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Loser Youth, Scherben, Streckmittel, Zerfallsdatum, 27.02.2026 in Essen, Falkenzentrum Süd - Bericht von der Redaktion

Loser Youth, Scherben, Streckmittel, Zerfallsdatum 27.02.2026 in Essen

Dr. Mabuse: Heute geht es trotz Keuchhusten des Todes nach Essen ins Falkenzentrum Süd. Das ist kein Tierpark sondern ein Begegnungszentrum der Jugendorganisation Falken und da wir alle Berufsjugendliche sind, gehören wir auch dahin. Obwohl der ÖPNV streikt, ist es voll wie Sau! Niemand war vorher jemals hier, aber trotzdem sind sie jetzt alle da. Wie immer kenne ich keine der performenden Bands. 
Fö: Mir ist etwas unwohl dabei, in einem Auto mit zwei durchgehend hustenden und röchelnden Individuen zu sitzen, aber sie versichern mir glaubhaft, den Husten schon so lange zu haben, dass das gar nicht mehr ansteckend sein könne. Nun gut. Bin nicht Mediziner genug, um das beurteilen zu können, also steige ich ein.
maks: Vorbei die Zeit der 100+X-Gigs/Jahr. Für mich heute - aus Gründen - das erste Konzert seit 7 Monaten und 17 Tagen! Und selbst das kostet einiges an psychische Vorbereitung aka Kapas freischaufeln. So eine lange Konzertpause dürfte es seit den 1980ern bei mir nicht gegeben haben. Und ziemlich genau dahin fühle ich mich auch zurück katapultiert: Ein echtes, geiles JUZ-Konzert, wo die JUZ-Kids noch selber Theke und Kasse machen, was einen unvergleichbaren Charme versprüht. Da wo sonst ein 6-12 Euro-Schild liegt, erläutert die Person an der Kasse stattdessen jedem eintretenden Menschen ausführlich die Eintrittspreisspanne. Dann gibt es Ausweiskontrolle wegen Alkohol und entsprechende Stempel: Einer für Leute, die saufen dürfen und einer für die, die eben nicht. Die Thekenmenschen kämpfen mit dem Flaschenöffner und alles was sonst noch so wundervoll an solchen Gigs ist. Ich mag das total und nichts davon ist despektierlich gemeint, ganz im Gegenteil. Viel mehr zeigt es mir, dass es noch sowas wie "Nachwuchs" in der "Szene" gibt, der hoffentlich lange dabei bleibt und die positive, progressive Entwicklung, die Punk in den letzten Jahren (in nicht unerheblichen Teilen) genommen hat bitte fortschreibt. Als es noch nicht so voll ist, hab ich sogar den Eindruck, als seien hier ausschließlich zwei Personengruppen vertreten: Die Kids, die in der Sofaecke rumlümmeln und ihre Eltern, die etwas fehl am Platz einige Meter weiter in der Ecke stehen, um sie hinterher nach Hause zu fahren. Aber mit der Zeit ändert sich das auch und es wird brechend voll, so dass irgendwann mehr potentielle Eltern als Kids da sind, was mich komplett irritiert.
Dr. Mabuse: Es beginnen ZERFALLSDATUM. Die haben Lieder über „Bullenschweine“ und dass niemand an die Industrie appelliert. Ich finde die richtig gut! Und wer ein Dimple Minds Shirt trägt, der kann kein schlechter Mensch sein! 
Fö: Auch wenn ich deinen Worten und der Kleiderwahl des Gitarristen durchaus Ironie zutrauen würde, kann ich den letzten Satz einfach nicht so stehen lassen. Aber Statistiken darüber, inwieweit ein Dimple-Minds-Shirt mit der Bösartigkeit eines Menschen korreliert, würden dir vermutlich widersprechen.
maks: Supergut! Reiht sich in meine Begeisterung ein. Junge Menschen machen Punk ohne kryptisches Irgendwas (nicht, dass ich das nicht auch - je nach Band - mögen würde) und der 2. Song heißt eben direkt BULLENSCHWEINE. Das Gegenteil von PUNK IS DEATH, was da gerade passiert. Und es sieht sogar auch so aus!
Dr. Mabuse: Es ist überhaupt nicht zu glauben, dass das heute hier ihr erster Auftritt sein soll, weil das schon sehr routiniert und eingespielt wirkt. Selbst der Name wurde schnell ersonnen, weil er aufs Ankündigungsplakat musste. 
Fö: Seit nem knappen halben Jahr gibt es die Band wohl erst, zu hören gibt es Deutschpunk, und was soll ich sagen: sowas zieht bei mir einfach immer! Deutschpunk ist das Geilste! Junge Menschen, die Deutschpunk machen, das ist der Stoff aus dem die Träume sind! Die Wahl der Coversongs (Toxoplasma und Telekoma) fand ich auch überraschend, kam aber gut.
maks: So angetan ich bin, aber nach 4-5 Songs muss ich aus Gründen leider wieder runter und meinen Platz in der hintersten Ecke räumen. Unten ist es leider auch nicht besser (für mich). Seitdem ich diese HSP-Diagnose habe und mich nicht mehr mit Alkohol betäube, sind so Veranstaltungen für mich eine riesige Herausforderung. Alles ist gleich laut, jeder Reiz, ob akustisch oder visuell, haut direkt rein. Da wo einst viel zu viel HANSA & Co. halfen, das irgendwie verschwimmen zu lassen, ist jetzt die direkte Wahrnehmung. Also ab nach unten einen schützenden Platz suchen, den ich aber auch nicht wirklich finde. Die sich draußen unterhaltenden Menschen blasen mich direkt weg. Versuche mich ebenfalls zu unterhalten funktionieren nur kurz, weil das Ausblenden wie befürchtet scheitert.
Dr. Mabuse: Also ich mag die sehr und das im Durchschnitt schon betagte Publikum ebenfalls. Die machen Punk wieder gefährlich! 
Fö: Fandest du das Publikum so betagt? Ich war eher erfreut, wie viele junge Leute hierher gefunden haben - insbesondere jetzt gerade bei Zerfallsdatum. Bei den späteren Bands war tendenziell eher weniger los im Raum.
Dr. Mabuse: Ich fühle mich zwar noch jugendlich, bin es aber nicht mehr. Ich lag mit meinem Alter sicherlich im Durchschnitt der anwesenden Menschen. Schön, dass Zerfallsdatum auch jüngeres Publikum angezogen hat! 
Dr. Mabuse: Danach spielen STRECKMITTEL.
Fö: Schon häufig gesehen, aber irgendwie auch immer stark. Ich bilde mir ein, heute Songs gehört zu haben, die ich vorher nicht kannte, aber das kann auch Einbildung sein.
maks: Streckmittel, Streckmittel, alle brauchen Streckmittel!
Dr. Mabuse: „Wir spielen jetzt ein Lied über nervige Leute! […] Wenn nervige Leute heute hier sind, dann sollte man sie einfach rauswerfen!“ Zwischenruf aus dem Publikum: „Du kannst doch Rapha (den Gitarristen) nicht einfach rauswerfen?“ „Ok der nervt auch, aber anders…“
Fö: "Ich nerve seit 42 Jahren", hat Rapha dazu zu sagen. Kann ich nicht beurteilen, so lange kenne ich ihn noch nicht. Aber dank Rapha weiß ich immer, wie alt ich selbst bin.
maks: Wie üblich Hit an Hit. 3-4 Songs später, Ihr wisst schon. Dieses Mal bleibe ich direkt im Vorraum und stelle mich unter den großen Bildschirm, wo die Getränkeauswahl optisch dargestellt wird, inkl. Abbildung der Flaschen: Hansa, Stauder Bierchen, Afri, Bluna, MioMio Mate (0,33), alles für je 2 Ocken und Wasser umsonst. Sehr schön. Einziges Manko: Es gibt kein alkoholfreies Bier für die nicht wirklich vorhandenen fahrenden Eltern und für mich (erwähnenswert: seit neustem weiß ich - in Anlehnung an ganz früher - dass Traugott Simon 0,0 tatsächlich gar nicht mal so scheiße ist). Aber es gibt dafür klassische alte weiße Männer (jaja, Ihr mich auch), die ich von meinem Platz hier gut beobachten kann und die mir einmal mehr zeigen, warum ich mit vielen Teilen der Punk-Generation meines Alters so gar nix mehr anfangen kann. Es gibt an der rechten Seite der ca. 2 Meter breiten Theke ne Schlange, eine ca. 160cm-große weiblich gelesene Person ist an der Reihe, will gerade bestellen, da kommt von links eine (nicht nur gelesen) männliche Person daher, nimmt direkt 1,80 Meter der Theke ein und bestellt vorher. Nahezu zeitlich kommt von vorne, schräg rechts, der nächste und bestellt über die ersterwähnte Person hinweg ebenfalls. So sinnbildlich. Smash the Patriarchy und erspart mir euren "ich bin auch alt und weiß und männlich und fühle mich von dir diskriminiert"-Dreck.
Dr. Mabuse: Macht Spaß und kann was!
Fö: Wenn Sänger Stefan nicht gerade rumkrakehlt, stürmt er auch mal ins Publikum oder hechelt angestrengt nach Luft. Alles mit absoluter Hingabe!
Dr. Mabuse: Dann das absolute Highlight des Abends (für mich jedenfalls) SCHERBEN aus Krefeld. 
Fö: Geil! Die gab es ja zwischenzeitlich eine Weile nicht, aber lange haben sie die Pause nicht durchgehalten. Freu mich sehr dass sie wieder aktiv sind und immer noch genauso frech, wütend und nonkonform. Als Punkband nen Schellenkranz auf der Bühne zu haben, ist ja auch ein Statement.
maks: Jepp, immer wieder aufs Neue ganz wundervoll. Ich schaffe sogar fast 5 Songs, dann ab nach draußen an die Luft, flach durchatmen und einsehen, dass es für mich heute nicht weiter geht. Immerhin ein Erstversuch in Sachen Leben. Schade ausgerechnet LOSER YOUTH nicht mehr sehen zu können, aber was nicht geht, geht nun mal nicht. Die Kapas sind mehr als aufgebraucht und für Samstag direkt mit. Immerhin konnte ich die Hamburger trotz Verspätung noch zur Begrüßung in die Arme schließen, das muss reichen. Lange Rede, kurzer Sinn: Gute Nacht!
Dr. Mabuse: „Ich möchte Hans-Georg M. die Brille von der Nase schlagen…“ ist jetzt mein Ohrwurm für die nächsten Tage! Na toll! Danke auch! 
Dr. Mabuse: „Solicocktail“ und „Nachtfeind“ gehen auch richtig hart! 
Fö: Die haben einfach viel zu viele Hits! Muss zugeben, die Platten schon viel zu lange nicht gehört zu haben, eigentlich seit der Auflösung nicht mehr, weil mich Musik von toten Bands einfach nicht so interessiert. Wird Zeit, meinem Plattenspieler (a.k.a. MP3-Player) die Reunion nahe zu bringen.
Dr. Mabuse: Als hätten sie die Operation Epic Fury vorausgeahnt: Gottseidank Krieg! 
Dr. Mabuse: Das Ende bestreiten dann LOSER YOUTH. 
Fö: Seit sage und schreibe 15 Jahren gibt es die Band schon! Gegründet, als sie noch zusammen in eine Klasse gingen, erzählt Thommy. Das ist schon ein bisschen süß.
Dr. Mabuse: „Raum 3“ und „Ihr denkt ihr wärt cool, aber ihr seid scheiße“ bleiben sofort positiv im Kopf hängen. „Free Dubai“ triggert mich ein wenig, weil in der Vorabansage quasi der Spruch „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“ auf die aktuellen Konfliktherde bezogen wird und damit ein wenig Gatekeeping für politische Partizipation gefordert wird. Die Frage ist nur, wer dann überhaupt noch mitdiskutieren darf und ob man nicht über Diskussionen am meisten lernen kann. Naja vielleicht sehe ich es auch zu eng. Die Band ist aber echt gut und die Zwischenansagen always on point! Mit „Astro Punks Fuck Off“ haben sie mich dann auch gleich wieder versöhnlich gestimmt, weil der Text so perfekt ist!
Fö: Gerade im politischen Diskurs wird Gatekeeping ja oft von Leuten praktiziert, die eine eher einseitige Sicht auf die Dinge haben. Vielleicht war die Ansage auch eher gegen sowas bezogen?
maks: Ich bin zwar nicht mehr da, aber danke, Tommy! ("Fresse" sei hier noch ergänzt durch "Buttons".) 
Fö: Benannt haben sich Loser Youth nach einem Song der Band Alarmstufe Gerd, die früher genau hier in diesem Falkenzentrum geprobt hat. Folglich wird, mit Unterstützung des Alarmstufe-Gerd-Sängers, dafür gesorgt, dass besagter Song nochmal durch die Mauern des Gebäudes schallt. Schöner Full-Circle-Moment!
Dr. Mabuse: Das war heute trotz der zahlreichen Hustenanfälle ein sehr starker Abend mit wirklich tollen Bands! Ich hoffe auf viele zukünftige Termine mit diesen Kapellen!
Fö: zwei Tage später, ich hab mich immer noch nicht angesteckt. Ich glaub ihr habt nur simuliert!


Berichte auf anderen Webseiten:

Kommentare:

Rapha
05.03.2026 19:07
Danke für euren Bericht.
Kleine Anmerkungen:
Dem Typ mit dem Dimple Minds Shirt war es bewusst, damit in gewisserweise ironisch anzuecken, was ihm sichtlich gut gelungen ist (ich hab ihn natürlich drauf angelabert).
Und zu der Altersdurchschnittsklamotte. Die jüngste Person auf der Bühne war 16 und die älteste 59 Jahre jung/alt und sonin etwa wird sich auch die Altersspanne des Publikums dargestellt haben und genau das ist eins der Dinge die ich an Punk so unfassbar geil finde aka wenn das Alter nix zur Sache tut.
Hardcore, Punk, Thrash
aus Hamburg
Deutschpunk
aus Essen/Bochum
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