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Samstag, 28.12.2019: Im Interview: Caro (Zahnärzte ohne Grenzen)

Wie einige unserer LeserInnen vielleicht wissen, habe ich einen nicht unwesentlichen Teil meiner Kindheit auf den Kapverdischen Inseln verbracht. Ein kleines Insel-Archipel aus 15 Inseln, 9 davon bewohnt, im Atlantischen Ozean vor der Westafrikanischen Küste. Mittlerweile auch ein recht beliebtes Urlaubsziel, aber ebenso wie damals liegt auch heute noch unter der Oberfläche Einiges im Argen, und darum soll es heute gehen.
Natürlich horche ich immer noch auf, wenn das Thema auf die Kapverden fällt, und war dementsprechend sehr interessiert, als ich erfuhr, dass die liebe Caro (kennen einige von euch vielleicht als Schlagzeugerin von Bands wie Delikat, DivaKollektiv, The Photsans, Protokumpel oder ganz frisch: The Love Rockets, aber auch als Zahnärztin der gesamten hiesigen Punkrockprominenz) sich zu einem Einsatz mit "Zahnärzte ohne Grenzen" auf die Kapverden begeben hat. Und was liegt da näher, als unser kleines Gespräch gleich direkt in Interviewform zu veröffentlichen. Also, fangen wir an!


Fö: Hi Caro! Schön, dass du dir die Zeit nimmst, ein wenig über deine Arbeit zu sprechen! Was genau ist denn das, "Zahnärzte ohne Grenzen", und wie funktioniert das?
Caro: Hallo Fö! Es ist mir eine Ehre!
Also: Zahnärzte ohne Grenzen (Dentists Without Limits Federation) ist eine Hilfsorganisation mit Sitz in Nürnberg, die Hilfseinsätze auf Freiwilligenbasis durchführt. Freiwillig heißt, man meldet sich dort an als Active Dentist oder gerne auch als HelferIn oder ZahntechnikerIn. Das ist beim ersten Mal ein relativ groß wirkender bürokratischer Aufwand, aber das hatte ich vor 2 Jahren für den Einsatz in Namibia schon hinter mir. Man muss seine Approbation und diverse Wischs auf Englisch übersetzen und amtlich beglaubigen lassen, dann kriegst du irgendwann diesen Ausweis, damit du das machen darfst, also auch im Ausland arbeiten darfst. Vieles von diesem ganzen bürokratischen Kram wird in den jeweiligen Einsatzorten dann durch die DWLF übernommen.
Allerdings ist es nicht so, dass du dafür Geld kriegst. Du zahlst die Flüge selbst, du zahlst in den meisten Fällen auch die Unterkunft selbst, sofern notwendig auch den Mietwagen, und du zahlst sogar ortsabhängig nen Einsatzbeitrag, der überhaupt erst gewährleistet, dass die Organisation diese ganze Verwaltung übernehmen kann. Ansonsten läuft alles auf Spendenbasis. Instrumente und Materialien, ganz wichtig sind aber auch die Spenden über Altgold, also Zahngold. Viele Zahnärzte weisen ihre Patienten darauf hin, dass sie ihr Zahngold an die Organisation spenden können, wobei Zahngold durch Ablösung moderner kostengünstigerer Materialien immer seltener wird.
Wenn das dann alles organisiert ist, werden regelmäßig Ausschreibungen gemacht für Einsätze, die geplant sind. Meistens werden zwei ZahnärztInnen und zwei HelferInnen gesucht. Vor zwei Jahren in Namibia hatten wir vor Ort Helferinnen, die von den Zahnärzten, die vorher da waren, angelernt wurden. Das hat natürlich den Vorteil, dass wir in einem solchen Fall direkt am Stuhl auch jemanden zum Übersetzen haben. Außerdem ist so ein enger Kontakt zu Landsleuten immer toll, man bekommt so viel mehr mit und ist viel enger mit den Einheimischen verzahnt (ha, tättäh.).
Vor Ort gibt es dann noch die sogenannten mobilen Einheiten. Die kann man sich vorstellen wie kleine Köfferchen, die du an den Strom anschließen kannst. Da sind Speichelabsauger, Wasserkanister, Püster, Hand- und Winkelstücke und so weiter drin und dran, damit du überhaupt behandeln kannst. Dann gibt es noch so medizinische Klappliegen und die ganzen benötigten Materialien: Bohrer, Kunststoff, Tupfer, Watterollen, Handinstrumente jeglicher Art; das ist unfassbar genial was da alles schon gespendet wurde.


Fö: Wie bist du auf die Organisation aufmerksam geworden?
Caro: Ich hab von solchen Einsätzen mitbekommen durch zwei ehemalige Kommilitonen. Der eine war auf den Philippinen und hat ein Foto gepostet, auf dem er eine dieser Liegen vor einer Hütte im Freien aufgestellt und bei einem Patienten Zähne gezogen hat, bewacht von Soldaten mit MGs im Anschlag. Allerdings lief der Einsatz dort meines Wissens über eine andere aber ähnliche Hilfsorganisation, hat jedoch trotzdem durch dieses imposante Bild mein allgemeines Interesse daran geweckt.
Und dann habe ich das nochmal mitbekommen von meinem Zahnarzt jetzt, auch nem ehemaligen Kommilitonen, der in Nord-Namibia war, und da ich sowieso ein Afrika-Freak bin, ist dann der Wunsch gewachsen selbst mal sowas zu machen. Gerade ne Reise in ein Land wo es den Leuten nicht so gut geht wie uns, wo ein ganz anderer Standard herrscht…da nicht einfach nur so als reicher Europäer hinzureisen und sich Land und Leute anzugucken, sondern um sich da auch einfach ein bisschen nützlich zu machen... Das gibt einem irgendwie ein wesentlich besseres Gefühl. Einfach mal aus der eigenen Komfortzone rauskommen und mal gucken wie es woanders aussieht, das erdet einen ganz gut.

Fö: Du warst in Namibia vor zwei Jahren, stand denn danach für dich direkt fest, dass du das auf jeden Fall nochmal machen willst, oder brauchtest du erst einmal Abstand davon?
Caro: Erstmal brauchte ich auf jeden Fall Abstand, um das sacken zu lassen. Namibia war schon mal ne Sache für sich. Wir hatten das vorher noch nie gemacht und wussten gar nicht wie das alles funktioniert, auch wenn wir viel Kontakt mit den Ärzten hatten, die vorher da waren. Aber wir waren nur zu zweit, wir haben in zwei verschiedenen Ortschaften im namibianischen Süden behandelt und mussten uns eigenständig zwischen diesen bewegen. Nun geht es in Namibia aber nicht so schnell von A nach B, es gibt nicht viele asphaltierte Straßen, man muss viel Offroad fahren, wir waren wie gesagt nur zu zweit, hatten das ganze Equipment im Jeep, wussten anfangs nicht mal wie man nen Reifen wechselt, das war schon alles sehr aufregend, aber ich möchte diese Erfahrung auch nicht missen. Es hat natürlich schon ein bisschen gedauert, das alles zu verarbeiten. Und dann ist der medizinische Standard da natürlich auch nochmal ganz anders als beispielsweise auf den Kapverden.
Und man wird natürlich konfrontiert mit den Schicksalen, mit den Geschichten, die man da so hört. Wir haben ja mit den einheimischen Helferinnen gearbeitet, unter anderem auch in den Townships dort, die haben einen aus Dankbarkeit sehr nah an sich rangelassen und haben da teilweise Sachen erzählt, an denen wir echt geknabbert haben. Man hat schon ein bisschen Zeit gebraucht, das zu verarbeiten.
Ich hatte nach Namibia, zurück in Deutschland, richtig schlechte Laune. An diesen Einsatz hatte ich noch etwas Urlaub hinten drangehangen und dachte, wenn ich zurückkomme, bin ich total erholt und ausgeglichen. Aber zurück im Alltag war ich richtig mies drauf, einfach wegen dieser deutschen Selbstverständlichkeit und dieser Undankbarkeit, als hätten hier alle ein natürliches Recht auf alle Vorzüge des Lebens, das ging mir hier so auf den Senkel, das hat mich richtig wütend gemacht. Weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass es sowas wie ne Krankenversicherung und gute ärztliche Behandlung gibt. Und weil es einfach so dermaßen egal ist, ob die Hecke des Nachbarn ein Meter fuffzich oder ein Meter dreiundfuffzich hoch ist (um ein fiktives Beispiel für ein mitteleuropäisches „Alltagsproblem“ zu nennen, das in der Regel wenig mit Hunger, Krankheit und Überlebenskampf zu tun hat). Auf diese Art habe ich wesentlich allergischer als vorher reagiert, sobald ich wieder hier war. Aber natürlich war ich auch total froh, dass ich diese Erfahrungen gemacht hab.

Fö: Und nun dieses Jahr Kap Verde. Dort wart ihr in Praia, der Hauptstadt?
Caro: Ja genau. Ich war da mit einer beeindruckenden Kollegin, der Antje. Von ihr und unseren beiden Helferinnen gibt es übrigens auch einen Bericht auf dwlf.org. Um diesen Bericht wird die Truppe im Anschluss an den jeweiligen Einsatz immer gebeten. Der Einsatz in Praia hat zwei Wochen gedauert und wir waren die ganze Zeit in Ponta d‘Água. Das sah da schon etwas ärmer aus im Vergleich zu anderen Vierteln. Wir sind da an vielen Baracken und kaputten Häusern vorbeigefahren, da war schon viel heruntergekommen, viel Gestank auf der Straße, ein eher ärmliches Viertel. In einer Klinik dort hatten wir einen Raum, der uns zur Verfügung gestellt wurde. Dort haben wir unsere Liegen aufgestellt und die mobilen Einheiten an den Strom angeschlossen - was diesmal übrigens auch deutlich einfacher war als in Namibia, wir hatten diesmal nur ein einziges Mal Stromausfall...
Außerdem hatten wir auch noch den Vorteil nicht jeden Tag selbst zur Klinik fahren zu müssen. Wir hatten täglich einen Abholservice, der uns netterweise von unserem Pennplatz morgens abgeholt und im Anschluss an die Arbeit auch wieder zurückgefahren hat. Das war natürlich ein totaler Luxus für uns.


Fö: Wie lief denn die Organisation vor Ort? Wer hat sich da gekümmert?
Caro: Vor Ort war ein Zahnarzt, Dr. Fernandes. Der hat in Brasilien studiert und ist ein ganz Engagierter mit eigener Praxis in Praia, arbeitet darüber hinaus aber ehrenamtlich in Ponta de Água. Das heißt während unseres Einsatzes hat er vormittags bis zum frühen Nachmittag mit uns gearbeitet und ist dann nach der Mittagspause in seine Praxis und hat da bis abends weiter behandelt...
Der hat das alles so ein bisschen mit-gemanaged, hat aus seiner Praxis Leute rausgefischt, die keine Versicherung haben und auf unsere Arbeit angewiesen sind. Generell muss dort einfach alles privat gezahlt werden, viele haben aber das Geld nicht und müssen dann halt zu uns, um sich behandeln zu lassen.

Fö: Mit was für Problemen hattet ihr denn so zu kämpfen?
Caro: Das Allerschwierigste an der ganzen Sache in Praia war wirklich die Sprachbarriere, da wir kein portugiesisch sprechen und erst recht kein kreol (der "Straßenslang" auf den Kapverden). Mit englisch kommt man dort nicht wirklich weiter. Wir haben uns ein paar Brocken kreol sagen lassen, wie was heißt. Hallo wie geht‘s, wo hast du Schmerzen, mach bitte mal den Mund auf...aber gereicht hat das nicht. Es waren auch sehr viele Kinder da, die noch nie beim Zahnarzt waren, die natürlich auch Angst hatten - wie willst du die beruhigen, wenn du nicht mit ihnen sprechen kannst? Da waren wir immer angewiesen auf Dr. Fernandes, der dann immer dazu gekommen ist und sie auf kreol beruhigt hat. Das war teilweise richtig beschissen, weil du gar nicht richtig arbeiten konntest. Du weißt genau, das Kind hättest du auf Englisch oder Deutsch einfach super führen können, aber das ging ja nicht, weil du die Sprache nicht sprichst.


Fö: Was waren denn so die krassesten Sachen, die du während der Arbeit mitbekommen hast?
Caro: Naja, was heißt krasse Sachen, aus zahnmedizinischer Sicht sind krasse Sachen ja bestimmt was anderes als für Laien und im Alltag eher selten, da hat man mit den Jahren ne höhere Schockschwelle.
Grundsätzlich finde ich immer diesen Bildungsmangel schlimm. Wenn die Eltern wissen würden, was dieser ganze Zuckerkonsum und die Ernährung und mangelnde Pflege für Konsequenzen hat. Das gibt es natürlich auch hier, ich arbeite in Neukölln, da kriegt man auch mit, dass viele Eltern scheinbar nicht wissen, dass sie die Zähne ihrer Kinder zu pflegen haben (und nicht in erster Linie die Kinder selber, denn Zahnpflegeskillz sind leider nicht so angeboren wie atmen und scheißen), und wie die Ernährung aussehen sollte oder vielleicht sind sie auch einfach überfordert damit. Da wird die elterliche Verantwortung gerne auf die Kinder abgewälzt. Das ist also nicht speziell ein Problem in Praia oder auf den Kapverden, aber ich denke, dass dort noch ne größere Ahnungslosigkeit besteht.
Hierzulande sollten alle durch den Schulzahnarzt oder die Schulzahnärztin und auch die Medien grob mitbekommen haben, dass man von Zuckerkonsum Karies bekommt, aber dort sehen die Leute teilweise den kausalen Zusammenhang nicht, und das ist ein Problem. Da saßen zum Beispiel Kinder im Wartezimmer, und damit die nicht quengeln hatten die halt ne Tüte mit Süßigkeiten dabei - beim Zahnarzt! Trotz Schmerzen!
Aber von den Fällen an sich, naja, wir haben in Deutschland ja so ein Prophylaxesystem. Es gibt Frühuntersuchungen für Kinder, die teilweise noch nicht einmal nen Zahn haben, um sie einfach schonmal an die zahnmedizinische Untersuchung zu gewöhnen. Es gibt regelmäßige Kontrollen, und je öfter die Patienten kommen, desto eher kann man feststellen, wenn etwas nicht richtig rund läuft. Man kann rechtzeitig etwas tun oder noch besser: frühzeitig dafür sorgen, dass sich gar nicht erst etwas Unangenehmes entwickelt. Auf den Kapverden hat man gesehen, dass vieles auf die lange Bank geschoben wurde bzw. werden musste, was hier längst behandelt worden wäre. Da waren auch viele ältere Leute dabei, die noch nie beim Zahnarzt waren. Oder zum Beispiel der Junge mit den zwei Zahnreihen, der sowohl seine bleibenden Zähne hatte als auch noch seine ganzen Milchzähne, weil die bleibenden Zähne gar nicht unterhalb der Milchzähne rausgetreten sind, sondern ein bisschen weiter dahinter und die Milchzähne sich daher nicht gelockert haben und im Mund geblieben sind.
Ansonsten gab es extrem zerstörte Zähne, stark ausgeprägte Entzündungsherde, große Schwellungen, die man hier natürlich auch sieht, aber nicht so in der Masse, so viele kariöse Zähne auf einmal...Da war ein junger Typ, der sah gut aus, war vielleicht Mitte 20, athletisch, gebildet, sprach englisch, und hat aber trotzdem seine kompletten Frontzähne schwarz. Und sowas sieht man in Deutschland dann doch eher selten. Wenn, dann meistens vor dem Hintergrund von Drogenmissbrauch, psychischen Erkrankungen oder Leuten, die wirklich auf die schiefe Bahn geraten und/oder aus irgendwelchen Gründen nicht versichert sind. Wobei ich an dieser Stelle nochmal betonen muss, dass es auch in Deutschland Anlaufstellen gibt für Versicherungslose, die (zahn-) medizinische Hilfe brauchen! Man muss nicht jemanden kennen oder in der Praxis privat bezahlen, es gibt zum Beispiel bei den Maltesern in Berlin, Nähe Heidelberger Platz, mehrmals die Woche die Möglichkeit, sich von ehrenamtlichen Ärzten und Zahnärzten behandeln zu lassen. Ich hab‘ da auch mal mitgeholfen, ich werde es auch wieder tun, schaffe es aber gerade einfach zeitlich nicht im Alltag.


Fö: In Dortmund gibt es so etwas auch, beim Gast-Haus, über das wir kürzlich geschrieben haben. Ich habe wirklich sehr viel Respekt vor den Leuten, die so etwas ehrenamtlich, neben ihrer "normalen" Arbeit, machen. Du hast ja auch deinen Urlaub dafür geopfert. Zumal ihr dort vor Ort wahrscheinlich auch nicht wirklich nach "europäischen" Standards arbeiten konntet. Gab es denn Situationen, wo ihr bestimmte Instrumente vermisst habt oder irgendwie improvisieren musstet?
Caro: Definitiv, wobei ich dazu echt sagen muss, dass ich richtig begeistert war was da für Materialien zusammengekommen sind. Die Auswahl war schon sehr gut. Die Arbeit, auf die man sich da einlässt, ist ja immer son Kompromiss. Du arbeitest so, dass du es vertreten kannst, du weißt aber auf der anderen Seite schon, unter anderen Umständen könntest du da viel mehr machen. Ein Zahn, der in Deutschland noch gerettet werden könnte, der wird dort halt eher gezogen. Es geht mehr darum, den Patienten wirklich den Schmerz zu nehmen. Man darf sich nicht vorstellen, wir fliegen da jetzt hin und setzen Implantate oder machen irgendwelche Sachen, die sich die Menschen hier auch nur mühselig absparen. Da geht es wirklich darum, erstmal primär gegen die Schmerzen zu kämpfen und grundlegend, sofern möglich, die Zähne zu erhalten und potentiell tickende Zeitbomben zu beseitigen. Ziel ist es, eine Situation zu schaffen, die auch ohne Verlaufskontrollen erstmal eine Weile gut gehen kann, da davon ausgegangen werden muss, dass der nächste Besuch beim Zahnarzt oder bei der Zahnärztin erst wieder dann stattfindet, wenn etwas weh tut – und/oder wenn wieder ehrenamtliche HelferInnen vor Ort sind.
Wir hatten auch kein Röntgengerät zur Verfügung. Das heißt wir könnten so etwas wie Wurzelbehandlungen gar nicht sauber durchführen auch wenn wir wollten, weil sich zum einen gar nicht kontrollieren lässt, wie sie hinterher aussieht, zum anderen erfordern manche Zahnrettungstherapien mehrere Sitzungen und längere Behandlungsabstände, richtige Konzepte. Da war dann tatsächlich auch der Zahnarzt vor Ort immer sehr rigoros. Weil die Patienten dann einfach sonst wieder Probleme bekommen hätten. Du kannst sowas echt nur machen, wenn du dann irgendwie diesen ganzen Therapieweg mitmachen kannst. Wenn du das nicht ermöglichen kannst, dann muss der Zahn eben leider raus. Aber wir konnten glücklicherweise zum Beispiel auch viele Füllungen machen und auf diese Weise viele Zähne erhalten. Wir haben uns wirklich über jeden einzelnen Zahn gefreut, den wir retten konnten, denn auch mit Zahnersatz ist es dort schwierig.

Fö: Hattet ihr denn privaten Kontakt zu den Leuten, außerhalb eurer Arbeit?
Caro: Weniger als in Namibia, das hat mir ein bisschen gefehlt. Ich hab mich mit allen Taxifahrern, die Praia so zu bieten hat, angefreundet (lacht). Und natürlich hatten wir Kontakt zu den "Herbergsvätern", und zu Dr. Fernandes und seiner Frau...wir haben schon den Kontakt zu den Einheimischen gesucht, aber das war in Namibia noch etwas intensiver, weil wir da auch mit den einheimischen Helferinnen zusammen gearbeitet haben, das war auf jeden Fall ein bisschen enger. Dieses Mal sind wir als komplettes Team nach Praia gereist.
Allgemein war ich total begeistert von den Leuten, wie nett die sind, wie freundlich und hilfsbereit, und vor allem unaufdringlich. Aber eine Sache ist uns besonders aufgefallen: Die sind da alle immer super gekleidet gewesen, vor allem die Mädels mit ihren Rastazöpfen und kleinen Perlen darin. Viele hatten, zumindest die Erwachsenen, Smartphones...wobei, das hatten sie in Namibia komischerweise auch - kein fließendes Wasser, keine Toilette, aber Smartphones.

Fö: Handys haben sich ja auch auf den Kapverden sehr schnell durchgesetzt, weil es nie wirklich ein durchgehendes Telefonnetz gab. Als dann endlich die Möglichkeit kam, ohne Kabel zu telefonieren, ging das ziemlich schnell.
Caro: Wobei mir auch erzählt wurde, dass viele überhaupt keine funktionierenden Handys haben. Viele Kapverdianer wohnen ja gar nicht dort, die arbeiten im Ausland und schicken Geld, sonst würde das alles gar nicht funktionieren, und auch Klamotten. Was ich sagen will, die achten anscheinend sehr auf den äußerlichen Schein, dass man gut gekleidet ist, ein Telefon hat, irgendwelche Sachen, die darauf hinweisen könnten, dass man Kohle hat - aber teilweise funktionieren die Telefone ja nicht mal...

Fö: Nach eurem Einsatz warst du dann noch privat unterwegs?
Caro: Ja, zwei Wochen Einsatz und ich habe dann noch eine Woche Urlaub drangehangen, das war quasi mein Jahresurlaub. Ich bin nicht auf der "Hauptinsel" Santiago geblieben, sondern noch in den Norden auf São Vicente und auf Santo Antão geinselhoppt. Mein Freund ist dann noch dazu gestoßen. Flüge und Unterkünfte habe ich vorher individuell übers Internet gebucht, das geht da auf jeden Fall.
Cool fand ich, zumindest in den Regionen wo wir waren, dass viele da eher selbstversorgermäßig unterwegs sind. Wahrscheinlich auch dadurch bedingt, dass man da einfach nicht alles direkt verfügbar hat auf den Inseln. Aber das ist natürlich gerade in der heutigen Zeit, wo man wieder ein wenig umdenken muss, sehr faszinierend gewesen. Auf Santo Antão waren wir in einer Unterkunft mit solarbetriebenen kleinen Bungalows, eigenen Hühnern, alles möglichst von den Nachbarn oder was halt da so angebaut wird. Bananen aus dem eigenen Garten, die natürlich auch ganz anders schmecken als hier im Supermarkt. Der Gedanke dahinter, der gefällt mir. Das war auch nicht das einzige Hotel das so betrieben wurde. Auf São Vicente waren wir ja auch in so nem abgefahrenen Ökohotel; der Wirt da - ein ausgewandeter Italiener, Architekt, ehemaliger Fußballprofi. Der hatte sich nicht nur eine eigene Fußballjugend vor Ort aufgebaut, sondern auch ganz viele local Buddys, hat uns zum Beispiel einen Fischer vermittelt, der uns auf’s Meer mitgenommen hat zu riesigen Wasserschildkröten. Der hat sich natürlich auch gefreut, dass er dadurch die Mittel hat, seine Familie zu ernähren.
Ich muss auch immer an diese Unterkunft denken, die wir zwischen den Einsätzen hatten. An dem Wochenende hatten wir ja frei und sind in den Norden nach Tarrafal gefahren, da ist ein total schöner Strand, aber die Ortschaft selber ist ziemlich runtergerockt gewesen, die haben teilweise in den unüberdachten Rohbauten gepennt, ein paar Gardinchen drangehangen und so - wobei man auch sagen muss, dass die nicht den Eindruck gemacht haben, als seien sie unglücklich. Da haben wir in so ner Unterkunft gewohnt, die sah im Internet eigentlich ganz nett aus. Aber das war so wie ne Filmkulisse. Die Stromstecker in der Wand haben nicht funktioniert, die waren einfach nur da, ich weiß nicht ob die überhaupt verkabelt waren, die wenigsten Lampen haben funktioniert. Die Dusche bei den Helferinnen war so ein Würfel im Raum, aber auch nicht so konstruiert, dass das Wasser abfließen konnte sondern eher zu ner Überschwemmung des Zimmers geführt hat - völlig unfunktional halt. In der Küche gab es so Armaturen, die von außen echt nett aussahen, aber dann hast du die Schränke aufgemacht und innen war alles hohl, es gab nicht einmal einen untersten Regalboden. Also Schränke die man nicht als Schränke verwenden konnte. Quasi alles eingerichtet mit Möbelattrappen. Irgendwie auch abgefahren.


Fö: Vielleicht ist das ne ähnliche Story wie mit den Handys und Klamotten, dass es irgendwie ein Statussymbol ist, es muss so und so aussehen. Und diese Unterkunft ist halt kein Touri-Nepp, sondern sie sind einfach stolz darauf, wie gut es aussieht.
Caro: Ja, das dachte ich halt auch. Ist auf jeden Fall sehr interessant dort alles und man müsste noch mehr Zeit dort verbringen und die Möglichkeit haben, mit den Leuten in Kontakt zu kommen und zu reden, um das alles zu durchblicken, wie die so ticken. Aber ja, das war schon son Erlebnis. Der „Herbergsvati“ war nämlich total stolz auf das Haus und alles darin, hat alles selber gebaut. Was soll man da sagen?

Fö: Meine Eltern haben ja damals Entwicklungshilfe in der Vermessung geleistet. Haben quasi geholfen, überhaupt so etwas wie ein Kataster aufzubauen, also Raumplanung, wie baut man ein Viertel auf, wie teilt man Nutzungsflächen von zum Beispiel Gewerbe und Wohnflächen, dass es überhaupt Straßen, Schulen und Infrastruktur gibt.
Caro: Und hatten sie Erfolg?

Fö: Ich denke schon, genau weiß ich das gar nicht. Es ging ja auch darum, die Fachkräfte vor Ort auszubilden. Das ist wohl auch gelungen, mittlerweile sind sie deutlich fortgeschrittener als damals. Sowas ist ja immer ein stetiger Prozess.
Caro: Da muss wahrscheinlich immer noch viel gemacht werden. Ist ja auch noch ne recht junge Demokratie...

Fö: So abschließend, war das insgesamt ne gute Erfahrung und würdest du das nochmal machen? Sowohl Kapverde als auch so einen Zahnarzt-Einsatz?
Caro: Ja, definitiv! Jetzt erstmal in nächster Zeit nicht, weil ich erstmal andere Sachen zu erledigen habe. Aber grundsätzlich klar, ich habe eigentlich immer Lust auf ein anderes Land, und da ist natürlich immer die Frage wo gerade Bedarf ist oder wo es Projekte gibt. Auf jeden Fall möchte ich ganz gerne wieder auf die Kapverden, diesmal mit mehr Urlaub. Du triffst da einfach verhältnismäßig wenig Touris, es ist alles überschaubar, die Leute sind super nett, man muss auch keine Angst haben, dass dir jemand was Schlimmes antut. Klar, Arschlöcher gibts überall, aber im Vergleich zu vielen anderen Gegenden sind die Leute einfach sehr nett und unaufdringlich und sympathisch. Die sind total offen, die gucken nicht komisch, egal welche Hautfarbe man hat, da können sich einige Europäer ne dicke Scheibe von abschneiden. Diese spürbare Sonne im Herzen, das hat tatsächlich schon angefangen bei der Schlange am Flughafen als wir angekommen sind. Auf der einen Seite die national Citizens und in der anderen wir, die Europäer. Die Kapverdianer-Schlange war schon von der Aura, von der Wärme her ganz anders als unsere Schlange. Die haben munter geplaudert und gelacht, bei uns gab es überwiegend langgezogene Mundwinkel und steife Körperhaltungen. Aber naja, vielleicht bin ich da auch etwas streng. Uns geht's dafür vielleicht in vielen anderen Punkten nicht gut und wir bemessen das einfach anders, die Sorgen sind andere. Arm aber glücklich versus wohlhabend und depressiv. Von daher stellt sich mir auch die Frage, was bedeutet überhaupt Entwicklungsland, wo möchte man sich hin entwickeln? Da wundert es nicht wenn die Frage aufkeimt, ob das alles so richtig ist, was sich hier in diesem Land¬ entwickelt und wohin das möglicherweise führt, wenn es so weiterläuft.

Fö: Das ist doch mal ein guter Schlusssatz. Vielen Dank für das ausführliche Gespräch!


Fö 12/2019
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