Die Toten Hosen, The Undertones, Antilopen Gang, 17.07.2026 in Köln, RheinEnergieStadion - Bericht von Peter
Die Toten Hosen, 17.07.2026 in Köln
Zunächst müssen wir uns aber erst mal in eine komplett überfüllte Bahn quetschen, die zu allem Überfluss kurz vorm Ziel stehen bleibt. Das ist der Moment, an dem ich komplett zerlaufe und mein Deo schon kurz vor Beginn der Show versagt. Am Stadion angekommen, merken wir, dass wir entgegen unserer Annahme noch recht früh dran sind. Der Innenraum ist noch gar nicht so krass gefüllt. Wir bemerken sogar, dass im vorderen Bereich noch Platz zu sein scheint. Haben dann aber Sorge, dass es hier zu drubbelig wird, und entscheiden uns dafür, hinter dem Wellenbrecher zu bleiben. Spoiler: Es bleibt heute im vorderen Bereich angenehm gefüllt, sodass ein Plätzchen vor der Bühne tatsächlich eine Option gewesen wäre.
Es dauert nicht lang, dann erscheint Campino auf der Bühne, um mit einer kleinen Geschichte, die von verhauenen Nazis handelt, die UNDERTONES als erste Vorband anzukündigen. Ich finde es sowieso schon stark, dass die Vorbands bei einem DTH-Konzert aus alten und neuen Freunden, Vorbildern und Weggefährten und einigen neuen Acts bestehen. Dass diese dann noch von der Band angekündigt werden, finde ich besonders lobenswert.
THE UNDERTONES spielen ein gutes, aber unaufgeregtes Set mit einigen Klassikern, am meisten erwartet wird dabei wohl "Teenage Kicks". Für mich ist es das erste Mal, dass ich die Nordiren sehe. Schön, dass ich heute also noch schnell einen Haken an diese alte Legende machen kann. Ihr Original-Sänger Sean Feargal Sharkey hat sich leider zur Ruhe gesetzt und wurde bereits 1999 von Paul McLoone ersetzt, der stimmlich aber sehr nah am Original ist. Außerdem scheut er sich nicht vor Bewegung zurück. Was den Auftritt somit nicht zu statisch werden lässt.
Im Laufe des Sets gibt es noch Hits wie "Jimmy, Jimmy", "Here Comes The Summer" und ganz zum Schluss "My Perfect Cousin". Alle beweisen eindrücklich, wie sehr es die Band seit jeher verstand, Punk und Pop perfekt zu verweben. Nach dem Auftritt heißt es für uns erst mal "Blase leeren" und die leeren Becher wieder mit klebriger Limo und geschmacksneutralem Kölsch füllen, wobei sich das Portemonnaie gleichzeitig so schnell leert, dass einem schwindelig wird.
Da isse! Seit fast 25 Jahren bester Mensch und genauso lange ein bereitwilliges Fotomotiv, das immer und überall gerne für einen Schnappschuss posiert, wie man hier überdeutlich erkennen kann. Nicht nur dafür liebe ich sie sehr!
Kurz darauf erscheint Andi auf der Bühne, um mit der ANTILOPEN GANG die nächste Vorband anzukündigen. Eigentlich dachte ich, es kommt noch 24/7 DIVA HEAVEN, auf die ich mich sogar etwas gefreut habe. Doch ich habe wohl irgendeine Information falsch aufgefasst. Die Diven spielen leider erst beim morgigen Konzert. Dafür legen nun die ANTILOPEN mit voller Band im Rücken los.
Um die Band habe ich bisher immer einen leichten Bogen gemacht, es ist und bleibt nicht meine Musik, die da geboten wird. Dennoch bin ich sehr gut unterhalten. Die gesamte Band hat spürbar Bock, und ein paar Songs wie "Pizza", "Verliebt" oder "Destroy" der auf dem Zusatz-Album "Alles muss raus“ ist, das dem neuen DTH-Album beiliegt, kenne ich ja doch.
Ihr weltgrößter Fan werde ich wohl nicht mehr, aber der Auftritt hat durchaus Spaß gemacht. Gefreut habe ich mich auch über "Enkeltrick" der von Danger Dan am Piano begleitet wird. Vom Anstalt-Aufreger ist dabei noch keine Rede. Wovon in einer Ansage allerdings eine Rede ist, ist der heutige Sound, der leider dem einer Höhle ähnlichkommt. Besonders bei den Ansagen ist der Hall nämlich alles andere als erträglich. Es soll zwar den Abend über so bleiben, beschränkt sich zum Glück aber weitestgehend auf die Ansagen.
Nach dem Auftritt der ANTILOPEN steigt dann die Spannung. Gleichzeitig füllen sich der Bereich des Innenraums, in dem wir stehen, und meine Blase in einem ähnlichen Tempo. Nun noch mal weggehen ist allerdings keine gute Idee. Keiner von uns möchte sich anschließend, vorbei an ausgefahrenen Ellbogen, zurück in die jetzige Position drängen. Ein erneutes Getränkeholen fällt somit auch aus. Ein Wahnsinn, wäre es noch weitere Flüssigkeit auf die sich bereits im Körper befindliche zu kippen. Jetzt heißt es ca. 3 Stunden durchhalten! Ohjemine! Die einzige Option, die mir bleibt, ist: alle Poren öffnen und die letzte Wärme nutzen, um so viel wie möglich auszuschwitzen.
Das Set der Hosen startet schnell und wild mit "Opel-Gang" sodass direkt alle "on fire" sind. Es folgen dann "Die Show muss weitergehen“ und „Wir waren nie weg“ vom neuen Album, von dem noch einige weitere folgen sollen. Danach halten sie das Tempo mit "Auswärtsspiel", einem ewigen Favoriten von mir, und gehen dann zu "Du lebst nur einmal (vorher)" über, der sich auch immer so herrlich gut mitsingen lässt.
Zwischendurch marschieren immer wieder die Fahnen auf, das sieht von hinten immer etwas urig aus, da sie sich immer so strategisch klug positionieren und dann wieder abwackeln. Missen möchte ich sie trotzdem nicht, sie machen schon ordentlich was her und gehören schon lange als fester Bestandteil zu einer DTH-Show.
Es geht weiter mit "Laune der Natur" einem der Hosen-Songs, die ich am wenigsten mag, und den ich daher heute nicht gebraucht hätte. Im Rest des Publikums kommt er natürlich mehr als gut an. Darauf folgen der All-Time-Hit "Paradies“, die letzte Single "Nur nach vorn", "Altes Fieber" bei dem das ganze Stadion mitsingt, und der neue Kracher "Schlechte Nachbarn" der wieder richtig knallt.
Das Bühnenbild auf dieser Tour macht ordentlich was her, so wie schon auf der letzten Tour. Neu ist, dass man die Musiker auf den Leinwänden heute manchmal nur ausschnittsweise sieht und zudem viele Visualisierungen in Form von Bildern über die Monitore flackern. Sieht sehr toll aus, ist manchmal jedoch schon fast ein bisschen viel Kirmes, das Ganze.
Mit "Wannsee" den ich ebenfalls noch nie ausgesprochen doll mochte, dem Klassiker "Liebeslied" und dem politischen "Was ist mit uns los" vom neuen Album, zu dem es auch eine passende Ansage gibt, nähern wir uns dann der Mitte des Sets.
Bei "Nur zu Besuch" drängelt sich dann ein Herr von hinten an uns vorbei, nimmt dann unaufgefordert und scheinbar aus dem Nichts heraus eine mutmaßlich ihm fremde Frau auf seine Schultern, deren Arsch mir dann die nächsten Minuten die Sicht versperrt. Daneben tun sich heute weitere Menschen hervor, um den begehrten Titel "Affe des Abends" zu ergattern. Achtung, es folgt ein weiterer Spoiler: Es waren alles Männer!
Da hätten wir zum einen den Mitte Zwanzigjährigen, ca. 2 Meter großen Typen, der sich mehrfach direkt vor die nicht allzu groß geratene J. stellt, dabei hin und her schwankt, weil er zu viel Alk intus hat, und zu allem Überfluss auch noch raucht und mit seiner Zigarette seinen Nebenmann ankokelt. Zudem Leute, die sich von hinten aggressiv durchdrängeln und dabei ohne Rücksicht auf Verluste noch jemanden hinter sich herschleifen. Ein Herr, der so ausgiebig und besoffen tanzt, dass sich J. Kopf einen ganzen Song lang in seiner Achselhöhle befindet, und ein sicher schon locker 50-Jähriger „Punk“ in einem zur Weste umfunktionierten Hemd mit nigelnagelneuem "Punks not dead" Aufnäher auf dem Rücken. Dieser tut sich dadurch hervor, dass er bei jedem dritten Song zum Pogo vorm Wellenbrecher aufbricht, nur um dann kurz darauf wieder auf seine ursprüngliche Position zurückzukehren.
Wäre auch alles kein großes Problem, wenn man diesen Gestalten einfach ausweichen könnte, nur ist es mittlerweile so voll, dass viel Bewegung kaum möglich ist. Ein Schritt nach vorne ist ausgeschlossen, und wenn ich es wage, einen Schritt nach hinten zu machen, stehe ich bei der Frau hinter mir auf den Zehen. Sodass ich langsam etwas versteife und durch leichtes Rotieren der Hüfte versuche, dem etwas entgegenzuwirken. Abgesehen von den erwähnten Menschen ist das Publikum wie auf Hosen-Konzerten eigentlich immer sehr freundlich und heute wieder in Sachen Alter und Geschlecht, bunt gemischt. Man unterhält sich, hilft sich hoch, und irgendwann nimmt jemand neben mir meine Ausgedörrtheit wahr. Der Trick mit den offenen Poren hat scheinbar funktioniert und er flößt mir zur Abhilfe etwas von seinem Bier ein.
In der Mitte des Sets werden dann "Steh auf...", "Bonnie & Clyde" und die beiden sehr selbst referenziellen "Helden und Diebe" sowie " Was früher einmal war" gespielt. Gerade die letzten drei sauge ich quasi in mich auf. Danach folgt ein Block von absoluten Klassikern mit "Alles aus Liebe", "Pushed Again" den ich zuletzt in Bremen live gehört habe, "Wünsch DIR was" und "Hier kommt Alex".
Mittlerweile befinden wir uns im ersten Zugabe-Block, in dem Hannes Waders "Heute hier, morgen dort" gespielt wird. Ich werde wohl kein Fan mehr von dem Song, der genauso wie "Schrei nach Liebe", von dem ich zwar Fan bin, viel zu oft von den Hosen gecovert wird. Gerade auf einer Abschiedstour hätten an diesen Stellen gern noch zwei weitere Hosen-Songs kommen können. Denn allgemein werden wenig alte Songs gespielt. Irgendwas von den ersten drei Alben hätte ich da noch sehr begrüßt.
Als Gast habe ich heute ziemlich sicher Wolfgang Niedecken von BAP erwartet, der mit "Kristallnaach" auch auf "Alles muss raus" zu hören ist. Dieser kommt aber leider erst am folgenden Tag, dafür gibt es heute Sammy von den Broilers, der mit Campino den Song "Meine Familie" singt, der, während ich diese Zeilen schreibe, als Video veröffentlicht wurde. Ich hatte es nie so mit den Broilers, der Song ist trotzdem die nächsten Tage im Gehirn verankert. Das Konzept mit den Gästen, in Berlin war Farin U. da, gefällt mir sehr gut und passt gut zur Abschiedsthematik. Bin gespannt, wen man noch alles sehen wird.
Puff. Was ’ne Schweinerei. Bei "Tage wie diese“ wird neben uns die Konfettikanone gezündet, die uns zunächst einen ordentlichen Schreck einjagt. Kurzer Tröpfchen-in-der-Hose-Moment. Danach sind wir ziemlich doll mit rot-weißen Schnipseln belegt, die auch hervorragend an meiner schwitzigen Haut kleben. Wie sich das wohl in der sonst so gut aufgestellten Ökobilanz der Tour ausdrückt? Die Tour wurde nämlich wieder unter verschiedenen ökologischen und integrativen Aspekten optimiert. Mehr veganes Essen, nachhaltigere Energie, weniger Stromfresser, Weitergabe von Lebensmitteln, weniger Verpackung etc. Begleitet wird dies von der Berliner Hochschule für Technik, um zu verstehen, was funktioniert hat und was noch verbessert werden kann.
Ab da geht es mit großen Schritten auf das Ende zu. Zu hören gibt es noch den Ohrwurm "Düsseldorf". Der hier schon fast als Provokation wahrgenommen werden kann. Danach noch das ÄRZTE-COVER von "Schrei nach Liebe". Wann hat es sich eigentlich eingebürgert, dass dieser Song immer gespielt werden muss? Haben sich die Ärzte eigentlich schon revanchiert? Guter Song, mit nach wie vor wichtiger Thematik, den man aber auch gern "in Berlin" lassen könnte. Das eigene Schaffenswerk ist doch wahrlich groß genug.
"Schönen Gruss auf Wiederseh'n" beendet den ersten Zugabenblock, aber alle hier wissen Bescheid und bleiben stehen, da folgt mit Sicherheit noch ein Block. Dem ist dann natürlich auch so. Er beginnt mit der Ballade "Alles wird vorüber gehen", danach "Zehn Kleine Jägermeister", bei dem 65.000 Menschen "Sieben fuhr'n nach Düsseldorf und einer fuhr nach Köln" mitgrölen. Gänsehaut!
Ganz knapp vorm Ende kommt dann noch "Freunde" für das ich trotz Kitsch und Pathos, einen Softspot habe. Wer Pathos nicht abkann, kann bei den Hosen aber eh gleich zu Hause bleiben. Der Softspot wird auch gefühlt immer größer, je älter ich werde. Schlimm, wo soll das bloß noch alles hinführen?
Den Sack zu macht dann das obligatorische "You'll never walk alone". Bei dem Campino die Fans auffordert irgendwas in die Luft zu halten. "Ganz egal was, kann auch ein Schuh sein". Tatsächlich kommen mir wenige Minuten später einige Menschen mit einem oder zwei Schuhen in den Händen entgegen. Der Prediger befiehlt, die Massen folgen! So ist das halt. Das Konzert fadet zu den Tönen von Vicky Leandros "Ich liebe das Leben" aus, zu dem Campino noch etwas mitsingt. Wir machen uns danach schnell auf den Heimweg. Nach 3,5 Stunden stehen, qualmen mir nun ordentlich die Socken und wie auf Eiern geht es zurück zur Sardinenbüchsenbahn. Durch die Bahn schallt während der kurzen Fahrt konstant "Eisgekühlter Bommerlunder" der uns ja heute leider verwehrt wurde. Am Parkplatz wird sich schnell trockene Kleidung übergestülpt und müde, gepeinigt aber sehr glücklich geht es ab nach Hause.






























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