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Mittwoch, 27.04.2022: Olaf (Stage Bottles) im Interview



Seit bald 30 Jahren leben die Stage Bottles das, was es hierzulande selten an Oi!-affiner Mucke gegeben hat – die Symbiose aus hymnenartigem Straßenpunk mit fußballerprobten Chorälen, gepaart mit einer strikt antifaschistischen Grundhaltung. Zeit also für mich (welcher sich zur Bandgründung 1993 in einem noch überflüssigen Zustand befand), mich mit Stage-Bottles-Sänger Olaf zum Interview zu treffen. Die dafür erkorene "Biertonne" im Frankfurter Gutleutviertel hatte zum Zeitpunkt unseres Treffens zwar noch nicht ihre Kneipentore geöffnet, die fehlenden Getränke taten dem gemeinsamen Austausch dennoch keinen Abbruch. Mit Olaf hat man einen Gesprächspartner, der neben einer ehrlichen Haltung auch noch das passende Maß an reflektierter Bodenständigkeit mit sich bringt. Ein Gespräch über Fußball, Antifaschismus, Musik, Altbier und natürlich Apfelwein.

Chris: Ich bau mal meine erste Frage auf ein früheres Gespräch auf, du bist ursprünglich aus Düsseldorf, von daher auch Fortuna-Düsseldorf-Fan. Es muss wohl schwierig gewesen sein in einer Stadt wie Frankfurt, wo die Prämisse "Nur die SGE" herrscht, akzeptiert zu werden. Oder?
Olaf: Naja gut, also aufgrund meines Alters muss ich natürlich woanders anfangen: Ich war immer Fortuna-Fan, bin aber Anfang der 80er auch zur Eintracht gegangen und war nur bei den Auswärtsspielen der Fortuna bei der Eintracht im A-Block. Entsprechend wurde ich auch am nächsten Tag in der Schule verhöhnt. Einmal war ich der Einzige, der im Fortuna-Block eine Fahne hatte, mit dieser bin ich im A-Block hoch- und runtergerannt, dann hat die Fortuna in den letzten vier Minuten noch das 1:2 und 2:2 gemacht und alle Schulkameraden auf der gegenüberliegenden Seite wussten, ich bin das! Dann hab ich mich ne Weile gar nicht mehr so richtig für Fußball interessiert. Bis es schließlich mit unserem SHARP-Ding - "Skinheads gegen rassistische Vorurteile" (engl. Skinheads Against Racial Prejudice, deshalb "SHARP") anfing und da hängt jetzt die ganze Geschichte dran. Es kam zu Clash-Ups zwischen uns und Rechten in Frankfurt, da waren dann auch viele Presswerker dabei und damals sind zur Eintracht auch noch einige Nazis gegangen, im J-Block etc. Im Prinzip kam Fußball da für uns noch nicht in Frage, nur ein paar wenige von uns sind zum Fußball gegangen. Die Adlerfront hat sich sogar auf unsere Seite geschlagen, bzw. sich uns gegenüber eher neutral verhalten und uns auch mal auf Demos angesprochen. Dann hab ich durch nen riesigen Zufall eines der Gründungsmitglieder und ehemaligen Anführer (damals war er noch der Chef) von der Antisocialfront, der Hooligan-Gruppierung von den Kickers aus Offenbach, kennengelernt und da bin ich tatsächlich erstmal mehr in Offenbach gelandet, und wir haben die Antisocialfront politisch dann ganz schön umgekrempelt.

Chris: Bei de Kickers!
Olaf: Bei de Kickers, genau! Jetzt ist wieder alles im Arsch, schon seit Jahren. Das ging auch ein bisschen böse aus. Ein paar Rechte haben mich nämlich 2001 auf der 100 Jahr Feier von den Kickers attackiert. Ich war 12 Tage im Krankenhaus und da hab ich mich dann zurückgezogen. Habe immer noch Kontakt zu ein paar Leuten, aber nicht mehr so richtig viel. Während dieser Zeit schon habe ich den Chef von Hooligan-Streetwear aus Frankfurt kennengelernt und der hat mich dann bei Hooligan-Streetwear so ein bisschen reingeholt. Dort habe ich dann ab 2003 angefangen, die jährlichen Jubiläums-Konzerte zu organisieren. Zudem habe ich drei CD-Sampler für Hooligan-Streetwear zusammengestellt, mit Bands, die ohne eine Person wie mich nie zusammen auf einer CD gelandet wären. Andere sind demgegenüber aus politischen Gründen natürlich bewusst nicht drauf gekommen. Wichtig war aber auch, dass der Daniel Reith, der damals der Präsi von den Eintracht-Ultras war, schon von den Stage Bottles hörte und offenbar - schon bevor wir uns persönlich kennenlernten – die politische Ausrichtung unterstützungswert fand. Durch die Stage Bottles war so dann der Einstieg in die Frankfurter Fanszene überhaupt kein Problem. Wir haben mit den Stage Bottles schon früh proklamiert, dass es auch bei Fußball keinen Unterschied machen sollte, wenn es um Politik geht. Das hat dann auch ziemlich gut funktioniert und jetzt bin ich so eng bei der Eintracht dran, wie es sich manche Eintracht-Fans wünschen würden, aber nie schaffen. Das hat viel mit einer von mehreren verschiedenen Leuten angestoßenen positiven inhaltlichen Dynamik zu tun.

Chris: Wow, ich mein, es hat sich ja immens viel getan bei der Eintracht, besonders wenn ich die Frankfurter Fans mit den Leuten aus der Provinz vergleiche. Dumme Frage, aber Altbier oder Äppelwoi?
Olaf: Oh Gott, ich hab mal ganz lange Äppelwoi getrunken, weil ich keine Lust mehr auf Bier hatte. Daran war ich auch selbst schuld: Ich hab mal in Berlin 36 Stunden am Stück Schultheis-Bräu getrunken. Danach hab ich tatsächlich zwei, drei Jahre nur Äppler getrunken. Sogar wenn wir irgendwo aufgetreten sind, dann hab ich immer meine Äpplerflaschen mitgenommen. Irgendwann hab ich darauf auch keinen Bock mehr gehabt. Altbier trink ich tatsächlich eigentlich nur, wenn ich in Düsseldorf in der Altstadt bin, weil es irgendwo für mich dazugehört. Also, beides favorisiere ich nicht so wirklich – ganz normales Pils und wenn dann lieber so ne Art englischen Cider, oder französischen Cidre. Ich hab auch ne Weile Süßgespritzten getrunken, wofür ich in Frankfurt natürlich ausgiebig verhöhnt wurde, aber ich habe mir schon lange ein dickes Fell angelegt, was das angeht.

Chris: Das ist jetzt eine etwas größere Frage. Was sind die Unterschiede innerhalb der Frankfurter Punk- und Oi-Szene im Vergleich von früher und heute? Was fällt dir da so ein?
Olaf: Auf Frankfurt bezogen? Gut, wir waren, als wir mit SHARP anfingen, die aktivste Gruppe in Deutschland, neben den Berlinern. Wir haben uns auch gegenseitig besucht. Dadurch öffnete sich Frankfurt subkulturell ab Ende der 80er politisch im Laufe der Jahre viel mehr nach Links, und Faschos hatten nicht mehr so gut lachen. Ich weiß noch genau, als die Reps dann 89 in die Stadtverordnetenversammlung kamen - da hab ich die ersten Punks aus dem Juz Bockenheim kennengelernt, was ja damals das linke Zentrum in der Frankfurter Innenstadt war. Wir sind dann mit ins Juz Bockenheim und uns ist erstmal unheimlich viel Misstrauen entgegengeschlagen. Da war SHARP nämlich noch richtig neu. Ich weiß noch, da hatte ich ne rote Harrington an und dann wurde die als Beweis genommen, dass ich kein Rechter bin. Also, was heißt als Beweis? Da kam dann so ein Spruch nach dem Motto: "Der hat ja ne rote Jacke an, also kann der gar nicht braun sein!" haha. Und dann hat sich das so weiter entwickelt. Wir haben uns mit der Punk- und auch mit der Autonomenszene immer mehr vermischt, uns zusammengetan. Irgendwann kam Fußball dazu, parallel kam es durch SHARP in der gesamten Oi-Punkszene zu einem Revival. Was auch viel mehr Konzerte zur Folge hatte - die Szene hat sich allgemein mehr vergrößert. Ich muss sagen, die jetzige Oi-Szene in Frankfurt ist ja nicht sonderlich groß. Da muss ich jetzt aber auch ehrlich sagen, dass es mir persönlich ziemlich egal ist, wie die Leute aussehen. Es müssen keine Skinheads sein, Hauptsache es sind geile Menschen. Von daher bin ich jetzt nicht, wie manch‘ andere in ihren Städten, traurig um früher - Frankfurt ist so lebendig, was Politik und Subkultur angeht, was die Szene angeht. Ich lerne auch den ganzen Nachwuchs über Generationen immer wieder kennen und find‘s saugut, dass sich der vor Jahrzehnten angestoßene Prozess nicht abschwächt. Egal ob du ins "Schöppche", oder zu Gedenkveranstaltungen für verstorbenen Eintracht-Fans gehst, dann läuft da auch Punkrock und man merkt, es hängt alles zusammen bzw. ist da ein roter Faden, der sich weiter durchzieht. Von daher ist das für mich ein korrektes und sehr positives Gesamtbild. Frankfurt hat in den entsprechenden Kreisen auch schon nen guten Ruf deutschlandweit, das merk ich immer wieder.

Chris: Darauf aufbauend, du hast gerade das Juz in Bockenheim angesprochen. Das gibt’s heute ja nicht mehr und die Stadt hat hierfür das Klapperfeld als "Austauschobjekt" angeboten. Es sind im Gegensatz zu früher viele subkulturelle Orte verschwunden. Das IVI (Anmerkung: Abkürzung für Institut für vergleichende Irrelevanz) in Bockenheim ist geräumt worden und steht seitdem leer.
Olaf: Ja totaler Schwachsinn, das ist Mainstream-Politik im Sinne des Kapitalismus. Ja gut, das Exzess gibt’s noch, die Au gibt’s noch. So viel gab`s in Frankfurt ja sowieso nie wirklich. Im Gallusviertel gab es noch ein paar Kneipen. Aber so wie in Berlin Kreuzberg, wo du mehrere Punkkneipen hattest, das gab‘s hier in Frankfurt sowieso nicht. Aber solange im "Schöppche" auch noch Punkrock gespielt wird, ist das okay. Wenn man nur in Frankfurt rumhängt, vermisst man vielleicht irgendetwas. Beispielsweise wenn man sehr ortsgebunden ist. Aber allein schon durch Auftritte, oder dadurch dass ich sehr flexibel bin und rumreise, überall Leute kenne, kann ich den Punkrock überall dort aufsuchen wo ich möchte. Solange kein Corona ist, natürlich.

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Chris: Kommen wir zu den Stage Bottles. Auf dem Album "New Flag" habt ihr den Song "PC Idiots". Ich muss ja sagen, ich war früher auch ein Verfechter von dieser Political-Correctness-Sache, aber inzwischen übe ich selbst Kritik daran. Oft sind es autoritäre Akademiker, die allen über den Mund fahren, die nicht so gebildet sind wie sie.
Olaf: Also ich persönlich und auch die Stage Bottles haben halt schon immer versucht, möglichst viele Menschen zu integrieren. Dadurch haben wir viele Leute aus der Naziszene rausgeholt, gerade in der Fußball- und Skinheadszene - also auch in Offenbach und Frankfurt und so weiter! Wären wir da von Anfang an arrogant aufgetreten und hätten gesagt: "So, ich erklär dir jetzt in drei Sätzen wie du zu seien hast, und wenn du es dann nicht verstanden hast, dann bist und bleibst du halt ein Arschloch!" ... Meiner Meinung nach hat das nichts mit Politik, noch nicht einmal mit Straßenpolitik zu tun. Wenn man Politik betreibt, dann möchte man irgendetwas verändern und nur Leute um sich zu scharen, die die gleiche Meinung haben mag sicherlich angenehm und entspannend sein - sicherlich muss es diese Frei- und Rückzugsräume, wo man sich wohl sicher und unter Seinesgleichen befindet, auch geben, klar! Ich finde auch, dass es jede Person selbst entscheiden kann, ob sie diese Gratwanderung auf sich nehmen möchte, bzw. überhaupt kann. Es gibt gerade Frauen, die haben unglaubliche Traumata mit Männern und natürlich, da sind mackerige Attitüden, wie du sie beim Fußball erlebst, und das kann insbesondere Frauen schon triggern. Aber ich finde man sollte nicht so tun, als sei der eigene Maßstab und das eigene Empfinden alles, weil dann hat man mit einer anderen Diversität der Menschheit ein Problem, die ja sonst so hochgehalten wird. Es gibt ja nicht nur die äußeren Diversitäten, sondern es gibt eben auch die rein menschlichen Ambivalenten und zum anderen ist es natürlich auch total paradox, sich über das System und über die Bildungsschwäche von irgendwelchen Menschen zu beschweren, aber dann den Menschen die diese Bildungsschwäche haben, noch nicht einmal die Chance zu geben, sich zu ändern. Da braucht man auch Geduld und muss einen Zugang finden, der vielleicht von den eigenen, gewohnten Kommunikationsweisen etwas abweicht. Was auch ganz wichtig ist in dem Zusammenhang: es spielt natürlich auch eine unheimliche Rolle, aus welcher Position heraus man das macht. Und deswegen ist es für viele Linke auch schwer nachzuvollziehen. Mir als Mann, der auch noch irgendwann nen Stand in der Hooligan-Szene gewonnen hat, hören manche Leute ganz anders zu. Ich weiß noch in Offenbach kam der Spruch: "Wir dachten Linke sind Langhaarige mit Sandalen, aber mit euch kann man ja feiern und ihr könnt euch boxen!" Ob man diese Grundlage jetzt für erträglich hält oder nicht, Fakt ist, dass wir dadurch sicherlich nicht alle zu Vorzeigelinken gemacht, aber mit Sicherheit ganz viel rechtsmotivierte Gewalt mit den entsprechenden Opfern verhindert haben. Zumal diese Menschen durch mich auch andere kennengelernt haben, das alles dann tatsächlich irgendwo in einen Zusammenhang brachten und nicht mehr auf Schwule oder Punks einkloppten, sondern ihren Horizont im Rahmen ihrer Möglichkeiten erweiterten. Das ist ne unglaubliche Arroganz dahinter, irgendwie zu denken, dass die Leute überhaupt die Voraussetzung an diverser Lebenserfahrung und dann noch die Stärke dazu haben, um die richtigen Schlüsse zu ziehen und sich im Extremfall sogar komplett aus ihrem Umfeld, wo sie komplett sozialisiert wurden, zu verabschieden. Auch ich hab eine ähnliche Erfahrung gemacht mit einer sehr politischen Ex-Freundin. Wie lange es gedauert hat, dass ich gewisse Dinge überhaupt begriffen habe, wieso manche Menschen so und so empfinden könnten, wenn sie mich und meine Gruppe irgendwo in Action sehen. Ich hab mich erst angegriffen gefühlt, aber dann gemerkt, dass das eher Trotz ist. Man muss sich miteinander auseinandersetzen und gucken, wie man positive Veränderungen in die Wege leitet. Aber sich nur in die eigenen Kreise zurückzuziehen, das ist meiner Meinung nach auch oft eine Coping-Strategie, das heißt, man muss irgendwie mit seiner Umwelt klarkommen und entscheidet sich deshalb, sich mit gewissen Dingen nicht mehr persönlich auseinandersetzen zu können, und so nicht zu wollen. Das ist vollkommen legitim, aber das hat mit Politikbetreiben im eigentlichen Sinne meiner Meinung nach nichts zu tun, auch wenn die so einfließenden Erfahrungen anderer sicherlich auch in mein Denken mit einfließen müssen, um Politik sinnvoll und rücksichtsvoll betreiben zu können. Und natürlich ist es trotzdem wichtig, dass gewisse Maßstäbe erhalten bleiben, damit die Leute, die auch wirklich was auf dem Kasten haben, sich nicht angeekelt zurückziehen. Aber diese Prozesse des individuellen politischen Einwirkens haben non-stop ne Dynamik, und das ist mit drei Standard-Sätzen nicht erledigt. Man muss bei jedem Individuum und je nach Situation unterschiedlich reagieren. Darum geht es im Großen und Ganzen im angesprochenen Lied: Wie will man eine "revolutionäre Basis" finden, wenn man weniger Gemeinsamkeiten sucht, sondern vielmehr ausgrenzt.

Chris: Ich finde jetzt die Überleitung zu eurem Russia-Song ziemlich passend. Ich merke, wenn ich an meine aktiven Freunde in Ostdeutschland denke, dass allein schon dort ganz andere Kämpfe geführt werden. Da ist dieses PC-Thema gar nicht so relevant. Wir sind schon etwas privilegiert hier in Frankfurt, auch was die Szene angeht. Oder?
Olaf: Die Diskussion hab ich auch schon in der Au gehabt. Ich mein, hier in Frankfurt ist alles wirklich safe. Ultras gehen in die Au, die Droogs unter anderem wohnen dort sogar teilweise, und ich erinnere mich an Zeiten wo Fußball in der Au ein absolutes No-Go gewesen ist. Da galt Fußball als faschistoide Männerscheiße. Beim UEFA-Pokalhalbfinale gegen Barca war es da gerappelt voll vor der Leinwand, auf der das Spiel gezeigt wurde, und alle haben sich gefreut wie Bolle. Da ist in Frankfurt aufgrund der verhältnismäßig großen Homogenität in der Szene auch eine gewisse Bequemlichkeit bezüglich starker politisch inhaltlicher Arbeit eingetreten, aber ich kann nachvollziehen, dass die mir bekannten Leute, die früher mal die politischen Grundsteine hier gelegt haben, nun nicht mehr so stark inhaltlich arbeiten. Ich weiß nicht wie es wäre, wenn ich keine Band hätte – was mich ja neben meinem Berufsleben nebenbei zeitlich auch stark einspannt.

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Chris: Die Szene in Dresden konnte zu der Hochphase der Pegida-Proteste nichts auf die Beine stellen, weil sie nur am Agieren und Reagieren waren. "Antisocial-Antifascist" – gab es erst den Slogan, oder den Song?
Olaf: Es gab erst den Slogan. Und zwar wollte damals unser Plattenlabel nen Aufkleber machen. Die Frage war nun, was schreiben wir da drauf? Ja - "100 % Antifascist Punkrock", was mir schon 1999/1998 total ausgelutscht vorkam. An dem Tag als der Aufkleber gedruckt werden sollte, kam mir morgens in der Badewanne in Offenbach der Gedanke an diesen Spruch. Gerade weil ich in dem Moment auch an die Antisocialfront gedacht habe: "Na, du hast zwar mit der Antisocialfront zu tun. Da sind auch ein paar ambivalente Leute, die zwar auf dich hören, aber…" und im Prinzip ist es dann auch "Sometimes Antisocial, Always Antifascist". Dann haben wir gesagt, aus dem Slogan machen wir auch ein Lied. Natürlich geht es jetzt überhaupt nicht nur um die Antisocialfront, vielleicht bin ich dadurch nur auf die Idee gekommen. Wenn man weiter zurückdenkt ist vielleicht sogar Skrewdriver (bekannteste Blood&Honour-Band der 80er Jahre, der Sänger Ian Stewart verstarb 1993 bei einem Autounfall) an dem Slogan schuld. Denn die Antisocialfront hat sich, als sie noch rechts waren, nach dem Lied "Antisocial" von Skrewdriver benannt. Dann zwar auch auf Deutsch geschrieben – Antisozial. Aber ja, ist mir halt einfach so in den Kopf gekommen, weil ich mit dem ursprünglich angedachten Slogan auf diesem Aufkleber nicht zufrieden war.

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Chris: Coronakrise und Punk. Wie hat es die Stage Bottles getroffen? Ich weiß ja selbst wie es ist in ner Band zu spielen, keine Auftritte zu haben und sich über sowas wie ne 2-G-Regel überhaupt Gedanken machen zu müssen. Wie geht ihr damit um?
Olaf: Also um ehrlich zu sein, wir haben zufällig nen ganz krassen Umbruch gehabt, als Corona losging. Das war uns auch schon vorher bewusst. Wir haben wirklich kurz vor dem ersten Lockdown ein Casting gemacht und unseren neuen Gitarristen gefunden. Jetzt haben wir sogar zwischenzeitlich auch einen Ersatz für den Easy an der zweiten Gitarre finden müssen, was auch sehr gut geklappt hat. Ohne Corona wäre dann sicherlich alles stressiger gewesen, wenn wir die ganze Zeit noch Konzerte stattgefunden hätten. Das war aber unheimlich wichtig, dass wir uns in aller Ruhe mit einem sehr guten Ergebnis neu sortieren konnten. Es gab vorher bei uns auch ein paar persönliche und zeitliche Krisen. Es war aber klar, es geht irgendwie weiter und das war das wichtigste. Da wir weder beruflich, noch finanziell und damit existenziell auf die Band angewiesen sind, haben wir uns relativ locker gemacht. Wir haben auch alle privat genug zu tun. Nur einer von uns hat ne Krise bekommen und wollte alles hinschmeißen. Er hat diese halben Sachen bezüglich Planung und diese allgemeine Ambivalenz und Unsicherheit nicht mehr ertragen – z.B. "findet das jetzt statt, oder nicht, dürfen wir uns freuen? Besser nicht!" Und ja, solche gedanklichen Ansätze gab es sicherlich bei jedem mal kurz, nach dem Motto "wäre die Band nicht da, wäre das ein Problem weniger", was aber natürlich auch Quatsch ist - denn dies würde bedeuten auch Lebensqualität weniger zu haben. Was 2 G angeht, wir haben letztens in Prag gespielt vor eineinhalb Wochen. Da war es so, als gäbe es kein Corona. 400 bis 500 Leute, 80% sind da wohl geimpft. Gut, wir sind auch alle geimpft, von daher haben wir uns da keinen Kopf gemacht, um ehrlich zu sein. Ansonsten versuch ich schon die Leute zu schützen, aber in gewissen Situationen haben wir uns dann glaube ich auch alle mal mitreißen lassen. Ohne, dass wir jetzt individuell rücksichtslos gewesen wären.

Chris: Um mal zu deiner Zeit in England und der Szene dort zu kommen. Gibt es auch in Großbritannien sowas wie ne Grauzone?
Olaf: Ja aber natürlich! Da gibt es auch Oi-Bands die eher… man denke allein schon an Condemned 84, Close Shave. Die haben ganz klar Nazis im Publikum und so weiter. Das sind die älteren Bands, aber es gibt ja auch "neuere Bands" wie Pressure 28 und was weiß ich. Okay, das sind Bands die jetzt nicht wie Skrewdriver Adolf hochleben lassen … Gut, das haben die auch nicht so geschrieben - zumindest nicht ganz so offensiv in ihren Texten. Jedenfalls gibt es das dort auch. Die Szene in England war aber auch schon vor 30 Jahren viel kleiner. Der Bassist von den Blaggers, der ja auch älter ist als ich, hat mir mal Fotos gezeigt als er Anfang der 80er in die Schule gegangen ist. Da waren über die Hälfte aller männlichen Schüler Skinheads. Das war ne richtige Mode. Ich glaube in so einem Land ist das auch noch mal was anderes. Du findest in jeder Jukebox Madness und irgendwelche Punksachen und findest ältere wie jüngere Normalaussehende, die noch Verbindungen dazu haben. Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir hier in Deutschland die ganzen unabhängigen Jugendzentren und Kulturclubs haben und dass hier die Bands viel besser auftreten können, was es so in England nie gab. In England ist es generell immer so gewesen, dass sich auf großen Festivals Nazis – nicht so offensichtlich gekleidet wie sonst allerdings - und auch auf dem alljährlich stattfinden Rebellion-Festival in Blackpool zum Beispiel, dass da irgendwelche Faschos rumlaufen und da spielen dann trotzdem klar linke Protagonisten wie Attila the Stockbroker. Irgendwie interessiert die Engländer das dann scheinbar nicht so richtig, oder sie haben sich ihrem Schicksal diesbezüglich ergeben.

Chris: Zum Thema Connection der Szene im Rhein-Main-Gebiet. Was mich persönlich mal interessieren würde – Habt ihr noch nen guten Draht zu den Springtoifeln aus Mainz? Die hatten ja auch nen Olaf als Sänger.
Olaf: Nee, schon lange nicht mehr. Die hab ich so zu unserer Anfangszeit ziemlich gut kennengelernt. Da waren die schon ne gestandene Band und die haben sich auch zu SHARP bekannt. Dann gab es auch nen Bruch, weil wir denen zu politisch waren. Die haben sich das Unpolitische irgendwie zur Politik gemacht. So richtig befreundet waren wir nie mit denen. Ich hab die auch schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Wenn wir uns mal gesehen haben, begrüßten wir uns natürlich, aber das ist schon Urzeiten her. Ob die noch auf Konzerte und so gehen, da kann ich gar nichts dazu sagen.

Chris: Das kann ja auch anders laufen, wie z.B. die Skinheads in Darmstadt, die antifaschistische Konzerte auf die Beine stellen. Gehst du eigentlich ab und zu bei den Lilien zum Fußball mit?
Olaf: Neja, gegen St. Pauli war ich mal da gewesen, gegen Düsseldorf war ich da und ich hab schon ein paar Leute, die ab und zu fragen: "Olaf, Dauerkarte frei?" – also jetzt während Corona natürlich nicht. Da hab ich auch kein Problem mit, aber wäre früher eigentlich gar nicht möglich gewesen, wegen meiner Offenbacher Zeit. Die Hools sind ja zumindest auch alle links in Darmstadt. Das hat sich schon immer bemerkbar gemacht. Mir wurde nach Auseinandersetzungen früher sogar mal ausgerichtet, dass das nicht persönlich gemeint war. Die Stage Bottles mögen sie und so weiter haha. Ne, ich hab gegen die Lilien überhaupt nichts. Kenne ja auch viele Lilien-Fans, die ganzen SHARP-Skins natürlich auch, aber ich geh allgemein nicht mehr so oft zum Fußball. Ich würde zu den Lilien gehen aus Zeitvertreib und um Leute zu treffen, und ich gehe aber auch weiterhin ab und zu zur Eintracht, aber vor allem auch dorthin, weil ich Leute dort treffe.

Chris: Ein toller alternativer Ort ist die Metzgerstraße in Hanau. Die dortigen Altautonomen gehen zum Fußballschauen immer zu Hanau 93. Hier hat sich auch schon eine linke Supporters-Crew gebildet. Von den Leuten hörte ich zuletzt, dass ihr auch mal Bock hättet dort zu spielen.
Olaf: Wir haben eigentlich die ganze Zeit noch ein Konzert offen da. Es ist mal irgendwann was abgesagt worden und was weiß ich. Ich war aber das letzte Mal in der Metzgerstraße – ich kanns dir gar nicht sagen. Ende der 80er, Anfang der 90er war ich ab und zu mal dort. Einmal haben sie auch gedacht die Nazis kommen, als wir da mit 10-15 Leuten aufgetaucht sind haha. Aber wir müssen sowieso mit unserer Konzertpolitik mal gucken, da gab‘s ja einige coronabedingte Absagen in den letzten Jahren, so dass wir einiges vor uns hinschieben. Wie wir das machen – keine Ahnung! Wir sind nach wie vor teilweise an die Familie gebunden, unser Schlagzeuger ist aus Stuttgart und unser anderer Gitarrist kommt aus Wittlich. Wären wir jetzt alle in Frankfurt, oder im Rhein-Main-Gebiet, wäre es überhaupt gar kein Problem einfach mal in Hanau zu spielen. Aber es ist so schon mal ein größerer Aufwand. Aber grundsätzlich Ja! Für die Metzgerstraße gerne!

Chris: Dein Statement zu den Wahlen? Das waren 2021 die mit Abstand beschissensten Wahlen, die ich in meinem kurzen Leben jemals mitbekommen habe.
Olaf: Ja was soll ich dazu sagen? Das Ganze wirkt so ein bisschen surreal wie das verlaufen ist. Es bettet sich in dem Sinne so ein, was du überall in der Politik und sogar beim Fußball siehst – es wird immer charakterloser und es geht fast nur noch um die Verwaltung und Profitmaximierung bzw. Besitzstandswahrung auf Kosten anderer. Du merkst selbst bei der SPD, dass das zwischenzeitliche Politiker*innen-Dasein ganz viele zum Sprung auf die Karriereleiter nehmen. Den Anspruch: "Ich hab jetzt Bock für die Allgemeinheit ein schönes Leben zu organisieren und deswegen bin ich in die Politik gegangen", den haben nicht mehr allzu viele. Als überzeugter Linker bin ich der Meinung, dass diese Demokratie den Kapitalismus nicht überwinden möchte und daher werden sich viele Dinge nicht ändern. Ich stehe da so ein bisschen Abseits. Wählen war ich trotzdem und das aus dem Grund, dass die AfD nicht den Prozentsatz meiner Stimmen bekommt. Jetzt ist die Arbeit der neuen Regierung natürlich total vom Ukraine-Krieg und allem, was da so dranhängt, geprägt. Erstaunlich, wie gut die grünen Minister*innen ihre neue Rolle voll im Sinne des Systems annehmen. Sogar jetzt, wo es um Krieg geht. Ist aber auch eine sehr schwierige Gemengelage, wo ich nicht sicher bin, ob Pazifismus weiterhilft. Im Prinzip ist Putin ja ein lupenreiner Faschist...

Chris: Kommen wir langsam zum Ende. Sag mal, wie sieht es denn mit neuem Material aus? Ich hab mal geschaut, die letzten Aufnahmen sind aus dem Jahr 2013.
Olaf: Richtig!

Chris: Kommt da was Neues?
Olaf: Wir haben schon neue Lieder, von denen wir auch live schon das eine oder andere gespielt haben, geschrieben. Nächstes Jahr, also Anfang 2023, haben wir vor, endlich ein neues Album rauszubringen.

Chris: Ich hab gesehen, ihr habt da ein Feature mit Moscow Death Brigade. Beziehungsweise sah ich Bilder auf Social Media. Kannst du mir verraten, welche Kneipe das war?
Olaf: Das Moseleck im Bahnhofsviertel.

Chris: Das ist das Moseleck, echt? Hätte ich jetzt nicht erwartet.
Olaf: Ja, ich bin mit dem Wissen dahingegangen, dass an dem Abend die Leute arbeiten, die ich kenne und die waren auch mit aller Freude dabei. Ob die am Ende so begeistert sind? Ich hab halt gesagt, das ist für ne linke Band und die fanden das halt witzig. Das waren im Video von Moscow Death Brigade das Moseleck, das Schöppche und die Frankfurter Skyline. Die Aufnahmen aus der AU wurden nicht verwendet.

Chris: Also mehrere Orte! Ich konnte da schlecht einen Zusammenhang herstellen.
Olaf: Es sind vier Refrains, die ich halt da mitsinge. Und die haben wir an verschiedenen Orten, wo ich dachte, da könnten Leute sein, die ich mit einbeziehe, und die dadurch näher an mir dran bleiben, bzw. sowieso Freunde sind, aufgenommen. Da hatte ich plötzlich Bock drauf. Der Yannik Bill hat sich bereit erklärt mich den ganzen Abend zu begleiten. Der ist Medienmensch von Beruf und hat das dann alles mit einer professionellen Kamera gefilmt. Und das hat Spaß gemacht.

Chris: Letzte Frage. Hast du noch, seitdem sie etwas größer sind, mit Feine Sahne Fischfilet Kontakt?
Olaf: Ja, ich bin mit Monchi nach wie vor gut befreundet. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Feine Sahne Fischfilet uns nicht vergessen und immer wieder zu Konzerten als Support einladen werden.


Christos 04/2022
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