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Dagobert, 29.12.2015 in Essen, Wohnzimmer - Bericht von Schuldenberg & Fö

Dagobert, 29.12.2015 in Essen (Wohnzimmerkonzert) - Drama in drei Akten

Fö: Dagobert. Das ist weder eine Ente noch ein Ganove, sondern ein Schlagerbarde, wie in einschlägigen und für gewöhnlich gut informierten Postillen (z.B. Plastic Bomb) zu lesen ist. Wobei er doch irgendwie das komplette Gegenteil von dem ist, was man gemeinhin mit dem Schlagertum assoziiert. Auch was das Internet so an tiefergehenden Infos über den Herrn hervor bringt, kann ich bestenfalls in die Tüte "Skurrilitäten" packen. Kurz gesagt ein mehr als interessanter Charakter, so dass ich dann nicht einmal auf die Idee komme, nein zu sagen, als ein privates Wohnzimmerkonzert im malerischen Essen lockt.
Schuldenberg: Was uns an diesem Abend erwarten würde war uns selbst nicht so ganz klar. In der Einladung wurde explizit auf das Tragen von Pyjamas hingewiesen: "(...) berauschendes Sinnesfest zu zelebrieren. (...) es ist Zeit für Zärtlichkeit (...) bitten wir euch, im Pyjama (Nachthemd, Boxershorts/Shirt, Negligée...) zu kommen, um euch bestmöglich zu präsentieren."
Fö: meinten Sie: "nackt"?
Schuldenberg: 1. Akt: Ankommen, mit der Situation vertraut werden, Pyjamas überstreifen. Es sei hier erwähnt, dass der Fö dies nicht nötig hatte, da er schon im schnieken adidas-Zweiteiler angereist war. Überall huschen Menschen nervös in ihren Pyjamas durch die Zimmer und Flure und hatten ebenfalls das Bedürfnis sich an alkoholischen Getränken festzuhalten, wie die Queen bei Empfängen an ihrer Handtasche.
Fö: Ich hab mir ja heimlich ein alkoholfreies Getränk mitgebracht. Aber bitte nicht weitersagen, auf diesen freakigen Partys wird man für solchen Frevel bestimmt gelyncht!
Schuldenberg: Von Vorfreude kann man hier nicht sprechen, da niemand so recht wusste, was uns erwarten wird, muss man wohl von Anspannung sprechen. Also machen wir es uns erstmal unter der Schmusedecke auf den mit Kuschelmatratzen ausgelegten Konzertraum (Küche/Esszimmer) gemütlich. Sind wir wirklich auf einem Konzert? Wird sich das ganze noch als großes Missverständnis entpuppen? Casting für Herrenfilme? Werden wir noch gefragt? Sind wir schon mittendrin?
Fö: Am Eingang bekam auch noch jede/r ein Zettelchen zugesteckt mit einer Aufgabe, die er/sie zu absolvieren hatte, deren Inhalt aber sonst keiner wissen durfte. Mein Zettelchen fand ich erst am nächsten Morgen wieder, ich sollte einen Papierflieger-Weit-Flug-Wettbewerb veranstalten. Aufgabe leider nicht erfüllt, ich komme nicht in den Recall. Kriege ich denn eine Rose?
Schuldenberg: 2. Akt: Konzert. Es geht tatsächlich los. Der Raum ist komplett in rotes Licht getaucht, was leider auf den Fotos nicht zu erkennen ist. Was dem Ganzen einen sehr dramtischen Touch verleiht. Hinzu kommt, dass der ohnehin sehr großgewachsene Dagobert das auf den Matratzen sitzende Publikum weit überragte.
Fö: Nu bin ich gespannt. Nach kurzer Durchsage ("Die Toilette ist leider unbenutzbar!") wird der Act des Abends auf die gekachelte Bühne gelassen. Und wir sitzen da, sind immer noch überfordert vom Pyjama-Motto, diesen komischen Aufgaben und dem bunt gemischten anwesenden Volk, und nun setzt der Schlagerbarde da auch noch seine Krone drauf.
Schuldenberg: Was musikalisch dann passierte, hat uns alle überrascht. Die Playbacks lieferten eine laute Synthie-Orgel-Soundwand, dramatische Klangwelten fluteten den Raum. Darauf wurde live gesungen, perfekt intonierte Text-Welten, die so wahr sind, dass sie schmerzen. Er singt nicht über Liebesschmerz, wie so viele andere, er singt über die Natur der Liebe. Die Lieder lassen uns das wahre fatalistische Ausmaß der Liebe erkennen. Diese Wahrheit (ein Ideal, das nicht erreicht werden kann) ist Wehmut und Schmerz, der im Hörer selbst entsteht. Das ist ein riesiger Unterschied zur neuen deutschen Scheißmusik.
Fö: Das ist echt faszinierend. Wie kann man über ein so ausgenudeltes Thema wie Liebe singen und trotzdem kein Stück klischeehaft, säuselig oder gar berechnend rüber kommen?
Schuldenberg: Das Publikum traute sich bei den ersten Liedern weder zu sprechen noch zu bewegen. Alle waren gebannt.  Dagobert setzte seine minimalistische doch perfekt einstudierte Köpersprache gekonnt ein. Hier war ein Profi am Werk. Hier passiert nichts aus Zufall. Der Höllenfürst persönlich hielt uns gefangen.
Fö: Ich brauche tatsächlich ein wenig, um auf die Situation klar zu kommen. Da singt ein blasser Typ in schwarzem Anzug über Töne vom iPod schwermütige Depri-Texte, während ich mit mehreren Gleichgesinnten in Pyjamas und Jogginghosen auf ner Matratze hocke. Buche ich mal unter "erlebt man nicht alle Tage".
Schuldenberg: Dagobert lieferte ein packendes Set aus Hits seiner zwei bisherigen Alben, aber auch viele neue Stücke, die sehr gut waren. Insbesondere der Song "Ich nehme dich mit Gewalt" passte sehr gut in das Setting.
Fö: Ich bin ja noch nicht ganz so firm mit dem musikalischen Output unseres Helden, freute mich aber umso mehr über Stücke wie "morgens um halb vier" oder "Ich bin zu jung", denn die kenne ich wenigstens. Etwas schade, dass die Texte teilweise etwas unter gingen, zwischen Küchenzeile und Balkontür hat man anscheinend nicht die beste Akustik.
Schuldenberg: In der Mitte des Sets wurde auch das Keyboard eingesetzt, was dem Konzert  mal eine andere Wendung gab. Weniger dramatisch. So wurde elegant übergeleitet zu Songs, bei denen das Publikum auch textlich eingebunden wurde und Songs einer freudigeren Stimmung machten sich breit.
Fö: Die "freudige" Stimmung steht weiterhin in starkem Kontrast zur tiefen Tragik der Songs, mir persönlich sagt das Ende des Sets aber deutlich mehr zu, da die Lieder auch musikalisch neue (will sagen: partytauglichere) Pfade wagen.
Schuldenberg: Schön, dass sich Dagobert traut, live von den lieblichen Arrangements seiner Alben abzuweichen, ohne sie zur Gänze zu entfremden, oder sie dabei gar auf dem Altar der Stimmung zu opfern.
Fö: Wie er zwischendurch mal meinte: "Das Stück hab ich in der Version selbst schon Jahre nicht gehört"...
Fö: Zum Ende tanzt, johlt und klatscht das Publikum, so dass Dagobert noch 1-2 Mal zurück kommen muss für ein paar Zugaben, gespielt werden die Lieder nun auf Zuruf - da muss ich passen. Wird wohl doch Zeit, dass ich mich etwas mit dem Dagobert'schen Lied- und Leidgut auseinandersetze...
Schuldenberg: Dagobert von vornherein abzulehnen, da er Schlager macht, davon kann ich allen nur abraten. Für mich persönlich war Schlager nie eine Kategorie für Qualität, sondern immer schon eine musikalische Stilrichtung, in der es gute Musiker, schlechte Musiker und Dagobert gibt.
Fö: Erleben wir derzeit eine Art Underground-Renaissance des Schlagers? Nach Ulk-Acts à la Alexander Marcus und der charmanten Überspitzung von Christian Steiffen nun einer, der die Sache von einer unklamaukigen und avantgardistisch-künstlerischen Seite angeht. Hat die Intro sich schon den Begriff "Post-Schlager" gesichert?
Schuldenberg: 3. Akt: Verarbeitung, Redebedürfnis, das Erlebte muss irgendwie in Worte verpackt werden. Alle waren begeistert, nicht nur darüber, so etwas noch nie erlebt zu haben (was ja heute schon bei vielen ausreicht), sondern auch über die hohe Qualität. Wir waren uns auf jeden Fall einig, dass wir im Frühjahr ein Dagobert-Konzert besuchen werden, da wir uns fragen, welche Klangwelten und Soundwände wohl dann erst mit Band und großer Anlage vollbracht werden.
Fö: Definitiv! Ich dachte ja vorher "ach, Dagobert, interessant, könnte man sich mal anschauen", aber dieser Abend hat einfach nicht gereicht, da muss noch mehr her!
Schuldenberg: Der schnieke adidas-Zweiteiler (Wer hat, der hat)

Setlist: Welt ohne Zeit, Mit Gewalt, Sieg, Morgens um halb vier, Keine Gefühle, Ich fühl mich so einsam, Moonlight Bay, Ich bin verstrahlt, Angeln gehen, Ich bin zu Jung, Hochzeit, Afrika
Zugaben: Ich will ne Frau die mich will, Hast du auch so viel Spaß, Wunderwerk der Natur

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Thruntilldeath
(Thruntilldeath)
01.01.2016 14:46
Erst dachte ich, dass Dagobert ein Tarnname für die Shitlers ist. Hab den Artikel trotzdem angeklickt. Und dann sowas. Was es nicht alles gibt. Verrückt.

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