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Bialla:
Kommste runter, Scheiße bauen?

"Kommste runter, Scheiße bauen?" fand ich einen super Plattentitel, also habe ich mal blind zugegriffen. BIALLA gibt es wohl schon seit über zehn Jahren. Ältere YouTube-Videos legen nah, dass sie mal "Wer schießt auf Ralf Bialla?" hießen. In neuer Besetzung und mit kürzerem Namen führen sie auf ihrem Album zu dritt vom Indie über Punk zu Hardcore und Metal. Dabei spielen sie keins der Genres aus, sondern mixen abwechslungsreich mitunter auch innerhalb eines Songs. Ebenso variieren die Songlängen zwischen hardcore-punkig kurz (0:48) und heavy-metalig lang (4:36). Insgesamt zähle ich drei Gitarrensoli, die aber so dreckig daherkommen, dass sie sehr genießbar sind. Fundament der Songs ist ein inspirierendes Schlagzeugspiel, das Metalriffs auflockert, Hardcoreriffs voranbringt und immer wieder variantenreich treibt. Die Berliner zeigen also keine Scheu vor Genreausflügen und -mixen. Das macht es musikalisch spannend.

Mit "Ich halt auf keinsten die Fresse!" startet das Werk ziemlich indiepunkig mit leicht nasal-nörgelnden Gesang, der mich an Captain Planet erinnert, nur bei weitem nicht so nervig ist. Vielleicht passt hier ein Vergleich zur schimpfenden Vortragsweise von Love A's Jörkk. Oft singen BIALLA aber auch im Stil von Señor Karōshi oder Alltagsdasein. Eine Assoziation zur Band Anorak, die ich vor langer Zeit mal bei mp3.de gefunden habe, kommt mir noch in den Sinn (ob die etwas mit der gleichnamigen englisch singenden Band zu tun haben, konnte ich noch nicht herausfinden). Und das alles beim ersten Song. Ein schön kloppendes Schlagzeug gibt hier schon den Vorgeschmack auf das, was da noch kommen wird. Im zweiten Song rifft die Gitarre intensiver und es wird ein bisschen geschrien (=gut). Song fünf treibt wie ein Song von Fu Manchu. Im weiteren Verlauf werden die Gitarren schwerer und die Texte düsterer und die anfängliche Indieassoziation wird von Hardcore- und Metalarrangements zur Seite gepogt.

Mit den Texten kann ich inhaltlich zwar was anfangen, aber sie sind mir teilweise zu doll. Die Zeilen aus "Das Kind in dir" oder "Du musst die Kinder bezahlen, Jacko!" finde ich unangenehm, was bestimmt gewollt ist und so gesehen gut funktioniert. An anderer Stelle sind mir die Texte etwas zu konstruiert (z.B. "Trockeneis als Heizpilz für das Wachstum unserer Pflanzen" (aus „Trockeneis“) oder "Exoskelett aus Currywurstpiekern" (aus „Benachteiligtenblues“)). Vielleicht bin ich da aber auch zu streng, feiere ich doch Seltsamkeiten in Texten sonst gerne ab. Beim letzten Song "Ich hasse Hardcore" wird "truth" auf "Kinderissues" gereimt, was ich vom Reim nicht so erquicklich finde, aber auch weil hier "Kinderissues" im Kontext als negativer Vorwurf steht und so indirekt Bedürfnisse von Kindern diffamiert. Doch auch hier: an sich trifft der Text inhaltlich einen Punkt, wie hier u.a. bei den Diskussionen um eine Biberacher Hardcoreveranstaltung gesehen werden konnte, nur mit der textlichen Ausführung werde ich nicht richtig warm.

Musikalisch und melodisch ist aber das Gegenteil der Fall. In den 16 Songs sind BIALLA ebenso kreativ zu Gange wie beim Texten und hier zündet die Ausführung bei mir. Ob der schöne Basslauf aus "Trockeneis", die Riffgitarre von "Heimat", die exzessiven Drumfills von "Ratten im Kanal", der Gegensatz zwischen riffiger Strophe und luftig leichtem Refrain in "Seggeluchbecken" oder das Headbanger*innen-Riff in "Zerhacken" - "Kommste runter, Scheiße bauen?" steckt voller packender Ideen, die Spaß machen. Freude habe ich auch an dem Wort "Hummerscheren-Heldenkostüm" (aus "Scheißherz") und möchte die Kritik an den Texten gleich wieder zurücknehmen. 

BIALLAS "Kommste runter, Scheiße bauen?" hat was von einem dieser deutschsprachigen Punkalben der 2010er Jahre, wo gerne und viel durchgebrüllt wurde, mit etwas mehr altem Hardcore und ein bisschen Metal und Emo und ich freue mich, diesen Sound und Stil heute nochmal so frisch und abwechslungsreich dargeboten zu bekommen.

Offene Fragen:

Wer ist Jacko? Woher kommt der Skit ("Fachleute unter sich")?

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Fun-Facts aus der Recherche:

Der Bandname scheint sich eher auf den Zauberkünstler Ralf Bialla zu beziehen als auf verschiedenen Städte in Polen, die mal so hießen, oder eine in Papua-Neuguinea. Zum Zauberkünstler gibt es eine Doku, die jetzt auf meiner Watchlist steht.

Im dritten Song "Heimat" heißt es nicht "Leg dich mit mir auf Oma Halba", sondern "Leg dich mit mir, wo mal Heil war".

Der Titel des siebten Songs scheint sich auf einen Ort im Märkischen Viertel zu beziehen.

"Zadder" aus dem Song "Scheißherz" ist laut Duden ein sehniger Fleischfaden (Bierschinken lässt grüßen).

matsch 11/2025
Hörprobe:
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Stil: Punk, Hardcore-Punk
Herkunft: Berlin
Bialla - Kommste runter, Scheiße bauen?

Stil: Punk, Punkrock, Indie Punk, Hardcore Punk, Metalpunkhardcore
VÖ: 11.10.2025, LP, CD, Schmidt Records


Tracklist:
01. Ich halt auf keinsten die Fresse!
02. Trockeneis
03. Heimat
04. Ratten im Kanal
05. Die Leute ham kein Bock
06. Du bist durch
07. Seggeluchbecken
08. Seeigel
09. Das Kind in dir
10. Du musst die Kinder bezahlen, Jacko!
11. Benachteiligtenblues
12. Scheißherz
13. Zerhacken
14. Schlussverkauf
15. Fachleute unter sich
16. Ich hasse Hardcore



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