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Konzert für Micha: Fehlfarben, Harald Schulze, Krau3, Wax34, Kpt. Plasto, 22.05.2026 in Berlin, Kiezraum - Bericht von Stephan von Das Leck

Konzert für Micha, 22.05.2026 in Berlin

Wie viele bereits wissen dürften, ist der Fehlfarben-Bassist Michael Kemner am dritten Januar 2026 im Alter von 72 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Schmerzlich vermisst wird er von den Menschen in Berlin und anderswo, die ihn persönlich kannten. Er war regelmäßiger Gast bei den Release-Veranstaltungen von DAS LECK, was uns sehr ehrte. Dieses Mal blieb sein Platz jedoch leer, als wir am ersten Mai unser neues Album „Die Wirtschaftsweisen“ herausbrachten. Dafür habe ich drei Wochen später die Gelegenheit, bei einem besonderen Event Abschied zu nehmen.
 
Der Abend beginnt damit, dass ich mich durch die Menschenmassen am Blücherplatz kämpfe, die sich dort unter dem Vorwand des Karnevals der Kulturen versammelt haben, um sich zu Latino- und Afrorhythmen mit Bier und übersüßten Cocktails wegzulöten. Wenn man es geschafft hat, sich durch den Haufen verschwitzter, halbnackter Leiber durchzuzwängen, wird man heute also mit einem besonderen Kontrastprogramm belohnt.
 
Im Kiezraum auf dem Dragonerareal – einer historischen Kaserne inmitten einer der wenigen verbliebenen innerstädtischen Brachen in Berlin – findet das Gedenkkonzert für Micha statt. Wenn es diesen Ort nicht gegeben hätte, hätte man ihn für diesen Anlass erfinden müssen – angesichts der monochromen Altbaufassaden, die von jenseits der Wiese blind herüberstarren und mich an das Cover der legendärsten LP der Band erinnern.
 
Es handelt sich um eine Veranstaltung des Pop e. V., eines Freundeskreises von Musikern aus dem Umfeld der Untergrund-NDW um die Mitglieder von Der Plan, DAF und eben Fehlfarben, die in Kreuzberg schon seit einigen Jahren einen offenen Stammtisch mit regelmäßiger Veranstaltungsreihe etabliert haben. Trotz der Konkurrenz durch den Karneval der Kulturen brummt der Laden, was am großen Namen der Band liegt und daran, dass das Berliner Fenster aus diesem Anlass eine Ankündigung gebracht hat.
 
Den Anfang macht Harald Schulze von der NDW-Band Phase 101 mit einem kurzen Soloauftritt im Singer-Songwriter-Gestus mit großem Hut. Er gibt ein Cover von „Hurt“ zum Besten, das von seiner kraftvollen Bassstimme profitiert, sowie eine Reihe von Eigenkompositionen, die statistisch auf 3,5 Akkorden basieren, darunter eine rührende Hommage an David Bowie – wo wir schon mal bei den Toten sind.
 
Danach treten Krau3 auf, ein Querschnitt aus dem Kollegium des Vereins, mit Martin Väterlein am Mikrofon, der etwa zehn Jahre lang die Vereinsveranstaltungen in seinem Plattenladen in der Yorckstraße gehostet hat und als Frontmann eine gute Figur macht. Während ich noch darüber rätsle, was der Bandname bedeuten könnte, ist der Gig schon vorbei, und wir erfahren, dass es keine weiteren geben wird. Eigentlich war Michael Kemner bei dem Projekt dabei, und sein Bass fehlt vielleicht zu sehr.
 
Eine weitere biografische Linie wird mit dem nächsten Act, WAX34, gekreuzt. Die Gruppe repräsentiert das Hausprojekt in der Willibald-Alexis-Straße 34. Wir hören vor allem Beatles-Cover aus der frühen Phase; Lemmy hätte seine Freude gehabt, aber auch die Anwesenden sind nicht unzufrieden.
 
Ein Hauch von Verbrennungsrückständen legalisierter Drogen durchweht inzwischen die laue Abendluft, als Captain Plasto die Bühne betreten. Es wird solide gerockt, während die Dienstmützen einen Tom-of-Finland-artigen Charme verströmen. Dafür, dass es die letzte Vorband ist, spielt die Combo vielleicht einen Tick zu lange, zumal jetzt alle auf die Fehlfarben warten. „Paul ist tot“ wird schon lautstark gefordert. Ich versuche, meinen Nebenmann zu beruhigen, doch der verweist auf seine Meinungsfreiheit und darauf, dass er die Band noch nie live gesehen habe und es also jetzt mal an der Zeit sei, den Hit zu hören.
 
Der neue Sound der Fehlfarben ist unter anderem durch Kurt Dahlke geprägt, der elektronische Klänge auch im Bassbereich beisteuert. Damit ist der spröde Charakter von „Monarchie und Alltag“, der für viele die erste Referenz ist, schon deutlich verändert. Spätestens als Peter Hein beim ersten Song die Stimme erhebt, stellt sich die bekannte Magie ein, und etwaige Grauschleier werden vom Saxophon gekonnt weggeblasen.
 
Abgesehen davon, dass alle heute aus einem traurigen Anlass zusammengekommen sind, verweist der Sänger bei der Zwischenmoderation darauf, dass er nicht fürs Witzemachen bezahlt werde, und ich muss ihm in diesem Punkt recht geben. Paul und Micha sind tot, doch das Leben geht weiter, und es bleibt eine ernste Angelegenheit. Gelacht wird trotzdem genug, während die alten Weggefährten draußen in Erinnerungen schwelgen und die anderen Neugierigen, die den etwas verwinkelten Weg hierher gefunden haben, in Trauben auf dem Hof den warmen Frühlingsabend ausklingen lassen.
Foto © Eva-Maria Lutz


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