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Tante Inge:
Partyrock & Dosenbier / Titten raus es ist Sommer

Vielversprechender Name, vielversprechender Titel.
Heute ist Fallstudie, denn das, was hier vor mir liegt, ist das Paradebeispiel für den gebrochenen Mittvierziger-Sexistenpunker, wie er im Buche steht. 

Im Folgenden möchte ich anhand der Erzählungen des "lyrischen Ichs" herausarbeiten, welche Haltungen und biographischen Brüche die Persönlichkeit des sexistischen weißen Mittvierziger-Punkers auszeichnen.


Hierzu möchte ich das Feld der zu untersuchenden Titel in vier Kategorien einteilen: Die erste, welche die Auseinandersetzung des lyrischen Ichs mit einer heteronormativ gefestigten, monogamen Beziehung ins Auge fasst, eine weitere, welche die Ideale des lyrischen Ichs frei von gesellschaftlicher Konvention entschlüsselt, einer dritten, die den rebellischen Widerstand welchen dieses dafür aufbringen muss und den täglichen Kampf gegen das Mittelmaß umfasst und eine vierte, in welcher ich selbstentwickelte Verarbeitungsstrategien des lyrischen Ichs gegen die erfahrenen Traumata untersuchen möchte.

 

1. Die monogame Beziehung als Keimzelle des Faschismus 

Du verdienst meine Liebe nicht: "Ich schlag dich doch so selten, nur jeden zweiten Tag"
Was ist, was sein wird und was war: "Ich bin nur der kleine Asi der dir dauernd nachspioniert" 
Wenn du gehst: "Wenn du mich heut Nacht verlässt denk ich mir neue Worte aus um dein Wesen zu beschreiben"
Bei dir sein: "Ich will heut nicht bei dir sein, da bleib ich lieber ganz allein"

Das Lyrische Ich befindet sich im Kampf mit der Konformität des Bürgertums. Der rebellische Teenager, zwischen Ablehnung und Sicherheitsnadel im Ohr. In "Was ist, was sein wird und was war" wird so die Geschichte vom traurigen Tropf erzählt, welcher stets die Ablehnung seiner "Traumfrau" erfahren musste und mit der dieser Zurückweisung einhergehenden Verletztheit nicht umgehen kann. Hier sind wir vermutlich schon beim ersten wichtigen Knotenpunkt unserer Erzählung angelegt, denn hier wird die Saat des später immer wieder aufkeimenden Frauenhasses gesäht. So kann das Lyrische Ich sich im Folgenden nicht auf eine monogame Beziehung einlassen, weil ihm das gut bürgerliche und romantisierter Ideal dieser doch in jungen Jahren so viel Leid zugefügt hatte. Die misogyne Haltung des Lyrischen Ichs führt in diesem Fall zu keiner gut kalkulierten Tat, sondern bricht quasi in affektierten Handlungen aus ihm heraus. Von der Drohung, über Beleidigung bis hin zur körperlichen Gewalt bedient sich unser Protagonist an einer Bandbreite von gewalttätigen und vor allem misogynen Handlungen, ohne diese erkennbar zu ordnen oder zu reflektieren. Ein Gefangener der Umstände? So beschreibt sich das Lyrische Ichs im Verlauf selbst, wenn es keine Worte der Trauer kennt, um mit einem aus diesen Umständen resultierenden Beziehungsende um zu gehen, sondern stattdessen in "Vorbei" von einer Befreiung fabuliert, welche einer Rückeroberung des Lebensmutes und der Autonomie gleicht.

Lass mich in ruhe: "Du erzählst mir ständig was für ein Idiot ich bin, du versuchst doch dauernd mich zu verbiegen doch du kriegst es nicht hin." 
Vorbei: "Es ist vorbei, hurra ich lebe wieder, ich weiß jetzt wie blöd ich war. Fast hätte ich mein bisheriges Leben einfach für dich aufgegeben [...] lieber ganz allein, das ist besser als sich anzuschreien"

[ One Night Stand: "Ob es dir wohl gut geht oder ob du mich vermisst, die Erinnerung verblasst, keinen Plan mehr wer du warst"

Anbei sei der Song "One Night Stand" erwähnt, welches die verschrobene Haltung des Lyrischen Ichs zu seiner Sexualität und Gefühlswelt offenbart. Besungen wird ein lange Zeit zurückliegender One Night Stand, welcher tiefe Spuren beim Protagonisten zurückgelassen zu haben scheint. So kann er keine klare Linie ziehen zwischen der Unbefangenheit des sexuellen Aktivität eines One Night Stands und der Romantisierung der erlebten Zweisamkeit. Überdeckt wird dies vom Paradoxon der permanenten Ablehnung der emotionalen Folgeschäden, so fantasiert das Lyrische Ich vom "vermisst werden" und niemals vom "selbst vermissen".  ]

 

2. Dichtigkeit, Brüderlichkeit und Freiheit

Ein Leben ohne Parties: "Hey Baby setz dich mal kurz zu mir, dann erklär ich es dir: Ein Leben ohne Parties wär öde" (Sampler// Sie: hat kein Bock dass das besoffene Ekel immer zu Nachts als besoffenes Ekel heim kommt. Er: Ich will doch nur trinken, was will die Drecksolle eigentlich?)
Bodensee: LIED ÜBER URLAUB AUFM CAMPINGPLATZ NOSTALGIE PUR YEAH!
Nichts ist vorbei: "Es ist schon lange her doch verbessert haben wir nichts, also los fangen wir von vorne an, wir glauben doch an so Vieles, es ist noch nicht zu spät"
Rotwein an der Adria: Wieder zum Ausgleich etwas NOSTALGIE! "
Partyrock und Dosenbier: "Es geht um Spaß und Feiern, weil das alles ist was zählt"

Das Lyrische Ich sucht seinen Ausgleich in den ihm zugewandten Männerbünden. Hier geht es um Saufen, Urlaub und einen ganzen Pansen voll Nostalgie. Dosenbier und Fleisch zum Frühstück, das ist es was Männer brauchen. Und ganz bestimmt keine ollen Weiber die einem das Partymachen mit den Jungs verbieten wollen (siehe Sampler zu "Ein Leben Ohne Parties"). Dieser Teil der Erzählung widert mich auf so viele Arten und Weisen an, dass ich auf analytische Tiefenschärfe verzichten muss. Ich meine, "Titten raus is Sommer, endlich gibt`s wieder was zu sehen" ? Was seid ihr eigentlich für ekelhafte kleine Schweine, dass ihr das lustig findet? Die Ballade vom toten Freund ist geschenkt, wenn man erst mal 40 is, kennt mensch das. 

Endlich wieder Sommer: "Titten raus is Sommer, endlich gibt`s wieder was zu sehen."
Currywurst zum Frühstück: "Mir dreht sich zwar der Magen um doch das ist mir einerlei, denn Currywurst zum Frühstück ist geil" 
Countrysänger: Tennessee und cool. fast unverfänglich.
Mach dich frei: obsolet und einfach nur schlecht.
Hinterm Horizont: Die Ballade über den verstorbenen besten Freund, sagt mir mal wer ob ich recht habe? ich hab nur die ersten 10 Sekunden gehört und dachte mit "Jo das hatten die Onkelz auch"

 

3. Widerstand

Komm wir stehen auf: Uff, der Sampler verspricht einen Song gegen Nazis... da habe ich ehrlich gesagt nicht drauf gewartet.
Jetzt is Feuer drin, die Gitarre spielt beinahe so schnell wie bei Nino De Angelo, aber es geht ja um Inhalte.... Nazis sind doof.
Cool. Hatten die Onkelz auch.
Diese Stadt: "Keine Frage es ist schön, mit dir durch diese Stadt zu ziehen, doch du musst verstehen ich muss auch mal was anderes sehen"

Das Lyrische Ich beweist in diesem letzten Absatz dass seine Non-Konformität nicht bloß aus leerem Geschwätz und Frauenhass besteht, es hat eine politische Dimension. Na klar, is ja immernoch Punk! So macht unser Forschungsobjekt die Tristesse der Kleinstadt, Nazis und schließlich das Schweinesystem zum eigentlich Gegenspieler. Eine Geschichte geschnitzt nach dem Vorbild Horst Mahlers, so lässt sich auch nicht erkennen, ob die rebellische Anti-Nazi-Haltung am 1. Mai ihren monumentalen Ausbruch erfährt oder am 2. Mai in Theorien über die jüdische Weltverschwörung mündet. Hier ist der Fantasie der Hörenden keine Grenze gesetzt und wir findet eine weitere unverzichtbare Zutat für unser Paradebeispiel des sexistischen weißen Mittvierziger-Punkers: Solange er gegen Nazis ist, ist das mit dem Frauen schlagen eigentlich gar nicht mehr so schlimm. 

Lügen: Matthias Reim hätte Krawallbrüder nicht besser covern können. 
Ihr könnt mich alle mal: "In all den Jahren habt ihr nichts für uns getan, euern Reichtum sollen wir bezahlen" 
 

4. Resignation und Selbsterkenntnis: 

Suche nach dir selbst: "Letztlich ist es scheißegal wo du letztendlich bist, denn es ist wohl leider wahr, dass es woanders auch nicht besser ist." 

Die letzte zu untersuchende Kategorie lässt uns dann doch hinter die plumpe Fassade unseres Protagonisten blicken. Eigentlich handelt es sich um einen kleinen traurigen Typen, ständig verkatert und vermutlich ziemlich einsam. Bitter. Darum bildet der den Abschluss des Albums bildende "Bonus" auch schon das Resümé der gesamten Fallstudie: "Manchmal muss man eben voll sein" tönt es dort in Dauerschleife. Traurige Geschichte eigentlich.

Zuviel: Die nächste Ballade... VfB im Abstiegskopf und verkatert, das ist jetzt wirklich zu viel.

DER BONUS: "Manchmal muss man eben voll sein." 

 

Fazit: Wieso zum Teufel trauen sich Typen eigentlich immer noch, so eine Scheiße auf CD zu pressen ohne sich zu schämen? Warum zum Geier hören sich Menschen das an? Die Bezeichnung "Fun-Punk" für diesen CD gewordenen Haufen Schlager, Sexismus, Alkoholismus, Bruderschafts-Pathos und Scheiße ist ein schlechter Scherz. Bevor ich jetzt wieder in stumpfe Anti-Dorf-Stimmung verfalle und dem schönen Schwarzwald (dem Herkunftsort der Band) die Schuld daran gebe, dass sowas noch möglich ist, enden meine Ausführungen an dieser Stelle mit einem ganz bestimmt nicht witzig gemeinten "Fuck You!"

Paul Breitner 10/2020
Tante Inge
Musikstil: Funpunk
Herkunft: Schwarzwald
Homepage: https://www.facebook.com/ingepunx/
Tante Inge - Partyrock & Dosenbier / Titten raus es ist Sommer

Stil: Punk, Schlager
VÖ: 2020, CD, Wiewaldi-Tonträger


Tracklist:

01. Du verdienst meine Liebe nicht
02. Bodensee
03. Wenn Du gehst
04. Rotwein an der Adria
05. Was ist, was sein wird und was war
06. Komm wir stehen auf
07. Hinterm Horizont
08. Bei Dir sein
09. Vorbei
10. Lügen
11. Partyrock und Dosenbier
12. Diese Stadt
13. Ein Leben ohne Parties
14. Ihr könnt mich alle mal
15. Countrysänger
16. Lass mich in Ruhe
17. Mach Dich Frei
18. Endlich Wieder Sommer
19. Alles Was War
20. Currywurst zum Frühstück
21. Zuviel
22. One night stand
23. Nichts ist vorbei
24. Suche nach Dir selbst
25. Bonus


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Toxo
(Toxo)
26.10.2020 17:34
Ein herrliches Review. Da bekomme ich richtig Lust mir das gar nicht erst anzuhören :)
Paffy

26.10.2020 18:02
Habe alle Tante Inge CD‘s und kann diese nur empfehlen! Fazit: ich bin ein stumpfer, sexistischer Idiot 😂
Coco
(Coco)
26.10.2020 21:21
"Matthias Reim hätte Krawallbrüder nicht besser covern können" - hihi!
Vince

02.11.2020 23:09
Und dann noch die Textart auf dem Cover - stammt bestimmt von derselben Person, welche die Flyer für das Sommerfest der lokalen Freiwilligen Feuerwehr entwirft. Wo diese Art von Musik sicher ihre Abnehmer findet.

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