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E-Egal:
Ich hätt gern Pommes zu der Wahrheit
Kategorie: "Was jemand besprechen wollte und es dann aber monatelang vor sich her schob"

Die Abgabe dieses Reviews erfolgt verspätet.
Der Chef hat schon mit Zwangsweitergabe gedroht.
Ich möchte aber jetzt mal eine Diskussion zum Thema neue schöne Internett-Welt und die damit verbundene Schnelllebigkeit anstoßen.
Ich weiß nicht, welches Zeitfenster für Generation Smartphone "in time" gewesen wäre. Aber meine ersten, bewusst wahrgenommenen Rezensionen fanden in schlecht kopierten, falsch zusammen getackerten A5-Heftchen statt. Da konnte die Band froh sein, wenn es überhaupt eine Rezension gab und der Schreiberling den Tonträger nicht besoffen auf dem Jugendzentrumsklo hat liegen lassen. Oder, im Falle einer Postsendung, in der WG-Küche hat verschimmeln lassen. Über den Zeitpunkt der Veröffentlichung wollen wir da lieber gar nicht erst sprechen. Das von allen Seiten (auch mir natürlich) hoch geschätzte Human Parasit Fanzine schreibt nur Rezensionen, wenn es die auch schreiben möchte: "Ich bin kein Musikjournalist". Ich auch nicht. Und Bierschinken mag zwar meinetwegen tausende virtuelle Freunde haben; das ändert aber nichts daran, dass hier nur ein paar nichtsnutzige, ahnungslose Punker rum hängen und ihren Senf zu irgendwas in die Welt posaunen. Irgendetwas, das in ein paar Jahren eh keine Sau mehr interessiert; denn ins Archiv der Jugendkulturen wird es der Bierschinken mangels Printausgabe eh nicht schaffen. Solltet Ihr also mit Eurem Smartphone gerade da sitzen, diese Rezension per Facebook-Link angeklickt haben, und Euch ärgern, dass die Veröffentlichung der Platte schon so lange her ist: Mir total egal. E-egal, haha!
Musik ist aber zeitlos, und das Verrückte ist ja: Ihr könnt es Euch trotzdem noch anhören, und die Platte könnt Ihr auch noch kaufen. Und wenigstens ersteres solltet Ihr auch tun. Kann man sogar umsonst im Internett.

Warum Ihr Euch das anhören solltet?
Nun, die Platte ist nicht in meiner WG-Küche vergammelt, sondern ich habe sie oft und gerne gehört. Und ich würde mal schwer behaupten, E-Egal sind eine der am meisten unterschätzten Bands.

Diese Texte! Ganz, ganz großes Kino. Es geht in erster Linie um den Wahnsinn in diesem Land und die grenzenlose Dummheit der Menschen. Sehr zynisch, sehr bissig, sehr düster. Ähnlich schön wie bei Cocktailbar Stammheim. Kostproben? Bitte sehr:

"Das Boot ist voll mit Scheisse, mit Nazis und Langeweilern, und jene die es werden wollen
Kaum zu ertragen – Grenzen und Fahnen
du bist Deutschland also fick dich – mehr gibt’s nicht zu sagen ...
Es gibt keine Party, es gibt kein Wir"

"Du bist wie dein Vater und du bist wie deine Mutter, stehst auf Deutschland – gehst zur Kirche, die Kanonen brauchen Futter
ja du hast es weit gebracht, sogar eine Strasse weiter
klar dass du die Fremden hasst, weil du niemals einer warst"

"Was du da gewonnen hast - die Angst es zu verlieren
und jetzt biste was de hast. Ich käm dann später gratulieren.
Dafür musst du alles geben und das Vergangene vergessen
machst aus deinen Lügen Pläne – Alter, davor hab ich Angst"

Aber auch die eigene Szene bekommt ihr Fett weg:
"Was ist Konsens? Ich seh nur Seifenblasenplatzen und Bildfetzenverwackeln ...
Tanzen wir, schreien wir nach organisiertem Widerstand, nach Kleingruppen im Kreisverkehr, mit dem Dresscode für den Widererkennungswert, ein Prosit auf die Aufkleberreste ...
Der letzte Schrei und der neuste Hit, das ist Jesus und Stalin und Audiolith
Also feiern wir wieder und singen wir wieder, was grad sonst auf dem Zettel steht ..."

Textlich also schon mal ein absolutes Kracher-Album! Ist so.
Musikalisch ist es allerdings schwer zu fassen. Irgendwie Punk. Irgendwie Hardcore. Wütend und schnell. Aber durchsetzt mit allem anderen Scheiß. Off-Beat, Keyboard, unverzerrte Gitarre, diesdas, haste nicht gesehen.
Und gängige Song-Strukturen sucht man meist vergeblich.
Beim ersten Hören ist man vollkommen verstört. Beim zweiten Hören merkt man aber, dass da trotz allem ganz dolle Hits drauf sind. Das frisst sich in die Gehörgänge und bleibt da kleben (=Ohrwurm).

Dem Sänger attestiere ich den personifizierten Wahnsinn. Der schreit, spricht, jodelt, rappt, säuselt, flüstert, jammert und kreischt. Selten geradeaus. Oft etwas unmelodiös, aber gerade das macht den Reiz aus. Da ich mit dem Review so lange rum getrödelt hab, kam ich in der Zwischenzeit schon zweimal in den Genuss, die Band live zu sehen. Hätte ich den Typ nicht gesehen, hätte ich wahrscheinlich vermutet, dass es mehrere Sänger sind. Aber nein, das ist ein einziger Verrückter, der sich in Sekundenbruchteilen in Mr. Hyde verwandeln kann.

Wer noch Namedropping braucht:
Der Sänger macht auch als Plautzenotto von sich reden und an der Gitarre klimpert Thomaz von Kackschlacht.
Apropos Kackschlacht: "Ihr habt zu viel Zeit und zu wenig zu tun" (E-Egal) ist irgendwie ähnlich genial wie "Ihr arbeitet zu viel und ihr sauft zu wenig" (Dings).

Das Anschreiben an den Bierschinken wurde übrigens auf die Rückseite einer Abmahnung gekritzelt. Augenscheinlich das Original.
"Wir fordern Sie auf, zukünftig die Anweisungen und Vorgaben seitens [Konzern] und Ihrer Vorgesetzten im Rahmen Ihres Anstellungsvertrages einzuhalten. ... Sollte sich ein ähnlicher Vorfall wiederholen, müssen Sie mit weiteren arbeitsrechtlichen Schritten bis zur Kündigung rechnen."
In diesem Sinne:

"Hätte ich Konsumträume, dann würd sich auch die Arbeit lohnen"

"Deutschland, Deutschland - bla bla bla"
Coco 01/2018
Hörprobe:
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E-Egal - Ich hätt gern Pommes zu der Wahrheit

Stil: Trötenpunk
VÖ: 2015, LP


Tracklist:
01. Null
02. Das Boot
03. Vitamin B
04. Güterverkehr
05. Angst
06. Esel
07. Verkaufsgenie
08. Informationen
09. Das süße Nichts

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