grade "Königsesch" aber ist ein viel zu toller Song, um ihn so zu limitieren, auch, weil er sich mit dem Tod des 2025 plötzlich verstorbenen Dennis Schneider auseinandersetzt. Noch ein Song, der tief drinnen wirkt.
Es war inzwischen viel heller geworden; klar stand auf der anderen Straßenseite ein Ausschnitt des gegenüberliegenden, endlosen, grauschwarzen Hauses — es war ein Krankenhaus — mit seinen hart die Front durchbrechenden regelmäßigen Fenstern; der Regen fiel noch nieder, aber nur mit großen, einzeln sichtbaren und förmlich auch einzelnweise auf die Erde hinuntergeworfenen Tropfen.
Zum Glück bin ich nicht Gregor Samsa und mir blieb die blutige Auseinandersetzung mit meiner Familie erspart. Nachdem letzten Ton von "Klepto" war es aber erstmal genauso still.

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