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Afsky, Sunken, 09.10.2022 in Kiel, Alte Meierei - Bericht von Thruntilldeath

Afsky, 09.10.2022 in Kiel

Sonntag ist in nördlichen Breitengraden oft der Tag nach Samstag, und zum Glück war das auch heute der Fall. Samstag gab es schon Second Bandshirt, Kaffee, Kuchen und Musik und getreu dem Motto "Never change a running weekend" gab es auch am Sonntag "Second Bandshirt, Kaffee, Kuchen und Musik". Wobei die Kategorisierung als "Musik" in einigen Kreisen sicherlich Diskussionen hervorrufen dürfte. Immerhin steht in der Wikipedia "Black metal is an extreme subgenre of heavy metal music.", zu "Fresse" nur, dass es eine französische Gemeinde wäre. Kann ich nicht überprüfen, aber falls irgendwer mal da vorbeikommt, bitte ein Foto machen. Das eine IST also Musik, das andere nicht. Nun.
Ja, Second Bandshirt, immer wieder dieser Quatsch hier. Macht aber auch einfach zu viel Spaß, und weil eine Ortsgruppe nicht reicht, hab ich einfach noch eine Zweite aufgemacht. Die hatte heute auch ihre erste offizielle Sitzung, ist auf drei Leute angewachsen und durfte im Subrosa in Kiel eine Kiste aufstellen, in der die Leute ihre gespendeten Shirts packen können. Spart Porto, lockt Leute in den Laden. Win win. Synergieeffekte! Und weitere blöde Buzzwörter. Den Kuchen haben wir dann auch direkt mal leergefressen, die Wurst wurde nicht angefasst, da stand doch letztens was in diesem Blättchen, dass die auf der Wiesn auf keinen Fall schmecken würde!
Nun, ob dem so ist, werden wir wohl nie herausfinden, es sei denn, es fährt jetzt noch jemand schnell auf die Wiesn, Bierschinken zahlt auch die Wurst. Rechnungen bitte per Mail an die bekannte Adresse.

Kiel, alte Perle, alte Heimat. Das Schöne an solch kleinen Städtchen ist, dass alles in kürzester Zeit mit dem Rad zu erreichen ist. Öffis braucht niemand, und vielleicht sind die deswegen in Kiel auch nicht so gut ausgebaut? Das Henne-Ei-Problem. (Spoiler: Ei.). Kiel präsentierte sich auf jeden Fall von seiner schöneren Seite, voll strahlendem Sonnenschein, wenig Wind und Straßen voller Müll. Hach...
Im Gegensatz dazu tauchte dann kurz vor 18 Uhr die Alte Meierei vor mir auf: Düster, voller Gestalten mit schwarzen Klamotten, lauten Geräuschen in Form von Gekrächze und Gekröse aus den Boxen und kein vertrautes Gesicht, abgesehen von Infernal-Crustbrigade-Herb, der nicht müde wird, jedes Wochenende aufs Neue allerlei Bands aus dem Bereich des extremeren Metals auf die Holzbretter der Meierei zu bringen. Hut ab für so viel Bock und Arbeit, hoffentlich geht's im nächsten Jahr trotz einiger mauer Shows doch weiter mit der Konzertgruppe. Heute Abend war mit über 100 zahlenden Menschen die Hütte wenigstens sehr gut besucht.

Lag sicherlich auch daran, dass die nördlichste Stadt im Tourprogramm entweder Berlin oder Dortmund war, und Dänemark, die Heimat der beiden Bands des Abends, auch nicht so wahnsinnig weit weg liegt. Auf jeden Fall schön zu sehen, wie viel an einem Sonntag Abend in Kiel los sein kann.
Da Verheerer aus Flensburg kurzfristig absagen mussten, wurde die ersten 40 Minuten (Anfang 18 Uhr PÜNKTLICH! hieß es) einfach so getan, als wäre eine Band auf der Bühne, bis um 18:40 dann endlich SUNKEN sich ihren Weg durch den Nebel bahnen mussten. Getreu dem Kieler Motto "Wieso auch vor die Bühne stellen, wenn es ein Halbkreis tut?" sah das im ersten Moment alles überschaubar aus, dafür drängelte sich der Rest der Meute auf den Treppen und schüttelte mehr oder wenig enthusiastisch die Mähne durch den Raum. Wobei das schütteln bei vor sich hinmäanderndem Post-Black-Metal auch nicht immer die erste Wahl ist, lieber zögerliches Kopfnicken, während die zwei Gitarren teilweise fast schon johncarpentereske Klangteppiche aufs Parkett zaubern. Lange Instrumentalpassagen, überschaubare Mengen an Blastbeats und mit viel Hall versehener, klagender Gesang.
 Eigentlich auf den ersten Blick gar nicht mal so außergewöhnlicher atmosphärischer Depri-Black-Metal, und dem Ganzen die fehlende Eigenständigkeit abzusprechen ist sicherlich auch legitim, aber es muss ja auch nicht alles neu erfunden werden. Vor allem, wenn fähige Musiker auf der Bühne stehen, die SO extrem vereinnahmende Songs schreiben können, ist es auch wumpe, ob da nun mit Innovation geglänzt wird, oder nicht. Bei 10 Minuten pro Song passiert es einem aber auch automatisch, im Soundgeflecht hängen zu bleiben und sich zu verlieren. Zum Glück reißen einen zwischendurch doch noch die klassischen BM-Passagen aus dem Delirium, vor man sich endgültig verliert. Faszinierend, fast schon hypnotisierend, und kein Stück von Langeweile. Da braucht's auch keine bekannten Menschen um einen herum, gequatscht wird eh nicht. Passt auch hier wieder gut, dass die Musik zum Teil an einen Filmsoundtrack erinnert. Beim Filmgucken wird ja auch die Fresse gehalten!
Das Gefühl von Zeit verflog komplett, ich könnte nicht sagen, ob Sunken 20, 30 oder 45 Minuten gespielt haben. Einzig dass die Lichter wieder angingen und der Nebel etwas weniger wurde deutete darauf hin, dass der Auftritt nun wohl doch vorbei war. Ob das der "Ich steh 90° zur Bühne verdreht und weiß eigentlich gar nicht, wer und wo ich bin"-Mensch auch mitbekommen hat, wage ich zu behaupten, war aber ein großartiges Schauspiel während des gesamten Auftritts. Wer stellt sich denn bitte im rechten Winkel zur Bühne?
Irgendwann wurde der Nebel dann NOCH intensiver, sehr zum Leidwesen des Herren neben mir, der heute zum ersten Mal in seinem Leben in der Meierei war, obwohl er seit 30 Jahren in Kiel wohnt. Wieso er sich dann ausgerechnet diesen Konzertabend ausgesucht hatte, wird auf Ewig ein Rätsel bleiben, aber bis auf den Nebel und die Tatsache, dass er "den Herren rechts auf der Bühne" den gesamten Auftritt über nicht sehen konnte, gab es von seiner Seite aus nichts zu meckern. Man gut, dass es sich bei dem "Herren" um den Gitarristen von Sunken handelte, der auch danach bei AFSKY die Klampfe spielen durfte.
AFSKY, auch aus Dänemark, ist eigentlich das Projekt von Ole Pedersen Luk, der nebenbei noch bei Solbrud spielt und wie gefühlt alle Musiker*innen zu viel Zeit hat, um nur eine Band zu haben. Also schnell mal ein Soloprojekt gegründet, das sich, ähnlich wie Sunken, dem atmosphärischen Black Metal verschrieben hat. 

Allerdings mit dem Unterschied, dass es hier deutlich zorniger und roher zur Sache geht. Nein, kein Fisher-Price-Keller-BM, davon ist das meilenweit entfernt, aber mehr Wut als Verzweiflung und mehr Blastbeats als ruhige Passagen, gespickt mit viel Tremolo-Riffs. Irgendwo in Richtung 90er unterwegs geht es im aktuellen Album "Ofte Jeg Drømmer Mig Død" um dänische Gedichtlyrik von 1600 bis 1900, was zwar inhaltlich ohne Textblatt + Übersetzung nicht zu erahnen ist, aber musikalisch einen direkt an die raue Küste im Herbst versetzt. Oder hart schuftend auf ein Feld, ausgemergelt und voller Wut auf die herrschende, ausbeutende Klasse. Brutaler Sound, die Bassdrum lässt noch immer meine Eingeweide wabern. Ein absolutes Erlebnis, Afsky live zu sehen. Kein Wunder, dass bei anscheinend jedem Auftritt auf der Minitour die Hütte voll war. Genauso einlullend wie bei Sunken, aber viel bedrohlicher. Fantastischer Auftritt.
Und abgesehen von der grandiosen Musik scheint beim Ole generell das Herz am rechten Fleck zu sitzen, LGBT+ Kampagnen sind jedenfalls bei Black-Metal-Bands äußerst selten, und so klare Äußerungen zum Thema Unterdrückungen von Minderheiten ("No one should ever feel unsafe around other humans") finden sich auch nicht gerade an jeder Straßenecke. Insgesamt schade, dass die BM-Szene so extrem männerdominiert ist, aber wenigstens einige scheinen sich Gedanken um andere zu machen und nicht nur ihr edgy Herrenmenschending durchzuziehen. Da ist es dann auch ok, wenn vor Konzertbeginn zwei Kerzen auf der Bühne angezündet werden. Zumal die im Nebel sowieso quasi nicht sichtbar waren.

Zurück zur Musik: Was waren das? Sieben, acht, neun Songs? Auf jeden Fall locker 'ne Stunde Soundwand, die nur kurz von einem "Danke" oder Geklatsche unterbrochen wurde. Manchmal auch an den falschen Stellen, wenn das Publikum vor dem Gitarrenoutro von "Angst" klatscht und dann nach dem eigentlichen Ende des Songs erstmal 30 Sekunden nichts passiert.
Zugabe gab es dann auch noch, alle waren komplett begeistert und wer braucht schon Gesichter auf der Bühne, wenn es Umrisse im Nebel auch tun? Find ich bei Black Metal immer wieder schön, dass es mehr um die Atmosphäre, Lichter und Schatten geht - erinnert doch alles etwas an Lotte Reinigers Scherenschnittfilme - als um die Personen hinter den Instrumenten.

Rundum gelungener Abend mit zwei eigentlich ähnlichen, aber doch vollkommen unterschiedlichen Bands.
Und gut, wenn Konzerte am Sonntag so früh anfangen, dann geht's nämlich auch früh nach Hause. Wer weiß, vielleicht hätte ich ja sogar noch die "Konkurrenz"-Veranstaltung in Hamburg mitnehmen können: Yør und Ancst. Auch stark, aber das heute Abend hat die hohe Erwartung bei weitem übertroffen und mich komplett sprachlos zurückgelassen. Geiles Geballer.

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