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Die Lokalmatadore:
Ein Leben für die Ärmsten (ReRelease)

Das erste Album der Lokalmatadore aus Mülheim/Ruhr wurde bereits 1989 aufgenommen, aber erst 1991 veröffentlicht und ist nun wieder auf LP zu haben. Mir ist die Band das erste Mal auf den Samplern von Teenage Rebel Records untergekommen. Das muss so ungefähr knapp 10 Jahre nach der Aufnahme dieses Albums gewesen sein. 15 Jahr, buntes Haar und vom auf dem Cover prangenden Slogan "Fun & Glory" angetan und vom Preis restlos überzeugt, betrat ich die Welt des Assi-Rock'n Roll der "Lokalen", die mit ihren heiter prolligen bis obszönen Texten genau in die Kerbe schlugen, die ein spätpubertierender Dorfpunk, wie ich einer war, suchte. Die Stücke auf den Samplern, nebenbei erwähnt nicht nur die der Lokalmatadore, spiegelten genau die Art von Hedonismus wider, die sich meine Clique auf die Fahnen geschrieben hatte. Die Mischung aus Frechheiten, Heiter- und Leichtigkeit, der zu dem ein gewisser Charme von etwas "Verruchtem" anhaftete traf bei unseren, oft nicht ganz nüchternen, Treffen mehr den Nerv, als die oft neunmalklugen Studenten-Bands, die mittlerweile größtenteils den Ton angaben, oder der x-te Skatepunk-Klon aus Schweden. Dabei war die Band, in der Zeit, in der ich auf sie stieß, bereits vom Zeitgeist überholt worden. Mit ihrem Pimmel-Pipi-Kacka-Humor ließ sich um die Jahrtausendwende eigentlich kaum noch groß provozieren oder anecken. Es sei denn, ja, es sei denn, man kam wie ich aus einem piefigen kleinen Dorf im Münsterland, in dem ich in einem Haushalt aufwuchs, der weder Satelliten-TV noch Internet hatte, in dem die Großmutter das barbusige Bild-Titelgirl aus der Zeitung schnitt, bevor sie die ausgelesene Zeitung an uns übergab, und in dem jeden Sonntag der Tatort lief, den Mutter immer dann, natürlich ganz aus Versehen, wegschaltete, wenn sich dort nackte Haut oder Intimitäten anbahnten. In dieser Welt waren Texte wie "In den Arsch" oder "Happy Weekend" in dem ein glückloser Losertyp, mit dem ich mich damals durchaus identifizieren konnte, des Nächtens statt mit einem Sexualpartner mit einem Pornoheft, dem „Happy Weekend“, ins Bett ging, weiterhin eine Art Unangepasstheit und Rebellion. 

Jetzt, fast drei Jahrzehnte später, sieht die Sache natürlich grundlegend anders aus. Die Haare sind kurz und nicht mehr bunt, die Clique von damals hat sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut und eine Band wie die Lokalmatadore kann in Zeiten von Kanye West, Frauenarzt, KIZ, Ikke Hüftgold und Ikkimel in Sachen Obszönität bei den Kids wohl nur noch ein müdes Gähnen auslösen. Auch in Hinblick auf die stellenweise sexistischen Texte (Mach deinen Mund zu einem Arschloch), die nicht zwingend bedeuten müssen, das soll nur noch mal gesagt werden, dass der Texter auch wirklich ein Sexist ist (Stichwort: "Lyrisches Ich"), hat sich, im Punk seit Anfang der Neunziger zum Glück viel getan. Ich für meinen Teil habe die Band und ihre lyrischen Ergüsse allerdings auch nie für "bare Münze" genommen. Sie waren halt bis zu ihrer Auflösung im vergangenen Jahr, irgendwie das Aushängeschild für Fun-Punk aus dem Ruhrgebiet. Zusammen mit den Kassierern und Eisenpimmel bildeten sie das heilige Dreigestirn des Ruhrpott-Assi-Punks. Wobei es die Lokalmatadore wie keine andere Band verstanden, den rauen Charme und all die Klischees, die das Ruhrgebiet bereithält, musikalisch in Form zu pressen. Ein Kunstprodukt, wie sie selbst in "Alte Sau" sangen, das man wahrscheinlich nicht zu ernst nehmen sollte.  

Heutzutage schaue ich kritischer auf Geschmacklosigkeiten wie "Whitney aus Surinam" von der "Heute ein König..." LP und auch bei anderen Stücken schleicht sich schon mal ein wenig Fremdscham ein. Ein Konzert der Band habe ich schon ewig nicht mehr besucht und grölende Männerhorden, die die Geschlechtsteil-Songs zelebrieren, lösen mittlerweile einen Fluchtreflex und keinen Drang, mit zu grölen, aus. Trotzdem ist "Ein Leben für die Ärmsten“ von der genialen Slade-Reminiszenz beim Cover, über den erdig scheppernden Punk-Sound englischer Schule (COCK SPARRER!), bis zu den assig, prolligen Texten ein fabelhaftes Zeitzeugnis der frühen Neunziger Jahre. Einem Zeugnis, dem ich mich immer noch schlecht entziehen will und kann, ist es doch gespickt mit Gassenhauern wie "Auf Ruhr", "Tangobrüder" oder "In den Arsch", Blödeleien wie "Schweißmauken" und treffende Alltagsbeschreibungen wie "Wer ist Birne Mark?". Es saß zwar noch nicht alles (Der Scheich von Österreich), aber es hatte schon arg viel Substanz. Auch wenn die großen "Hits" für mich erst auf den folgenden Platten "Heute ein König..." und "Männer Rock'n'Roll" zu finden waren, bleibt auch das erste Album der Lokalmatadore für mich ein Teil meiner Jugend und meiner Punk-Sozialisation, das ich mir seit letzter Woche nun auch wieder in Form einer Vinyl-LP in den Schrank stellen kann. Eingeordnet unter: Guilty Pleasure!

Peter 06/2026
Deutschpunk, Punk
aus Mülheim an der Ruhr
Lokalmatadore - Ein Leben für die Ärmsten (ReRelease)

Stil: Punk, Männer-Rock'n'Roll, Oi!
VÖ: 22.05.2026, LP, Teenage Rebel Records


Tracklist:
1. Mann, Bin Ich Breit
2. Feuer Frei
3. Auf Ruhr
4. Happy Weekend
5. Babysitter
6. Motel Hell
7. Wer Ist Birne Mark?
8. Superspanner
9. Tangobrüder
10. White Boy
11. Der Scheich Von Österreich
12. Have Love, Will Travel
13. Schweißmauken
14. Allergie
15. In Den Arsch



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