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Mittwoch, 10.01.2018: Interview mit Schelm


Schelm gibt es seit 2015 und in der relativ kurzen Zeit haben sie eine EP veröffentlicht, eine kleine Tour organisiert, ein Album aufgenommen und jetzt die nächste Tour zusammen gebucht, dass so mancher Emo-Punk-Booker ganz blass vor Neid wird. Zudem kommen sie aus Basel/Schweiz, schreiben und reden komisch (singen aber nicht komisch, also verständlich). Das ist doch ein guter Grund, per Email mal mit Fabian, Sänger & Gitarrist von Schelm, über Punk und so in der Schweiz zu schnacken.



Bierschinken: Wenn ich an die Schweiz denke, fallen mir zunächst Schokolade, Neutralität, Käse, relativer Wohlstand, DJ Bobo, Asterix bei den Schweizern und Taschenmesser ein. Warum fängt Mensch da an, Punkrock zu machen? Und was hat dazu geführt, dass du/ihr Schelm gegründet habt? Langeweile, Rebellion, Ruhm und Street Credibility?
Du hast es erfasst: DJ Bobo ist an allem Schuld! Die erste CD die ich gekauft habe. Die zweite war dann Metallica “The Black Album” - dazwischen lagen jedoch 2, 3 Jahre. Nun - Zu Schelm und zum Punkrock (ich bin schon fast ein bisschen stolz, dass du das Punk nennst!) kam ich erst 2015. Ich bin tief in der Provinz aufgewachsen und zwischen DJ Bobo und Metallica liegen auch Ausflüge zu den Onkelz und andere Umwege. Tja. Die Ärzte, Green Day oder die Donots hinterließen tiefe Spuren in meiner Jugend. Die Helden meiner frühen 20er Jahre war jedoch die Schweizer Band Favez - immernoch eine meiner Lieblingsbands. Von da an ging es dann mehr in Richtung Emo und Post-Rock. Dimi, unser Schlagzeuger, hat schon immer in Punk-Bands gespielt und so haben wir uns auch kennengelernt - wir waren Proberaumnachbarn und hatten ein gesamtes Fabrikareal mit mehr oder weniger offenen Türen für uns alleine. Das war eine gute Zeit. Nun - Schelm war eigentlich ein Befreiungsschlag. Nach meiner letzten gescheiterten Band habe ich 2 Jahre lang keine Gitarre mehr angerührt. Irgendwann sagte ich mir dann: Wenn ich in meinem Leben wieder Musik machen soll, dann muss ich das selbst in die Hand nehmen. So habe ich angefangen, Songs zu schreiben und habe die alten Freunde zusammengetrommelt. JB, unser 2. Gitarrist, kam erst später dazu. Da habe ich mich auch wieder auf meine Wurzeln besonnen und wollte Punk machen. Naja - sowas in der Art :-) Das Ganze fällt aber auch in die Zeit der Flüchtlingskrise, die mich getroffen hat und mir auch die Augen für andere gesellschaftliche Probleme geöffnet hat. Da ich ausser der Musik kein Ventil habe für das Chaos in meinem Kopf, habe ich halt eine Band gegründet. :-)

Bierschinken: Ok es gibt die SVP. Die sind scheiße. Kann Mensch in der Schweiz Punk hören und unpolitisch sein? Ihr seid es ja scheinbar nicht, wie ich dem Song “Meine Zeit” entnehme. Aber habt ihr auch so stulle Punks die nur saufen und OiOiOi brüllen wollen?
Falsch. Meine Zeit ist meiner Meinung nach nicht politisch. Natürlich kannst du da meine politische Meinung bzw. die der Band heraushören, grundsätzlich ist es jedoch nur eine Bestandes- bzw. Gefühlsaufnahme ohne Handlungsanweisung bzw. Parole. Mehr Emo als Punk. :-) Für mich bedeutet Punk in erster Linie aber auch nicht eine politische Überzeugung, sondern die Haltung, die Dinge in der Welt mit anderen Augen zu betrachten und kritisch zu hinterfragen. Politik ist der Handlungsrahmen, den man sich durch seine innere Überzeugungen zurechtlegt. Ich persönlich tu mich sehr schwer damit, wenn mir Leute diesen aufzwingen wollen. Ebenso versuche ich das in meinen Songs zu vermeiden.

Bierschinken: Euer Album habt ihr selber aufgenommen im Proberaum und dann von Nico Vetter (Lygo) mischen und mastern lassen. Gefällt mir echt gut, der Sound ist angenehm rotzig - können sich Punkbands in Zukunft das Studio sparen?
Boah - auch das war eine Notlösung. Die Band wollte nicht viel Geld für das Studio ausgeben, also haben wir uns dazu entschlossen, das selbst zu machen. Dann habe ich zuerst aber noch ordentlich Geld in Mikros investiert. Da müssen wir jetzt schon bald ein zweites Album machen, damit sich das auch gelohnt hat. Aber ganz ehrlich: da gibt es bestimmt einige grosse Punk Bands, die wohl ohne Produzenten nicht viel schlaues hinkriegen würden. Da fragt sich dann, ob die es sich sparen können. Aber vielleicht ist das ja dann kein Punk mehr...

Bierschinken: Wenn du dem durchschnittlichen Bierschinken-Leser erklären müsstest, wie das Album klingt, was würdest du sagen? Mich erinnert es ja an Ami-Indie-Emo-Zeug wie Lemonheads und mit dem Gitarren-Gekniedel (was ich sehr cool finde) ein wenig an Jimmy Eat World, wenn sie den Sänger austauschen würden. Aber sag mal selber.
Ami-Indie-Emo find ich sehr passend. Keine Ahnung wie ich das beschreiben würde. Die meisten Versuche bisher sind auch kläglich gescheitert, weil bei deutschsprachigem Punk alle gleich das Rachut-Programm in den Ohren haben und der Begriff Emo ist ja auch sehr negativ konnotiert. Lieber Bierschinker-Leser: Magst du Muff Potter? Dann hör bei uns rein. Du magst Muff Potter nicht und gehst gerne auf Feine Sahne Fischfilet Konzerte? Dann hör unser Album nicht, denn du verschwendest deine Zeit!

Bierschinken: Warum meinst du, ist der Begriff Emo negativ konnotiert? Womit haben die Leute ein Problem? Ich muss gestehen, dass ich mich darüber ganz schön ärgere, denn ich finde Emo(punk) Sachen immer besser, als das langweilige Geballer der dicke-Hose-Fraktion oder den belanglosen Fun-Punk mit vermeintlicher Politikattitüde.
Ich denke das hat mit der späteren Emo-Welle zu tun - du weisst schon: 30 Seconds To Mars oder gar Tokio Hotel. Die haben aus der Musik eine Modewelle hervorgezaubert. Hallo??? Und dann kamen ja auch noch jede menge schreckliche Screamo- und Metalcorebands. Wie du bereits angedeutet hast, sind es m. E. genau die Leute der "dicke-Hosen-Fraktion", die diesen Begriff inflationär abwertend gebrauchen. Das führt dann automatisch dazu, dass sich viele schon gar nicht mehr getrauen, diesen Begriff in den Mund zu nehmen. Ich denke, es gibt kaum ein Sub-Genre in der Punk- und Harcoreszene, über das so grosse Uneinigkeit herrscht, wie über den Begriff Emo. Es gibt sogar eine Webseite, bei der du einen Bandnamen eintippen kannst und dir der Computer sagt, ob diese Band Emo ist oder nicht - totaler Schwachsinn.

Bierschinken: Apropos Stimme: Da kannst du dich ja echt mal mit Benn von den Dead Koys unterhalten - ihr beide habt ja echte Reibeisen. Wie hälst du das so lange auf Tour durch. Wärmst du dich auf? Salbeitee? (meine Waffe gegen Heiserkeit)
Manchmal wärme ich mich auf - manchmal nicht, das geht nach Lust und Laune. Letztes Jahr in Karlsruhe habe ich mich draussen eingesungen und dann wurde ich von einer Band angeschissen, ich soll die Welt mit diesen Walgesängen verschonen. Vielleicht war das dann auch der Grund, weshalb sie unser Bassdrum-Fell zerhauen haben - aber egal. Wasser - Tee ist kacke. Viel Wasser - before, during, after. Und Bier.

Bierschinken: Ihr spielt ja mehr in Deutschland als in der Schweiz - geht da nicht so viel in Sachen Konzerte? Was machen denn dann gelangweilte Jugendlichen auf dem Land?
Gelangweilte Jugendliche auf dem Land? Moped fahren, Joints rauchen, Bier trinken und irgendwann da weg ziehen. Nein, hier ist tatsächlich nicht viel los mit Konzerten. Es gibt viel grosse Sachen, das scheint zu funktionieren: Feine Sahne Fischfilet, Slime, Donots, Turbostaat - solche Sachen. Oder Ami-Kram. Die DIY- und Punkszene empfinde ich persönlich als sehr elitär - ohne persönlichen Kontakt geht da gar nichts. Zudem gibt es ja noch den Röstigraben [gängige Bezeichnung für die Unterschiede zwischen der deutschsprachigen und der frankophonen Schweiz] - ich verschwende gar nicht erst Zeit darauf, in der französischsprechenden Schweiz Konzerte für eine Band mit deutschen Texten zu suchen. Vom Tessin gar nicht erst zu reden. Zudem sind wir Schweizer ein wenig verklemmt und reserviert. In Deutschland werden wir sehr herzlich aufgenommen. Das ist schön.

Bierschinken: Wichtigste Gegenstände auf Tour, außer Musikequipment oder Unterwäsche und coole Bandshirts?
Blackstories [ein Kartenspiel]. Musikplayer. Kopfhörer, Zigaretten.

Bierschinken: Was macht ihr so, wenn ihr nicht in Deutschland Konzerte spielt? Kann Mensch (außer DJ Bobo) in der Schweiz mit Punkrock Geld verdienen? Arbeitet ihr bei einer Bank?
Vermutlich nicht. Wollen wir auch nicht. Schelm ist eine Hobby-Band. Nein, wir arbeiten nicht bei einer Bank. Ich bin Grundschullehrer, Dimi Nuklearbiologe, Luki Zimmermann und angehender Arbeitsagoge [Das ist eine Mischung aus Lehrmeister und Sozialpädagoge] und JB Student und Wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Bierschinken: Was geht in eurer Heimatstadt Basel so an Punk? Du machst ja eine eigene DIY Konzertreihe - ist das aus der Not geboren oder aus Bock oder beides? Und wenn ich Erasmus in Basel mache als junger Punk - wo trinke ich viel zu teures Bier?
Basel ist eine Techno-Hochburg. DIY-Punk-Sachen gibt es wenig. Die Schwarze Erle war das letzte besetzte Haus, wo auch regelmässig Konzerte stattfanden. Das wurde letztes Jahr geräumt. Das Hirscheneck ist auch eine gute Adresse. Da gibt es ab und an Konzerte, leider nicht mehr so viele wie früher. Und die Irrsinn Bar - da kann man im Keller auch Konzerte besuchen und gutes Bier trinken. Die Toter-Winkel Konzertreihe entstand aus der Not - niemand lässt uns in Basel spielen. Da müssen wir halt ab und zu einmal ein Konzert organisieren, dass unsere Familie und Freunde uns auch mal live hören können. Dann kam irgendwann die Anfrage von Tilman (Tigeryouth), ob ich für ihn ein Konzert organisieren könne. Das war ein riesen Erfolg - seitdem versuche ich das weiter zu ziehen. Da viele Bands, die ich super finde, genauso wie wir nur geringe Chancen haben, hier einen Gig zu erhalten, versuche ich so einfach das, was ich gut finde, nach Basel zu locken. Das waren bisher ein paar wunderschöne Abende mit Kuballa, EIN GUTES PFERD, Krawehl oder Elmar.

Bierschinken: Gibt es in der Schweiz Dosenbier und wenn ja, was und warum?
Ja klar. Anker - Denn Anker macht schlanker! Einmal im Monat oder so Aktion im Coop [Schweizer Supermarkt, der im Gegensatz zum Konkurrenten Migros auch Alkohol und Zigaretten verkauft ]. 24er Pack für 24.- statt 48 CHF. Günstiger geht kaum. Viele Leute schwören auf das gute alte Feldschlösschen - eine etwas teurere Lager-Pfütze. Gut, günstig und fast überall zu kriegen ist das Appenzeller “Quöllfrisch”. Das ist auch noch eine der großen Brauereien, die nicht zu Carlsberg oder Heineken gehört.

Bierschinken: Du hast eine ziemlich gute Kaffeemaschine, wurde mir gesagt. Wie trinkst du denn deinen Tee?
Entweder scharfen Ingwer-Tee oder Mischungen im Teebeutel, mit Zucker gesüsst.

Bierschinken: Hop oder Top!
Schweizer Garde oder Zivildienst?
ZivilSCHUTZ - das ist für die psychisch oder physisch Labilen.

Bierschinken: Ovomaltine oder Club Mate?
Ovo

Bierschinken: Alpenschokolade oder Alpenhorn?
Alphorn. Es heisst Alphorn. Nein - Alpenschokolade. Also Milchschokolade. Alpenschokolade kenn ich nicht.

Bierschinken: Bodensee oder Tiroler Schinken?
Was zum Teufel ist Tiroler Schinken??? Am Bodensee war ich noch nie...

Bierschinken: Fussball oder Monopoly?
Monopoly. Ich hasse beides. Aber Fussball noch mehr. Also Monopoly.

Bierschinken: Letzte Frage: Was kommt 2018? Die Tour ist klar, aber dann? Wann können interessierte Leser das Album illegal downloaden?
Keine Ahnung: Wir versuchen ein Label zu finden, das ovotrinkende Hobby-Punker cool findet. Ansonsten veröffentlichen wir das Album selbst. Dann kann man das vermutlich bald irgendwo runterladen. Vielleicht für 5 Euro? Wär das auch OK? Was meinst du? Danach: wir werden sehen. Vermutlich keine Shows, dafür neue Songs. Wie gesagt - die Mikros müssen sich meine Mitmusiker noch abverdienen.

Bierschinken: Allerletzte Frage: Was wolltest du Fö (Chef von bierschinken) schon immer mal sagen?
Keine Ahnung. Ich kenne den Herrn ja nicht. Vielleicht “Dankeschön, dass du deine Zeit für Musik einsetzt” oder so? keine Ahnung.


kraVal 01/2018
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