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Dienstag, 30.07.2019: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen im Interview!


Ich war 14 Jahre alt, als ich dem Etikettenschwindel aufsaß und mir in einem namenhaften Elektrofachgeschäft die CD „Wasser marsch!“ von Superpunk besorgte. Auf der Fahrt nach Hause lief sie im Discman und ich war richtig angepisst. Das soll Punk sein? Wo sind die galoppierenden 150 bpm Drums und die Distortion-Gitarren? Was sollen diese Keyboards, dieses resignierte Genöle und die dudeligen Bassläufe? Und warum erinnert mich das alles an die Titelmusik meiner Bibi&Tina-Kassetten???
Aber diese geistige Umnachtung währte nicht lange und alsbald verfiel ich der wunderbaren Musik der Hamburger Mods. Ich saugte jede Zeile, jede Note in mich auf. Wenn ichs mir gut gingen ließ hörte ich Superpunk, wenn ich zu Tode betrübt war brauchte ich nichts außer Superpunk. Naja und halt Alkohol.
Dann 2012, die Geburtsstunde der Nachfolgeband DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN. Superpunk hatte sich erschöpft. Die letzten Platten wirkten irgendwie glattgebügelt und nicht mehr ganz so bissfest. Geht da noch was? Da geht Einiges!
Sänger, Gitarrist und Songwriter Carsten Friedrichs blieb seinem Unique Selling Point zu unser aller Glück treu, so das die Liga nahtlos an den alten gewöhnlichen Sound anknüpfen konnte. Oh, dieser Sound...!
Nun sind schon wieder einige Osterfeste über die Wupper gegangen und die Liga, aka die viertbeste Band Hamburgs, veröffentlicht im August tatsächlich schon ihr fünftes Album, welches auf den schmissigen Titel „Fuck Dance, Let’s Art“ hört.
Raucht Carsten E-Zigarette? Hat er Speed bei Eis-Gerd auf der Toilette genommen?
Fragen über Fragen.
Ich sattel kurzerhand das Rennpferd und mache mich auf nach Hamburg, um bei Carsten Friedrichs einfach mal persönlich vorstellig zu werden.


Mrks: Hi Carsten, die neue Platte ist super. Ich war zwar erstaunt wie schnell die wieder vorbei ist, aber gefiel mir echt gut.
Carsten: Halbe Stunde. Sind unsere Platten aber eigentlich immer. Naja, wir haben halt auch konsequent alles Schlechte weggeschnibbelt.

Mrks: Die klingt echt ziemlich back-to-the-roots-mäßig. Ich glaube, die erste Single „Frustration“ zum Beispiel würde sich auch ganz geschmeidig in die Tracklist des ersten SUPERPUNK Albums einreihen.
Carsten: Ja, kann sein. Es ist alles etwas rustikaler wieder. Ich glaube es war Ansage vom Gunther (Keyboards bei der Liga), dass wir dieses Mal nicht wieder alles zumatschen mit Streichern und was uns sonst noch so in die Finger kommt, sondern das ein bisschen rudimentärer lassen.

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Mrks: Wo habt ihr das Album aufgenommen?
Carsten: Beim Zwanie Jonson, auch ein Hamburger Musiker. Der hat auch mal bei uns Schlagzeug gespielt auf „Alle Ampeln auf Gelb“ und „Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen“. Der hat so ein kleines Kellerstudio auf St. Pauli. Da musst du durch so einen Fahrradkeller und dahinter ist dann sein kleiner Kabuff. Da sind wir immer ganz gerne, haben da vier und fünf Alben aufgenommen.

Mrks: Wie schaffst du das eigentlich, seit 30 Jahren dieselbe Musik zu machen?
Carsten: Ist gar nicht so leicht, aber mein Motto ist: Man sollte nichts reparieren, wenn's nicht kaputt ist. Ich mach halt die Musik die ich selber gerne hör und das ist halt kein Metal, kein HipHop. Das ist Liga-Style.

Mrks: Da weiß man auf jeden Fall immer, was einen erwartet.
Carsten: Aber der Connaisseur bemerkt ja die feinen Unterschiede im Klangbild.

Mrks: Ich finde zum Beispiel, dass Superpunk gegen Ende partiell echt zu poppig wirkte. Vor allem von der Art des Gesangs und so weiter. Die Livestimme hat mir da immer noch mehr gefallen, dieses Gebrülle.
Carsten: Ich würds jetzt nicht Gebrülle nennen. Also bei den Superpunksachen war ich ja süße 30 Jahre alt und als erwachsener Mann immer noch so rumzubrüllen.. find ich irgendwie komisch.

Mrks: Hach.. Die gute alte Zeit. Nostalgisch wird’s auch auf dem heimlichen Hit der neuen Platte „Hässlich und faul, Musik und der HSV“. Ist der autobiografisch?
Carsten: Ja, einiges ist vielleicht etwas dazu gedichtet aber eigentlich war's so. Ich bin in Hamburg aufgewachsen und dann eigentlich immer mit dem Rad zu den Spielen gefahren. Wegen dem Schnurrbart hab ich mit 13 aber nicht unbedingt aufs Maul bekommen, da hab ich im Song ein bisschen übertrieben. Damals war natürlich alles ganz moderat. Ich war halt ... faul. Also ich mein, zeig mir einen Jugendlichen der gerne zur Schule geht. Aber der HSV war echt ok. Die haben gut gespielt, die Spiele haben 4 Mark gekostet. Jammern auf hohem Niveau.

Mrks: Ihr hattet gelegentlich auch viele politische Songs im Repertoire. Angefangen bei Superpunks „Auf ein Wort, Herr Fabrikant“ zum Liga-Song „Rock/Pop National“ und auf dem letzten Album war ja auch der Song „So primitiv“. Auf „Fuck Art, Let’s Dance“ ist aber nichts dergleichen zu finden, obwohl die aktuelle politische Lage doch so dringlich ist. Warum? Kein Bock oder was?
Carsten: Achja ich weiß nicht, das machen so viele. Von irgendwelchen Punkbands bis Herbert Grönemeyer, was sollen wir da jetzt auch noch dazu beitragen? Da kümmern sich ja genügend andere Leute drum. Ich sing über andere Probleme... und zwar meine.

Mrks: Ich glaube eure Musik hat generell einen politischen Überbau aus so einer Lowlife-Perspektive heraus.
Carsten: Ich finde es immer suspekt, wenn Alkoholiker, die Unterhaltungsmusik machen, die Welt erklären wollen. Ich spür nicht den Drang in mir, die Leute aufzuklären. Also AFD findet eh jeder scheiße. Also zumindest von den Leuten die zu unseren Konzerten gehen, was soll ich denen das nochmal sagen? Das wissen die ja schon. Da sing ich dann lieber über Spione.

Mrks: Der Spion, der Typ aus dem Pfandflaschenladen in Köln, der sich die Haare zurückkämmende Pete, das härteste Mädchen der Stadt – das sind ja alles schon ne ganze Menge Charaktere, die da in den Songs der Liga auftauchen. Ließe sich daraus nicht ein gutes Musical oder Filmprojekt machen?
Carsten: Jetzt wo du's sagst könnte man da ein richtig schönes Ohnesorg-mäßiges Theaterstück draus machen. Oder halt ein großes Liga-Musical. Schauplätze könnten Eis-Gerd und Misses Svenssons Eselsheim sein und der Spion haut sie dann am Ende alle raus aus der Scheiße. Enke und Eiffe müssten auch dabei sein, obwohl Eiffe hat's hinter sich, der geht nicht mehr.

Mrks: Aber zu Werner Enke habt ihr doch seit eurer Hommage an ihn durch den Song „Kennst du Werner Enke?“ sogar Kontakt oder? Der wäre bestimmt dabei.
Carsten: Ja richtig, den könnte man vielleicht noch motivieren. Aber der lässt sich immer nur von einer Seite filmen, das ist schwierig. Auch früher schon.

Mrks: Was schätzt du besonders an den Filmen von Werner Enke?
Carsten: Ich mag eigentlich alles. Sie unterhalten mich. Immer gute Wendungen. Die Dialoge. Sie sehen immer cool aus. Ich find eigentlich alles gut, auch die Musik. Ich habe Enke sogar mal gefragt, ob er noch die Bänder hat, damit wir die nochmal rausbringen könnten, aber er sagte die wären in der Garage und das wäre zu aufwendig die zu suchen.

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Mrks: Lass uns ihn trotzdem ins Musical einplanen. Können wir daraus eine Bierschinken/DLDGG Co-Produktion machen?
Carsten: Super. Ich behalts mal im Hinterkopf, vielleicht kommen wir da ja zusammen. Ist ja eigentlich auch kein Ding. Wir filmen das mit dem Handy und den Soundtrack gibt’s eh schon.

Mrks: Wie kommst du auf die ganzen Geschichten?
Carsten: Ich les gern Spionageromane. Also es war beim Song über den Spion so, dass ich die Swell Maps gehört habe mit ihrem Song „Midget Submarine“ und da dacht ich, sowas würde ich auch mal gerne machen. Und just zu dieser Zeit hab ich grade wieder in einem Spionageroman geschmökert und irgendeine Instrumentalband laufen lassen, Ich glaube die Shadows. Auf einmal war alles klar.

Mrks: Lebst du denn immer noch in der Bibliothek?
Carsten: Ob ich in der Bibliothek lebe? Wer sagt denn sowas?

Mrks: Das habe ich im HOMESTORY MAGAZIN gelesen.
Carsten: Achso, die! Die haben geflunkert. Aber ich war tatsächlich erst gestern in der öffentlichen Bücherhalle und habe mir ein Buch ausgeliehen.

Mrks: Genial, Carsten! Neben Geschichten über allerlei interessante Gestalten finden sich in euren Songs auch immer wieder Themen aus der Welt des Ballsports. Als ihr mit Superpunk damals aufgehört habt und die erste Liga 7inch raus kam hatte ich erst Angst, das würde jetzt so eine Fußballband werden. Aber war ja zum Glück nicht so.
Carsten: Nee, das wäre dann selbst mir zu einfältig. Ich glaube 2012 war EM oder WM oder so und das war für uns Anreiz genug, eine 7inch mit zwei Fußballsongs rauszubringen. Fußball ist für mich halt ein großes Thema und das lag irgendwie nah. Aber es ist auch relativ schwierig, einen guten Fußballsong zu machen.

Mrks: Spielt ihr denn auch selber oder geht ihr nur ins Stadion? Seid ihr etwa die Gentlemen-Spieler?
Carsten: Ich selber habe eine Zeit lang sonntags im Park gespielt, aber ich habe dann Angst um meine Bänder bekommen und es sein gelassen.

Mrks: Okay Carsten. Ich habe jetzt noch eine wichtige Frage, auch bezüglich eures neuen Albums: Warum sind Matratzen-Concorde-Läden eigentlich immer nur in Eckfilialen?
Carsten: Gute Frage. Da wurde ich schon mal drauf aufmerksam gemacht. Sie sind auch nie in Einkaufszentren zu finden. Ist dir schonmal aufgefallen, dass UPS-Fahrzeuge immer nur rechts abbiegen?

Mrks: Was ist wenn das Navi „links“ sagt?
Carsten: Wahrscheinlich benutzt UPS Navis, die grundsätzlich „rechts“ sagen. Oder sie biegen einfach trotzdem rechts ab.

Mrks: Ja OK! Dann mal Danke für das Interview!


mrks 07/2019
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