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Applez91, Hiraeth, Fear Of Physical Violence, 05.03.2026 in Dortmund, M236 - Bericht von Fö

Applez91, Hiraeth, Fear Of Physical Violence, 05.03.2026 in Dortmund

Es gibt so Musikstile, die kann ich nur schwer ernst nehmen. Oder genauer gesagt, ich kann mir schwer vorstellen, dass es Leute gibt, die sowas komplett unironisch hören. Ging mir lange Zeit mit diesem Bollo-Tough-Guy-Hardcore so, ich dachte das sind Leute die einfach nur nen komischen Humor haben. Irgendwann musste ich dann aber feststellen, dass die das tatsächlich ernsthaft hören! Oder Metal - also, zumindest so spezielle Spielarten von Metal. Alles mit Wikingern, Einhörnern, Todeskrallen und Satan. Das ist doch alles ein fetter Joke oder? Aber augenscheinlich gibt es auch da Leute (und nicht nur Joey DeMaio), die das vollkommen ernst meinen. Oder Gangsta Rap. Wir haben mal diese unfassbar unterhaltsame DVD "Rap City Berlin" geschaut - also bitte, das ist doch alles Karneval hoch 10 oder? Aber auch da: nee, gibt echt Leute die das für vollkommen normale Musik halten. Verrückte Welt!
Vergangenes Jahr hat mich Noise-Connaisseurin Susi in die Untiefen des Noise eingeführt, auch da warte ich noch auf das Eingeständnis der kompletten Szene, dass das alles nur ein aus dem Ruder gelaufener Postillon-Witz ist.
Aber irgendwie hat es mich ja doch ein klein wenig fasziniert, dass es Musik gibt, die eigentlich die komplette Antithese zu Musik ist. Also finde ich mich heute mit einigen anderen Gestalten in einem schummerigen Kellerloch wieder, um drei Künstler*innen dieses Genres zu "lauschen". Nebenbei versuche ich zu ergründen, was die anderen Besucher*innen so denken oder ob die gar alle krampfhaft versuchen, nicht zu lachen.
FEAR OF PHYSICAL VIOLENCE ist ein Projekt eines uns wohl bekannten Dortmunder Musikers, Multiinstrumentalisten und Soundtüftlers, der, wie er vorab fallen ließ, alles dafür tut, damit sich ja keine Melodie in die Geräuschkulisse einschleicht. Die "Musik" kommt ausschließlich vom Smartphone, wo er, beleuchtet durch einen skurillen Lichtkubus, eine Synthesizer-App bedient, die aber nicht nach Synthesizern klingt, sondern richtig fiese Geräusche macht. Alles zerrt, schiebt, flirrt, scharrt, wummert, brodelt, kratzt, rauscht und dröhnt. Dazu gibt es viel Nebel und es riecht nach E-Zigarette. Würde sagen, der Auftritt war ein voller Erfolg: Es war keinerlei Melodie zu erkennen.
HIRAETH ist nun dran und hier kann ich angeben, dass ich ja fast schon ein Kenner bin, denn sie habe ich letztes Jahr schon mal gesehen! Und was soll ich sagen, es gibt Melodien! Zumindest im Gesang. Ja richtig, es gibt Gesang! Sehr sphärisch und nicht immer erkennbar, und auch oft ganz ohne, aber immerhin. Dazu Geräusche aus der ASMR-Hölle. Kratzen, das immer etwas zu nah am Mikrofon rüttelt, irgendwelche Ketten schleifen über Metallgefäße, diverse Effektgeräte schleifen die Geräusche, dann wird noch irgendwas geloopt und alles hallt ewig nach. Für mich der beste Act des Abends. Aber waren halt Melodien mit drin. War bestimmt gar kein Noise.
APPLEZ91 kommt aus Italien, spielt auch noch in diversen bekannten und unbekannten "richtigen" Bands und lebt hier sein Faible für, äh, Wasser aus. "Watercore" nennt sich das wohl, und alle Geräusche sollen irgendwie durch Wasser erzeugt worden sein. Was jetzt nicht heißt dass alles plätschert und alle erstmal aufs Klo rennen müssen -  die Geräusche sind natürlich dermaßen durch den Noise-Filter gejagt, dass am Ende doch wieder nur kratziges Gewummer bei rum kommt. Der Künstler versteckt sich hinterm FOH und vertieft sich dort ins Knöppe drehen, während die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Leinwand gerichtet ist, wo auch visuell stark verzerrtes Wasser zu sehen ist. Vom schützenden Lebenselixier bis zur zerstörerischen Naturgewalt wird hier die komplette Bandbreite des Wassers abgedeckt. Zwischendurch gab es eine Pause mit Werbung für Wasser. Dass an der Stelle Leute (inklusive mir) gelacht haben, hat meinen kompletten Glauben in Noise gleichzeitig zerstört und erneuert. Alles verrückt hier.


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