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Ruhrpott Rodeo 2012 Tag 2: Slime, Dritte Wahl, Schmeisig, Heiter bis Wolkig, The Idiots, Talco, So What!,..., 27.05.2012 in Hünxe, Flugplatz Schwarze Heide - Bericht von Fö

Ruhrpott Rodeo 2012 Tag 2, 27.05.2012 in Hünxe

Ruhrpott Rodeo, zweiter Tag! Der erste (Bericht hier) hat ja schon richtig Laune gemacht. Achja, noch gar nicht eingegangen bin ich auf die Organisation: Läuft alles ziemlich rund. Keine langen Schlangen (wenn man sich nicht am Einlass ärgerlicherweise doppelt anstellen muss, hüstel), größtenteils gut gelaunte Ordner (den Typen mit Wadentattoo einer Südtiroler Vollhonk-Truppe hätte ich trotzdem lieber übersehen), Bierpreise auch in Ordnung (Wertmarke 2 Euro), die Bandauswahl lag mir auch mehr als im Vorfeld gedacht (wobei die mittlerweile ja fast obligatorische Claus-Band gefehlt hat), und das Wetter wie jedes Jahr Bombe (ja, auch letzten Punkt zähle ich zur Organisation - glaubt doch keiner mehr, dass das Zufall ist!).
Morgentoilette. Es gibt Wasserstellen, Dixies und Bezahl-Duschen. Viel wichtiger: Heißen Kaffee für 1 Euro, um die müden Geister zu wecken. Und kaltes Wassereis zum selben Preis, um die wachen Geister bei Laune zu halten. Sogar kühles Bier für 1.50. Einzig der hohe Anteil an Leuten, die es lustig fanden, lediglich mit Tanga (oder Betontod-Shirt) bekleidet herumzulaufen, war irgendwann nervig.
Aber das eigene Bier muss ja auch leer werden. Sowie diverse Schnäpse - inklusive Mexikaner, was auch äußerst hilfreich ist, um müde Geister zu wecken. Für mich mal wieder ein weiteres Festival, das ich alkoholfrei über die Runden zu bringen versuche. Klappt auch größtenteils, zumindest kann ich die Biere und Schnäpse des gestrigen Tages an einer Hand abzählen.
Hauptsache, der Grill ist an. Unsere Schlachtplatte heute mal äußerst dekadent: Es gibt Shrimps-Spießchen. Kaviar und Sekt liegen noch im Kühlfach.
Schlachtplatte gegenüber: Das längste Bier der Welt!
Zur ersten Band des Tages erheben wir unsere Häupter dann doch mal. Mittagssonne. Es macht sich bemerkbar, dass das Wetter des gestrigen Tages heute wohl nochmal getoppt wird. Alter Schwede...Den Opener machen SO WHAT! aus Bottrop, quasi hier umme Ecke. Neueste Band aus dem Rilrec-Kader.
Die Musik würd ich grob gesagt als Punk'n'Roll titulieren, vielleicht noch mit leichten Postpunk-Einflüssen. Geht also gut nach vorne, geschmeidiger zweistimmiger Gesang, viel Melodie und Arschtritt inklusive. Ich kenne ja nur die aktuelle 10-Inch "Gutter or miss", aber davon wird erfreulich viel gespielt. Auch das Johnny-Cash-Stück "Give My Love To Rose". Und ein weiteres Cover, das ich aber nicht kannte.
Publikum recht angetan, auch wenn um die Zeit noch nicht allzu viel los ist. Praktisch: Direkt vor der Bühne ist noch ein wenig Schatten, weswegen es zumindest dort nicht zu leer aussieht. Souveräner 30-Minuten-Auftritt.
Anschließend: Die RODEOKLOPPER. Der Name lässt es schon vermuten, diese Band hat sich exklusiv fürs Rodeo gegründet und hat irgendwas mit den Popperkloppern zu tun, und zwar in Form von Carsten am Gesang und Ex-Basser Helge am, genau, Viersaiter. Burn Harper komplettiert die Band am Schlagzeug. Dargeboten werden diverse Deutschpunk-Coversongs.
Eher ältere Stücke, womit sich bei mir wieder das Problem darstellt, dass ich in den 80ern noch kein Deutschpunk gehört habe. Glücklicherweise sind viele Klassiker dabei. Abwärts' Computerstaat, Hosens Opelgang, Vorkriegsjugends Vaterland und viele weitere. Montag wurden sie erst gefragt, ob sie spielen wollen, einmal wurde geprobt, und dafür ist das Set verdammt stimmig. Kaum Ansagen, brav und fröhlich runtergezockt, super!
Festival bedeutet auch, dass viele Freaks rumlaufen. Er hier hat den Bierbecher an die Hand geklebt. Verbrüdert sich kurz später mit einem übermüdeten Typen, der unsanft aus seinem Schlaf geweckt wird, als Sanitäter ihn davon tragen wollen - und der daraufhin total ausrastet und die Sanis übel beschimpft. Szenenapplaus dafür.
Anschließend auf der kleinen Bühne: BEATMARTIN. Schaue ich mir genau 10 Sekunden an. Er singt irgendwas mit Liebe und Gefühlen. Och nee, warum kann man mit Akustikgitarre nicht auch mal über Hass singen? Soll laut Maks aber ganz witzig gewesen sein - egal, wir latschen zurück zum Zelt.
Hier ein weiteres Alkoholopfer in praller Mittagshitze. Diesmal sind die Sanis vorsichtiger und versuchen, ihn erstmal verbal zu wecken, bevor sie die Bahre rufen. Klappt auch so mehr oder weniger, aber er gibt zu verstehen, dass er nicht in den Schatten will, und dreht sich lieber um, damit auch die andere Seite rot wird.
Anschließend etwas längere Auszeit für uns. Nach einer kurzen repräsentativen Umfrage, wer auf dem gesamten Festivalgelände denn der Nüchternste sein könnte, fallen 99% der Stimmen auf den Fö (es gab einige Enthaltungen, weil die Befragten nicht mehr sprechen konnten) - und da ich leider meinen Führerschein dabei habe, muss ich den Kuschelskin ins Krankenhaus zum Röntgen fahren. Wir verpassen zum Beispiel Dayglo Abortions und D.O.A. - von letzteren hier immerhin die Setlist.
Der Kuschelskin hat es, wie dem gestrigen Bericht zu entnehmen, geschafft, sich in Stahlkappenschuhen den Zeh zu verstauchen. Im Krankenhaus Dinslaken erfahren wir, warum Notfälle zu längeren Wartezeiten führen können. Und die Schwestern erzählen uns, dass das Klientel vom Punk-Festival deutlich netter und sympathischer ist als die Prollos, die sonst von irgendwelchen Schützenfesten eingeliefert werden. Wussten wir doch schon vorher. Nebenbei verpassen wir Talco, also darf Gerdistan mal wieder aushelfen:
TALCO, Skapunk von der schnelleren Sorte, aus Italien. Talco bedeutet auf deutsch übrigens Talkum (so wie in Talkumpuder), irgendwie schon ein recht seltsamer Bandname. Ist den meisten Leuten hier aber egal, das Publikum ist euphorisch und lässt seine Gliedmaßen in den aberwitzigsten Winkeln durch die Lüfte zischen.
Mitsingen kann ich zwar fast nichts, höchstens mal die Liedtitel, wenn sie im Lied vorkommen, und Bella Ciao. Einzelne Songs kann ich rückblickend kaum differenzieren, es war auf jeden Fall ein riesiges Spektakel. Oft und gerne in Deutschland auf Tour und immer wieder eine Reise wert.
Ich konnte sogar den gesamten Zeltkreis zum Mitkommen bewegen, das Mittanzen erfolgt dann von alleine. Auf dem Bild noch einen Insidertip, falls der Iro nicht mehr stehen will. Zurück zu Lück, äh, Fö.
Danke Anke, äh Gerd! Wir befinden uns immer noch im Krankenhaus. Hier gibt es gratis kühles Trinkwasser sowie saubere und sterile Toiletten. Ein Paradies! Außerdem lernen wir weitere Rodeo-Opfer kennen. Nebenbei verpassen wir PETER AND THE TEST TUBE BABIES - deswegen hier als Entschädigung ein Foto der Setlist.
Ich mäkel rum, wenigstens noch THE IDIOTS sehen zu wollen. Tatsächlich geht der Zeitplan einigermaßen auf - nur funktioniert das Navi nicht und wir verfahren uns. Trotzdem spielen die Idiots noch, als wir wieder am Gelände ankommen. Verpasst haben wir allerdings schon einiges, nämlich so ungefähr die ersten 10 Lieder dieser Setlist.
Finde ich aber nicht weiter schlimm, The Idiots standen bei mir eh lediglich auf der sollte-man-zumindest-mal-gesehen-haben-Liste und nicht auf der muss-man-komplett-sehen-Liste. 1978 bis 1989 existierende Band um das Dortmunder Urgestein Sir Hannes, in diesem Jahr die Reunion anlässlich des 25sten Geburtstag seines Plattenladens "Idiots Records".
Im Endeffekt handelt es sich ja eh nur um Sir Hannes plus Begleitband. Doch die besteht immerhin aus alten Bekannten - am Schlagzeug zum Beispiel Richie von Tony Gorilla, die Hals-Instrumentler könnte man eventuell von irgendwelchen Metal-Bands kennen, aber da bin ich nicht bewandert.
Auftritt: Wow! Dass Sir Hannes ein ziemlicher Freak ist, wissen wir ja wohl alle - auch wenn mich sein aktuelles Projekt "Honigdieb" nur mäßig begeistern konnte. Die Bühne beherrscht er aber ohne Zweifel. Fegt fleißig rum wie ein Derwisch, zieht Grimassen, tritt Bühnenelemente zur Seite - unterhaltsamer Auftritt!
Am Ende wird das Publikum noch mit Bierdosen und nackten Titten bestochen. Tolle Aktion...Aber ich persönlich kann darauf verzichten, neue Besucher zu kriegen, die ausschließlich Titten sehen wollen, also lasse ich hier mal Zensur walten. Tittenfotos dann bald im Bierschinken-Paid-Bereich! Oder als Handyfoto bei so ungefähr jedem zweiten Zuschauer.
Danach ist mal wieder Programm auf der kleinen Bühne: HEITER BIS WOLKIG, ebenfalls seit diesem Jahr wieder aktiv, wenn auch nur als Zweier-Kollektiv. Das hat immerhin mehr mit den ursprünglichen HbW zu tun als die zwischenzeitlich existenten "Roten Ratten". Es gibt also Musik vom Band zu hören, dazu Kabarett- und Gesangs-Einlagen der beiden Protagonisten Marco und Michael.
Buntes Programm, jeder Song in anderer Verkleidung. Die Kabarett-Elemente schwanken zwischen politischer Satire und Stammtisch-Slapstick. Trifft nicht immer mein Humorzentrum, wird vom Publikum aber fleißig bejohlt. Die Lieder im Karaoke-Gewand überzeugen. "Deutschland einig Zombieland" begeistert schonmal. Als der Klassiker "Rote Zora" erklingt, brüllt sogar der gesamte Platz mit.
Hat gefallen. Anschließend gibt es aber einigen Unmut darüber, dass Heiter bis Wolkig ihren Auftritt abrupt beenden müssen, da auf der großen Bühne The Rezillos beginnen. HbW entschuldigen mit jeder Menge Dosenbier (Zeit für das erste Bier des Tages - danke Sebi!). Meine persönliche Meinung dazu: Es gibt nunmal nen Zeitplan, und das wissen die Bands. Wenn HbW verspätet anfangen und 7 Minuten überziehen, müssen sie damit rechnen, dass die andere Bühne nicht ewig wartet. Ganz einfach.
Andererseits: Für THE REZILLOS interessieren sich tatsächlich deutlich weniger Leute als für die HbW-Reunion. Vielleicht hätte man den Zeitplan im Vorfeld anders gestalten sollen. Aber andererseits - von HbW kommt ja später noch ein zweites Set. Erstmal The Rezillos. Ersatz für die ursprünglichen Headliner "Stiff Little Fingers" und erster Deutschland-Auftritt der seit 1976 existierenden Band.
Ich sach ma: Naja. Wäre es ne deutsche Band, würde ich das wohl als NDW bezeichnen. Pop und New Wave mit leichtem Punk-Touch. Kannte die Gruppe bisher nicht, hab auch keine große Lust, das zu ändern. Aber vielleicht interessiert ja wen die Setlist. Hier bitteschön.
Anschließend die Band, die eigentlich nie enttäuscht: DRITTE WAHL! Wie Kiki schon letztens schrieb, eine der wenigen Bands, die sowas wie Stadionrock auch mal unpeinlich hinkriegen. Und eine Band, die konstant gute Platten rausbringt, sich stetig weiterentwickelt und trotzdem nicht schlechter wird - auch ne Seltenheit.
Selbstverständlich wieder mit dabei: Keyboarder Dietmar alias Rainer Langhans. Sorgt für neue Töne in alten Songs, untermalt neue Lieder mit frischem Elan und macht auch optisch gut was her auf nem Punk-Festival. Ungefähr das meinte ich mit der Weiterentwicklung bei Dritte Wahl!
Ich würde fast behaupten, es war bei keiner anderen Band so voll wie jetzt, nichtmal gestern. Vielleicht später noch bei Slime, vielleicht sogar bei den von mir nicht gesehenen Sondaschule. Aber die Reaktionen zeigen, dass Dritte Wahl ihren hohen Status in der Deutschpunk-Szene vollkommen zu Recht haben.
Zu hören gab es auch ein Schleimkeim-Cover ("In der Kneipe zur trockenen Kehle") sowie Hits aus über 20 Jahren Dritte Wahl. Und 20 Jahre "Fasching in Bonn". Und 2012 Jahre "Frohes Fest". Es wird politisch ("Keine Angst vor Deutschland"), hymnisch ("Fliegen"), persönlich ("Halt mich fest") und historisch ("NVA"), jeder Ton sitzt und die Zuschauer feiern.
Und wenn bei "Greif ein" aus tausenden Kehlen "Weg mit dem Nazipack" gebrüllt wird, bekommt man ja fast Tränen vor Rührung. Meiner bescheidenen Meinung nach die beste Band des Festivals.
Achja: Heiß ist es immer noch. Dem Hitzetod vorgesorgt wird durch gelegentliche Wasserschlauch-Attacken in den vorderen Reihen. Hilft auch, Staub zu vermeiden. Find ich gut und kommt gerade sehr erfrischend. Der Security hat auch sichtlich Spaß daran, die Punks ordentlich zu säubern.
Sieg auf ganzer Linie für die Rostocker. Eine der wenigen Bands, die auf großer Bühne ebenso viel Spaß machen wie im kleinen Club - und auch beides noch regelmäßig bespielen. Sehr gut!
Anschließend: MARKY RAMONES BLITZKRIEG. Naja, darüber sind die Meinungen geteilt. Einzige Ansage vom "fast letzten lebenden Ramone" Marky selbst, als er ankündigt, ein paar Ramones-Cover zu spielen - danach stolziert er zum Schlagzeug und es hagelt ne Dreiviertelstunde Ramones-Hits. Ohne Pausen, recht originalgetreu. Trotzdem gibts genug Ramones-Coverbands, die das genauso gut hingekriegt hätten.
Am Gesang der Hauptkritikpunkt: Michale Graves, Ex-Misfits-Sänger. Mehr Grauzone als alle umstrittenen Rodeo-Bands zusammen. Der Republikanerarsch und Mitbegründer der "Conservative Punk"-"Bewegung" macht sein Maul glücklicherweise nur zum Singen auf. Trotzdem will ich das nicht gut finden und vor Allem nicht unkommentiert lassen. Auch wenn Graves mittlerweile laut Wikipedia eher libertär unterwegs ist.
Man hätte ja stattdessen zum Beispiel auch Betrunken im Klappstuhl auftreten lassen können. Mit nem Ramones-Cover-Set. Mit noch weniger Akkorden als das Original. Und mit Keyboard.
Stippvisite beim Rilrec-Stand. Ich glaube, bei keinem Stand auf dem Gelände (mal abgesehen vom Bierstand) war mehr los. Ja, nicht mal beim Betontod-Stand! Die Mädels von Rilrec hatten gestern Rekordeinnahmen (die legendäre Tombola war bereits um 18 Uhr ausverkauft), dafür verkaufen sie heute fast nichts. Verrückt.
Danach auf der "Hänger"-Bühne: SCHMEISIG! Die perfekte Band für die Pausen-Unterhaltung! Diverse Coverstücke, auf Country getrimmt. Verbreitet ohne Ende gute Laune und ist die perfekte Ergänzung zum heiteren Wetter. Muss ja sagen, dass das auf CD nicht annähernd soviel kann wie live.
Diverse fleißig umjubelte Stücke, angefangen mit "Eastbound and down" bis hin zu "Insane in the Brain" (mit Sido-Einlage). Großes Tennis! Auch das Wizo-Cover "Kein Gerede" durfte nicht fehlen, vom Publikum begeistert aufgenommen. Unglaublich, wie viele heimliche Hiphopper sich hier tummeln!
Geiler und umfeierter Auftritt, der vor Allem Bock auf mehr macht. Meinetwegen könnten die in jeder Umbaupause spielen. Sind ja dem Rodeo-Publikum mittlerweile auch ganz gut bekannt, dementsprechend viel los ist vor der kleinen Bühne.
Danach auf der großen Bühne: SONDASCHULE. Habe ja irgendwann mal festgestellt, so ungefähr jeden zweiten Auftritt von denen gut zu finden, und da ich sie zuletzt beim Punk im Pott ganz passabel fand, muss ichs jetzt gar nicht erst versuchen. Außerdem hab ich jetzt schon keinen Bock auf die vielen Sondaschule-Fans. Ab zum Zeltplatz.
Und pünktlich wieder zurück zur zweiten Ladung SCHMEISIG! Diesmal gibt es System Of A Down und "Chop Suey" zu hören, mit großartiger "Saufen Saufen jeden Tag nur Saufen"-Einlage. Überhaupt finde ich die Variationen bei Schmeisig immer wieder großartig, wie da teilweise mehrere Lieder zu einem verwurstelt werden - pure Unterhaltung.
Der Ententanz und Wizos "Quadrat im Kreis" darf natürlich auch nicht fehlen, aber das absolute Highlight: "Fear of the duck". Vom Ententanz zu Iron Maiden, und diesmal mit Johnny-Cash-Einlage. Unglaublich, wie viele Punks sich als Maiden-textsicher erweisen. Gänsehaut-Publikums-Chor, echt mal!
Schließlich der Tagesheadliner: SLIME! Als erstes ins Auge fällt das gigantische Antifa-Banner, das über die komplette Bühnenbreite geht und darauf hinweist, den Nazi-Aufmarsch am 1. September in Dortmund zu stoppen. Gute Sache! Dazu singen Slime vom "Schweineherbst" und anschließend stellt Dicken klar, dass es auch andere Nazi-Aufmärsche zu verhindern gibt.
Da kann ich nur sagen: Auch wenn die Aktion irgendwie plakativ (höhö) war, zeigt es doch, dass Slime weiterhin fleißig die Fahne wehen lassen und mehr machen als nur Parolen nachplappern. Achja, auch hier wieder Bengalo-Feuer. Später gabs noch nen Idioten, der son Leuchtfeuer in die Menge werfen musste. Und da sage nochmal einer, dass Pyrotechnik kein Verbrechen ist...
Wie auch immer. Slime: Super Auftritt. Mag nicht allen zugesagt haben, aber das dürften eh nur diejenigen sein, die schon vorher dieser Meinung waren. Mir hat auch das vierte Mal, dass ich diese Band live gesehen habe, verdammt viel Spaß bereitet. Slime auf der Bühne ist halt einfach was Besonderes.
Gibt relativ viele neue Songs zu hören. Das neue Album "Sich fügen heißt lügen" erscheint am 15.06. und enthält ausschließlich Vertonungen von Texten des 1934 von der SS ermordeten Anarchisten Erich Mühsam. Die neuen Lieder klingen trotzdem durch und durch nach Slime, zünden live direkt und lassen meine Sorgen schwinden, das Album könnte eine Enttäuschung werden.
Den Titeltrack durften sich frühe Festivalbesucher sogar gratis auf CD mit nach Hause nehmen (zusammen mit nem PLY-Sampler und einer Zahnbürste), sehr löblich - meine alte Zahnbürste vom Punk im Pott 2010 kann ich nun endlich wegschmeißen. Hehe. Ja, wie gesagt: Ich bin begeistert von den neuen Stücken.
Aber von den alten selbstverständlich noch viel mehr! "Alle gegen alle", "Alptraum", "Gewalt", "Deutschland muss sterben", "Wenn der Himmel brennt", "Legal, illegal, scheißegal" - alles Hymnen für die Ewigkeit. Und als Steigerung nach "ACAB" gibt es auch noch das mit Begeisterung aufgenommene Buttocks-Cover "BGS".
Echt mal, alles super! Slime waren übrigens, gemeinsam mit der Terrorgruppe, die erste Punkband, von der ich was auf CD hatte - vielleicht erklärt das, warum mir die Band so viel gibt. Die Massen vor der Bühne feiern ebenfalls fleißig. Wobei erkennbar ist, dass deutlich weniger los ist als vor 2 Jahren beim letzten Slime-Auftritt auf diesem Festival.
Naja, allgemein scheint das Rodeo dieses Jahr etwas weniger besucht zu sein. Was ich ganz angenehm finde - es ist überall Platz, aber nicht so viel, dass es einem leer vorkommt. Eigentlich genau richtig. Zurück zum Auftritt: Muss ich nicht mehr viel zu schreiben. War großartig. Nach Dritte Wahl mein Highlight.
Anschließend wieder zur kleinen Bühne und zum zweiten Set von HEITER BIS WOLKIG. Es bleibt zynisch und zornig, und es bleibt nicht nur bei Themen aus den 90ern - so wettert man gegen Casting-Wahn und TV-Blödsinn ("Am Tag als Dieter Bohlen starb") und in einer kleinen Techno-Einlage kriegen auch die Atzen (alias Kackbratzen) ihr Fett weg.
Noch ein Show-Element: Marco zeigt Feuerspucker-Qualitäten. Meistens kommt zwar nur Pulver raus, aber wer will schon kleinlich sein. Das zweite Set gefiel mir nochmal deutlich besser als das erste. Weniger Gequatsche, dafür direkter. Und mit "Nein, Nein, wir wolln nicht eure Welt" auch mein Lieblingssong von HbW (wenn auch heute ohne Original-Interpret Klaus der Geiger).
"10 kleine Nazischweine" muss auch ohne Slime-Gastauftritt auskommen, wird dafür vom Publikum enthusiastisch mitgegrölt. Und, kleine Wiedergutmachung für das Desaster beim ersten Set: Da sich die Umbaupause auf der großen Bühne etwas hinzieht, dürfen HbW noch ein paar Lieder mehr als geplant spielen.
Auf der großen Bühne, letzte Band des Festivals: THE LOCOS! Zweitband vom Ska-P-Zweitsänger Pipi. Fand ich mal gut, mittlerweile aber einfach nicht mehr. Gute-Laune-Skapunk mit pseudopolitischem Anspruch. Ein paar Coversongs, ein paar neue Stücke, nichts Besonderes. Nicht gesehen habe ich irgendwelche Verkleidungen. Verpasst, oder verzichtet Pipi mittlerweile darauf?
Lieber das Konzert vom Rande aus verfolgen, ohne Sicht zur Bühne und dafür auf den Mond, der heute dick, orange und sichelförmig ist. Und hier nur ansatzweise zu sehen. Egal. Maks stellt erstaunt fest, viel zu viele Biermarken zu besitzen und bettelt die umstehenden Leute an, doch noch eins zu trinken. Nagut.
Danach mit Coco zum Wohnwagen der Düsseldorfer, wo sie mir begeistert das Getränkesortiment aufzählt - ich entscheide mich für türkischen Apfeltee. Wenn schon, denn schon. Zurück auf dem Zeltplatz sieht man den Weg kaum noch, weil überall Rauchschwaden (die meisten nicht von Feuer, sondern von Feuerlöschern) die Sicht versperren. Bei uns am Zelt wird auch noch gesoffen...
Nächster Morgen. Abreise. Zelt abbauen, Müll wegbringen, was man halt so macht. Das Ruhrpott Rodeo hat trotz aller Bedenken mal wieder sehr viel Spaß bereitet!

Weitere/bessere Fotos & Berichte von Maks/Rilrec hier, vom Punkrock Sekretär Tag 1 und Tag 2, Zeitraster hier, Baerchie hier und bestimmt noch mehr woanders.

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(Hünxe, 27.05.)
Berichte auf anderen Webseiten:

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snitchcock

30.05.2012 08:28
>>"Auch wenn Graves mittlerweile laut Wikipedia eher libertär unterwegs ist."<<

Mit Ex- Republikaner und jetzt 'Libertarian Party'- Mitglied Joe Young, seines Zeichens Gitarrenspielerin bei den veganen pc-Spießern von Antiseen, war er ja dann auf dem Festival in bester Gesellschaft.

Ist doch nett, dass die Ami- Pendants zu Westerwelle in ihrer Freizeit in schmuddeligen Punkbands spielen, anstatt "Rucola von Gurkensalat unterscheiden" zu können.

(p.s.: hoffentlich haste dir von dem Ekeltee Sodbrennen geholt!)
Kabl

30.05.2012 10:44
Schade, mein Hauptgrund hinzufahren wären tatsächlich die Rezillos gewesen. Hat jemand diese Band mit den ehemaligen GG-Allin-Mitgliedern angeschaut?
Doimling

30.05.2012 21:07
Ja, ca. 400 Leute incl Szene- Gestapo. Ein ganz schlimma Finger hat da auch ein Video zu "Black Eyed Suzie" gemacht. Kannze ma gucken bei Juhtjuhb.
Kabl

31.05.2012 09:38
find ich leider nicht - schreib doch mal den Link hier rein!
Doimling

31.05.2012 12:18
http://www.youtube.com/watch?v=TA479Xgj2fU
TerrorTom
(TerrorTom)
07.06.2012 11:11
Danke Danke Danke!!!!
Hatte das mit dem Bierbecher schon fast vergessen :) obwohl ich Superman höchstpersönlich bin

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