Nichts bleibt für die Ewigkeit! Neun Jahre nach "Laune der Natur" erscheint nun mit "Trink aus! Wir müssen gehen" das als letztes Studioalbum angekündigte Werk der Toten Hosen. Fast 45 Jahre Bandgeschichte, 18 Studioalben und noch kein Review auf Bierschinken, das soll sich kurz vor Schluss hiermit ändern. Übrigens: Alle, die Die Toten Hosen bisher hassenswert fanden, können hier direkt aufhören zu lesen, denn sie werden auch dieses Album schrecklich finden. Außerdem wird meine folgende Lobpreisung ihnen die Zornesröte ins Gesicht treiben. Denn, mir vorzunehmen, Objektivität bei der Besprechung des Albums walten zu lassen, war vergebene Liebesmüh. Ich habe, was die Toten Hosen angeht, einfach zu sehr die Fanbrille auf. Daher ist dies nicht einfach ein Review im klassischen Sinne, sondern irgendwie auch eine Danksagung!
Die Toten Hosen begleiten mich nun seit meiner Kindheit, waren für einiges in meiner Entwicklung prägend und haben bis heute einen großen Platz in meinem Herzen. Auch wenn auf die glühende Liebe irgendwann eine kurze Flaute folgte, haben mich ihr Schaffen, ihr Ehrgeiz und ihr Engagement immer fasziniert und beeindruckt und zu regelmäßigem Wiedererstarken meiner Liebe geführt. Sodass ich ihrem Werk, angeschoben durch einige Ereignisse, Erlebnisse, Shows und verpassten Gelegenheiten in den letzten Jahren, wieder viel meiner Aufmerksamkeit widmete. Seit der Ankündigung, dass dies ihr letztes Studioalbum sein wird und somit ein Kapitel deutscher Rockgeschichte enden wird, mischen sich Vorfreude auf das neue Album und die laufende Tour, mit Trauer über das baldige Ende. Zudem zeigte es mir mal wieder überdeutlich die eigene Vergänglichkeit und das eigene Alter auf. Schmerzhaft wird einem klar, dass etwas, was immer wie selbstverständlich dagewesen ist, bald nicht mehr da sein wird. Somit bleibt ihr angekündigter Ruhestand vor allem eines für mich: gefühlsintensiv. Wenngleich ich es auch nachvollziehen kann und eingestehen muss, dass es klug und konsequent ist, die alte Textzeile „Das Ende setzen wir uns selbst" wahr werden zu lassen.
Durch all das gerade Beschriebene war die Fallhöhe für "Trink aus! Wir müssen gehen!“ bei mir extrem hoch. Auch der Band, man sieht es deutlich in der parallel zum Album erschienenen Dokumentation "Die Toten Hosen – Das letzte Album", merkt man an, wie hart sie am neuen Album arbeiten mussten. Wie die eigene Erwartungshaltung, das Wissen, dass es das letzte Album sein wird, gepaart mit Campinos temporären Schreibblockaden und dem allgemeinen Perfektionismus, dem sich die Band verschrieben hat, ordentlich Druck auf den Kessel packte.
Die beiden vorab veröffentlichten Songs "Die Show muss weitergehen" und "Schlechte Nachbarn" stimmten mich jedoch direkt gut ein. Ersterer ist vielleicht ein bisschen generisch, eine typische, mittelschnelle Hosen-Nummer halt, dafür mit einem Refrain, der sich bei mir immer wieder in einen klebrigen Ohrwurm verwandelt. "Schlechte Nachbarn" ballert im Gegensatz dazu aus allen Rohren, hat die Chöre zwar etwas weit hinten, dafür viel Haltung in den Lyrics, wenn darin treffend beschrieben wird, wie die Mitte unserer Gesellschaft, schleichend immer mehr nach rechts rückt. Eben diese Haltung, die dem Werk der Toten Hosen seit jeher innewohnt, zieht sich wieder wie ein roter Faden durch das Album.
Als ich nun letzte Woche das komplette Album in meinen Händen hielt, fing der erste Hördurchgang mit einer Überraschung an, denn die Stimme, die ich in den ersten Sekunden hörte, war mir bekannt, doch es war sicher nicht die von Herrn Frege. Schnell stellt sich heraus, dass das bisher als "Intro" angekündigte "Hier sind die Hosen" eine musikalische Verneigung von Chef-Arzt Farin Urlaub vor den Düsseldorfern ist. Die sich zunächst mit Klavier, gefolgt von einer breiten Gitarrenwand monumental aufbaut und dann in ihrem Verlauf sogar ein klein bisschen auf die Tränendrüse drückt.
"Wir waren nie weg" knallt dann wieder richtig los und ist genauso selbstreferenziell wie die flotte Old-School-Punk-Nummer "Keine Macht den Proben", in der es, was sich erst mal sehr trivial anhört, dann aber ausgesprochen gut funktioniert, um den Proberaum von DTH geht. Beide zeigen überdeutlich, dass hier keine Trauerfeier abgehalten, sondern mit stolzgeschwellter Brust ein letztes Kapitel aufgeschlagen wurde. Diese Rückblicke und Bilanzierungen finden sich nicht nur in den ersten drei Tracks, sondern auch in "Was früher einmal war", der eine Antwort auf "Wort am Sonntag" ist und in dem es nun heißt: „und, dass wir mal anders waren als heute / scheißegal". Für einen Kloß im Hals stiften auch Zeilen wie "Wir steigen aus / hier ist Endstation" oder "Wenn dieser Weg zu Ende ist / denk ich zurück / weil ich das hier alles vermisse" aus der für die Hosen typischen, recht langsamen Ballade "Trink aus“, die viele Stationen in der Hosen-Historie nochmal aufzählt. Beide Songs treiben die Selbstreflexion auf die Spitze und sind für mich, wie für viele andere Fans sicherlich auch, emotionale Höhepunkte auf dem Album, die mich auch beim wiederholten Hören packen und mich stark aufwühlen. Beide Songs fungieren somit perfekt als Abschiedsgeschenk an sich selbst und die Fans.
Einen offensichtlichen Hit vom Schlag "Tage wie diese" oder "Alles aus Liebe" bleibt uns das neue Album schuldig. Am nächsten kommt dem wohl „Nur nach vorn“, das klar die poppigste Nummer ist und dessen Massentauglichkeit sich quasi aufdrängt. Sie wird ihre Arbeit als nächste Singleauskopplung sicherlich gut machen. Der Text ist gut geschrieben, der Refrain sitzt und die ganze Instrumentalisierung schreit förmlich: „Spiel mich im Radio!". Ein weiterer hitverdächtiger Song ist zudem "Schicksal" ein ebenfalls recht schneller, typischer DTH-Song, der auch gut auf die "Opium fürs Volk" gepasst hätte. Der zugegeben sehr pathetische Refrain besteht förmlich darauf, aus tausenden von Kehlen geschrien zu werden, und alles am Song macht Bock, dazu abzugehen! Blankes Unverständnis meinerseits sei DTH gewiss, wenn man diesen zukünftigen Hit nicht auch noch auskoppelt.
Ruhige Lieder dürfen natürlich auch nicht fehlen. Da gibt es "Glück", was ein Liebeslied von Campino an seinen erwachsenen Sohn ist, das mich als Vater natürlich packt und in dem Campino tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt zulässt. "Augen zu (es regnet Blumen)“, ein Lied für den verstorbenen Ex-Drummer Wölli, ist in seiner weitestgehend akustischen Instrumentalisierung so dezent und trotzdem auf den Punkt, dass es eventuell das neue "Nur zu Besuch" werden könnte. Die nächste Ballade ist "Was ist mit uns los", die düsterer ausfällt und in der nachdenklich und dabei treffsicher die aktuelle Lage der Nation reflektiert wird. "Kein Blatt zwischen uns" gibt all den Aktiven und Engagierten eine Stimme. Beiden gelingt der Drahtseilakt nicht, predigend, platt oder aufklärerisch daherzukommen.
Man merkt an vielen Stellen, wäre dies nicht das letzte Studioalbum, wäre so mancher Song vielleicht nicht auf dem Album gelandet. So, laut Band, auch die gleichnamige, eigentlich längst überfällige Liebeserklärung an ihre Heimatstadt, die wieder so einen Ohrwurm-Refrain, ein passendes Maß Pathos und einen kleinen Ellenbogenhieb in Richtung Bochum beinhaltet. Dass man sich selbst aber auch nicht zu ernst nimmt, beweist die einzig heitere Nummer "Lass mal nicht machen". Hierzu griff man, was den Titel ironisch untermauert, zu einem, an T-REX erinnernden Glam-Rock-Sound und zeigt im Text, dass man sich selbst immer noch nicht zu ernst nimmt. Einzig "Ich will" hinterlässt bei mir den Geschmack von „Hätte nicht unbedingt sein müssen". Er macht dies dann aber direkt zu Beginn wieder wett, weil er allgemein so nach vorne geht und im Refrain so viel Spaß macht.
Für den Sound von „Trink aus …“ zeigte sich wieder Vincent Sorg verantwortlich, der bekanntermaßen sein Handwerk versteht. Alles, jeder Chor, jedes noch so kleine "Hey" sitzt genau da, wo es sein soll, und vor allem die lauten Stellen knallen dadurch besonders. Die Drums haben eine mordsmäßige Power, genau wie Campinos nach wie vor kraftvoll rauer Gesang, während die Gitarren schön schieben und hobeln. Das Cover stammt von Starfotograf Andreas Gursky, der, mit den Toten Hosen sein Bild Rhein II, lange das teuerste Foto der Welt, neu arrangierte und dafür auch ein Modell des bereits auf dem Debüt "Opel-Gang" zu sehenden Opel Rekord verwendete. Eine sehr gelungene Idee und Umsetzung, die einen Bogen vom Debüt bis zu diesem Studiowerk schlägt und dabei künstlerisch so inszeniert wurde, dass die Melancholie, die es versprüht, regelrecht greifbar ist. Es fängt die Stimmungen zwischen Rückblick, Verabschiedung und Standpunktbestimmung in seiner Imposanz gut ein und schließt somit einen Kreis.
Der Deluxe-Version des Albums liegt außerdem, ganz in der Tradition der Toten Hosen, ein Cover-Album bei, auf dem viele Wegbereiter:innen und Wegbegleiter:innen zu einer großen Abschiedsparty eingeladen wurden. Zu diesem Zweck wurden die Songs neu eingespielt und dabei ein Duett mit Campino eingesungen. Darunter finden sich typische Punk-Songs aus der Frühphase der Bewegung, die meistens recht unverändert präsentiert werden, wie "Emotional Blackmail" mit Charlie Harper von den UK SUBS oder "Last Rockers" von VICE SQUAD mit Beki Bondage. Die herausragendsten sind dabei jedoch für mich die, die am exotischsten sind. Da wären "Was ist ist" mit Blixa Bargeld von den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN, THEES UHLMANN's fantastischer Song "Junkies und Scientologen" von dem ich dachte, dass den nur Thees singen kann. Oder den FEHLFARBEN-Song "Apokalypse" und "Something Better Change“ von den STRANGLERS die ich schon fast vergessen habe. "Immer nur geliebt“ mit Sven Regener ist großartig und "Komplett im Arsch" von FEINE SAHNE FISCHFILET tat der Frischzellenkur auch sehr gut. Allen voran ist allerdings VICKY LEANDROS’ "Ich liebe das Leben", für mich das beste Stück, auf dem Zusatzalbum. Der Song fügt sich perfekt in das Hosen-Universum ein und Campinos und Vickys Stimmen harmonieren im Duett sehr. Davon mal ab, hat der Song schon immer eine Strahlkraft gehabt, die ihn weit über seine Genregrenzen bekannt und beliebt gemacht hat. Diese Bittersüße, die ihm innewohnt, und die Thematik der Vergänglichkeit, verbunden mit Hoffnung und Lebensfreude, machen ihn perfekt für die Toten Hosen, bei denen diese Themen seit jeher zum festen Repertoire gehören. Nicht alle Songs auf "Alles muss raus" drängen sich mir auf. Den von HANNES WADER zum Beispiel oder "Forever Young" hätte ich nicht unbedingt gebraucht, GLC von MENACE hingegen geht immer. Aber so ist das bei so einer gemischten Tüte halt. Schmeckt nicht immer alles. Man kann wohl sagen, dass die 25 Songs gleichermaßen als ein Geschenk zu verstehen sind, das sie ihren Fans, den versammelten Gästen, die größtenteils zu Freunden und Familie geworden sind und schlussendlich sich selbst gemacht haben. Im Herzen bleiben sie nämlich auch mit Mitte 60 selbst noch immer Fans, und wenn man dabei sieht, wie schön sie die einzelnen Songs kuratiert und aktualisiert haben und dabei vielen Menschen, von denen sie beeinflusst wurden oder die sie begleitet haben, Respekt zollen, ist das schon ziemlich cool!
Ich für meinen Teil bin mit dem neuen Album rundum zufrieden! Nichts wäre für mich schlimmer gewesen als ein durchwachsenes Album am Ende und auch Experimente so kurz vor Schluss hätte niemand gebraucht. Sie konzentrieren sich stattdessen bewusst und routiniert auf ihre Stärken, ohne sich dabei zu verrenken oder sich anzubiedern. Schön ist zudem, dass es kein schmusiges und zu ruhiges Album geworden ist und es anstatt dessen noch mal richtig Alarm macht. Die intensive Arbeit und Produktionszeit haben sich ausgezahlt, jeder Song strotzt vor Energie, ist ausgesprochen ausdifferenziert und spürbar ausgefeilt. Hinzu kommt die hohe emotionale Intensität der Texte, die sich zwischen Melancholie, Wehmut, Stolz, sowie Wut und Sorge, aber auch Liebe, Hoffnung, Solidarität, Respekt und Aufbruchstimmung bewegen. Ein letztes Mal stellen sie klar, warum sie Generationen von Musikfans geprägt haben.
Mit "Trink aus wir müssen gehen!" ist ihnen ein würdiger und kraftvoller Schlussakt für ihre beachtenswerte Karriere gelungen, in deren Verlauf sie zu einer der herausragendsten und prägendsten Punk- und Rockbands Deutschlands geworden sind. Einer Band, die von ihrem Beginn bis zu ihrem Ende nicht einfach aus einer Gruppe Musiker bestand, die sich hin und wieder zum Musizieren getroffen haben, sondern um Freunde, die ein Leben zusammen verbringen. Ein Leben, an dem sie uns mit dieser Platte leider ein letztes Mal teilhaben ließen. Was bleibt, sind ein Haufen Lieder und Erinnerungen, die laufende Tour, bestimmt noch ein Live-Album und ganz vielleicht noch, sie sprachen davon, das Nachholen der wegen Corona ausgefallenen "Alles ohne Strom-Shows". Danach wird ihr Abgang, was sehr bedauerlich ist, eine große Lücke, bei mir und in der Landschaft der deutschen Musikkultur hinterlassen, in der sie schon lange eine wichtige Stimme sind.
Bleibt für mich nur noch zu sagen: Danke für all die Jahre, für all die Lieder, für all die Shows! Ein ewiger Platz in meinem Herzen ist euch gewiss! Dass ich diese und vielleicht auch zukünftige Zeilen schreibe, geschieht „Alles nur aus Liebe"! Auch wenn der Weg vielleicht nicht mehr allzu lang ist, ich gehe ihn mit euch bis zum bitteren Ende weiter!

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