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Streckmittel, 26.02.2022 in Essen - Bericht von maks

Streckmittel, 26.02.2022 in Essen

Da spüre ich doch endlich sowas wie schleichende Altersmilde an mich heran kriechen, jetzt, wo Corcognac damit droht, eine Pause einzulegen. Und dann passiert das: Wladimir lässt Panzer rollen und Menschen töten. Mir gehen unfassbar viele Gedanken durch den Kopf. Es entfacht Wut und Traurigkeit in mir. Menschen werden vertrieben und getötet. Es ist ein verdammter Dauerzustand in dieser Welt. Menschenverachtende Grausamkeiten, Tag für Tag. An den Außengrenzen Europas, auf dem Mittelmeer, auf anderen Kontinenten, die nicht vor der Haustür liegen. Und jetzt auch wieder direkt in Europa. Etwas, das die Lebenswirklichkeiten vieler stärker treffen wird, als alles andere, was sie bisher erlebt haben. Während die Medien und meine digitale Filterblase auf Grund der Nähe und "Gefahr für Europa" natürlich viel intensiver berichten und Gefühle zum Ausdruck bringen als gewohnt, gibt es auch Stimmen, die das kritisieren. Und ich? Mir tun die betroffenen Menschen einfach nur wahnsinnig leid. Und es macht mir auch ein Stück Angst. Ich muss hier nichts gegeneinander aufwiegen oder vergleichen. Und auch nicht darüber philosophieren, seit wann es "sowas" nicht mehr gab. Wut, Trauer, Ratlosigkeit. One more time.
Und dann lese ich all die (anti-)social-media-Wortmeldungen in meiner digitalen Blase. Und dann merke ich plötzlich wieder, dass ich gar nicht altersmilde werden kann. Ich werde mich niemals mit dieser Welt anfreunden können und kann mich nur weiter mit ihr irgendwie arrangieren. Auch wenn ich zu den privilegiertesten Menschen überhaupt gehöre: weiß, männlich gelesen, sicher in Europa lebend und viel viel mehr, als nur ein Dach über den Kopf, sauberes Trinkwasser und genug zu essen habend.
Doch so leid es mir tut, aber ich kann - wo ich Staatenkonstrukte ablehne - die auf (hier) den Staat Ukraine fixierten Solidaritätsbekundungen nicht namentlich teilen. Und erst recht keine Landesflaggen. Ich will das angesichts der Situation nicht einmal kritisieren. Wenn ihr so eure Solidarität zum Ausdruck bringen wollt, geht das klar für mich. Wenn ihr näher an der realen Welt dran seid, als ich, dann ist das wohl auch nur die logische und angesichts der dortigen Alternativen vermutlich vernünftigste Haltung. Aber ich brauche das nicht. Ich kann das auch gar nicht. Es zeigt mir nur mal wieder deutlich, wie sehr ich hier fehl am Platz bin.
Und wo ich das gerade schreibe, sagen sie im Radio, dass "Männer zwischen 18 und 60" die Ukraine nicht mehr verlassen dürfen. Um "ihr Land" zu verteidigen. Land gegen Land, Land gegen "den Westen", Ideologie gegen Ideologie, Patrioten Land A vs. Patrioten Land B. Die einen im Angriff, die anderen zur Verteidigung. Das alles nachzuvollziehen fällt mir mindestens schwer. Ich bin für die real existierende Welt nicht gemacht. Aber das ist nun mal die bittere Realität, die den Boden bereitet und aus denen Menschen wie Putin so zerstörerisch agieren können und folglich auch agieren. Diese meine Ansicht ändert aber nichts daran, dass ich Trauer empfinde, wenn ich an all die Menschen dort denke, die ihr zu Hause, ihre Freund*innen und Verwandte verlieren. Und große Wut, wenn ich an Putin und seine ausführenden Schergen denke.
Staatenkonstrukte, Führer, Lügen, Heuchlereien, Europa, Grenzen, Europas Grenzen, Gewalt, Hass, Kapital, Doppelmoral, Armut, Ungleichverteilung, Wirtschaftsinteressen, Tod, Elend, Trauer, Krieg, Sinnlosigkeiten... all das spukt mir durch den Kopf, wenn ich die Nachrichten in Dauerschleife sehe. Während ich den Eindruck habe, dass in meiner digitalen Blase gerade (zum Glück nur) einige mit der Identifizierung des akut Bösen gleichzeitig das Gute auf der anderen Seite anerkennen. Der Feind (m)eines Feindes ist mein Freund. Kenn ich ja eigentlich schon. Kannte ich sogar auch schon vor Corona. Auch wenn mir gerade auch in DEM Kontext so manche öffentliche Bekundungen für manch Protagonist*innen dieses Systems, welches ja eigentlich nicht nur ich gar nicht mal sooo cool finde, schon Irritationen bereiteten. 
Als wenn man das alles nicht trennen könnte: Kriege, Gewalt, Allmachtsphantasien und die damit verbundenen Taten und Folgen verabscheuen, ohne zu vergessen, dass staatliche Konstrukte und Ungleichverteilungen genau das fördern und sowieso großer Mist sind. Wie könnte ich mich da mit Nationalfarben schmücken? Rücksicht, sich impfen lassen, sich und andere schützen, Schwurbler*innen verachten, aber politische Entscheidungsträger*innen von Parteien trotzdem scheiße finden. Unabhängig von ihren akuten Bekundungen und Entscheidungen.
Und dann merke ich wieder, dass das hier alles gar nicht meine Welt ist. Dass ich zu "Realpolitik" rein gedanklich gar nicht in der Lage bin, weil sie auf Realitäten fußt, die unumstößlich sind und deren Inhalte ich ablehne. Deren Existenz ich manchmal kaum nachvollziehen kann, weil ich dieses gesamte globale Konstrukt mit seinen Staaten, Zusammenschlüssen etc. als unnötig, ausgrenzend und menschenverachtend empfinde. Wurzelbehandlungen bleiben Zahnärzt*innen vorbehalten. Wo ich an meine ganz eigenen Grenzen stoße, wenn sowas passiert wie jetzt. Auch wenn es darum geht mich auszudrücken. Wie seit Beginn dieser Zeilen.  Dass sich das alles nach falschem Leben anfühlt, in dem es kein richtiges geben kann. Dass die Altersmilde mir bloß was vorgaukeln wollte.
Realitätsverweigernd? Nee, sicher nicht. Ich sehe ja ein, dass das die Realität ist. Ich finde sie halt nur scheiße und kann mich da oft nicht einbringen, weil viele Inhalte, Diskussion und Themen immer die Akzeptanz des umfassenden Status Quo voraussetzen. Da ist eine Meinungsbildung innerhalb eines Kontextes, ob sie nun schwarz oder weiß oder sogar grau wäre, oft kaum möglich. Weil alle Optionen am Ende doch wieder Bestandteile der Realität sind, in der sie zwangsweise eingebettet sind. So ähnlich wie Wahlen. Nur anders. Auch wenn ich von dieser Realität profitiere, die Privilegien undankbar annehme und mich trotz dieser Realität innerhalb meines Mikrokosmos auch schon mal einmische. Doch wenn ich es in Situationen wie im aktuellen Kontext versuche, merke ich auch wieder schnell, dass ich eh missverstanden werde. Ganz sicher von nicht wenigen auch jetzt gerade wieder. Dass unsere Wertvorstellungen trotz vieler Gemeinsamkeiten (Stichwort Antidiskriminierung) doch auf unterschiedlichem Boden fußt. Trotzdem versuche ich weiter in diesem falschen Leben, welches nie das richtige sein wird und kann, mit denjenigen, bei denen es mir sinnvoll erscheint, solidarisch zu sein. Unabhängig davon, ob sie eben dieses genauso sehen, wie ich.
Und dann neigt sich der Tag dem Ende und mir gehen wieder alte "..But Alive"-Textzeilen durch den Kopf, bevor ich mich auf den Weg mache. Nur dass ich erstmal alleine saufe. Womit ich dann doch bei Hammerhead lande. Büdchentour with myself. "Geduldet und erlaubt mit unserer Doppelmoral und der Rest der Welt, er steht linksliberal." Jaja... "Denn ich Krieg. Keinen Frieden." Und das geht so:
(Spoiler: Zum - zumindest in Ansätzen - besseren Verständnis: https://www.youtube.com/watch?v=GjK4BLtvED0)
Rotz all des Elends in der Welt, steht das allererste Konzert der All Star Band "Streckmittel" an. Und die Büdchentour wird abrupt beendet, wegen Fahrmittelwechsel. Natürlich ein geheimes Geheimkonzert, da Gigs in 10.000+ Hallen derzeit verboten sind. Hinter der Kombo verbergen sich musikalische Größen von z.B. Alarmstufe Gerd, Los Gringos, Undressed Army oder gar Punkrockers Radio. Zunächst wurde in Underground Magazinen wie dem Rolling Stone, später aber auch in der international anerkannten Musik-Fachpresse (HansaZeneca) berichtet, dass auch zumindest einer namentlich nicht bekannten Person der RilRec Youth ein lukratives Angebot zur Mitmachung unterbreitet wurde. Diese hat allerdings aus Selbstschutz abgesagt, da großer Ruhm bekanntlich immer zu übermäßigem Drogenkonsum führt. Und wer da schon in jungen Jahren mit anfängt, wird meistens nicht sehr alt. Schön, wenn Punks so früh schon so reflektiert sind. Die meisten sind es ja erst im Alter. Haha. Ein Lacher in düsteren Zeiten.
Der modrig schimmelige Geruch verrät uns: Weit kann es nicht mehr sein. Und tatsächlich. Wir wählen die uns an einem gemeinen Ort hinterlegte minnigens genauso geheime Telefonnummer mit unserem Wegwerfhandy und dann wird uns Einlass gewährt.
Gereicht wird selbst mitgebrachtes Hansa Pils, nicht selbst mitgebrachtes Hansa Pils und Pfeffi. Und das Streckmittel-Demo in CD-R-Form. MIT BONUSSONG!!!11!!1
Nachdem alle da sind, auf die wir noch gewartet hatten und alle, die schon da waren, nochmal Pipi waren, geht es endlich los. 
Hammer, Streckmittel spielen alle ihre Hits. Alle ihre größten Erfolge. Hier zu Beginn direkt der eine.
Und hier der andere.
Es ist ein Fest. Vor den ca. 15 (ziemlich) geladenen Menschen wird die komplette STRECKMITTEL GOLD durchgespielt. Plus Cover von Knochenfabrik, Goldene Zitronen, Hass und Oidorno. Und es sind sogar bei diesem ersten, ca. 20 Minuten dauernden Auftritt, schon Zugaben vorab fest eingeplant (zu erkennen an dem waagerechten Strich auf der Playlist des Sängers). Und die werden dann auch megaroutiniert eingebracht mit einem souveränen: "Stellt Euch vor, wir sind jetzt von der Bühne gegangen...." Und so weiter, Ihr wisst schon.
Am Ende wird dann nochmal als Zu-Zugabe ein Song vom Anfang gespielt. Beweisfoto anbei.
Eigentlich müssten wir jetzt los, aber das Sofa erlaubt mir das nicht. Aufstehen ohne Tilidin? Vom Niedrigsofa? Ich glaub es hackt. Rotzdem: Mein Ruf steht auf dem Spiel und es dauert auch nicht lange, als meine noch immer anhaltende Anwesenheit zum Gesprächsthema wird. Streckmittel (Streckmittel!) spüren das und damit ich aus der Nummer wieder rauskomme, spielen STRECKMITTEL (STRECKMITTEL!) nach einer Stunde einfach nochmal. Danke!
Danach ist aber dann auch wirklich irgendwie mal Schluss mit lustig. 20 Uhr ist längst durch und der befürchtete Kater am Folgetag zieht sich bis zum Abend.
Quintessenz: Streckmittel ist der neue Stern im Kellerloch und spielt schon bald seinen ersten öffentlichen Gig. Und jetzt mal in aller Sachlichkeit: Ich fand´s echt gut. Besser als Krieg alle male. Gute Nacht!

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Streckmittel
Konzertberichte: 3

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