Hand Fest: Random Hand, Old Radio, Brassick, The Hostiles, Pickled Dick, Taylor More Swiftly, Lipsknot, Phinius Gage, Spoilers, Pizzatramp, Faintest Idea, Riskee & The Ridicule, 30.-31.01.2026 in Leeds (UK), Brudenell Social Club - Bericht von Gerdistan
Hand Fest, 30.-31.01.2026 in Leeds (UK)
So steht’s geschrieben auf dem Kühlschrankmagneten, den ich mir in einem kleinen Shop im Corn Exchange in Leeds kaufte, aber fangen wir mal ganz vorne an.
Tag 0: Anreise
Die Bahn bombardiert mich frühzeitig mit Mails, dass sich irgendwas an der Reiseverbindung geändert hat, konkret fährt der ICE ne Stunde später ab, soll aber natürlich trotzdem pünktlich in Stuttgart sein, um einen Umstieg in den TGV mit neun Minuten Puffer zu ermöglichen. Dreimal dürft ihr raten – richtig, das hat natürlich überhaupt nicht geklappt. Auf Hinweis des Zugbegleiters bleibe ich bis Mannheim sitzen und checke dort im Reisezentrum ab, ob ich auch den EuroStar eine Stunde später nehmen darf, darf ich wohl, allerdings müsse ich, wie die Mitarbeiterin es ausdrückt, dann „in Vorleistung gehen“, was bedeutet, dass ich erstmal 435 (!) Euro raushauen darf, weil es nur noch Plätze erster Klasse gibt. Gesagt, getan und so komme ich eben um 17:35 statt um 16:30 in London an. Aus einem mir nicht mehr nachvollziehbaren Grund habe ich den LNER-Zug von London nach Leeds allerdings mit 90 Minuten Umstiegszeit gebucht, obwohl die Bahnhöfe St. Pancras und King’s Cross direkt nebeneinander sind… jedenfalls bin ich um 20:19 Ortszeit in Leeds und treffe mich mit meinen Lieblingsschweizer:innen zu Loaded Fries und Bier. In Leeds gibts übrigens überall Veltins!
Irgendwann ab in unsere Ferienbude, die aufgrund eines verzogenen Fensterrahmens brutal ausgekühlt ist, allerdings kann man mit einer Elektroheizung dagegen anheizen. Auweier. Hab aber mal gelernt, dass es typisch deutsch ist, sich im Urlaub über einfachverglaste Fenster aufzuregen, deshalb lasse ich das ab hier.
Tag 1: Erster Tag „Handfest“
Marco und ich flanieren in die Innenstadt von Leeds, gucken uns das mal so ein bisschen an und frühstücken dann ein komplettes Yorkshire Breakfast, was dem Full English sehr ähnelt, statt Toast allerdings einen Yorkshire Pudding – ein weitgehend geschmackloses Backwerk – als Unterlage bereithält. Zu unserer großen Freude entdecken wir einem kleinen Off-License-Shop auch ohne die inzwischen eingestellte App „Find me Bucky“ sowohl zuckerfreies Irn Bru als auch Buckfast Tonic Wine – der Abend kann also losgehen. Entsprechend gestärkt machen wir uns auf den Weg zum Brudenell Social Club nordwestlich der Innenstadt. Um die Trostlostigkeit des Latschens durch Wohn- und Industriegebiet besser ertragen zu können, kehren wir zweimal ein und sind dann schließlich pünktlich zur ersten Band am Ort des Geschehens.
Die erste Band nennt sich OLD RADIO und kommt aus Liverpool, musikalisch gehts hier quer durch den Gemüsegarten, hauptsächlich Punkrock, aber auch mal bisschen Ska, Reggae oder härtere Gangarten. An sich ganz nett, aber ob man 2026 noch mit einem T-Shirt von Rancid auf der Bühne stehen muss, weiß ich nicht. Gecovert wird „Sabotage“ von den Beastie Boys.
Rüber in den anderen Konzertraum, dort spielen BRASSICK, die ich noch gar nicht kannte, Marco aber unbedingt sehen wollte. Und ich werde nicht enttäuscht! Selten hat eine Person die Frisur „Palme“ mit so viel Würde getragen wie die Sängerin, die ansonsten beim ersten Song von ihrem Cider verschüttet und sich fortwährend dafür entschuldigt (very british). Musikalisch ballerts voll rein, wie Distillers in rotziger, ein frühes Highlight!
Zurück zur anderen Bühne, da stehen inzwischen THE HOSTILES aus Schottland und spielen eine Variante von Ska, für die sie 30 Jahre zu spät sind und die schon damals niemanden interessiert hat. Es klingt wie Big D and the Kids Table oder Planet Smashers, absolut nicht meine Baustelle. Auch hier werden wieder die Beastie Boys gecovert, zunächst mit „Fight for your right (to party)“, was dann ebenfalls in „Sabotage“ übergleitet, allerdings die Gitarrenriffe mit der Posaune gespielt. Najaaaaaa. Der Sänger sieht aus wie eine etwas verlebte Version von Chris Altmann und ward später auch noch einem Sondaschule-Pulli gesehen, ist aber nach Aussage von Sean Arnold, der hier Bass spielt, Amerikaner. Mit Sean trinke ich noch den einzigen Schnaps des Abends, und darauf angesprochen, ob er bei dieser Musik wirklich einen fünfsaitigen Bass spielen müsse, antwortet er gekonnt, dass das nicht mal sein Bass sei. Alles klaro.
Auf der linken Bühne würden nun ZEN BASEBALL BAT, die wir ausfallen lassen, denn niemand von uns hat je von dieser Band gehört und man braucht auch einfach mal ne Pause – diese verbringen wir im Mittelteil der Venue mit den lustigen Finnen der Band STRUM 101, welche zufällig neben uns sitzen. Nette Leute!
Zurück im rechtsgelegenen Saal spielen nun PICKLED DICK ihren Bubblegum-Punk, dessen dreistimmige Harmonien so poppig sind, dass Blink-182 dagegen wie eine Hardcoreband wirken. Aber toll! Es wird nur Quatsch auf der Bühne gesabbelt und alle Beteiligten vor und auf der Bühne haben sichtlich Spaß. Geprobt wurde auch ordentlich, denn jeder Ton sitzt. Gen Ende des Sets erleidet Bassist Dom auf der Bühne das, was man wohl landläufig einen Schwächeanfall nennt, damit wird aber sehr professionell umgegangen. Die letzten paar Lieder fallen leider weg und wir verziehen uns nach drüben, um eine unangenehme Situation nicht noch unangenehmer zu machen. Es ging ihm nach kurzer Zeit wieder gut, berichtet uns der Gitarrist mit der Götz-Schaffrin-Schneider-Frisur später.
Als nächstes folgt schon die letzte Band für heute und zwar die Gastgeber von RANDOM HAND, die „leider“ erstmal ihr aktuelles Album in Gänze runterhobeln, bevor sie noch ein paar Evergreens wie z.B. Anger Management zum Besten geben und ihre eigene Setzeit überschreiten. War nicht so das Gelbe vom Ei, aber sie spielen morgen ja nochmal!
Ein netter Taxifahrer mit pakistanischen Wurzeln befördert uns sicher zurück in die Innenstadt und wir widmen uns dann auch dem Matratzenhorchdienst (Initiative mehr Boomersprüche in Konzertberichten!).
Tag 2: zweiter Tag „Handfest“
Obwohl wir eigentlich den ganzen Tag das gleiche gegessen haben, erwacht Marco mit Magengrimmen, während bei mir alles in bester Ordnung ist. Aus Rücksicht auf den erkrankten Mitfahrer eiern wir erst gegen 16 Uhr wieder zur Location und kommen rechtzeitig zu TAYLOR MORE SWIFTLY wieder rein – ihr habt richtig gehört, eine Taylor-Swift-Coverband. Coverbands ist die Zukunft, das wissen wir alle, aber das zündet auch nur so richtig, wenn man die Originalsongs auch kennt, und da bin ich hier einfach zu unbewandert. Immerhin das mir bekannte „We are never ever ever ever getting back together“ wird gespielt, sodass ich mir wenigstens sicher sein kann, dass der Verdacht mit der Coverband stimmt. Was hier leider gar nicht stimmt ist der Sound, die Gitarre viel zu leise und der Bass viel zu laut. Was auf Platte noch etwas klang wie Avril Lavigne ist hier live einfach nur Brei.
Auf der anderen Bühne wird wieder in dieselbe Kerbe gehauen, hier stehen jetzt nämlich LIPSKNOT und es ist genau das, was der Name suggeriert: eine Slipknot-Coverband. Sie sind sogar zu acht, inkl. Zwei „Perkussionisten“, die wahlweise auf irgendwas rumtrommeln oder irgendwelchen Quatsch vor und auf der Bühne machen und einem Typen, der nur am Computer rumdaddelt (oder sich an den Sperenzchen der anderen beiden beteiligt). Dazu natürlich noch zwei Gitarren, Schlagzeug, Bass und Gesang, alles verpackt in orangen Overalls und mit Masken, die man sich inzwischen vermutlich nicht mal mehr selber basteln muss, sondern einfach im EMP-Versand bestellen kann.
Das mit den orangen Overalls hat die Originalband seit ca. 20 Jahren abgeschafft, aber wenn mich meine begrenzte Kenntnis des Backkatalogs von Slipknot nicht im Stich lässt, werden auch überwiegend ältere Stücke gespielt. Ich gebe ja zu, die mit 17 auch gehört zu haben, als das Internet noch nicht so verbreitet war und man sich auf alles gestürzt hat, was irgendwie ne verzerrte Gitarre drin hatte. Spätestens nach dem Iowa-Album habe ich die Band dann aber aus den Augen verloren bzw. nur als eine handvoll drogensüchtiger Millionäre, die sich gegenseitig verklagen, im Hinterkopf behalten (etwas grob verkürzt, aber im Prinzip isses so).
Die Band hat aber mächtig Spaß an dem, was sie tun, und auch an Details wird nicht gespart, so dass zum Song „Duality“ ein Bierfass mit einem Baseballschläger bearbeitet wird, das Ganze allerdings vor der Bühne mitten im Pit und nicht immer ganz im richtigen Takt. Von den ollen Kamellen erkenne ich noch die Songs „People = Shit“, „spit it out“, „before I forget“ und „wait and bleed“. Insgesamt doch treffliche Unterhaltung! Am Schlagzeug übrigens Sean von Random Hand, hab ich beim Soundcheck gesehen. Insgesamt wird hier die Masken-Geheimhaltung nicht ganz so ernst genommen, was ja auch irgendwie albern wäre.
Die nächste Band „The Social Club“ weicht mal wieder allgemeiner Faulheit, und dann stehen schon PHINIUS GAGE auf der Bühne, auf der eben noch Slipknot imitiert wurde. Die haben ja auch schon 2024 beim Handfest brilliert und sind heute kein bisschen schlechter. Es wird klassischer 90er Skatepunk geboten und geht mit „Broken Wings“ auch direkt vom ersten Lied an nur ins Gesicht. Geilgeilgeil. Zwischendrin noch Heavy Metal Winner von Consumed rausgehauen und eine doubletime-Version von Mike Oldfields Moonlight Shadow. Das Set schließen sie mit „Battered & Bruised“ und während Fran und ich noch streiten, ob das jetzt ein Rise-Against-Cover war oder nicht, wandern wir schon wieder zur anderen Bühne herüber.
Da bin ich nach kurzer Zeit alleine, da sich der Rest der Reisegruppe nicht für SPOILERS begeistern kann, ich dafür umso mehr. Dan erklärt dem Publikum zunächst, dass er erkältet ist, und ruft dazu auf, „Fuck you Peppermint Tea“ zu seiner Teetasse zu brüllen, was natürlich bereitwillig erledigt wird. Wer die Band nicht kennt: die Spoilers oszillieren zwischen ganz sanftem Poppunk und eher flottem melodic hardcore, getragen von der ziemlich hohen Stimme der längsten Koteletten diesseits des Ärmelkanals. Aber eben diese Stimme versagt heute das ein oder andere Mal, was wirklich ärgerlich ist – bei einer belanglosen Orgcore-Band, die in den Albumkritiken wahlweise mit Whiskey, Rauch und Reibeisen verglichen werden würde, wäre das ja egal, aber die Spoilers klingen dadurch heute ganz anders. Die halbe Stunde Setzeit kriegen sie trotzdem ganz gut rum und zum guten Schluss werden mit „punks don’t die“ und „roundabouts“ zwei echte Knaller gespielt, die auch der Bassist von Pizza Tramp (wie jedes andere Lied) aus dem Publikum komplett mitsingt.
Als nächstes folgen dann TREE HOUSE FIRE, die irgendwas sehr Reggae-lastiges machen und von mir für absolut unhörbar befunden wurden. Glücklicherweise wird in jedem Track spätestens nach zehn Sekunden „treeeee house fiyaahh“ in fake-jamaikanisch gesungen, sodass man genau weiß, wann man besser auf den »-Knopf drückt. Wir nutzen die Bandpause strategisch, um uns zu verpflegen – heute essen wir in der Venue, denn wie es sich für Yorkshire gehört, kann man hier kleine Pies mit Fleisch- oder Veggiefüllung, mushy peas, Kartoffelpüree und Röstzwiebeln zu durchaus fairen Preisen erstehen.
Kaum aufgegessen, geht’s schon wieder vor die Bühne, denn jetzt kommt der heimliche Headliner: PIZZA TRAMP. Die sehe ich heute zum vierten oder fünften Mal oder so, immer nur in England, aber Gerüchten zufolge spielen sie dieses Jahr noch in München – ich bin gespannt!
P.T. sind heute zu viert, ein zweiter Gitarrist, der die letzten Male nicht dabei war, hat sich auf die Bühne gemogelt. Sagt aber nicht viel, spielt nur sein Zeug runter – wenn mich meine Augen nicht täuschen auch meistens genau dasselbe, was Sänger Jimmy runterklampft, also keine Aufteilung in Solo- und Rhythmus-Gitarre, sondern eher als Backup? Kam mir vielleicht auch nur so vor, aber wenn man einen so dermaßen Bekloppten wie Jimmy am Gesang hat, können derlei Vorkehrungen schon mal nötig werden.
Wie schon beim letzten Mal kriegt hier jeder sein Fett weg. Alles, was gerade in den Sinn oder ins Blickfeld kommt, wird durchweg auf kreative, aber auch derbe Weise durchbeleidigt, aber immer durch ein Tänzeln auf ganz dünnem Eis, was durch das schiefe Grinsen des Vortragenden sofort wieder entschädigt wird – und so pöbelt sich dieser kleine dürre Kerl durch die Weltgeschichte, ohne dass ihm irgendwas passiert. Muss man erlebt haben, wirklich.
Als Opener dient CCTV, was man als Fan sowieso permanent im Ohr hat, wenn man die Hinweisschilder liest, die im UK überall hängen (müssen), dann folgt ca. 20x das 10-Sekunden-Lied „Band X is fucking shit“, wobei man hier wahlweise Random Hand, Metallica oder sonstwen einsetzen kann. Jimmy ergeht sich dann in einer Anekdote über den Tod von Dimebag Darrell von Pantera, holt dazu ein zwanzig Jahre altes Kerrang-Magazin hervor und verbringt Minuten auf der Bühne damit, den Artikel darüber zu suchen und ihn dann aber doch nicht zu finden.
Auch jeder, der mit über 30 noch in einer Ska-Punk-Band spielt, ist in seinen Augen ein Idiot, aber während er über Faintest Idea und ihren Song „Bull in a china shop“ herzieht, wandelt sich das ganze urplötzlich in einen Vortrag über Neurodiversität und Mental Health und dass wir doch alle der Elefant im Porzellanladen sind. Zwischen Genie und Wahnsinn ist es wahrlich nur ein schmaler Grat.
Irgendwann findet er dann doch noch die Zeit, „my back’s fucking fucked“, „Bono is a fucking c***“ und „i got work in the morning“ zu spielen, dann ist der Zapfenstreich exakt getroffen und man freut sich, dass das so gut geklappt hat.
Was für eine Band, absolute Empfehlung. Derber Schrabbel-Skate-Hardcore und dazwischen das lustige Gelaber, das man hierzulande serviert bekommt. 10/10.
Auf der anderen Bühne nun FAINTEST IDEA, die als zweites schon das bereits angesprochene „Bull in china shop“ verheizen. Die Bühne ist gut voll, da hier neben Gitarre und Bass auch noch Posaune, großes Saxophon, kleines Saxophon und Trompete vor dem Schlagzeug Platz finden müssen. Antifa-Skapunk von der guten Sorte, sehr tanzbar, wenn man dazu noch die Energie hat (die ersten Bands spielten heute schon um 13 Uhr!). Ihren zweiten großen Hit „Stomp em down“ spielen sie als letzten Song und dann ist auch gut.
An dieser Stelle trennen sich die Wege der Reisegruppe und ich bleibe allein zurück, so wie einst damals in Berlin bei Scheissediebullen (Bierschinken berichtete). Egal, ich zieh’s durch, ich hab dafür bezahlt, ich will das jetzt auch sehen. Random Hand sehe ich zwar in vier Wochen in Nürnberg schon wieder, aber erstmal kommen jetzt RISKEE AND THE RIDICULE und ich weiß nicht, ob die mal nach Deutschland reisen.
Sänger Riskee war gerade bei Faintest Idea schon Gastsänger, dort wunderte mich noch, dass er nicht mal die Jacke auszog – jetzt steht er oberkörperfrei auf der anderen Bühne. Das mag auf manche jetzt etwas prollig wirken, passt aber irgendwie ins Gesamtbild, da hier kein klassischer Punk dargeboten wird, sondern eine Mischung aus Grime, Hiphop und Gitarrenrock. Die Ansagen zwischen den Songs sind auch durchgehend absolut vertretbar. Nach dem zweiten Song verirrt sich Jimmy von Pizza Tramp in seinem Kamelhaarmantel auf die Bühne und wird von Riskee kurzfristig über die Schulter und ins Publikum geworfen – all in good fun, man versteht sich hier.
Die meisten Lieder speisen sich vom 2019er Album „Body Bag your Scene“, wie z.b. das ebenso betitelte, oder „Our Time“ oder das als Closer gespielte „Kaboom“. Hits hits hits, aber dann jetzt wieder rüber zum zweiten und letzten Set von Random Hand, welches auch das Festival beschließt.
Ja, wieder RANDOM HAND, heute das best-of-Set, mit „tales of intervention“ einen der ganz großen zu Beginn rausgeblasen. Ich habs beim ersten Set gar nicht erläutert, vielleicht gehe ich zu sehr davon aus, dass jeder weiß, wovon ich hier schreibe. Random Hand sind nur zu viert, Gitarre Bass Drums, aber Sänger Robin greift regelmäßig auch zur Posaune und so ergibt sich sehr gut mitsingbarer Skapunk der angenehmeren Sorte. Der ausverkaufte Laden und zahlreiche Gastmusiker:innen auf der Bühne verleiten zu sehr pathostriefenden Ansagen, wie lieb wir uns alle haben und wie toll es ist, dass Leute von so weit weg (ich fühle mich ein bisschen angesprochen) nach Leeds gekommen sind. Ich hole mir ein paar Gläser Wasser (gibt's hier umsonst, können sich deutsche Clubs auch mal was von abschneiden) und mit dem letzten Lied, dem Szenehit „Play some ska“, rausche ich aus dem Club und zurück in die Ferienbude. Einschlafen wird nicht ganz einfach, denn es ist wohl irgendwo eine Elektrodisco in Hörweite und das wie bereits erwähnt nicht ganz korrekt schließende Fenster lässt nicht nur kalte Luft, sondern auch Geräusche durch, sodass ich meine Ohrstöpsel wieder rausholen muss, bevor ich in den Schlaf entschwinden kann.
Tag 3: Rückfahrt
Man schimpft ja viel über die Deutsche Bahn (wie bspw. ich am Anfang dieses Textes), aber so etwas wie die DB gibt es im UK gar nicht – hier gibt's nur zahlreiche Regionalverbände. Das klappt dann so lange gut, wie man von A nach B will und es einen Direktzug gibt (bspw. von London nach Leeds) – auf der Rückfahrt sind allerdings Bauarbeiten zwischen London und Peterborough (leider meine Strecke). Ich könnte jetzt einen Umweg mit Umstieg in York fahren, aber die Tickets kann ich dann nicht online kaufen. Stattdessen nehme ich einen Flixbus, der deutlich günstiger, aber auch umso länger unterwegs ist. Und man weiß ja auch hier nicht so richtig wegen Stau und so.
Ich verlasses um 06:30 die Ferienwohnung und laufe einem Paar heimkehrender Partygirls der letzten Nacht in die Arme, die sich sehr erschrecken, weil auf einmal ein dicker Deutscher aus einem Hauseingang kommt. „Oh blimey!“
Der Bus fährt dann pünktlich ab und ist nach zwei Zwischenstops in Leicester und Northampton tatsächlich überpünktlich in London, sodass das Boarding für den Zug noch gar nicht geöffnet ist und ich mir noch in aller Ruhe einen Meal Deal besorgen kann. Bei der Passkontrolle werde ich rausgezogen und muss noch kurz zur französischen Grenzpolizei, darf dann aber doch in die EU einreisen und bin nach einer Stunde ungeplantem Aufenthalt in Stuttgart dann schlussendlich um 0:00 zu Hause.
Sechzehn Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln, das muss man auch wollen. Aber die Alternative wäre Fliegen oder Zuhausebleiben gewesen, und das wollte ich beides nicht.
Bis zum nächsten Mal, euer Gerd





